Dionne, Karen – Die Moortochter

Dionne, Karen
Die Moortochter
978-3-442-20535-6
Goldmann

Inhalt:

Helena Pelletier lebt in Michigan auf der einsamen Upper Peninsula. Sie ist eine ausgezeichnete Fährtenleserin und Jägerin – Fähigkeiten, die sie als Kind von ihrem Vater gelernt hat, als sie in einer Blockhütte mitten im Moor lebten. Für Helena war ihr Vater immer ein Held – bis sie vor fünfzehn Jahren erfahren musste, dass er in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hatte. Helena hatte daraufhin für seine Festnahme gesorgt, und seit Jahren sitzt er nun im Hochsicherheitsgefängnis. Doch als Helena eines Tages in den Nachrichten hört, dass ein Gefangener von dort entkommen ist, weiß sie sofort, dass es ihr Vater ist und dass er sich im Moor versteckt. Nur Helena hat die Fähigkeiten, ihn aufzuspüren. Es wird eine brutale Jagd, denn er hat noch eine Rechnung mit ihr offen … (Quelle Goldmann)

Meine Meinung:

Durch verschiedene Print-Medien, weniger in Blogs, wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Normalerweise mache ich einen Bogen um alles, was sich Thriller nennt, Psycho-Thriller erst recht, aber mir ist auch schon aufgefallen, nicht alles was sich Thriller nennt ist auch ein Thriller und somit lohnt es sich manchmal für mich schon, einen zu lesen. Hier interessierten mich die angekündigten Überlebens- und „brutalen“ Jagd-Techniken in der Wildnis, deren sich beide Hauptprotagonisten bedienen sollten. Letztendlich gab eine Rezension auf Booknerds den Ausschlag dieses Buch zu lesen, auch wenn ich bei dem Cover und der Inhaltsangabe ein leicht beklemmendes Gefühl bekam (und ich es deshalb eigentlich nicht wirklich lesen wollte, aber Neugier …).

Das Kopfkino für diese Geschichte wurde bei mir schnell aktiviert. Ich stellte mir in erster Linie richtig brachiale Survival-Techniken vor, während sich Vater und Tochter gegenseitig kreuz und quer, aber dennoch mit psychologisch beklemmenden Versteck-, Droh- und Überraschungs-Effekten durch die Wildnis jagen. Aber es kam ein wenig anders. Denn es dauerte erst mal, bis die Jagd eröffnet wurde.

Erzählt wird die Geschichte von Helena, der Tochter des „Moorkönigs“, so wird der Entführer ihrer Mutter später genannt. Der „Moorkönig“, Jacob Holbrook, entführt und vergewaltigt Helenas Mutter und hält sie jahrelang als Gefangene im Moor in einer alten Hütte fest. Dort kommt auch Helena zur Welt und dieser Mikrokosmos soll die nächsten zwölf Jahre ihre Welt sein: Das Moor, die Hütte, die Eltern, die Natur.

Das Moor liegt in einem Feuchtgebiet des Tahquamenon River in Upper Peninsula/Michigan, ziemlich mittig genau an den drei großen Seen und an der Grenze zu Kanada. Wie im Buch erwähnt, ist die Bevölkerungsdichte dort auch in der realen Welt nicht sonderlich hoch und besteht interessanter- und unglaublicherweise vor allem aus finnischen Einwanderer-Familien.

Jacob Holbrook, der Moorkönig, ist indianischer Abstammung, ein „Ojibwe“. Das musste ich allerdings erst mal googeln, mir sagte der Begriff nichts. Als Helena elf oder zwölf Jahre alt ist, können Mutter und Tochter fliehen. Zurück bei den Großeltern mütterlicherseits, wird die Geschichte natürlich medial ausgeschlachtet. Ich erinnerte mich an den Entführungsfall von Natascha Kampusch.

Jahre später hat sich Helena eine neue Identität aufgebaut, niemand kennt sie, und auch ihrem Ehemann hat sie von ihrer Vergangenheit nie erzählt. Man kennt das aus der Literatur, nie war der richtige Zeitpunkt da, aber irgendwann kommt es heraus und es ist dann natürlich sehr unpassend. Hier als Helenas 62-jähriger Vater aus einem Hochsicherheitsgefängnis flieht und die Polizei zu ihr kommt. Nun ergeben Helenas Verhaltensweisen in der Vergangenheit für ihren Ehemann Stephen, der als Natur-Photograph arbeitet, einen Sinn. Denn welche Frau geht schon auf Bärenjagd, oder hat einen derart eklatanten Mangel an sozialen Verhaltensweisen? Diese Problematik zwischen Stephen und Helena hätte für meinen Geschmack mehr Raum verdient, es hätten sich viele kleine Geschichten daraus weben lassen, jedenfalls mehr als nur einzelne Sätze. Das war schade.

Auch die Erfahrungen, die Helena in der für sie „neuen“ Welt macht, werden in kurzen Sätzen geschildert. So zum Beispiel dass sie keine Butter kannte, kein Ball spielen konnte und vor allem die gesellschaftlichen Konventionen wie Hände schütteln, nicht zu rülpsen, die Uhr und pünktlich sein, nicht begriff. Sie kannte keinen Kalender und keine Elektrizität. Denn sie wurde ja mit dem jahreszeitlichen Rhythmus der Natur groß. Man stand auf wenn es hell wurde und ging ins Bett wenn es dunkel war. Das Jahr begann nicht im Januar, sondern wenn die Sumpfdotterblumen blühten.

Schade war auch, dass es etwas dauerte, bis ich mich an die lakonische Erzählweise gewöhnte. Diese war so auf Abstand bedacht, dass ich das Gefühl hatte, nicht mit Helena warm zu werden oder ihre Emotionen zu verstehen. Die Geschichte las sich wie ein Bericht in der Zeitung.

