Kent, Hannah – Wo drei Flüsse sich kreuzen

Hannah Kent – Wo drei Flüsse sich kreuzen – DroemerKent, HannahWo drei Flüsse sich kreuzen978-3-426-19979-4Droemer

Inhalt:

Der neue Roman „Wo drei Flüsse sich kreuzen“ von Bestseller-Autorin Hannah Kent ist ein mitreißendes Drama um die Macht von Angst und Aberglaube – basierend auf einer wahren Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Irland 1825: Die 14-jährige Mary soll der verwitweten Bäuerin Nora mit deren schwer behindertem Enkel Michael zur Hand gehen. Der kleine Junge, so munkelt man im Dorf, sei ein Wechselbalg, ein Feenkind, und mache die Kühe krank. Mary gibt nichts auf das Gerede, doch als Nora davon hört, reift in der einsamen, verzweifelten Frau eine ungeheuerliche Idee: Wenn es ihr gelingt, den Wechselbalg zu vertreiben, würde sie den gesunden Michael wiederbekommen und endlich wieder eine echte Familie haben. Getrieben von Angst und Aberglaube und unterstützt durch die geheimnisvolle Kräuterfrau Nance ist sie bald bereit, alles zu versuchen – und Mary fällt es immer schwerer, sich gegen die beiden Frauen durchzusetzen.

Meine Meinung:

Dieses Buch entdeckte ich letztes Jahr (2017) auf der Buchmesse in Frankfurt und dieses Jahr konnte ich es in meiner Stadtbücherei ausleihen. Zu Hause, ich gebe es zu, bin ich eine Zeitlang drum herum geschlichen, weil ich nun auf einmal nicht mehr wusste, ob ich es wirklich lesen wollte oder nicht. Es erschien mir so schwermütig. Aber dennoch, ich fing eher widerwillig an zu lesen, denn das Buch war mir ja aus einem bestimmten Grund aufgefallen und jetzt musste ich durch.

Die Geschichte spielt 1825/1826 im alten Irland, in einem kleinen engen Tal, dass noch von einem starken Aberglauben, wie dem Glauben an die Feenvölker, behaftet war. Zum Beispiel sollte man bei einer Totenklage Asche an die Tür werfen um die zu vertreiben, die sich einer Seele in den Weg stellen. Schwangere sollten nicht bei Toten sein oder auf Friedhöfen. Rothaarige waren generell verdächtig. Dazu kommt wie immer der Neid der Menschen untereinander, die Angst vor dem Neuen, dem Unerklärbaren, dem „Anderssein“ und auch der Druck einer eher isolierten Gemeinschaft. Ich fühlte von Anfang an eine ungute Beengung, etwas zunächst subtil Undefinierbares bedrängte mich, rührte mich, schnürte mir die Luft weg. Ich las weiter und konnte nicht mehr aufhören.

Nora, eine arme Bäuerin verliert zunächst ihre verheiratete Tochter, dann aus heiterem Himmel ihrem Ehemann, der an einer Wegkreuzung tot umfällt. Sie trauert so unfassbar, dass sie zunächst der bösen Stimmen nicht gewahr wird. Denn, wie kann man einfach an einer Kreuzung tot umfallen, vor allem, wenn da vorher noch drei oder vier Raben saßen? Ja, so dachten die Leute damals in diesem sehr abergläubischen Tal. Denn das waren tatsächlich böse Vorzeichen, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Auch dass Noras Tochter starb, war merkwürdig genug. Nora weiß nicht wohin mit ihrer Trauer, sie ist allein, als Frau, weiß gar nicht, wie sie zukünftig für ihr Leben sorgen soll, wie soll sie überleben? Ihr Mann fehlt ihr so unendlich: seine Anwesenheit, seine ruhige Art, es war ein guter Mann und eine gute Ehe. Der Schmerz zerreißt Nora innerlich und wahrscheinlich ist etwas in ihr zerbrochen, das nun ein Ventil suchte.

