Lafaye, Vanessa – Summertime, Die Farbe des Sommers

Lafaye, Vanessa
Summertime, Die Farbe des Sommers
978-3-8090-2653-2
Limes/Random House

Inhalt:

Ein Sturm zieht auf, der alle Geheimnisse ans Tageslicht bringen wird … Florida, 1935. In Heron Key sind die Beziehungen zwischen den Einwohnern so verworren wie die Wurzeln der Mangrovenbäume. Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit Henry die Stadt verlassen hat, um in Europa zu kämpfen. Die ganze Zeit hat Missy auf ihn gewartet. Als gutes Dienstmädchen kümmert sie sich um das Baby und das Haus der Familie Kincaid und zählt bis zu seiner Rückkehr die Sterne. Nun ist er zurück, doch in dem Veteranen erkennt sie kaum noch den einst stolzen Mann. Als eine weiße Frau in der Nacht vom 4. Juli halbtot am Strand gefunden wird, gerät Henry in Verdacht. Während die Anspannung in der kleinen Stadt weiter ansteigt, fällt das Barometer – der verheerendste Tornado aller Zeiten zieht auf. Im Auge des Sturms offenbaren sich Tragödien, lüften sich Jahrzehnte alte Geheimnisse – und Missys und Henrys Liebe wird auf die Probe gestellt …  (Quelle Limes Verlag/Random House)

Meine Meinung:

Als erstes fiel mir das Cover auf. Zusammen mit dem Titel weckt es die Vorstellung nach einem locker-leichten Sommertag. Zudem spielt die Geschichte in Florida, also, da kann man sich eine schöne Geschichte zusammen phantasieren. Dennoch kommt es anders, als ich es von einer Geschichte an den Küsten Floridas erwartet hatte.

Da das Cover mit den Pfauenaugen sehr einprägsam ist, fiel es mir des öfteren auf. Die Entscheidung, das Buch letztendlich lesen, fiel auf dem Glühwein-Bücher-Abend meiner Stadtbücherei im November 2017. Ich lies mich auf die Warteliste setzen und zwei Monate später hielt ich das Buch in den Händen. Zwischenzeitlich las ich in der „Buch aktuell“ vom Sommer 2017 ein Interview mit der Autorin.

 

Das Setting spielt an der Küste Floridas, in Heron Key. Ich bin mir nicht sicher, ob Heron Key auf eine Insel ist, oder ob das fiktive Städtchen an der Küste Floridas liegt. Oder ob es selber Insel und Stadt zugleich ist. Die Autorin erwähnt im Nachwort „Islamorada“, und diese ist eine der Florida-Key-Inseln. Jedenfalls kann man es sich vorstellen, den weißen Sandstrand, das laue Lüftchen, ein bisschen Karibik-Feeling und auch die Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit. Im Buch ist auch von Mangrovenwäldern die Rede, allerdings hätte ich diese geographisch eher in den Everglades angesiedelt, als auf den kleinen Inseln. Denn wo sollen da noch “Wälder“ sein?  Daher auch meine Frage: Gibt es auf den Florida Keys Mangroven Wälder? Aber, das jetzt nur im Rande.

Die Geschichte spielt 1935 in dem fiktiven Ort Heron Key. Dort leben Schwarze und Weiße Amerikaner zusammen, vermeintlich im Einklang. Die Schwarzen nehmen vieles hin, zum Beispiel dass es getrennte Eingänge im Lebensmittelladen gibt und dass ihnen auch der Besuch von Festlichkeiten verboten ist. Eine Ausnahme ist das Barbecue am 4. Juli am Strand, allerdings ist dieser in zwei Abschnitte eingeteilt, eben, für Schwarze und Weiße Menschen. Jede Gruppe feiert für sich.

Es gibt einige Hauptprotagonisten in dieser Geschichte. Da wären Missy und Henry, beides Schwarze. Missy ist 26 Jahre, hübsch, und arbeitet seit Jahren als Dienstmädchen im Hause der Kincaids. Dort passt sie auf den kleinen Nathan auf. Sie wohnt zu Hause bei ihrer Mutter, und ihr Leben besteht praktisch nur aus Arbeit. Die Reichen in Heron Key lassen sich auch gerne Kuchen von ihr backen. Missy wartet seit unglaublichen 18 Jahren, dass ihr Henry zurückkehrt. Als Kind hatte sie ihn geliebt.

