Leky, Mariana – Was man von hier aus sehen kann

Leky, Mariana
Was man von hier aus sehen kann
978-3-8321-9839-8
Dumont

Inhalt:

Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman. ›Was man von hier aus sehen kann‹ ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. Aber es ist vor allem ein Buch über die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, Liebe, die scheinbar immer die ungünstigsten Bedingungen wählt. Für Luise zum Beispiel, Selmas Enkelin, gilt es viele tausend Kilometer zu überbrücken. Denn der Mann, den sie liebt, ist zum Buddhismus konvertiert und lebt in einem Kloster in Japan … (Quelle Dumont)

Meine Meinung:

„Was man von hier aus sehen kann“ ist eine Geschichte in einem außergewöhnlichen Erzählstil. Nicht einfach, oft verwinkelt und hintergründig mit einer Prise Humor. Ich bin begeistert. Diese Erzählstimme nahm mich gleich gefangen und zog mich in ein kleines Dorf, in eine kleine zusammengewürfelte Familie, einem Mikrokosmos gleich, im Westerwald. Die Geschichte beginnt im Jahr 1983 und auch das Millennium wird erlebt.

Eine „Ich-Erzählerin“ erzählt. Und es dauert, bis man ihren Namen erfährt, Luise. Zunächst erzählt sie von ihrer Kindheit, als sie 10 Jahre alt ist. Die Eltern sind mit sich selber beschäftigt, die Großmutter zieht sie mehr oder weniger alleine groß. Diese Großmutter ist Selma, sie ist ihre Anlaufstation, egal bei welchen Problemen. Ihr bester Freund und Spielkamerad ist Martin, die beiden sind unzertrennlich.

Zitat Seite 52: „Ich beschloss, Martin später zu heiraten, weil ich fand, der Richtige sei der, der einem das Hinsehen erspart, wenn die Welt seinen Lauf nimmt“.

Dann gibt zwei Zeitsprünge, wir hören von der Ich-Erzählerin wieder als sie 22 und schließlich 28 Jahre alt ist.

Dreh und Angelpunkt für mich erschien in dieser Geschichte die Großmutter Selma zu sein. Selma, die so aussieht wie Rudi Carrell. Sie zieht Luise, die Ich-Erzählerin und auch ein gutes Stück Martin mit groß, setzt sich für beide ein. Sie ist der Fels in der Brandung für viele Menschen im Ort. Schon früh wurde sie Witwe und zog ihren Sohn (den Vater der Ich-Erzählerin) alleine groß. Die Liebe hat viele Gesichter in diesem Buch, eine davon war Selmas Liebe zu ihrem Mann:

 Zitat Seite 75: „Heinrich war Elsbeths Bruder gewesen. Elsbeth hatte Heinrich und Selma zusammen gekannt. Sie war ziemlich sicher, dass danach nichts mehr kommen konnte.“

So pragmatisch und schmerzhaft zugleich.

Dann wären da noch der Optiker, der einfach auch nur „der Optiker“ genannt wird und seit Jahrzehnten heimlich in Selma verliebt ist. Seit Jahren denkt er darüber nach, es ihr zu gestehen. Und jetzt, wo das Okapi als Todesbote aufgetaucht ist, werden seine inneren Stimmen laut. Aber anders als gedacht.

Zitat Seite 34: „Die inneren Stimmen plädierten seit Jahren dafür, die Liebe zu Selma zu verbergen. Auch jetzt, auf dem Weg zu Selma, waren die Stimmen natürlich unbedingt dafür, die Wahrheit über die Liebe zurückzuhalten, jetzt, wo man im Zurückhalten doch so versiert, wo man jahrzehntelang so gut mit der Zurückhaltung gefahren sei. Es sei zwar ohne das Liebesgeständnis nichts sonderlich Schönes passiert, sagten die Stimmen, aber auch nichts sonderlich Schlimmes, und darauf komme es schließlich an.“

Es ist auch gar nicht seltsam, dass Selma und der Optiker, obwohl offiziell nicht verliebt und so, dennoch praktisch die Ich-Erzählerin Luise zusammen großziehen. Liebe muss nicht immer „laut“ sein. Es ist halt einfach so. Sie sind eine Patchworkfamilie.

