Wardetzki, Bärbel – Und das soll Liebe sein?

Wardetzki, Bärbel
Und das soll Liebe sein?
978-3-423-26189-0
Dtv

Inhalt:

Das Ende der seelischen Gewalt. Anhand einer anschaulichen Beispielgeschichte legt Bärbel Wardetzki die Mechanismen narzisstischer Beziehungen offen. Sieben Jahre ist Sonja R. in ein ausbeuterisches Verhältnis verstrickt; ihr Partner will sie ganz für sich vereinnahmen und zerstört systematisch ihr Selbstwertgefühl. Doch es gelingt ihr, sich zu lösen. Das Buch hilft, Narzissten und typisch destruktive Verhaltensweisen rasch zu erkennen, und macht Betroffenen Mut zur Trennung. Vor allem aber zeigt die Psychologin konkret Wege zur Befreiung auf.  (Quelle dtv)

Meine Meinung/Zusammenfassung:

Seit Jahren interessiere ich mich für bestimmte psychologische Themen, und bin immer kurz davor, die Zeitschrift „Psychologie heute“ zu abonnieren. Nur mein sowieso schon hohes Lesepensum lässt mich davor zurückschrecken, man schafft halt nicht alles und mal nur kurz „überfliegen“ will ich diesen Bereich nicht. So hole ich mir dann lieber gezielt Bücher zu den verschiedensten Themen.

Seelische Gewalt ist ein Begriff, den ich noch nicht lange kenne. Aber ich denke, jeder kann sich etwas darunter vorstellen. Mit dem Begriff „Narzissten“ wird es da schon schwieriger. Aber es sind zwei wichtige Begriffe, die auch im Buch aufgegriffen werden.

Eine solche Beziehung oder auch Ehe mit einem narzisstischen Partner zu beschreiben, ist schwierig, denn viele Interaktionen sind sehr subtil und für Außenstehende oder Freunde nicht sichtbar. Der Autorin gelingt es sehr gut, die Merkmale eines Narzissten aufzudecken. Davon handelt der erste Teil des Buches.

Narzissten fehlt das Selbstwertgefühl, das wahrscheinlich auf eine Verletzung in der Kindheit hindeutet. Sie empfinden keine Empathie, sind nicht kritikfähig und immer auf der Suche nach Bestätigung:

Zitat Seite 17: „Wo das Gefühl für sich selbst fehlt, wird es ersetzt durch die Reaktion eines anderen Menschen. Deren Beachtung und Aufmerksamkeit wird zum Zünglein an der Waage, ob sich jemand wertvoll fühlt oder nicht. Ohne diese Bestätigung sind diese Menschen haltlos, denn ihnen fehlt der innere Kompass. Sie können ihren eigenen Wert nicht selbst bestimmen, sondern machen ihn abhängig von der Stärke des Applauses oder der Liebesbekundungen.“

Zitat Seite 27: „Bei einem narzisstischen Partner sehen sie sich vielleicht sogar gezwungen, die richtigen Worte zu finden und unter allen Umständen zu vermeiden, ihn zu enttäuschen.

Zitat Seite 28: „Am Ende bekommt er es hin, dass Sie sich schuldig und ungenügend fühlen. Das schafft er mit seiner Eloquenz, die Ihnen kaum eine Chance lässt, Ihre Argumente hervorzubringen. Alles wird so gedreht, dass er sich reinwäscht und ohne Fehl und Tadel dasteht. Jeden Einwand von Ihnen wird er mit einer Überzeugungskraft widerlegen, dass Sie am Ende an Ihrer Wahrnehmung zweifeln.“

Mit einer der wichtigsten Punkte ist, dass Narzissten eine seelische Gewalt ausüben, die für Außenstehende und Freunde kaum zu erkennen ist. Sie verstehen es, sich perfekt unschuldig darzustellen und ihnen wird alles geglaubt.

Zitat Seite 35: Ihre Überzeugungskraft ist so groß und ihr Glaube an sich selbst und den eigenen Erfolg so stark, dass ihre Mitmenschen reihenweise darauf reinfallen“.

