Cavallaro, Brittany – Holmes & Ich (Band 2 Unter Verrätern)

Cavallaro, Brittany
Holmes & Ich
Band 2 Unter Verrätern
978-3-423-76164-2
Dtv

Inhalt:

Nachdem sie bei ihrem ersten Fall beinahe umgebracht wurden, kommen die Ferien Charlotte und Jamie ziemlich gelegen. Gemeinsam wollen sie ein paar Tage auf dem englischen Landsitz der Holmes‘ verbringen. Aber Charlotte ist nicht die einzige Holmes mit Geheimnissen, und die Atmosphäre bald sehr angespannt. Zudem knistert es heftig zwischen Charlotte und Jamie. Sind sie wirklich bloß Freunde? Als plötzlich Charlottes Onkel, Detektiv, wie es sich für einen Holmes gehört, verschwindet, ist das eine willkommene Ablenkung. Die beiden stürzen sich sofort in die Ermittlungen. Sein letzter Auftrag führt sie zu einem Kunstfälscherring. Erster Halt: Berlin. Erste Kontaktperson: August Moriarty – ehemaliger Schwarm von Charlotte und von vielen tot geglaubt … (Quelle dtv)

Meine Meinung/Zusammenfassung:

Der erste Band konnte mich nicht so richtig überzeugen und beim zweiten hier bin ich eigentlich nur noch verwirrter. Das kommt daher, weil die Hauptprotagonistin Charlotte Holmes so komplett anders ist, so schwer fassbar, also, ich wusste nicht: Mochte ich sie, mochte ich sie nicht, tat sie mir nur leid oder war sie interessant?

Die Idee, Holmes und Watson in die heutige Lebenswelt der Jugendlichen zu transportieren, finde ich wirklich gelungen. Auch wenn beide auf eine Art Elite-Schule/College gehen. Sie sind die 16-Jährigen Nachfahren ihrer jeweils berühmten Vorgänger Sherklock Holmes und Dr. Watson. Ihre Familien können auf eine lange Tradition der Deduktionen zurückblicken, auf Freundschaft wie auch Feindschaft mit der Familie Moriarty, die natürlich ebenfalls als Bösewichte (einer auch nicht) vertreten sind.

Also, Hauptprotagonistin ist Charlotte Holmes. Auf den ersten vierzig Seiten bekommt man eine gute Vorstellung über ihren Charakter, auch wenn man Band 1 nicht gelesen hat. Sie war mir nicht durchgehend sympathisch, weil sie so sprunghaft in ihrer Art war. Aber ich hatte sowas wie Mitleid mit ihr. Im ersten Band wurde sie unter Drogen vergewaltigt und hat noch immer daran zu knabbern, was verständlich ist. Insgesamt ist ihr Charakter sehr extrem. Das kommt durch ihre eher sterile Erziehung, oder sollte man sagen „Abrichtung“ auf jegliche Wissenschaften, Tätigkeiten, Deduktionen und Kampfkünste. Ich würde sagen, die Eltern von Charlotte Holmes haben alle ihre Kinder zu Höchstleistungen gequält. Aber Charlotte ist dabei innerlich ein Stückchen auf der Strecke geblieben, ein gebrochener Charakter, der sich noch gerade so am Leben hält. Wie schon im ersten Band konnte ich vermuten, dass sie magersüchtig ist. Sie hat einen selbstzerstörerischen Hang, immerhin nach den schlechten Erfahrungen versucht sie sich von Haschisch fern zu halten. Ihre Arroganz ist unfassbar groß, und oft kam es mir vor, als würde sie auf Watson herunterschauen, oder ihn belächeln, ganz so wie der alte Meister Sherlock Holmes es damals auch tat. Das macht sie am wenigsten sympathisch. Auch wenn ab und an ein bisschen Sympathie für Watson durchklingt, in einigen wenigen lichten Momenten wo es ihr gut geht. Vielleicht aber unterdrückt sie ihre Gefühle für Watson auch, so genau wusste ich es nicht. Wie sollte ich auch, wenn selbst Charlotte Holmes es nicht weiß, egal wie viel sie sich und Watson selber analysiert.