Dieses „Ventil“ ist Micheal, ihr Enkel. Ihr Schwiegersohn hatte ihn nach dem Tod ihrer Tochter zu Nora und ihrem Mann gebracht. Mit zwei Jahren war Micheal noch normal gewesen, jetzt ist er, das können wir in der heutigen Zeit so sagen, behindert. Damals wusste man noch nichts von solchen Behinderungen, die mit Schreien, spastischen Bewegungen, Verkrampfungen und Lähmungen einher gehen. Während Noras Mann zu Lebzeiten den kleinen Micheal so annimmt wie er ist, und sogar einen Arzt kommen lässt, hat Nora nach dem Tod des Ehemanns keine Kraft mehr für den Enkel, der täglich gefüttert und gewickelt werden muss, der täglich laute unmenschliche Schreie ausstößt. Ihr Leben als Witwe und ihre Trauer verlangen ihr zu viel ab, sie kann Micheal nichts mehr geben, keine Liebe, keine Fürsorge. Sie wünscht sich sogar, er wäre tot und ihr Mann und ihre Tochter noch am Leben. Sie verliert sich in Alkohol. Manchmal, wenn er viel schreit, würde sie ihn am liebsten … Als Leser merkt man, dass diese Frau total verzweifelt, total fertig und total mit der Situation überfordert ist. Man merkt, sie steht an einer Grenze, und wer weiß, was passieren kann …

Nora beginnt sich von den Leuten im Tal abzusondern, sie versteckt Micheal vor den Bewohnern, weil sie genau um das Gerede weiß: Dass ihr Enkel Micheal an allem Schlechten was geschieht, Schuld ist. Denn mit seinem unnatürlichen Verhalten kann er nur ein Wechselbalg sein, die Unglück über einen bringen. Mit ihrem Rückzug aus der Gemeinschaft stößt sie sich selbst ins Abseits, und das Gerede im Tal lässt sich dennoch nicht aufhalten. Natürlich wissen die Leute, dass und warum sie ihr Enkelkind versteckt: Sie nennen es einen Wechselbalg, ein Kind das von den Feen vertauscht wurde, ein Kind, das Unglück über sie alle bringen wird. Der Aberglaube treibt seine bösen Blüten aus.

Auf einen Rat hin nimmt Nora eine Magd auf. Die 14-jährige Mary. Sie ist auch noch ausgerechnet Rothaarig, und wird von den Leuten im Tal misstrauisch beobachtet. Nur wegen ihrer Haarfarbe. Mary ist ein sehr fleißiges Mädchen, aber nach ein paar Wochen mit Micheal, um den sie sich 24 Stunden neben all den anderen Arbeiten kümmert, ist sie ausgelaugt und erschöpft. Mir schien, dass sie mit die einzige war, die am ehesten begriff, was mit ihm los war. Sie merkte, wenn er Schmerzen hatte, sie kümmerte sich liebevoll um ihn. Ich mochte Mary sehr. Sie schien mir die einzig Vernünftige zu sein.

Dann ist da noch die alte Nance, heute würde man sagen ein „Kräuterweib“ oder „Kräuter-Hexe“. Sie lebt allein in einer Kate, und auch das ist nicht gern gesehen. Jeder der „anders“ ist, ist verdächtig. Aber bei Nance wissen sie ja, das sie mit den Feen spricht. Sie hilft der Gemeinschaft als Heilkundige, dennoch schützt sie das nicht vor übler Nachrede, denn sie ist mit den Feen im Bunde, kann ihre Zeichen deuten usw. Auch sie bewegt sich Zeit ihres Lebens auf einem schmalen Grat, die Leute fürchteten oder respektierten sie. Einige wollen sie nicht im Tal haben, andere schwören auf ihre Heilkräfte, wieder andere werfen ihr abergläubische Handlungen vor.

Allen drei Frauen ist gemeinsam, dass sie bitterarm sind. Sie haben nur das, was ihnen die Erde gibt. Nora hat noch eine Kuh und Hühner, aber die Kuh gibt immer weniger Milch und die Hühner legen immer weniger Eier. Nance ist noch ärmer dran, hat nur eine Ziege und ein paar Hühner in einer baufälligen Hütte im Wald. Für sie ist es schon schwierig, genug Feuerholz für den Winter sammeln, geschweige denn, genug essen zu haben. Mary ist eines von acht Kindern, und alle haben Hunger. Sie muss von zu Hause fort. Ihr Bruder gibt ihr den Tipp, nur dort als Magd zu arbeiten, wo es auch genug zu essen gibt. Dann ist der Rest fast egal.

