Borrmann, Mechthild – Trümmerkind

Borrmann, Mechthild
Trümmerkind
978-3-426-28137-6
Droemer-Knauer

Inhalt:

Hamburg 1946/47 – Steineklopfen, Altmetallsuchen, Schwarzhandel. Der 14jährige Hanno Dietz kämpft mit seiner Familie im zerstörten Hamburg der Nachkriegsjahre ums Überleben. Viele Monate ist es bitterkalt, Deutschland erlebt den Jahrhundertwinter 1946/47. Eines Tages entdeckt Hanno in den Trümmern eine nackte Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen. Der Kleine wächst bei den Dietzens in Hamburg auf. Monatelang spricht der Junge kein Wort. Und auch Hanno erzählt niemandem von seiner grauenhaften Entdeckung. Doch das Bild der toten Frau inmitten der Trümmer verfolgt ihn in seinen Träumen. Erst viele Jahre später wird das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur kommen, das auf fatale Weise mit der Geschichte seiner Familie verknüpft ist … (Quelle Droemer-Knaur)

Meine Meinung/Zusammenfassung:

Auf „Trümmerkind“ wurde ich in verschiedenen Zeitschriften aufmerksam. In dessen Rahmen wurde erwähnt, dass die Autorin für den Friedrich-Glauser-Preis 2012 nominiert war. Allerdings nicht mit diesem Buch sondern mit „Wer das Schweigen bricht“. So wurde ich auf die Autorin aufmerksam. Ich habe bis jetzt mehrere Bücher anderer Autoren gelesen, die mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet waren oder nominiert wurden, und wurde nicht enttäuscht: Bernhard Aichner (hier zur Rezi), Vera Buck (Rezi), Benjamin Cors (Rezi), Ursula Poznanski …  Für mich ist dieser Friedrich-Glauser-Preis praktisch eine Fundgrube, umansprechende Krimis/Romane zu finden.

Trümmerkind hatte wieder mal eine meiner beiden Stadtbüchereien vorrätig, und als ich von der Warteliste an die Reihe kam, hatte ich gar keine Lust mehr, um es zu lesen. Auch nach den ersten drei Kapiteln war ich eher verwirrt von den drei Zeitebenen und den vielen Protagonisten. Es fiel mir schwer, den Überblick zu wahren. Hier kann ich nur empfehlen, ein gutes Stück am Buch dran zu bleiben, damit man die Namen und Familien zuordnen kann. Bei mir ergab sich das dann automatisch, weil ich es mit jeder Seite spannender fand, so dass ich das Buch mit nur einer Unterbrechung fertig gelesen habe.

Ich liste hier mal die drei Zeitebenen und die darin vorkommenden Protagnisten auf:

1947 Hamburg:

Agnes Dietz sitzt mit ihren Kindern allein im zerbombten Hamburg. Ihr Mann war im Krieg und gilt als vermisst. Die Hoffnung ihn lebend wiederzusehen, hat sie insgeheim bereits aufgegeben. Unterstützt wird sie von ihren Sohn Hanno, der zwar selber noch ein Kind ist, aber das nutzt in diesen Tagen nichts. Agnes geht tagsüber Steine klopfen, Hanno und seine Schwester ziehen durch Hamburgs Trümmer und suchen nach verwertbaren Habseligkeiten, die sie auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Als die Mutter eine Nähmaschine geschenkt bekommt, verdient sie sich Abends nach Feierabend damit ein Zubrot. Sie kommen mehr schlecht als recht über die Runden. Die Winter sind sehr kalt, es gibt kaum noch Holz und Kohlen sind unerschwinglich. Sie leiden Hunger und leben einen Tag nach dem anderen. Sie gehen mit Hunger schlafen, und „wohnen“ zusammen in einem zugigen Raum in einer Ruine, die Fenster sind anfangs aus Pappe. Dennoch, so langsam arbeiten sie sich nach oben. Hanno findet Arbeit bei einem Kaufmann, und Agnes erhält viele Aufträge durch ihre Näharbeiten. Eines Tages findet Hanno in den Trümmern eine Leiche und in der Nähe einen kleinen, vierjährigen Jungen. Er hat Mitleid und nimmt ihn mit nach Hause. Sie nennen ihn Joost und nehmen ihn in der Familie auf. Das führt in der Nachbarschaft zu allerhand Spekulationen, dass Agnes ein außereheliches Kind hat. Sie geht nicht auf diese Gerüchte ein. Irgendwann ziehen sie in eine richtige Wohnung, und Agnes richtet eine kleine Näherei ein. Es läuft gut. Überraschend steht eines Tages ihr Mann vor der Tür. Er war in Gefangenschaft, und hat es jetzt erst nach Hause geschafft. Er ist traumatisiert, wie so viele. Agnes ist sich nicht sicher, ob sie froh sein soll oder nicht. Als ihr Mann wieder arbeiten geht, wird er ständig mit dem Gerücht gehänselt, dass Joost nicht sein Sohn ist. Es kommt zu einem großen handgreiflichen Streit mit Agnes, aber sie verzeiht ihm. Joost wächst als ihr Sohn bei ihnen auf. Erst als er für seinen Vater Blut spenden will, kommt die Vergangenheit zu Tage.