Des weiteren kann man unter der Überschrift „Der Impulsiv-Instabile“ lesen:

Zitat Seite: 35: „… denn sein Verhalten ist weder vorhersehbar noch verlässlich. Da Kleinigkeiten massive Reaktionen auslösen können, bewegen Sie sich wie auf einem Mienenfeld. Trotz Vorsicht sind Sie nie sicher.“

 

Weitere Themen sind:

-Neid

-Doppelbotschaften

-Gaslightning

-Extreme Eifersucht

 

Der zweite Teil des Buches beschreibt dann ein Fallbeispiel. Sonja R. berichtet, wie sie in die „Falle“ eines Narzissten tappt. Sonja erzählt, und die Autorin B. Wardetzki kommentiert dies aus psychologisch-psychotherapeutischer Perspektive. Die Kapitel sind kurz, die Erklärung sehr gut verständlich.

Die Geschichte von Sonja R. ist sehr persönlich erzählt und setzt sich durch Kursiv-Schrift vom übrigen Text ab. Sie beginnt bereits während ihrer Kindheit. Darin ist der Ansatz begründet, wie sie überhaupt in eine solche Beziehung „schlittern“ und dort verharren konnte. Es wird aufgedeckt, welche Mechanismen da im Spiel waren, damit Sonja auf den Narzissten Frank hereinfallen konnte und warum sie so lange für eine Trennung gebraucht hat. Der Erzählton von Sonja R. ist sehr einfach gehalten. Manche ihre Ansichten waren so sehr auf Liebebedürftigkeit eingestellt, dass man es sich kaum vorstellen mag. Auch ihre anfängliche Verblendung ist sehr gut beschrieben. Dennoch kam mir die Geschichte von Sonja R. am Anfang sehr naiv und blauäugig vor. Aber wenn man sich nach etwas Liebe sehnt, schließt man vielleicht vor manchem die Augen. Und so beginnt langsam aber sicher eine sehr ungesunde Beziehung zwischen den beiden, die von gefühlt ewigen „hin und her“ und einer „Ablehnungs- und Hinwendungstaktik“ handelt. Eine Trennung scheint unmöglich, bzw. scheitert öfter. Dies ist sehr ausführlich und erklärend beschrieben, auch wenn man dies als Außenstehender nicht immer nachvollziehen kann.

Vom Verstand her weiß Sonja, dass ihr Frank nicht gut tut, dass sie Grenzen setzen müsste. Aber sie schafft es nicht, und selbst das löst Stress in ihr aus, denn selbst mit ihrem ganzen Wissen über die Situation, kann sie sich noch nicht von ihm trennen. Sie ist in einer destruktiven Beziehung aus seelischer Gewalt, Vorwürfen, schlechter Laune und Eifersuchtsattacken gefangen. Sonja ist einem System aufgesessen, einer Art „Gehirnwäsche“ die aus Lob und Tadel besteht. Durch Franks Launenhaftigkeit und seinem narzisstischem Gehabe ändert sich, ohne es wollen oder bemerken, ihr eigenes Verhalten.

Auf Dauer hält sie diese belastende Situation nicht aus, sie leidet körperlich und psychisch unter diesem ständigen Stresspegel. Sie beschließt sich Hilfe bei einem Therapeuten zu holen, ein Versuch etwas zu ändern oder sich verstanden zu fühlen. Hier hört sie das erste mal den Begriff „Narzissten“ und recherchiert anschließend im Internet. Sie findet Foren mit Beiträgen von Frauen, die dasselbe durchmachen wie sie.

Im letzten Teil des Buch heißt es dann „Wege aus der narzisstischen Beziehung: praktischer Rat“.

-Woran erkennt man narzisstische Beziehungsmuster?

-Wer geht narzisstische Beziehungen ein?

-Hilfe holen

-Adressen

 

Fazit:

Seelische Gewalt ist für Unbeteiligte extrem schwer zu erkennen und für Beteiligte schwer zu erklären. Es fängt harmlos an, vieles hört sich für Außenstehende oder Freunde erst mal nach normalen Beziehungs-Problemen an. Denn der Narzisst mit seiner oft paranoid-misstrauischen Haltung versteht es, sich nach außen hin perfekt und unschuldig darzustellen, während der Partner schier verzweifelt, dass ihm nicht geglaubt wird. Das Leben mit einem Narzissten fühlt sich an wie auf einem Mienenfeld (siehe Zitat oben im Text).

