Liptrot, Amy – Nachtlichter

Liptrot, Amy
Nachtlichter
978-3-442-75733-6
Btb/Random House

Inhalt:

Die ursprüngliche Kraft einer einzigartigen Landschaft lässt alte Wunden heilen: Mit Anfang dreißig spült das Leben Amy Liptrot zurück an den Ort ihrer Kindheit – die Orkney Islands, im dünn besiedelten Schottland wohl die abgelegenste Region. Hier schwimmt die britische Journalistin morgens im eiskalten Meer, verbringt ihre Tage als Vogelwärterin auf den Spuren von Orkneys Flora und Fauna und ihre Nächte auf der Suche nach den »Merry Dancers«, den Nordlichtern, die irgendwo im Dunkeln strahlen. Und hier beginnt sie nach zehn Jahren Alkoholsucht wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt Amy Liptrot von ihrer Kindheit, ihrem Aufbruch in die Stadt, nach Edinburgh, weiter nach London. Vom wilden Leben, dem Alkohol, dem Absturz. Vom Entzug und der Rückkehr zu ihren Wurzeln auf Orkney, wo sie der Natur und sich selbst mit neuen Augen begegnet. (Quelle btb/Random House)

Meine Zusammenfassung/Meinung:

Bereits seit November 2017 habe ich dieses Buch. Und irgendwie wartet es immer noch auf den richtigen Augenblick. Gespannt habe ich Ende April/Anfang Mai mit der Geschichte begonnen, und kam doch nicht richtig voran. Das Setting auf den Orkney-Inseln war der Hauptgrund für mich, dieses Buch zu lesen. Ich war noch nie auf diesen Inseln, schwärme aber schon seit meiner Jugendzeit für die landschaftlichen Reize der Orkney- und Shetland-Inseln, Island oder den Färoer-Inseln.

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch unter anderen durch verschiedenen Medien und freute mich dann umso mehr, als ein Bericht in der Brigitte-Zeitschrift (Ausgabe Nr. 23 vom 25.10.17) erschien.

 

Nun bin ich auf Seite 109 angelangt, und leider ist es nicht so mega-spannend, um direkt weiterzulesen. Man kann diese Geschichte gemütlich angehen was das lesen betrifft, aber „gemütlich“ ist die Geschichte von Amy Liptrot wahrlich nicht.

Schon in jungen Jahren ist sie praktisch von der Insel geflüchtet, Landflucht möchte man sagen, vielen Jugendlichen ging und geht es heut noch so. Nicht nur auf den Orkney-Inseln sondern überall auf dem Land. In London kommt Amy Liptrot dennoch nicht wirklich an. Abwechselnd berichtet sie nun, da sie endlich fort ist, unbewusst voller Sehnsucht von den Orkneys und den Orkadiern. In London lebt sie, wie mir scheint, wie im Delirium, was vielleicht auch an ihrem Alkoholkonsum liegt. Sie schildert ihre Alkohol-Exzesse ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie irrt durch London, sie fällt, sie stößt im „Suff“ selbst noch die letzten Freunde vor den Kopf bis niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben will. Bis sie alleine ist. Irgendwann gesteht sie sich ein, sie ist eine Alkoholikerin und braucht Hilfe. Alleine schafft sie es nicht, sich aus dieser Sucht zu befreien.

Und immer wieder kommen Erinnerungen an die Kindheit auf den Orkney-Inseln hoch.

Amy Liptrot hat einen spröden, etwas kalten Schreibstil mit kühl wirkender, aber kraftvoller Poesie. Da ist nichts Zartes. Aber es passt perfekt zu den wildumtosten Inseln im Norden. Und deswegen mochte ich diese Beschreibungen, die so einen eigenen Sog entwickelten.

Ich habe die Geschichte bis zum Entzug in London aus zeitlichen Gründen bestimmt in vier oder fünf Ansätzen gelesen. Vielleicht war deswegen der Anfang auch etwas zäh für mich. Schön waren die sehnsuchtsvollen Erinnerungen an die Orkney-Inseln, die zwischendurch immer wieder aufblitzten.