 

1945 Uckermarck

Gut Anquist, ein altes Hofgut bei Berlin. Den Besitzern, der Familie Anquist ging es immer sehr gut. Sie züchteten Pferde. Clara Anquist ist die Tochter des Hauses. Zusammen mit ihren Vater, der Schwägerin Isabella und den Kindern Margarete und Konrad wartet sie auf das Kriegsende. Sie hoffen, auf dem Hof bleiben zu können. Dies geschieht aber nicht, was sie nach langen hoffen und bangen aufgeben müssen. Clara und ihr Vater leiden darunter, zuerst sollen sie vertrieben werden, können dem vorerst entgehen. Statt dessen muss das Gut als Flüchtlingsheim herhalten. Die Russen kommen, und nehmen alles mit was nicht niet und nagelfest ist, die Frauen werden vergewaltigt. Familie Anquist und die Tochter der Köchin entgehen dem zunächst nur, weil sie in einer entfernten Holzhütte Zuflucht suchen. Außer Claras Vater, der verhaftet wird. Dennoch, als sie sich sicher glauben, schlagen die Russen ein zweites mal zu. Dieses mal werden Isabella und Almuth vergewaltigt. Trotzdem harren sie weiter aus, weil sie auf die Rückkehr von Claras Bruder aus dem Krieg warten. Die nächste Hiobsbotschaft folgt, der Bruder wurde 30km von zu Hause entfernt als Fahnenflüchtiger erschossen. Isabella verkraftet dies nicht. Clara ist nun alleine verantwortlich, für Almuth (die Tochter der Köchin) und die Kinder von Isabella. Sie beschließt notgedrungen, als nichts mehr zu retten ist und sie keine Hoffnung mehr auf das Landgut hat, zunächst nach Hamburg zu gehen. Eine Flüchtlingsfamilie, die nur noch aus Vater und Tochter besteht, gesellt sich schon irgendwie aufdringlich zu ihnen. Zuerst dankbar für die Unterstützung von Alfred Brandner und seiner Tochter Luise, stellt Clara fest, dass sie ein ungutes Gefühl bei beiden hat. Auf der Flucht finden sie in Lübeck Claras Vater, der aus der Haft fliehen konnte. Die Brandners wollen nicht auf die Genesung von Claras Vater warten und gehen schon mal vor, nach Hamburg, zu ihrer Verwandtschaft Hans Grothe. Die Ankquist kommen nach, und zusammen wohnen sie bei den Grothes. Von Hamburg aus wollen sie weiter nach Spanien zu einem Geschäftspartner von Claras Vater reisen. Sie haben versprochen, die Brandners mitzunehmen als Dank für ihre Hilfe auf der Flucht. Doch das Verhältnis trübt sich immer mehr, und so kommt es in Hamburg zum Eklat zwischen den Ankquists, den Brandners und den Grohtes.

