Chevalier, Tracy – Zwei bemerkenswerte Frauen

Chevalier, Tracy
Zwei bemerkenswerte Frauen
978-3-8135-0368-5
Knaus

Inhalt:

England, 1830: Elizabeth Philpot, eine junge Frau aus besseren Kreisen, deren Familienerbe nicht zu einem standesgemäßen Leben in London reicht, wird von ihrem Bruder in den kleinen südenglischen Küstenort Lyme Regis abgeschoben. Was ihr zunächst wie eine Verbannung vorkommt, erweist sich als glückliche Fügung, denn am Strand nehmen seltsame Steine sie völlig gefangen: Fossilien. Und hier in Lyme Regis begegnet sie Mary, einem Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, das die Familie mit dem Verkauf von Fossilien über Wasser hält und dabei spektakuläre Funde macht. Die beiden so unterschiedlichen Frauen widmen ihr Leben den rätselhaften Versteinerungen. Doch dann verlieben sich beide in denselben Mann. (Quelle Knaus Verlag)

Meine Meinung:

„Die Schlange von Essex“ sollte ja angeblich von einer Naturforscherin und Fossiliensammlerin handeln. Das Buch hatte mich diesbezüglich enttäuscht, aber, das spannende ist, manchmal erschließen sich einem dennoch neue Inspirationen. So war es auch hier, denn so wurde ich auf Mary Anning und schließlich auf „Zwei bemerkenswerte Frauen“ aufmerksam. Ich finde Fossilien spannend und vor kurzem erschien ein Buch von Wouter Südkamp „Leben im Devon“, das von Fossilien aus meiner Heimat stammt. Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob ich mir das Buch kaufen soll, aber 48E ließen mich dann doch zögern, aber nachdem ich „Zwei bemerkenswerte Frauen“ gelesen habe, werde ich mir das Buch vielleicht doch zu einem bestimmten Anlass selber schenken.

Ich lese gerne von Frauen, die sich in einer Männerwelt behaupten, und gerade vor 200 Jahren war dies besonders schwierig. Genau wie die Fossiliensammlerinnen Mary Anning und Elizabeth Philpot wurde auch die Dichterin Annette Droste-Hülshoff (unter anderen in Tanja Kinkel „Grimms Morde“) belächelt und am liebsten von der damaligen Öffentlichkeit nicht erwähnt, ihre Funde bzw. Werke nicht anerkannt, im Gegenteil, von gewissenlosen und egoistischen Männern für sich selber beansprucht.

Die Geschichte die im 19. Jahrhundert so um 1820 und den Folgejahren spielt, wird aus zwei Perspektiven, von zwei bemerkenswerten Frauen erzählt. Beide Frauen haben wirklich gelebt, beide Frauen haben wirklich Fossilien gesammelt. Beiden Frauen wurden ihre Funde nicht so anerkannt, wie sie Männern anerkannt worden wären. Für Frauen galt dieses Hobby damals als schmutzig und nicht damenhaft, so hatte die Kleidung immer sehr ordentlich zu sein, und wenn nicht, wurde man mehr als „schief“ angeschaut. Auch durfte man als Frau nicht alleine unterwegs sein, man wurde nicht nur böse angeschaut, sondern auch als leichte Beute für sexuelle Abenteuer gesehen. Frauen hatten gut auszusehen und eine Zierde für den Mann zu sein. Sie sollten höflich sein und sich nicht an Männergesprächen beteiligen, sprich, am besten sollten sie dumm sein. Unter diesen Bedingungen geht Fossiliensammeln gar nicht. Die Männer konnten und wollten die Frauen nicht ernst nehmen. So ist es auch heute noch oft.

Aber nicht nur von der Männerwelt wurde es den beiden Fossiliensammlerinnen schwer gemacht, auch die sehr abergläubische Bevölkerung schaute beide sehr misstrauisch an. Die Bevölkerung damals war sehr gottesfürchtig, und dieses Weltbild ließ sich nicht mit teuflisch aussehenden Fossilien vereinen, und schon gar nicht, dass sie von Frauen gefunden wurden oder sich Frauen generell mit diesem Thema beschäftigen wollten.

Mary Anning ist wahrlich berufen. Sie ist den ganzen Tag draußen an der Küste um Fossilien zu suchen. Sie ist eine Jägerin. Auch in Ruhephasen ist sie sehr lebendig in ihrer Art, ihre hellwachen Augen sind immer auf der Suche. Ihre Familie ist aus der Arbeiterklasse, und so kann sie nicht zum Vergnügen sammeln, sondern um das Überleben zu sichern. Sie sind wirklich arm, haben nicht immer etwas zu essen. Viele ihre Geschwister sterben noch als Säuglinge. Ihre Familie verkauft die Fossilien an Touristen. Sie ist ungebildet, aber mit Fossilien kennt sie sich aus. Sie spürt sie auf, sie hat den Blick dafür. Als sie eines Tages einen Ichthyosaurier findet, ahnt sie gleich, dass er etwas besonderes ist. Dennoch, sie ist nicht romantisch veranlagt oder auf Anerkennung aus, und so verkauft die Familie aus Not dieses wertvolle Relikt aus alten Zeiten an einen Adligen, der es wiederum als seinen eigenen Fund ausgibt und ebenfalls weiterkauft. So landet dieser Ichthyosaurier eines Tages schon in einem Museum, aber die Menschen in der damaligen Zeit waren noch sehr gottesfürchtig und wollten nicht erkennen, um was es sich handelt. Und so wurde er in einer lächerlichen Darstellung als Krokodil ausgestellt.