Mit von der Partie ist auch die abergläubische Elsbeth, so dick, dass sie einen Lappen zwischen sich und das Lenkrad im Auto legen muss, damit es nicht so über den Bauch schabt. Sie ist eine Art „Kräuterhexe“, weiß für fast alles Rat, außer für den Tod, der wahrscheinlich nach Selmas Traum durchs Dorf geht. Sehr interessant war die Sache mit dem „Aufhocker“. Auch Elsbeth gibt ihren „Senf“ bei der Erziehung von Luise (der Ich-Erzählerin) dabei, denn Elsbeth ist die Schwägerin von Selma. Beide mögen sich. Sie sind eine Patchworkfamilie.

Hund Alaska ist stiller und gemütlicher Beobachter, ein kurioser riesiger Mischling zwischen Irischem Wolfshund und irgendwas. So genau kann das keiner sagen und daher hat jeder eine Meinung.

Zitat Seite 42: „Martin erkannte einen jungen Braunbären, der sich sowohl mit seiner Farbe als auch mit dem Westerwald vertan hatte. Elsbeth sah ein Minishetlandpony, dem wegen der launischen Natur die Hufe fehlten, der Optiker vermutete ein bislang unentdecktes Landsäugetier und die traurige Marlies, die einen Taschenspiegel herausgeholt hatte und ausführlich ihre Lidränder betrachtete, sah kurz auf und sagte: Ich weiß nicht was es ist, aber es sieht irgendwie schlimm nach Winter aus“.“

Tja, Marlies, sollte ich sie als extrem depressiv beschreiben? Zudem noch verlottert, ungepflegt, und hat sich jahrelang selbst in einen alten Haus eingeigelt? Grantelig wie sie ist, beschwert sie sich wirklich über alles!

Auch Martins Vater Palm ist später mit von der Partie. Martins Vater ist Alkoholiker und im Dorf dafür bekannt, sehr böse zu sein. Auch zu seinem Sohn, der so seine Kindheit überwiegend mit Luise der Ich-Erzählerin und Selma verbringt. Später wird Palm geläutert, und besucht alle reihum um über Bibelzitate zu diskutieren. Sie sind halt eine Patchworkfamilie.

Sie alle zusammen bilden eine Patchworkfamilie, ohne dass sie es wissen. Jeder ist für jeden da.

Das ist auch der Ton dieser Geschichte, der diese bunt gewürfelte Gruppe zusammenhalt, dieses füreinander da sein, in dem kleinen Ort im Westerwald. Jeder kennt jeden, und als Luise einen buddhistischen Mönch kennen und lieben lernt, erwartet man praktisch einen Aufstand in dem kleinen schrulligen Dorf, dieser bleibt aber aus. Natürlich fragt jeder nach, aber erstaunlich zurückhaltend. Es dauert, bis die Geschichte mit dem Mönch Fahrt aufnimmt oder auch zu Ende kommt. Dieser Erzählstrang erschien mir fast schon nebensächlich, das war es aber nicht, weil es das Leben der ich-Erzählerin Luise stark beeinflusst.

Zitat Seite 138: „Die Tür begann, sich hinter ihm zu schließen, und ich ahnte, dass es eine Tür war, die, im Gegensatz zu anderen Türen, tadellos schließen würde.“

Die Geschichte ist in einem ganz besonderen Erzählton geschrieben. Verwinkelt, hintergründig, tiefgründig, doppelzüngig und mit trockenem Humor. Hier am Beispiel eines überraschenden Geständnisses zwischen Tür und Angel:

Zitat Seite 79: „Es ist so, sagte er, ich habe gestern Nacht die Pfähle seines Hochsitzes angesägt.“

Denn zwischendurch passiert einiges, vor allem, als Selma ziemlich am Anfang von einem Okapi träumt. Das ist das Zeichen im Dorf, dass einer sterben muss. Und jeder bereitet sich darauf vor. Was macht man in den letzten Stunden vor seinem Tod? Gibt es noch etwas zu beichten, zu gestehen oder verschwiegene Wahrheiten? Die Dorfbewohner sind beunruhigt. Jetzt könnte man noch auf den letzten Drücker … Selbst der Optiker ringt mit sich, Selma endlich seine Liebe zu gestehen.

Dieses Hin und Her, wer jetzt sterben wird oder nicht und wie sich das Dorf darauf vorbereitet oder auch nicht, ist ganz amüsant. Dann schlägt das Schicksal zu, ich musste die Stelle zweimal lesen, weil sie so leise daher kam. Denn es war absolut tragisch und unerwartet, wen es tatsächlich trifft. Ich war geschockt. Aber das Leben geht auch danach weiter, wenn es auch eine Zeitlang still stand.