Henry ist ein Kriegsveteran. Er kämpfte als Offizier für Amerika im ersten Weltkrieg, und wurde in Frankreich stationiert. Dort erfuhr er, wie frei man mit einer dunklen Hautfarbe leben kann. Dennoch seine Wurzeln lagen in Amerika, er ging zurück. Er war ein Held, und dachte, dass sich der Zustand der Rassentrennung nun ändern würden. Immerhin hatten viele Schwarze mit Weißen zusammen gekämpft. Seine Hoffnung wurde nicht erfüllt, im Gegenteil, ganz im Gegenteil. Erschreckend, wie man mit diesen Menschen umging, mit den Schwarzen wohl gemerkt. Zudem waren viele Kriegsheimkehrer traumatisiert. Auch Henry. Der Henry, der zurückkam, war nicht mehr der Henry, der damals in den Krieg zog. Er schämt sich und lässt sich viele Jahre nicht zu Hause blicken. Zur Enttäuschung von Selma, seiner Schwester und zur Enttäuschung von Missy.

Das Love-Interest zwischen den beiden konnte ich nicht so genau nachvollziehen. Denn Missy war acht Jahre alt, als Henry in den Krieg zog. Kann man als achtjährige schon so verliebt sein? Und umgekehrt? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Dennoch wartet Missy auf Henry. Sie heiratet nicht und hat auch keine Affären. Als sich beide das erste mal wiedersehen, wissen sie, dass sie zusammen gehören. Mir kam das aufgrund des Altersunterschiedes und auch aufgrund der Vorgeschichte nicht plausibel vor. Aber gut. Es war jetzt so, beide verlieben sich auf den ersten Blick. Leider bleibt ihnen nicht viel Zeit, es gab nur harmlose Berührungen und Blicke, bis der Sturm losbrach. Wobei man zum einen den Hurrikan-Sturm meinen kann, zum anderen den Sturm der Empörung und Verachtung.

So ist diese Altersdiskrepanz für mich eine Art „Logik-Fehler“. Einen weiteren gibt es, als Henry sich fragt, warum Deputy Dwayne ihn so hasst. Dabei hat ihn doch Missy nach dem Gerücht gefragt, ob er der Vater des Kleinen Roy wäre, dem Sohn von Dwayne und Noreen. Henry verneint. Dann, einen Tag später, als er im Gefängnis sitzt, und sich über Deputy Dwayne Verhalten wundert, fällt ihm das aber nicht ein, sondern er muss es von jemand anderen nochmals gesagt bekommen. Das ist irgendwie unlogisch.

Der arme Henry. Ihm wird in der kurzen Zeit, in der er in Heron Key ist, einiges angehängt. Und das geht eigentlich los, ab dem Moment, wo er Missy wieder sieht. Beim Barbecue wird er verdächtigt, mit einer weißen Frau angebändelt zu haben, obwohl diese sich ihm aufgedrängt hat. Dazu kommen Gerüchte auf, dass er der Vater eines Kindes einer weißen Frau ist. Ausgerechnet der Frau des Deputy.

Womit wir bei einem anderen Protagonisten wären. Deputy Dwayne, ein sehr interessanter Charakter. Ich habe ihn gemocht, wenn auch nicht alles an ihm. Deputy Dwayne ist ein gradliniger, ehrlicher Mann. Ich hatte auch den Eindruck, dass er versuchte, sich nicht in das Rassentrennungsthema hineinziehen zu lassen. Da er eine Vormachtstellung hat, wäre es ihm sicherlich ein leichtes gewesen, seine Stellung diesbezüglich auszunutzen, was er aber nicht tat. Aber an diesen extrem schwülen Tagen im Julie 1935, ein paar Stunden vor dem Barbecue, lagen auch seine Nerven etwas blank und er musste sich alles abfordern, ruhig zu bleiben. Zu lange schon hing bei ihm zu Hause der Haussegen schief. Seine Frau Noreen bekam ein Baby mit karamellfarbener Haut. Also, ein Kind, das definitiv nicht von ihm war. Seit dem versuchte er herauszufinden, welcher von den Schwarzen der Vater ist und dazu schlägt er seine Frau. So blöd wie es sich jetzt anhört, er ist nicht glücklich darüber, fühlt sich aber vor dem ganzen Ort bloßgestellt und lächerlich gemacht. Dennoch nimmt er das Baby als seines an, er mag den Jungen sogar. An diesen Tag macht er sich also Gedanken über sein Kind, das nicht seines ist, über die Gespräche der Einwohner und über das anstehende Barbecue, bei dem es garantiert zu Streit zwischen Schwarzen und Weißen kommen wird. Das weitere Problem sind die Kriegs-Veteranen, die in Verschlägen vor dem Ort hausen, um eine Straße zu bauen. Alles das würde als Konfliktpotenzial schon einen menschlichen Sturm entfachen, aber zu all dem braut sich noch ein echter Sturm zusammen, ein Hurrikan.