Einzig allein Elizabeth Philpot ahnt, dass sie hier etwas Außergewöhnliches haben, das nicht einfach verkauft werden sollte. Aber wer hört schon auf eine alte Jungfer? Elizabeth ist mit ihren zwei Schwestern aus London nach Lyme Regis übergesiedelt, als ihr Bruder geheiratet hat und die Schwestern aus dem Haus mussten. London war zu teuer, deswegen hat ihr Bruder ihnen an der Küste ein kleines Haus, das Morley Cottage, gekauft. Ein gesellschaftlicher Abstieg, aber sie arrangieren sich recht gut damit, da sie immer noch besser dastehen, als die übrige Bevölkerung von Lyme Regis. Da alle keine Schönheiten für die damalige Zeit waren, blieben alle drei für immer alleinstehend. Louise zu groß für eine Frau nach damaligen Verständnis und „Geschmack“, und zu schweigsam. Margaret ist von den Dreien noch die hübscheste und sehr auf ihr Aussehen und auf Tanzgesellschaften bedacht. Dennoch wird auch sie unverheiratet bleiben.

Elizabeth hadert doch lange mit ihrem Schicksal, unverheiratet zu bleiben. Es ist in erster Linie ihr nicht so gefälliges Aussehen, sie ist hager, hat herbe Gesichtszüge und ein schneidendes Kinn, das potenzielle Bewerber verschreckt. Und in zweiter Linie ihr Interesse an der Naturwissenschaft, an Politik. Kein Schönheitsideal und dazu noch intelligent, da hatte sie in der damaligen Zeit, in der Frauen gefällig und keine Meinung haben sollten, keine Chance. Sie arrangiert sich und findet in Lyme Regis ein neues Hobby, Fossilien sammeln. Dennoch spürt man bei ihr immer eine gewisse Überheblichkeit aufgrund ihres Standes, selbst der Rückschritt von London in die Provinz lässt sie und ihre Geschwister nicht unbedingt „demütig“ werden. Sie haben immer noch eine Dienstbotin und noch mehr Geld pro Jahr zur Verfügung, als es manche Familien vielleicht im ganzen Leben nicht haben.

Die Handlung dieser Geschichte spielt in Lyme Regis, einem Ort, den es tatsächlich gibt. Es ist ein kleines Küstenstädtchen in Englands Grafschaft Dorset. Die Autorin hat diesen Ort sehr gut beschrieben, denn ich war erstaunt, dass es „die Cobb“, eine mächtige Hafenmauer tatsächlich dort gibt. Der Ort gehört zur „Jurassic Coast“ (World Heritage), die auch im Buch die „Die Schlange von Essex“ erwähnt wurde. Man kann sich übrigens zu einem englischsprachigen Newsletter für die Jurassic Coast anmelden.

So lernen sich Mary Anning und Elizabeth Philpot kennen. Sie werden so etwas wie Freundinnen, obwohl die Standesunterschiede groß sind. Mary kommt aus der Arbeiterklasse und Elizabeth aus der gehobenen Mittelschicht. Das war damals ein sehr großes Unterschied, denn so war es Menschen aus der Arbeiterklasse zum Beispiel nicht vergönnt, an bestimmen Veranstaltungen teilzunehmen, und oft wurden sie schlicht weg ignoriert. Gerade bei Mary Anning war das fatal, weil viele ihrer Funde einfach „geklaut“ wurden, sie wurde als Arbeiterin ohne Rechte angesehen. Die feinen Wissenschaftler aus der Stadt kamen und deklarierten Marys Funde als die eigenen. Also, diese Ungerechtigkeit war für mich schwer erträglich zu lesen. Das schlimme daran war, dass es Mary jahrelang eigentlich gar nicht merkte, sie war anfangs nur froh, dass sie Geld damit machen konnte, um ihre Familie über Wasser zu halten. Irgendwie auch erschreckend, dass diese wunderbaren Fossilien als Kuriositäten verkauft wurden. Man will gar nicht wissen, was da alles für die Öffentlichkeit für immer verschwunden ist.

Die Freundschaft zwischen den beiden Frauen besteht auch darin, dass sie so ziemlich die einzigen sind, die sich wirklich näher und wissenschaftlich mit diesen Fossilien auseinandersetzen. Jedenfalls Elizabeth. Sie bringt Mary bei, die Funde richtig zu kategorisieren und auch aufzubewahren. Lange Jahre fühlt sich Elizabeth aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung Mary gegenüber höhergestellt. Aber das ändert sich, als Mary dann doch eine Art Berühmtheit wird. Elizabeth ist neidisch und eifersüchtig auf die Spürnase von Mary. Und Mary ist neidisch auf Elizabeths Lebensstandart, der ihr automatisch eine Gewisse Achtung in der Gesellschaft bringt. Als noch ein Mann ins Spiel kommt, entzweien sich die beiden für eine lange Zeit.