Und dann kommt ein neuer katholischer Priester in dieses Tal. Sein Vorgänger hatte sich mit den Bauern und auch mit Nance arrangiert, hat ihre Heilkunst anerkannt, und ihren Aberglauben mit den Feen toleriert. Aber der neue Priester ist so arrogant und selbstherrlich, dass sich mir der Magen umdrehte. Als Nora sich hilfesuchend an ihn wendet, weist er sie ab! Er, der sich im Pfarrhaus vollfressen kann und nur dort hin geht, wo bare Münze klingelt. Aufgehetzt durch Leute im Tal macht er genau das, was er Nance vorwirft. So zum Beispiel dass sie gegen Zahlung in Naturalien Totenklagen „verkauft“. Nance gibt ihm noch Widerworte, das er ja im Prinzip nichts anderes machen würde, aber der Priester verdreht die Tatsachen das es einem richtig Übel wird. Und das schon von Anfang an. Dieser Mensch ging so gegen mich, er widerte mich richtig an.

Zudem sind auch einige andere Leute gegen Nance, aus persönlichen Gründen. Diese Leute hetzen den Priester auf, bis sich die Lage gegen Ende der Geschichte zuspitzt. Nance bangt um ihre Zukunft. Sie ist schon alt, und wenn sie hier weg muss, wie und wo soll es weitergehen? Auch Nora steht an einer Grenze, sie ist völlig fertig, trinkt und bemitleidet sich. Während das Leben weitergeht, will Nora, dass Nance bei ihrem Enkel die Fee austreibt.

Eigentlich kann man Nance mögen. Sie ist eine Heilkundige und hat sicherlich Ahnung, sie weiß, auch Giftpflanzen haben eine Heilwirkung, es kommt auf die Dosierung an. Die ungebildeten Menschen im Tal verstehen das nicht. Aber es gibt auch eine andere Seite an ihr, die an Feen glaubt und mich an eine gewisse Art „Scharlatanerie“ erinnerte. Man erfährt, dass ihre Mutter zu den Feen gerufen wurde und dass sie dann bei ihrer Tante in „Lehre“ ging. Als Kind öffnete sie den Kunden die Tür und fragte die Kunden schon mal, was sie wollten. Die Tante hörte im Hinterzimmer alles mit und konnte sich so vorab schon mal ein Bild machen, wie die „Behandlung“ auszusehen hatte. Dieses „Geschäftsgebaren“ erinnerte mich an das Buch von Katerina Tuckova „Das Vermächtnis der Göttinnen“, in der eine Frau auch so ihrer Enkelin die Heil- und Seherkünste beibrachte.

Am Beispiel einer Geburt möchte ich die „Heilkünste“ von Nance beschreiben: So reibt sie der Schwangeren während der Geburt den Bauch mit Schweinekot ein, die Zehen und Gelenke wurden abgebunden, und irgendwas war noch mit dem Urin vom Mann, ich kann mich aber nicht mehr erinnern, für was sie das genommen haben. Jedenfalls waren solche Praktiken in dem Tal noch verbreitet, aber auch nicht mehr von allen gut geheißen. Die Geburt geht schief, eine Totgeburt. Da Nance sowieso durch üble Nachrede schon nicht allzu gut da steht, kommt jetzt noch mehr Gerede auf. Nance ist sich sicher, alles richtig gemacht zu haben. So ist das Leben. Schuld am Tod des Kindes bekommt übrigens auch die Frau, die sich „nicht richtig“ verhalten hat oder irgendetwas getan hat, was man nicht tun soll.

Aber Nance hat noch andere Sorgen. Nora will, dass Micheal, den sie nicht als Enkel anerkennt, ihn auch öfter nur „es“ nennt, die Fee ausgetrieben wird. Nora und Nance sind vollkommen davon überzeugt, dass eine Fee von Micheal Besitz ergriffen hat, und dass Michael in der Feenwelt ist und nur „geholt“ werden muss. Nance hat diese Prozedur erst einmal gemacht, und es hat geklappt. Es gibt verschiedene Dinge, die man ausprobieren kann. Nacheinander. Unter anderen wird das Kind mit Fingerhut behandelt. Jeder weiß, dass dieser hochgiftig ist. Das Herz des kleinen Micheal hört auch fast auf zu schlagen, aber dann scheint es nochmal gut gegangen zu sein, er ist auch ein paar Wochen ruhiger als sonst. Aber, er ist immer noch eine Fee. Nora will aber ihren Enkel zurück und treibt Nance dazu, immer weiter zu gehen. Mary bekommt es richtig mit der Angst zu tun, sie denkt, dass Nora und Nance mit ihren „Prozeduren der Austreibung“ Micheal umbringen könnten. Aber sie ist nur eine Magd, hat nichts zu sagen und muss tun, was Nora ihr aufträgt. Als letztes Mittel die Fee auszutreiben, soll der kleine Micheal im Wasser untergetaucht werden, und zwar an einem Kraftort, an dem drei Flüsse sich kreuzen. Mary versucht sich dagegen zu sträuben, weil es noch eiskalt draußen ist, aber sie wird gezwungen, mit zu machen. An drei Tagen hintereinander, gehen die drei Frauen und der kleine Micheal zum Fluss, um am dritten passiert es. Die Fee stirbt. So sehen es Nance und Nora. Nora läuft freudestrahlend nach Hause, weil sie denkt, dass jetzt der Micheal wieder auftaucht, bevor er zum Wechselbalg der Feen wurde. Natürlich ist der echte Micheal nicht zu Hause, er ist tot. Nance und Nora wollen dies nicht wahr haben. Mary, die weiß, dass sie sich an einem Verbrechen schuldig gemacht hat, läuft wie von Sinnen in den Ort und erzählt, was passiert ist.