Am Rande der Stadt hausen unter menschenunwürdigen Zuständen ehemalige Kriegsveteranen. Sie haben die Arbeit angenommen, auch wenn die Bedingungen mehr als schlecht sind. In den Holzverschlägen verlottern sie vor sich hin, trinken den ganzen Tag Alkohol und die Latrinen stinken zum Himmel. Unhaltbare Zustände, an denen keiner etwas ändert. So geht die amerikanische Regierung mit den traumatisierten Helden aus dem ersten Weltkrieg um. Alle sind desillusioniert. Diese Veteranen-Siedlung ist den ehrbaren Bürgern ein Dorn im Auge.

So kommt es, das Henry durch bösartige Gerüchte zum einen verdächtigt wird, der Vater von Deputy Dwaynes Kind zu sein und auch am Abend nach dem Barbecue eine Frau fast getötet zu haben. Und das, wo er sich gerade seelisch halbwegs aufgerichtet hatte, als er Zukunftspläne mit Missy schmieden wollte. Statt dessen wird er von Deputy Dwayne verhaftet, der kurz vor dem Durchdrehen ist.

Weitere Protagonisten sind Selma, Henrys Schwester, die Missy oft aus dem Schlamassel hilft. Oder Doc Williams, ebenfalls ein Kriegs-Veteran, der im Sturm einen Trepanierbohrer gebrauchen muss. Warum, wieso? Am besten selber lesen!

Und dann kommt der Sturm. Die Gerüchte verstummen nicht. Deputy Dwayne reißt sich zusammen. Henry ist auf der Flucht. Das Chaos bricht aus. Das schlimmste passiert noch vor dem Schlimmsten. Diese Nacht wird einem noch lange in Erinnerung bleiben, und mit tat es gut, dass es wenigstens eine kleine Gerechtigkeit gab.

Es gibt ein Nachwort von der Autorin. Die Personen in der Geschichte sind fiktiv, aber den Labour-Day-Hurrikan auf den Islamorada-Inseln und Florida Keys gab es wirklich. Auf der Seite „Keyshistory“ (org) muss man ein wenig suchen, (Quick look up Index), dann findet man unter dem Punkt „1935 hurricane documentary 27min Video“ eine Dokumentation mit Überlebenden. Der Film ist in Englisch. Und die Überlebenden erzählen von ihren Erinnerungen, wie sie auch hier im Buch in ähnlicher Weise vorkamen. Zum Beispiel dass viele Opfer und Überlebende nackt waren, das Wasser und der Wind hatte ihnen die Kleider vom Leib gerissen. Schuhe hatten sie auch keine. Leichen und Überlebende hingen in Bäumen, in dornigen Limettenbäumen. Eine Frau mit einem Baby im Arm wurde 40 Milen entfernt gefunden. Die Evakuierungen für die Veteranen wurden aus Bürokratie und Desinteresse zu spät in die Wege geleitet. Usw. usw. Es ist eine sehr berührende Dokumentation.

 

Fazit:

Das Setting an Floridas Küste ist hervorragend dargestellt, tritt aber im Angesicht der „Stürme“, die losbrechen, in den Hintergrund. Zunächst schwelt auch im fiktiven Küstenstädtchen Heron Key unterschwellig der Rassenkonflikt. Weiß gegen Schwarz. Zum andern befeuern die traumatisierten und verlotterten Kriegsveteranen, die eine Straße bauen sollen und am Ortsrand unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen, den Konflikt mit ihrem Verhalten und Gewaltausbrüchen. Und zu guter letzt kommt tatsächlich ein Hurrikan. Eine Katastrophe nimmt ihren Lauf, in welcher unmenschliches Verhalten vor Ort und seitens der Regierung seinen Höhepunkt in der Nacht des Sturmes erlebt. Da fehlen einem die Worte.