Tja, und Jamie Watson, will es sich nicht eingestehen, aber er ist in Charlotte Holmes verliebt. Er weiß um ihre fragile Persönlichkeit und versucht auf allen Ebenen sie zu schützen, obwohl eher er es ist, der Schutz braucht. Denn die Familie Moriarty ist hinter ihnen beiden her. Vor allem hinter Jamie, da sie wissen, dass er Holmes wohl doch viel bedeutet und die Moriartys Charlotte so am besten treffen können. Jamie kam mir im ersten Band wie ein kleines Hündchen vor, das Holmes nachläuft. Es war fast schon unerträglich. Auch hier konnte er dieses Verhalten nicht vollständig abschalten, im Buch merkt man es auch, weil er ständig seine „Beziehung“ zu Watson analysiert, was dann stellenweise auch einfach nur noch nervig ist. Aber es war schon viel besser als im ersten Band.

Dieses Mal kommt ein zweiter junger Mann mit ins Spiel, der 23-Jährige (?) August Moriarty; ein intelligenter junger Mann, Doktor der Mathematik. Von Anfang bis zum Ende hatte ich so meine Zweifel, ob er wirklich die Seiten gewechselt und seine Familie verlassen hat. Denn, August Moriarty will die große Feindschaft zwischen seiner Familie und Holmes Familie begraben. Das große Problem ist, er steht damit bei seiner Familie alleine da. Die anderen Moriartys wollen die Feindschaft, wollen den Tod von Professor Moriarty bei den Reichenbach-Wasserfällen 1891 in der Schweiz rächen, an denen Sherlock Holmes seinen Tod vorgetäuscht hat. Aber zurück ins hier und heute, ein weiteres Problem von August Moriarty ist, dass er eigentlich tot ist, denn auch sein Tod wurde vorgetäuscht, nur dass alle in Familie Holmes darüber Bescheid wissen, wenn nicht sogar beteiligt waren. Denn nach einem Vorfall auf dem Familiensitz der Familie Holmes in Sussex, England, als er Charlotte Holmes Nachhilfe gab, was an sich schon verdreht genug ist. Aber er wurde offiziell für tot erklärt und versteckt sich seit dem bei Holmes Bruder Milo in Berlin. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, um was es bei diesem Vorfall mit ihm und Charlotte auf dem Familiensitz in Sussex ging. Im ersten Band war das ein kurzes Thema, aber ich kann mich nicht mehr an eine schlüssige Handlung erinnern. Und jetzt hier im zweiten wurde es nicht so richtig erwähnt oder ich habe es überlesen. Meistens waren es „Romeo und Julia“ Anspielungen. Jedenfalls bringt August Schwung in die Beziehungen, denn Watson ist eifersüchtig.

Milo ist Holmes Bruder, mit eigener Sicherheitsfirma „Greystone“ in Berlin. Er hat auch Söldner im Irak, das erinnerte mich an die Fa. Blackwater. Er ist ein Überwachungs-Nerd und das kommt Watson und Holmes eigentlich immer zugute. Denn Milo hat ein großes Netzwerk an Informanten, Body-Guards und was man sich sonst noch alles vorstellen kann. Allerdings passiert ihm am Schluss dieses Buches ein extrem tödlicher Fehler. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob es nicht auch wieder inszeniert wurde, egal wie schlimm es aussah.

Die Geschichte überhaupt beginnt in London und Sussex, wo Holmes und Watson ihre Ferien jeweils in der anderen Familie verbringen. In Sussex im Familiensitz von Holmes fühlt sich Watson überhaupt nicht wohl. Eine seltsame und kalte Atmosphäre. Tja, hier wurde Holmes groß, was vielleicht auch einiges erklärt. Zuerst ist ihnen langweilig, dann überstürzen sich die Ereignisse. Holmes Mutter wird vergiftet und kämpft mit dem Tod. Charlottes Onkel Leander verschwindet. Zu Leander, der am Schluss wieder auftaucht (das war von Anfang an klar, daher kann ich es auch schon hier verraten), fällt mir gerade jetzt ein, warum er Holmes überhaupt diese Nachricht zukommen gelassen hat? Eine Finte, sicherlich. Aber wozu? Wie vieles in dieser Geschichte empfand ich es verwirrend.