Wenn man erst mal diesen Anfang geschafft, diese Zeit in London hinter sich gebracht hat, ab dann hat sich für mich das Buch wirklich gelohnt. Amy Liptrot kehrt nach mehreren Monaten nach Hause zurück. Ich nenne es jetzt mal „die Zeit der Genesung“ auf den Orkney-Inseln nach dem Entzug. Sie wird für Ihren Entzug gelobt, will dies nicht, weil dieses Gefühl, trinken zu wollen, sie immer noch überfällt und das es wahrscheinlich unterschwellig ein Kampf für immer gegen die Sucht sein wird.

Ab hier entwickelt das Buch erst seinen rauen und kantigen Charme mit den Beschreibungen der Natur auf den Inseln: Das Wetter. Das Meer. Die Natur. Die Vögel. Die Tiere. Die Landschaft. Und auch der Orkadier. Ich habe diese Passagen im Buch passender Weise gelesen, als es regnete und ich die Regentropfen am Dachfenster prasseln hörte. Ich lag mit einer Decke eingekuschelt auf dem Sofa und konnte mich in diese Beschreibungen richtig hinein versenken.

Zitat Seite 115: „Nachdem es fünfundvierzig Tage lang jeden Tag geregnet hatte, mit nur acht Sonnenstunden im ganzen Dezember …“

Sie analysiert ihre Gründe für das Trinken und ihre obsessiven Neigungen. Sie denkt über Suchtverlagerungen (Cross Adddiction) nach. Oft findet sie Vergleiche mit Natur.

Zitat Seite 165: „Im Großen und Ganzen hielt ich es einfach für eine Gewohnheit, die außer Kontrolle geraten war: Durch mein jahrelanges systematisches Trinken hatten sich meine Bremsen abgeschliffen, wie es die Wellen mit dem Felsen tun, und zwar so sehr, dass sie nicht wieder repariert werden konnten.“

Die Autorin entwickelt ein Faible für die unbewohnten Inseln rund um Orkney und besucht so viele wie möglich davon. So kommt es, dass sie vier Monate den Winter auf der abgelegenen Insel Papay mit 70 Einwohnern verbringt. Ermöglicht wurde dies durch die Vogelschutzbehörde RSPV (Royal Society fort he Protection of Birds), für die sie bereits auf der Hauptinsel als Vogelbeobachter der RSPV tätig war und ein halbes Jahr die Rufe des Wachtelkönig lokalisierte und zählte.

Sie berichtet erstaunt davon, dass die Einwohner die Autos nicht nur am Aussehen, sondern am Klang erkennen und dass Menschen anstatt mit ihren Nachnamen mit ihrem Häusernamen benannt werden. Diese Dinge kenne ich auch aus meinem kleinem dörflichen Heimatort. Meine Familie wurde „Schäfasch“  genannt, weil mein Ur-Großvater Schäfer gewesen war und der Name untrennbar mit dem Haus verbunden ist.

Was macht man auf einer kleinen Insel? Amy Liptroy empfindet sich gestärkt im Kampf gegen die Sucht durch die Kräfte der Insel. Die Berichte über die ungewöhnliche Natur sind besonders stark, sie beobachtet Kleinig- und Besonderheiten, wie einen Mondregenbogen, Sternschnuppen, Polarlichter. Naturbeobachtungen die ihre eigenen Zauber haben. Sie findet entlegene Ecken, beobachtet die Natur, den Wind, das Wetter. Sie schnorchelt und schwimmt im Meer. Sie schwimmt gegen die Sucht und gegen die Leere in ihr.