Nora, Nance und Mary werden verhaftet. Die Polizei, die Anwälte und der Richter merken gott-sei-dank, dass Mary im besten Willen gehandelt hat, dass sie in diesem Sinn keine Schuld trifft. Aber Nance und Nora kommen ins Gefängnis. Der Tag der Verhandlung ist ein denkwürdiger Tag. Nance und Nora wissen, dass sie ein Todesurteil bekommen können. Beide erzählen ihre Version, nämlich die Wahrheit: Dass Micheal ein Wechselbalg ist und dass sie die Fee austreiben wollten. Beide werden ausführlich befragt, und der Leser merkt, dass sie völlig überfordert sind. Sie merken zwar, dass das Publikum  merkwürdig reagiert, leben aber so in ihrer Welt, dass sie nichts anderes mehr zulassen können. Ihre Einsicht und ihre Weltsicht sind sehr beschränkt und beziehen sich nur auf das Tal. Deswegen verstehen sie nicht, wenn die Zuschauer im Gericht lachen oder ungläubig murmeln. Die modernen Iren haben die Zeit der Wechselbälger und Feen längst hinter sich gelassen.

Über das Urteil kann man sich streiten. Ich denke aber es war Sinne des beschränkten, abgetrennten und extrem abergläubischen Lebens im Tal gerecht. Denn Nance und Nora kannten ja nichts anderes, als die Sitten, Gebräuche und Rituale aus ihrem Tal. Zudem war gerade Nora mit Micheal völlig überlastet und noch traumatisiert vom Tod ihres Mannes und der Tochter. Sie war schlicht und einfach fertig. Und der Aberglaube bot ihr eine Möglichkeit, den richtigen Enkel wieder zurück zu holen. Sie klammerte sich an diese einzige Hoffnung. Man muss ja auch sagen, niemand hat ihr geholfen. Niemand.

Und Nance hat sich auch nur an das gehalten, was ihre Tante sie gelehrt hat. Dass diese Tante sich in Heilkunde auskannte, mag sein, aber sie war auch eine gute Menschenkennerin und kann mit den heutigen Wahrsagern verglichen werden. Die finden immer etwas, dass gerade zur der Situation passt. Leider haben beide auch kein Einsehen, was sie falsch gemacht haben.

Fazit:

Das Setting 1825 in Irland in dem kleinen Tal ist richtig beengend und authentisch beschrieben. Dieser Herbst und dieser Winter, die Nässe, Kälte, der Nebel, der aufgeweichte Boden, die reißenden Flüsse … also, es war so richtig ungemütlich. Die verrauchten Katen der Bewohner, die abgrundtiefe Armut und dann dieser subtil bedrohliche Aberglaube.

Die drei Frauen waren alle charakterlich tief erfasst. Nora, die mir immer unsympathischer wurde, konnte ich dennoch verstehen, in ihrer absoluten Trauer um den Verlust ihres Ehemanns, in ihrer Wut auf den kräfteraubenden Enkel Micheal, die Erschöpfung, die Melancholie und schließlich die Verzweiflung, weil keiner hilft, im Gegenteil, man wird noch selber als Aussätzige behandelt.

Nance, die wie alle Heilkundigen den Spagat der damaligen Zeit zwischen Religion, Spiritismus und Heilkunde schaffen muss. Mary, die einzige, die mehr hinter Micheals Verhalten vermutet, auf die aber nicht gehört wird.