Im ersten Teil des Buches wird erklärt, was ein Narzisst ist und welche Merkmale er haben kann. Das ist mindestens so aufschlussreich wie der zweite Teil des Buches, der dann ein Fallbeispiel beschreibt, dass aus Perspektive beider Parteien geschildert wird. Sonja R. berichtet von ihrer Beziehung zu Frank. Es dauert Jahre bis sie merkt, dass sie an einen Narzissten geraten ist und noch länger, bis es endgültig zur Trennung kommt. Sonja erzählt, und die Autorin B. Warditzki kommentiert dies aus psychologisch-psychotherapeutischer Perspektive, sowohl über Sonja als auch den Narzissten Frank. Warum Sonja bleibt, sich alles gefallen lässt. Und die Reaktionen Franks darauf, warum er sich so verhält. Die Kapitel sind kurz, die Erklärung sehr gut verständlich und augenöffnend. Erscheinen Sonjas Erfahrungen am Anfang noch sehr naiv, wird man sie bald besser verstehen. Mit jeder Seite erreicht der Narzisst mehr, was will. Bei dem ganzen hin und her zwischen den beiden kann es dem Leser irgendwann zu eintönig werden. Aber der Autorin gelingt es, die Gründe zu analysieren und verständlich zu machen, warum beide zunächst nicht voneinander lassen können.

Um beim Fallbeispiel zu bleiben, bei Sonja findet –übertrieben gesagt- eine Art „Gehirnwäsche“ mit dem Lob- und Tadel-System Franks statt. Ohne es selber zu wollen oder zu bemerken, ändert sich ihr Verhalten, sie passt sich Frank total an. Das Buch erklärt anhand des Fallbeispiels die Mechanismen eines Narzissten, und auch wie das „Opfer“ darauf reagiert. Wie kann ich einen Narzissten erkennen? Um dies zu erkennen, ist ein solches Buch sehr wichtig.

Der Schluss fasst alles noch mal kurz und knapp zusammen und gibt zudem Hilfestellungen und Adressen, an die sich betroffene Frauen wenden können.

Das Buch lässt sich flüssig lesen. Dazu tragen kleine Kapitel und eine verständliche Sprache ohne viele Fachausdrücke bei.

Alles in allem: Ein absolut wichtiges Aufklärungsbuch über narzisstische Persönlichkeiten anhand eines Fallbeispiels. Beide Parteien (Täter und Opfer wenn man so will) werden psychologisch-psychotherapeutisch interpretiert.

Sterne: Ich vergebe fünf von fünf Sternen. Seelische Gewalt lässt sich für Außenstehende oder Freunde nur schwer erkennen. Dieses Buch trägt zur Aufklärung bei, die Verhaltensweisen eines Narzissten zu erkennen und aufzudecken. Kommt einem das Fallbeispiel Sonjas und ihre Schilderungen über ihre Liebebedürftigkeit am Anfang noch etwas „naiv“ vor, ändert sich das Geschehene subtil und die Beziehung zu Frank wird immer schwieriger. Jedem würde sich dann die Frage stellen „Warum verlässt sie ihn nicht?“ und auch darauf geht die Autorin ausführlich und verständlich ein. Sonja passt sich Frank an, aber der tägliche Gang über das „Mienenfeld“ geht nicht spurlos an ihr vorüber. Sie wird krank, und etwas muss sich ändern. Es dauert lange, bis man einen Narzissten erkennt und sich von ihm trennen kann. Das ist so. Aber mit diesem Buch kann man ein solches Verhalten schon früher entdecken und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um sich selber zu schützen. Kleine Kapitel und Abschnitte und nicht allzu viele Fremdwörter erleichtern das flüssige Lesen des Buches. Der Erzählton ist gut verständlich. Ein wichtiges Buch, Betroffene werden sich absolut verstanden fühlen.

Das Buch erschien am 31. Mai 2018

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.dtv.de/buch/baerbel-wardetzki-sonja-r-und-das-soll-liebe-sein-26189/

 

 

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