Zitat Seite 187: „Über Eday zeigt sich ein blauer Fleck, und die Wolkenränder sind zartrosa eingefärbt. In der Feuerstelle lodert eine Flamme auf, mein Herzschlag wird angenehm langsam, und für einen flüchtigen Moment ist alles flimmrig und ruhig.“

Zitat Seite 189: „Ich bin ruhig und doch aufmerksam und merke nach einigen Wochen, dass ich immer ziemlich genau weiß, wie hoch die Flut gerade steht und von wo der Wind bläst, wann gerade die Sonne auf- oder untergeht und welche Mondphase wir haben.“

Zitat Seite 208: In einer Nacht wie dieser beschrieb der von Orkney stammende Dichter Robert Rendall das Glitzern des Nachthimmels mit dem orkadischen Wort tullimentan.“

Sie mag Apps, Listen und Programme, die alles festhalten und messen können: GPS, Sternen-App, Vermessung-App, Zyklus App, Schallmessungs-App, Schlafryhtmus-App. Die Internetseiten Marine Traffic um vorbeifahrende Schiffe zu erkennen, eine Flugradar App um herauszufinden, wohin der Flieger über ihr fliegt.

Sie ist fasziniert von der Einsamkeit und von den Gründen der Entvölkerung. Warum wurden diese kleinen Inseln verlassen? Die Historie dieser Eilande und die Orkney-Saga finden kurz Erwähnung. Sie entwickelt ein Faible für kleine Inseln, für abgelegene Inseln und erwähnt das Buch, einen Inselführer “Scottish Island“ von Harrish Haswell.

 

Fazit:

Ein entscheidender Lesegrund für dieses Buch war für mich der Hinweis in der Inhaltsangabe, dass die Orkney-Inseln eine Rolle spielen. Mir war da noch nicht so ganz klar gewesen, dass dieses Buch ein Erfahrungsbericht ist, keine Geschichte. Die Autorin Amy Liptrop berichtet über ihren Kampf gegen den Alkohol, gegen die Sucht. Und ihre Heimat Orkney hat ihr dabei geholfen sich wieder zu erden und die richtigen Weichen zu stellen.

Sie erzählt nicht wirklich spannend, und gerade der Anfang in London mit allen Auswirkungen der Sucht, ist nicht einfach zu lesen, weil ich erst noch ein Gefühl dafür entwickeln musste. Die Alkohol-Exzesse werden ehrlich und ungeschönt dargestellt. Erst nach und nach bemerkte ich die Kraft dieses lakonischen und harten Erzähltons, den ich auch nach dem Lesen noch im Kopf zu hören glaubte. Eine Sprache, so rau und kühl wie die Orkney-Inseln.

Abwechselnd wird von London und Orkney berichtet. Besonders die Zeit auf den Orkney-Inseln, als sich die Autorin neu finden, neu zusammensetzen muss und mit Hilfe der rauen Natur gegen die Sucht ankämpft, sind sehr eindrucksvoll zu lesen. Ich mochte diese Beschreibungen von den Inseln, von den Vogelbeobachtungen, den nächtlichem Himmel, dem Meer, der Historie. Ja, ein Faible für Orkney sollte man da schon haben.

Alles in allem / Sterne: Eine Erzählstimme, die ich auch nach dem Lesen noch zu hören meinte, die sich mir im Kopf festgesetzt hat. Ein Erfahrungsbericht über den Kampf gegen den Alkohol und über das „sich selber finden“ in der rauen Natur auf den Orkney-Inseln.  Dennoch sollte man schon ein Faible für diese Inselgruppe und für diese trockenen und dennoch kraftvollen Naturbeschreibungen haben. Dieses Faible habe ich und somit vergebe ich fünf und fünf Sternen und stelle das Buch zu meinem Orkney/Shetland-Insel Reiseführer. Am besten an einem regnerischen und kalten Tag lesen!

Das Buch erschien am 9. Oktober 2017

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.randomhouse.de/Buch/Nachtlichter/Amy-Liptrot/btb-Hardcover/e509660.rhd

 

 

 

Liptrot, Amy – Nachtlichte

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