Autissier, Isabelle – Herz auf Eis

 

Autissier, Isabelle
Herz auf Eis
978-3-86648-256-2
Mare Verlag

Inhalt:

Sie sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie, also nehmen Louise und Ludovic ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel vor Kap Hoorn reißt ein Sturm ihre Jacht und damit jegliche Verbindung zur Außenwelt mit sich fort. Was als kleiner Ausbruch aus dem Alltagsleben moderner Großstädter gedacht war, mündet urplötzlich in einen existenziellen Kampf gegen Hunger und Kälte. Nicht weniger aufreibend ist das psychologische Drama, das sich zwischen den Partnern entspinnt. Wer trägt die Schuld an der Misere? Wer behält die Nerven und trifft die richtigen Entscheidungen? Und was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht? Herz auf Eis wagt sich an die Frage, was mit uns und unseren Beziehungen geschieht, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. (Quelle Mare Verlag)

Meine Meinung:

Dieses Buch landete sogleich auf meiner Leseliste. Ich fand die Inhaltsangabe schon sehr dramatisch und freute mich auf das Buch, dass im November 2017 auf dem Bücherei-Glühwein-Abend vorgestellt wurde.

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Es war sehr spannend und nervenaufreibend. Gleich auf den ersten Seiten passiert das Undenkbare: das Pärchen sitzt auf der einsamen Naturschutzinsel fest und ihr Schiff ist nach einem Sturm verschwunden. Irgendwas mit ein paar Metern Ankerkette und einer Windbö, die ausgerechnet hier niederbrausen musste. Auf den folgenden Seiten beginnt zunächst ein Rückblick.

Die beiden Hauptprotagonisten werden dem Leser richtiggehend vorgestellt. Da ist Louise, die im Finanzministerium arbeitet, deren wahre Leidenschaft aber das Bergsteigen ist. Sie ist eine ruhige, zurückhaltende Person, eher etwas besorgt und ängstlich. Klein, aber mit ausdrucksvollen Augen. Sie kennt sich durch das Bergsteigen in der Natur und mit Extremsituationen halbwegs gut aus.

Und Ludovic, 34 Jahre, ein Eventmanager aus einer wohlhabenden Familie. Immer gut gelaunt, immer fröhlich, er hatte noch nie wirklich Sorgen. Er ist unbeschwert, sorglos, mutig und selbstsicher. Er war der Antreiber dieses Abenteuers.

Diese beiden, ja fast schon Gegensätze, lernen sich während einer Zugfahrt kennen. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit werden sie ein Liebespaar und wie es oft ist, Gegensätze ziehen sich an. In einer geordneten Welt funktioniert das auch. Aber was passiert, wenn alles weg ist, wenn nur noch das nackte Überleben im Raum steht. Hat diese Liebe in einer solchen Notsituation eine Chance?

Nach dem Sturm, nach den Schuldzuweisungen, nach dem Streit und vielem Nachdenken, machen sich beide pragmatisch an die Arbeit. Sie haben ein Abenteuer gesucht und es nun gefunden. Sie nehmen die Herausforderung an, und beginnen damit, große Steine zu einem großen SOS am Strand auszulegen. Sie machen einen Scheiterhaufen, um Feuer und um im Notfall auf sich aufmerksam machen zu können. Unbewusst hegen beide die Hoffnung, jemand wird kommen und sie retten oder zufällig finden. Entsprechend halbherzig agieren sie. Aber die Zeit vergeht, nichts passiert und sie müssen zusammen halten, das Beste daraus machen und vor allem weitermachen, bei Dreck, Kälte und Schnee. Ihr Leben wird auf das Überlebensnotwendige beschränkt: Nahrung und Feuer.

Die Naturschutzinsel war eine Walfangstation. Stromness. Diese ist eine wahre Fundgrube, ein Ersatzteillager. Sie finden wackelige Gebäude und Werkstätten und suchen sich zusammen, was sie brauchen. Dennoch eine mühselige Arbeit, vieles ist verrostet. Sie müssen jeden Tag Feuer machen, das Holz muss gesammelt werden. Sie müssen Wasser aus einem nahe gelegenen Fluss herbeischaffen. Sie müssen für Nahrung besorgen.

Sie härten ab. Die Gelenke und Adern sind vom kalten Wasser geschwollen. Sie erstellen einen Wochenplan, um nicht durchzudrehen. Gelingt es ihnen anfangs noch, sich daran zu halten, Arbeitseinteilungen zu erstellen, wird dies mit jeder Woche schwieriger. Als dann tatsächlich ein Kreuzfahrtschiff an der Insel vorbeifährt, die beiden aber nicht sieht, ist vor allem Ludovic völlig demoralisiert und lässt sich gehen. Eigentlich sind beide so geschockt, dass sie ein paar Tage nichts machen können. Während sich aber Louise wieder aufrafft, bleibt Ludovic deprimiert.

Dann steht der nahende Winter vor der Tür. Sie müssen Nahrungsvorräte anlegen. Die Ratten sind ein Problem, und am Schluss auch eine Nahrung. Sie finden zwischendurch die Kraft, und versuchen ein altes Walfangboot wieder flott zu machen. Wochenlang arbeiten sie daran, aber ein schwerer Sturm macht alles wieder zunichte. Beide knicken mental ein, sind total erschöpft und ausgelaugt.