Das Love-Interest zwischen Holmes und Watson, dass überwiegend in Andeutungen bestand, kommt hier richtig in Fahrt. Aber es ist ein zweischneidiges Schwert. Holmes ist noch nicht über ihre Vergewaltigung hinweg, Watson weiß dies und möchte sie nicht drängen. Dennoch, seine Sehnsucht nach ihr wird größer, was Holmes wiederum auch merkt und unter Druck setzt. Sie schiebt ihn dann komplett, räumlich und mental, von sich fort. Aber dennoch kommen sie sich ein klein wenig näher, küssen sich, schlafen zusammen im Bett ohne Sex zu haben. Für Holmes immer eine Situation, die grenzwertig ist, sie muss sich oft überwinden, obwohl sie Jamie doch mag. Hier kann man sagen, war Jamie ein richtiger Gentleman, sehr liebenswert und verständnisvoll. Und man hat Holmes ihre Verwirrung bezüglich der Emotionen angemerkt.

Man kann diese Beziehung zwischen den beiden so schlecht erklären. Ich habe sowas in Jugendbüchern noch nicht gelesen. Beziehungsweise doch gelesen, aber immer mit Happy End und großen Verlangen und Leidenschaft. Aber zwischen Holmes und Watson ist keine riesengroße heiße Leidenschaft oder extremes Verlangen. Eher etwas anderes, etwas undefinierbares, das seit Jahrhunderten in ihrer Familie tiefe Freundschaften zwischen allen Holmes und Watsons entstehen ließ. Man meint, es wäre bereits in ihre Gene übergegangen. Auch Jamie Watsons Vater war der „Watson“ eines Holmes, und zwar von Leander Holmes, der in dieser Geschichte ebenfalls eine „verschwundene“ Rolle spielt und der Onkel von Charlotte Holmes ist. Aber zurück zu Charlotte Holmes und Jamie Watson, es ist Freundschaft und Liebe und dann wiederum doch nicht. Diese Liebe die so zerbrechlich ist, die man kaum in Worte fassen kann, will man überhaupt das Wort Liebe hierfür in den Mund nehmen? Puh, also, es ist schwierig. Anders.

In meiner Bücherei sind beide Bände in die Klassifizierung von 5.2 eingeordnet, also für die „ab 13 Jährigen“. Manche Szenen sind dann auch schon ein wenig hart, z.B. wenn Drogen konsumiert werden, gerade dann erscheint mir Watson, der nichts dergleichen tut und eher wie ein Moralapostel erscheint, wie ein kleiner Junge. Holmes ist dagegen extrem abgeklärt.

Der Schluss hat es in sich. Ich war schon ein wenig geschockt. Mord, ein Toter, und überhaupt, wo Onkel Leander wieder aufgetaucht ist. Was war mit Holmes Mutter, die von der Familie Moriarty vergiftet wurde? Ein ziemlich fulminantes Ende, ein offenes und verwirrendes Ende wie ich finde und ein Watson, der mehr als geschockt ist und sich verraten fühlt. Der an sich zweifelt, wie kann eine Familie so sein? Wie kann Holmes so sein? Hat er sich so getäuscht in ihr?

 

Fazit:

Es ist auf alle Fälle ein ungewöhnliches Buch. Nicht nur, dass die klassische Geschichte von Arthur Conan Doyle „Sherlock Holmes und Dr. Watson“ hier in eine Jugendgeschichte mit zwei 16-Jährigen adaptiert wurde.