Ein Spannungsbogen wird psychologisch subtil-raffiniert aufgebaut. Die drei Frauen lernen einander kennen, jede ist alleinstehend und muss zusehen, wie sie in dem armen und kurz vor der Hungersnot stehendem Irland zurecht kommt. Aus drei Perspektiven verfolgt man langsam, wie sich etwas „ungutes“ aufbaut und auf ein Drama zusteuert. Der Erzählstil ist so aufwühlend, dass ich beim Lesen unbewusst den Atem angehalten habe. Nicht, weil es rasant gewesen wäre, sondern weil ein bestimmtes und undefinierbares Gefühl heraufbeschworen wurde, und man ahnt, das geht nicht gut aus.

Die Geschichte hat mich emotional mitgenommen. Diese „Verblendungen“, diesen Aberglauben können „wir“ heute in dieser Geschichte erkennen. Aber hätten wir damals, wenn wir in diesem engen Tal abseits jeglicher Kultur, Gesellschaft und Bildung so aufgewachsen wären, nicht genauso daran geglaubt? Dieses Tal war ein Mikrokosmos, wer dort geboren wurde und nicht weg kam, wuchs damit auf und nichts wurde mit gesundem Menschenverstand erklärt. Wir lesen es und wissen, dass Micheal kein Wechselbalg war, und dass er nichts mit dem Unglücken im Tal zu tun hatte. Aber die Menschen damals hatten dieses Wissen nicht. Sie hatten so gut wie gar nichts.

Der Erzählton war richtig gut getroffen. Eindrucksvoll wurden die drei Frauen mit tiefem Blick charakterisiert. Auch wenn sie einem nicht sympathisch waren (bis auf Mary), konnte man sich in sie hineinversetzen und wusste, warum sie so handelten und glaubten. Dadurch konnte ich Verständnis für die Figuren fühlen, auch wenn man das vielleicht gar nicht wollte. Diese Geschichte erinnerte mich übrigens an „Die Moortochter“ von Karen Dionne, hier wuchs ein Mädchen abseits der Zivilisation mit ihrer Mutter und einem psychotischen Vater im Moor auf. Es gibt Parallelen aus psychologischer Perspektive zu diesem Mikrokosmos in dem sie groß wurden und was sie dadurch „glaubten“, welche Weltansicht sie entwickelten. Ich wollte am liebsten alles schwarz oder weiß sehen, aber gerade wenn man das Urteil der Verhandlung für Nance und Nora Revue passieren lässt, sieht man auch die Graustufen.

Das Buch ging mir noch ein paar Tage lang nach. Es hat eine depressive Grundstimmung, die dem einfachen und beschränkten Leben der Einwohner dieses Tales gezollt ist. Die Gerichtsverhandlung, nein eigentlich sind Nance und Nora eine Farce, weil sie an ihren Überzeugungen festhalten. Das Urteil ist diskussionsbedürftig, auch wenn ich es auf seine Art gerecht fand. Denn kann man jemanden bestrafen, der Zeit seines Lebens mit Feen, Sitten, Gebräuchen und abergläubischen Ritualen aufgewachsen ist? Der nur dieses Leben kennt?

Die Geschichte basiert auf echten Ereignissen in Irland. Am Schluss gibt die Autorin noch Tipps für Folge-Literatur.

Alles in allem: Ein starkes Buch, das mich noch tagelang beschäftigte. Es herrscht eine depressive Grundstimmung und hinterher war ich eigentlich fix und fertig. Manchmal gehen mir bestimmte Geschichten, gerade wenn auf einem echten Fall basieren, sehr zu Herzen. Wie konnte es soweit kommen? Das ist hier sehr authentisch beschrieben.

Sterne: Ich vergebe fünf von fünf Sternen, denn authentisch und nachvollziehbar wird der falsche Weg, den die drei Hauptprotagonistinnen beschreiten, heraus gearbeitet. Man kann nachvollziehen, wie es soweit kommen konnte. Man kann den Kopf schütteln und sich denken, ich hätte es anders gemacht. Aber hätten wir das tatsächlich, wenn wir genau so aufgewachsen wären? Wären wir nicht auch eher angepasst gewesen und hätten auch an Feen und Wechselbälger geglaubt? Die Frauen können einem nur leid tun. Es war keine Hilfe zu erwarten, und so kam es zum äußersten. Eigentlich sind nicht die Frauen schuld, sondern alle Einwohner in diesem Tal. Es hat alles gepasst in dieser Geschichte, auch wenn sie eher düster daher kommt. Ein Buch, dass noch lange nachwirkt.

Das Buch erschien am 1. September 2017

Link zum Buch/Verlag: https://www.droemer-knaur.de/buch/7895224/wo-drei-fluesse-sich-kreuzen

 

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