Die Nahrungssuche ist sehr eindrücklich erzählt. Diese Mühsal! Der Hunger verschwindet nie. Sie beginnen ziemlich schnell Pinguine zu töten und müssen das nicht schmackhafte Fleisch essen. Sie brauchen 3-4 Pinguine pro Tag, da sie nur ein kleines Stück Fleisch verwenden können. Es dauert, bis sie „effizient“ auf Pinguinjagd gehen können, und bis es ihnen leichter fällt, die Pinguine zu häuten und zu zerlegen. Sie sind oft Blut- und schleimverschmiert. Sie suchen Napfschnecken, versuchen sich an einer Art Kohl, eine Pflanze, die sich aber als ungenießbar herausstellt. Sie essen Tang.

Die schlechte Ernährung hinterlässt Spuren an ihren Körpern und auch an der Psyche. Die Beziehung bekommt Risse, zu vieles zehrt an den Nerven.

Sie müssen mit Vorratshaltung anfangen, wenn sie den Winter überleben wollen. Das beschränkt sich auf das Pinguin-Fleisch. Sie fangen viele Tiere, und versuchen das Fleisch zu trocken. Die ersten Male misslingt dies. Sie versuchen sich im haltbar machen durch räuchern. Und so geht es immer weiter, eines Tages sind die Pinguine weg. Was nun? Durch Mangelernährung geraten beide an ihre körperlichen Grenzen, und Ludovic hat sich schon aufgegeben, vegetiert dahin.

Eines Nachts wacht Louise auf, sie fühlt, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Es hängt an ihr. Sie sammelt ihr letztes bisschen Kraft und macht sich auf, die vermeintliche Forschungsstation zu finden. Ludovic hat noch getrocknetes Pinguinfleisch als Nahrung. Sie spürt, sie muss gehen, sonst sind beide des Todes, da Ludovic sich bereits aufgegeben hat.

Zitat Seite 113: „Die Angst hat das Allerwichtigste zerstört: ihre Gefühle, ihre Menschlichkeit. Völlig bloß steht sie da, besessen einzig von dem Drang zu überleben, nicht anders als irgendeins der Tiere, die sie täglich sieht.“

Sieben Tage irrt sie durch die Insel, wie im Delirium und findet völlig entkräftet und nicht mehr Herr ihrer Sinne die Station. Sie braucht Tage, um überhaupt wieder zu merken, dass sie ein Mensch ist. In der Forschungsstation gibt es Nahrung. Dennoch, es vergehen gefühlt Wochen, bis sie sich wieder gestärkt fühlt, bis sie wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Bis sie an Ludovic denkt. Nochmal Tage, um die sichere Station zu verlassen und zur Walfangstation zurück zu gehen.

Am Ende wird nur einer zurück kehren. Zurück in der Welt, fallen Journalisten und TV-Sender über die gerettete Person her. Dies ist nur allzu real beschrieben, wie sich Reporter „einschleimen“ und eine völlig überforderte Person in den Medienzirkus ziehen.

 

Fazit:

Die Geschichte kann man eigentlich nicht aus der Hand legen, ich habe sie in einem Rutsch durchgelesen. Das Liebespaar Louise und Ludovic stranden auf einer einsamen und eiskalten Insel zwischen dem Zipfel Südamerika/Kap Hoorn und der Antarktis. Die Geschichte beginnt mit dieser Situation, als sie in Stromness an Land gehen und durch einen Wetterumschwung nicht mehr zum Boot zurück können. Und dann geht es auch schon richtig los. Gegenseitige Schuldzuweisungen, die Hoffnung auf eine schnelle Rettung, die Ernüchterung dass es ein längerer Aufenthalt wird. Vor allem vor allem die Nahrungsmittelbeschaffung bringt beide an ihre körperlichen und mentalen Grenzen. Die Stimmung schwankt zwischen Hoffnung und Resignation.

Es ist psychologisch sehr spannend, was aus einem Liebespaar in einer Notsituation werden kann, wie sich der Umgang miteinander wandelt. Ich hatte aber den Eindruck, dass die Liebe zwischen den beiden nicht ganz ausgereift war. So empfand ich es jedenfalls aufgrund der Rückblicke. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie eine besonders liebevolle Beziehung hatten. Ja, sie mochten sich, und der Sex war toll, aber die große Liebe war es meiner Meinung nach nicht. Dafür war vor allem Ludovic meiner Meinung nach zu oberflächlich. Und vielleicht kippt auch deswegen so schnell die Stimmung, weil es keine echte Grundlage zwischen den beiden gab. Ich wage zu behaupten, wenn man richtig liebt, dann muss es nicht so ausgehen, wie in der Geschichte.

Allerdings, es ist eine Extrem-Situation, die schon sehr lange anhält und schließlich mürbe macht. Vielleicht ist sich dann jeder selbst der nächste, wenn es ums nackte Überleben geht.

Besonders eindrücklich wird die Nahrungsbeschaffung dargestellt. Das töten, häuten und zerlegen von Pinguinen um ein kleines Stück Fleisch zu essen, das dazu noch ekelhaft schmeckt, das ist nun bitterer Alltag. Aber es gibt sonst nichts, außer Pinguine. Und als diese nach Wochen verschwinden, wird es richtig ernst. Dazu täglich Brennmaterial beschaffen, damit das Feuer nicht ausgeht. Frisches Wasser besorgen. Die Kälte und Eintönigkeit ertragen. Das hinterlässt Spuren an Körper und Seele, und auch an der Menschlichkeit (siehe auch Zitat weiter oben).

Alles in allem: Flüssig zu lesen, spannend und erbarmungslos, ich konnte es nicht aus der Hand legen.

Das Buch erschien am 7.März 2017

Link zum Buch/Verlag: https://www.mare.de/herz-auf-eis-8256

 

 

 

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