Zitat Seite 122: „Nein, sagte sie. Es sind nicht mehr alle da. Aber die Welt gibt es noch. Die ganze Welt minus eins.“

Wie das Okapi, der Traum und Selma wirklich zusammenpassten, das erfuhr ich am Schluss, und es hat mich stark berührt.

Zitat Seite 14: „Vermutlich stimmt es auch, denn nach einem Okapi kann eigentlich nichts mehr kommen.“

Ein doppeldeutiger Satz, der nur versteht, wer das Buch aufmerksam gelesen hat.

Fazit:

Das Buch hat mich glücklicherweise genau im richtigen Moment erwischt. Ich bin begeistert, von dieser besonderen Erzählsprache und der Geschichte überhaupt. Wie schafft man es so zu schreiben?

Es ist irgendwie unfassbar, dass solche scheinbar trivialen Themen aus einen kleinen Dorf im Westerwald einen so berühren können. Selbst wenn ich selber meine Meinung gelesen hätte, würde ich vielleicht denken “okay, ja, geht, mh“, weil es sich so durchschnittlich anhört, bis auf das Okapi. Und nicht so, das einen das Buch so berühren, und ja auch trösten könnte. Aber die Geschichte bekommt ihren „Dreh“ durch diesen besonderen Schreibstil, durch diesen seltenen hintergründigen und stellenweise humorigen Grundton, den ich so gar nicht beschreiben kann. Ich dachte stellenweise einfach WOW. Wiederholungen und Beobachtungen die später wieder komplett anders auftauchen, versetzen gezielte „kleine Stiche“, wie „Türen die nicht schließen“ oder „nach einem Opkapi kommt nichts mehr“. Sätze, deren Doppeldeutigkeit nur versteht, wer das Buch aufmerksam liest. Zusammen mit anderen werden es meine Lieblings-Sätze. Es ist eine Satz-Wort-Handlungs-Akribie, fast schon eine virtuose Kunst, ich kann es gar nicht richtig benennen. Oft mit einer Prise Humor, mit subtiler Ironie und mit absoluter Aufmerksamkeit.

Die Charaktere werden genau beobachtet und kommen so richtig gut zur Geltung, im Einzelnen und als Patchwork-Gruppen-Familie. Alle zusammen bilden eine Harmonie, ohne es selber zu merken, und ohne dass sich jemand dafür verbiegen muss. Zusammen schaffen sie es alle, die Ich-Erzählerin Luise groß zu ziehen. Sie geben ihr Geborgenheit und ein Stück Familienleben, das ihre eigenen Eltern nicht schaffen. Sie stehen ihr lebenslang als inoffizielle Begleiter zur Seite, verlässlich und stark. Das hört sich trivial an, aber wie das erzählt wird, ist grandios. Mich konnte die Geschichte sehr berühren. Sie hat einen tröstlichen und auch nostalgischen Charme, was diese bunt zusammen gewürfelten Charaktere zusammenhält. Ich las die Geschichte und fühlte mich beseelt, der Zauber liegt im Alltag mit all seinen facettenreichen Menschen.

Ich stimme Susanne Wengeler von Buchkultur voll und ganz zu:

Zitat Susanna Wengeler, BUCHKULTUR: »Eine Geschichte, in der man sich auch in den traurigsten Momenten so geborgen fühlt wie in der Lieblingsstrickjacke.«

 

Alles in allem: Eine Geschichte über ein Dorf im Westerwald, in der eine Gruppe Menschen geborgen in einem Mikrokosmos lebt. Selbst schlimme Zeiten werden so überstanden. Eine leise, und dennoch ganz starke Geschichte mit einer besonderen Atmosphäre. Auch über eine große Liebe, oder auch zwei, oder auch drei, man findet einige in diesem Buch. Der Erzählton ist nicht leicht, man sollte schon konzentriert lesen. Aber etwas besonderes, verwinkelt, hintergründig und doppelzüngig. Eigentlich unbeschreiblich. Und man trägt die Geborgenheit der Geschichte noch ein paar Tage mit sich.

Lieblingsbuch.

Link zum Buch/Verlag: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-9783832198398/

 

 

 

 

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