Die Autorin schreibt am Schluss in einem Nachwort, dass sie die Eckdaten der beiden Frauen, auf bestimmte real stattgefundene Ereignisse und Personen zu einer fiktiven Rahmenhandlung verdichtet hat. Zudem benennt sie auch die damaligen Naturwissenschaftler wie Charles Konig, William Buckland, Georges Cuvier, William Conybeare und schließlich noch das Philpot-Museum in Lyme Regis, das heute „Lyme Regis Musuem“ heißt.

 

Fazit:

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Es war von der Geschichte her so, wie ich mir in etwa die Geschichte von „Die Schlange von Essex“ vorgestellt hatte. Denn hier geht es nun endlich um Fossilien, die von Frauen gefunden wurden: Ammoniten, Donnerkeile, Gryphaea und Belemniten.

Mary Annings, die „Knochensammelerin“ war eine begnadete Jägerin, ihren hellwachen Augen entging nichts. So fand sie schließlich auch einen Ichthyosaurier, einen Plesiosaurier und einen Pterosaurier, und stellte die damalige Wissenschaft auf den Kopf. Das war erstaunlich, denn sie war Autodidaktin.

Es gab eine zweite Fossilien-Sammlerin im selben Ort, die für die damalige Zeit unattraktive aber intelligente Elizabeth Philpot. Sie blieb unverheiratet, ebenso ihre drei Schwestern, mit denen sie aus finanziellen Gründen London verließ und in Lyme Regis ein Cottage kauften. Elizabeth sammelte Fisch-Fossilien die man wohl heute (?) im Oxford University Museum besichtigen kann. Mary Annings Funde sind wohl im „Natural History Museum“ in London zu sehen.

Für beide Frauen war die Zeit im 19. Jahrhundert nicht einfach. Die Wissenschaft und überhaupt die Gesellschaft gestand Frauen nichts zu. Sie durften weder alleine unterwegs sein, noch wurden ihre Argumente wahrgenommen. So mussten beide Frauen obgleich ihres Fossilien-Hobbys und ihrer Sachkenntnisse Geringschätzung über sich ergehen lassen. Gerade bei Mary Anning fand ich das so ungerecht, als sich berühmte Wissenschaftler mit ihren Fossilienfunden brüsteten. Sie wurde regelrecht „ausgenutzt“, und das setzte mir beim Lesen sehr zu. Auch Elizabeth Philpot musste die Erfahrung machen, dass sie weit mehr über Fischsaurier, die sie gezielt sammelte, wusste, als die Männerwelt. Leider wurde dies damals nicht anerkannt. Auch aus der normalen Bevölkerung wurden die beiden misstrauisch beäugt, denn die gottesfürchtige Bevölkerung war sehr abergläubisch. Religion und Geologie ließen sich nicht vereinbaren.

Auch die langsam entstehende Freundschaft zwischen den Frauen wurde misstrauisch beäugt. War doch der gesellschaftliche Standesunterschied zu groß. Mary Anning gehörte der Arbeiterklasse an und Elizabeth Philpot der gehobenen Mittelklasse. Die Herkunft bestimmte, was erlaubt war und was nicht. So durfte die Arbeiterklasse nicht an Tanzveranstaltungen der Oberschicht teilnehmen oder Frauen alleine unterwegs sein. Auch durften Frauen das Haus der Geological Society of London nicht betreten, obwohl diese viel später Mary Anning als erste Frau und Ehrenmitglied aufnahm.

Für mich war das Buch sehr inspirierend, weil ich eigentlich schon seit Jahren an einer Fossilien-Exkursion teilnehmen möchte, die hier in meiner Gegend angeboten werden. Am liebsten würde ich jetzt gleich losstürmen.

Obwohl ich das Buch in der Bücherei ausgeliehen habe, habe ich es mir jetzt für meinen „Bestand“ nachgekauft.

Alles in allen: Eine wunderbare Geschichte über Frauen und Naturwissenschaften, über Konventionen und Unterdrückung der Frauen, über gesellschaftliche Klassenunterschiede und über erste Fossilienfunde von Frauen und das alles im 19. Jahrhundert. Zwei starke Frauen behaupten sich in einer Männerwelt.

Lieblingsbuch!

Das Buch erschien am 4. Oktober 2010

Link zum Buch/Verlag: https://www.randomhouse.de/ebook/Zwei-bemerkenswerte-Frauen/Tracy-Chevalier/Knaus/e363789.rhd

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5 Kommentare zu “Chevalier, Tracy – Zwei bemerkenswerte Frauen

  1. Hallo,

    das klingt großartig! Ich habe ein Bookbeat-Abo, und da gibt es die englische Fassung des Buches als Hörbuch, ich habe es mir mal in den „Bald lesen!“-Ordner verschoben. 🙂

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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