Auch wenn oberflächlich alles „gut“ zu sein scheint im kleinen Ort Heron Key, sind doch die Weißen nur zu gerne bereit, alles den Schwarzen in die Schuhe zu schieben, wenn Probleme auftauchen. So dauert es nicht lange, und Hauptprotagonist Henry sieht sich mit etlichen schweren Vorwürfen belastet. Es scheint keine Zukunft für ihn zu geben.

Zwischen all diesen Tönen bahnt sich ein Love-Interest an. Missy, ein schwarzes Dienstmädchen hat 18 Jahre auf Henry, einen schwarzen Offizier im ersten Weltkrieg gewartet. Leider werden die Kriegshelden nicht so empfangen wie erhofft, und auch in der Rassentrennungsfrage ändert sich nicht. Henry ist traumatisiert und desillusioniert. Dieses Love-Interest war für mich schwer fassbar, weil der Altersunterschied zu groß ist und Missy Henry nur als achtjährige gekannt hat. Wie da eine so große Liebe entstehen konnte, dass sie 18 Jahre gewartet hat, wurde mit nicht plausibel genug erklärt.

Deputy Dwayne, ein Weißer, war für mich am markantesten dargestellt. Ein Mann mit Ecken und Kanten. Ein Mann, der genau weiß, dass sein Kind nicht von ihm ist, da die Hautfarbe eindeutig dunkelhäutig ist. Die Ehe steht auf der Kippe, er schlägt seine Frau, fühlt sich blamiert. Dennoch versucht er seine Handlungen zu reflektierten, auch in Bezug auf seinen Job und die damit verbundenen Macht. Er nutzt sie nicht aus, obwohl er es könnte. Dieser Zwiespalt und der sich aufbauende Druck durch verschiedene Probleme waren sehr anschaulich beschrieben. Und am Schluss reißt er sich zusammen, und sieht, dass er sich in etwas verrannt hat. Er trifft die richtigen Entscheidungen, manche in letzer Minute. Ein einfacher, aber starker Mann. Mein Lieblings-Protagonist in dieser Geschichte.

Insgesamt gesehen steht in der Geschichte der Rassenkonflikt im Vordergrund. Diese Unmenschlichkeit lässt sich erschreckend lesen. Man fängt in aller Unbefangenheit an zu lesen, denn es scheint, in Heron Key ist alles gut. Aber unaufhörlich wird man als Leser mit jeder Seite tiefer in die Verzweiflung gezogen und alles gipfelt darin, als der Hurrikan auf die Inseln und Küste trifft. Diese Unmenschlichkeit in dieser Nacht wird einem noch lange in Erinnerung bleiben. Für mich war es erleichternd, dass es wenigstens in einem Teil eine kleine Art von Gerechtigkeit gab.

Alles in allem: Die Geschichte lässt sich leicht, unterhaltsam und spannend lesen. Rassenkonflikte, traumatisierte und im Stich gelassene Kriegsveteranen, und ein aufziehender Hurrikan. Ein Drama, das in seiner Unmenschlichkeit den Höhepunkt in der Nacht des Sturmes erfährt, den man so schnell nicht vergisst.

Sterne: Ich tendiere zu vier Sternen, weil die beiden Hauptcharaktere Missy und vor allem Henry nicht ganz ausgereift schienen. Auch das Love-Interest war mir nicht plausibel genug. Dahingegen tritt Deputy Dwayne viel stärker und markanter in den Vordergrund. Dennoch lässt sich die Geschichte gut lesen, ich würde mal sagen, sie ist auch gute „Strandlektüre“ im Urlaub. Zudem basiert sie auf einer wahren Begebenheit, jedenfalls was den Hurrikan und einige wenige andere Ereignisse betrifft.

Das Buch erschien am 13. März 2017

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.randomhouse.de/Buch/SUMMERTIME-Die-Farbe-des-Sturms/Vanessa-Lafaye/Limes/e467130.rhd

 

 

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