Die Hauptprotagonistin, also im Prinzip DER Sherlock Holmes ist eine SIE. Charlotte Holmes. Ein extremer Charakter. Jung, hübsch, exzentrisch und total verkorkst. Verstörend kaltherzig, manchmal. Das hat sie ihrer Familie zu verdanken, die Art, wie sie aufgezogen wurde. Wie ihr Vorfahre nimmt sie Opium und Haschisch, wenn die Welt sich gegen sie verschwört. Allerdings gelingt es ihr auch immer besser, die Finger davon zu lassen. Der Gegenpart ist Jamie Watson, ein netter Kerl, wie halt Dr. Watson war. Er möchte Holmes beschützen und unterstützen, wird aber oft nur belächelt.

Das Love-Interest ist ein Ding der Unmöglichkeit, sollte man meinen. Charlotte Holmes und Jamie Watson. Wie soll das gehen, denn unterschiedlicher geht es kaum. Beide analysieren ihre Beziehungen, Holmes kalt und eher rationell, Watson dagegen mit viel Emotion. Im Buch waren diese Stellen mit Watson etwas nervig, weil sie einfach zu oft vorkamen.

Dann taucht auch der dritte im Bunde auf, ein Moriarty. Die Familien führen seit über hundert Jahren eine Familienfehde. Und selbst August Moriarty, der sich mal kurz mit Charlotte Holmes eingelassen hat (es könnte auch umgekehrt gewesen sein), wird am Ende mit seinen Bemühungen scheitern, die Familien zu versöhnen. Allerdings bringt er frischen Schwung in die Beziehung zwischen Holmes und Watson, der eifersüchtig reagiert. Zurück blieb da nur die Frage, in wie weit man August Moriarty trauen kann. Und ob die Familie oder die Gerechtigkeit siegt.

Die Themen sind stellenweise harter Tobak, Vergewaltigung (Band 1), Suchtverhalten (Holmes mit Opium und Hasch (überwiegend in Band 1) und die Andeutung eines homosexuellen Holmes & Watson Paares (obwohl eher einseitig).

Insgesamt war die Geschichte auf vielen Ebenen sehr ambivalent. Zum einen das Alter der Hauptprotagonisten. Watson kam mir wie ein sehr junger Teenager vor (was er auch war), Holmes nur ein wenig besser. Ihre Handlungen waren aber oft die von Erwachsenen und wenn ich manches las, erschienen sie mir viel älter. Und das hat für mich stellenweise nicht gepasst. Zudem konnte ich mir beide nicht so richtig äußerlich vorstellen. Man las, das Holmes blond und blass war, und Watson immerhin trainiert (?) und gutaussehend. Auf dem Cover, das mir übrigens sehr gut gefällt, erscheinen die beiden jedenfalls viel reifer, aber durchaus passend.

Dann war der ganze Fall sehr verwirrend. Ich blickte irgendwann nicht mehr durch. Namen, Kunstfälscher, warum, wieso. Der Schluss machte alles noch verwirrender und undurchsichtiger. Ich gab es irgendwann auf.

Ich habe gesehen, dass im März 2018 ein dritter Band auf Englisch erscheint. Vielleicht ist es eine Trilogie? Ich denke, falls dieser ins Deutsche übersetzt wird, möchte ich ihn auf alle noch lesen, denn der Schluss hier war irgendwie ein böser Cliffhanger und ich befürchte, dass Watson und Holmes sich (vielleicht kurzfristig) entzweien könnten.

Alles in allem: Das Buch empfand ich als „schwergängig“. Charlotte Holmes ist ein extrem exzentrischer und anstrengender Charakter, Watson dagegen analysiert ständig seine Gefühle für sie. Das ist nervig und macht unsympathisch, beide. Dennoch, die Reihe hat etwas Anderes, etwas Neues, wie ich finde. Und da lese ich dann über die Längen gerne hinweg und bin auf den dritten Band gespannt.

Sterne: Ich vergebe vier von fünf Sternen, weil diese Geschichte über Sherlock Holmes als Krimi und auch als Young Adult mal etwas ganz anderes ist, dass alle anderen Defizite ausgleicht.

Das Buch erschien am 7. April 2017

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.dtv.de/buch/brittany-cavallaro-holmes-und-ich-unter-verraetern-76164/

Reihenfolge Holmes & Ich
Band 1 Die Morde von Sherringford
Band 2 Unter Verrätern
Band 3

 

 

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