 

1992 Köln

Anna Meerbaum hat ein gutes Leben. Dennoch verspürt sie oft unerklärliche Ängste. Ihr Vater ist eines Tages verschwunden und ihre Mutter verfällt immer mehr dem Alkohol. Sie hat das Ausmaß dieser Sucht nicht erkannt. Dennoch merkt Anna, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt. Sie ist eine kalte Person und hat kein liebes Wort für sie übrig. Besonders darf man ihr nicht mit der Vergangenheit kommen. Der Mädchenname von Annas Mutter ist Ankquist. Anna wundert sich, dass ihre Mutter nie wieder zum Familiengut in der Uckermarck zurück gekehrt ist, bzw. dass sie nie einen Entschädigungsantrag gestellt hat. Irgendwann beschließt Anna, dort hin zu fahren und kehrt mit mehr Fragen als Antworten zurück. Sie lernt Joost Dietz kennen, der beratend als Architekt das Gut Ankquist als Hotelanlage aufbauen soll. Beide gehen unabhängig voneinander auf Spurensuche. Und werden fündig. Annas Mutter Clara Ankquist ist der Schlüssel zu allem, denn sie ist nicht Clara Ankquist. Aber wer ist sie dann?

 

Fazit:

Anfangs hatte ich nicht so recht die Leselaune für dieses Buch. Zudem erschwerten gerade in den ersten drei Kapiteln drei verschiedene Zeitebenen und jede Menge verschiedene Protagonisten die Übersicht. Aber ich kann versprechen, wenn man weiterliest, dran bleibt und wenig Lesepausen macht, hat man die Protagonisten schnell verinnerlicht und das Buch liest sich flüssig, unterhaltsam und sehr spannend.

Eine Zeitebene spielt in Hamburg 1947, Familie Dietz, die nur noch aus Mutter und zwei Kindern besteht, muss sich im zerbombten Hamburg aus dem nichts, nur mit dem was sie noch auf ihren Körpern haben, unter widrigsten Bedingungen ein neues Heim aufbauen. Durch Fleiß, Ehrlichkeit und Mitgefühl, aber auch einen guten Anteil Pragmatismus, gelingt ihnen dies. Ich mochte die Familie Dietz sehr, wie sie in der Not, vor allem Mutter Agnes Dietz, als Frau allein für das Überleben ihrer Kinder sorgt.

Die zweite Zeitebene spielt 1945 bei Templin in der Uckermarck. Familie Ankquist wird von ihrem hochherrschaftlichen Hofgut vertrieben. Lange Zeit wollen Vater, Tochter und Schwiegertochter dies nicht wahr haben, aber die Russen geben ihnen keine Chance. Im Gegenteil. Sie flüchten, mit dem was sie tragen können. Die Ankquist erleiden Willkühr, Demütigungen und Diebstähle ihres Besitzes. Sie können nichts dagegen tun.

Die dritte Zeitebene spielt 1992 in Köln, Anna Meerbaum, eine Lehrerin will durch Nachforschungen auf dem Gut Ankquist das seltsame Verhalten ihrer Mutter verstehen. Dort lernt sie den Architekten Joost Dietz kennen, den Sohn von Agnes Dietz.

Diese Zeitebenen hängen alle miteinander zusammen. Wie, das ist sehr spannend erzählt. Erst zögerlich, aber dann mit hohen Spannungspotenzial musste ich einfach immer weiter lesen. Das Buch hat nur 300 Seiten, und entsprechend sind manche Protagonisten auch sehr oberflächlich angelegt, aber das macht gar nichts. Denn man kann sich in die damalige Zeit mit all ihrer Not gut hineinversetzen und man leidet mit den Protagonisten.

Alles in allem: Ein zwar leicht oberflächlicher Rückblick in das Nachkriegsdeutschland, aber dennoch sehr spannend und unterhaltsam.

Sterne: Ich vergebe fünf von fünf Sternen. Die einzelnen Familiengeschichten sind spannend präsentiert und man erhält einen Blick in das Nachkriegsdeutschland. Zum einen vom ausgebombten Hamburg, zum anderen einen Blick auf die Vertreibung der Besitzer aus ihren Herrenhäusern. Das Buch hat zudem nur 300 Seiten, die viel zu schnell vorbei waren. Deswegen sind auch einige Figuren etwas oberflächlich angelegt, aber ich denke, der Fokus lag hier eher auf den Begleitumständen und der Zeit. Normalerweise mag ich solche Oberflächlichkeiten nicht, aber dieses Buch hier habe total gerne gelesen, und einmal angefangen, mochte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Ich möchte jetzt zudem mehr von dieser Autorin lesen.

Das Buch erschien am 2. November 2016

Link zum Buch/Verlag: https://www.droemer-knaur.de/buch/9048299/truemmerkind

 

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