Kleiner Exkurs von mir: Helena hat zwei Kinder, Iris (5,5 Jahre) und Marigold (3 Jahre). Sie hat ihre Kinder nach den Blumen genannt, die sie als Kind im Moor liebte: Iris ist eine Sumpfschwertlilie, auch umgangssprachlich Wasserlilie genannt (nicht zu verwechseln mit Seerosen). Mit Marigold war im Buch die Sumpfdotterblume gemeint, und ich wurde stutzig, weil ich Marigold schon in der Inhaltsangabe für meinen Kräutertee gesehen habe und die Sumpfdotterblume leicht giftig ist. Tatsächlich bedeutet Marigold Ringelblume. Ich habe die Sumpfdotterblume als Kind auch geliebt, wenn wir in Wiesenbächlein und in Feuchtwiesen „spielten“, in denen damals die Sumpfdotterblume noch „en masse“ gewachsen ist. Mit Vergiftungen haben wir keine Probleme gehabt. Im Buch hier wurde aber als Namengeber für die Tochter Marigold die Sumpfdotterblume angegeben, und laut Internet heißt die Sumpfdotterblume genauer „marsh-marigold“.

Die Entführung und überhaupt Helenas Mutter wird extrem kurz erwähnt. Auch in der Zeit der Kindheit ist für Helena ihr Vater der Ansprechpartner, ihre Mutter ist einfach ein unscheinbares „Anhängsel“. Das war schon bitter. Der Hauptstrang der Geschichte handelt von Helena und ihrem Vater Jacob Holbrook, ihrer Kindheit, ihren „Prüfungen“, der Flucht und in der Gegenwart von der Jagd auf ihren Vater.

Helenas Mann Stephen und die Kinder verlassen sie kurz nach bekannt werden der Flucht ihres Vaters und dem Auftritt der Polizei. Stephen will seine Kinder zu seinen Eltern in Sicherheit bringen. Helena fährt nicht mit.

Zitat Seite 59: „Es gibt nur einen Weg, diese Sache in Ordnung zu bringen. Einen Weg, meine Familie zurück zu gewinnen. Ich muss meinen Vater stellen. Es ist der einzige Weg, Stephen zu beweisen, das nichts und niemand mir wichtiger ist als meine Familie.“

Helenas Mann und die Kinder werden auch nicht in die weitere Handlung integriert.  Außer ein paar Seiten am Anfang hört und sieht man im Buch nichts mehr von ihnen. Die Perspektive des Ehemanns wird leider total weg gelassen.

Sie bereitet sich darauf vor, ihren Vater zu jagen. Sie liebt und hasst ihn gleichzeitig und ist es leid, dass die ganze Geschichte nun nochmal aufgerollt wird. Sie hat schlimmste Befürchtungen wie die Medien die Geschichte erneut ausschlachten, wie ihre Kinder und ihr Ehemann damit klar kommen. Sie sieht richtig schwarz und befürchtet, dass im Falle einer Scheidung Stephen die Kinder zugesprochen werden. Sie ist enttäuscht, denn es hat nichts genutzt, ihre Identität zu ändern und die Vergangenheit zu verschweigen. Sie wird ihrer Geschichte nie entkommen. Dazu kann ich sagen, hat sie es auch nur halbherzig versucht. Für meine Begriffe war einer der Logikfehler, dass sie nur ihren Nachnamen ändert, und die Krönung ist, dass sie in der Nähe wohnen bleibt. Sie erbt das Haus ihres Vaters und ihrer Großeltern, dieses lässt sie abreisen um ein Doppelmobilheim darauf zu stellen. Sie denkt, dass ihr Vater seine Großeltern gehasst hat und wäre hier nun sicher, weil er nie mehr dorthin zurück kommen würde. Das fand ich schon sehr sehr blauäugig. Denn es ist doch logisch, dass wenn ihr Vater aus dem Gefängnis entlassen werden würde, dass er sich sehr höchstwahrscheinlich sehr wohl nochmal nach seinem zu Hause, in dem er als Kind aufgewachsen ist, umsehen würde, selbst wenn das Haus nicht mehr steht.

Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen und in zwei Zeitebenen erzählt. Zum einen in der Gegenwart, wie sich Helena auf die Suche und Jagd nach ihrem Vater macht und rückblickend die Beziehung zu ihm analysiert, und zum anderen in der Vergangenheit, als sie noch ein Kind und im Moor war. Beide Erzählstränge ergänzen sich und lassen in vermeintlicher Langeweile erst mal ein falsches Bild von Jacob Holbrook, Helenas Vater und dem Entführer ihrer Mutter entstehen.

Die Autorin hat hier geschickt agiert. Sie weckt auf den ersten 200 Seiten vielleicht nicht direkt Sympathie für den Entführer mit indianischen Vorfahren, aber versucht eine Art Verständnis heraus zu kitzeln. Seine Tochter hat Verständnis, und der Leser ist geneigt dieser Regung zu folgen, eigentlich wohl wissend, dass die Tochter psychologisch raffiniert manipuliert wurde.

In Rückblicken in die Kindheit, die ihr eigentlich „glücklich“ vorkam, weil sie nichts anderes kannte, liebt Helena ihren Vater abgöttisch und hält eher zu ihm als zu ihrer mürrischen Mutter, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Diese Erinnerungen halten sich so bis zur Hälfte des Buches und wurden durch einige Wiederholungen beim Leser manifestiert. Ich habe fast selber daran geglaubt und überlegte mir schon, wie es weitergehen sollte. Denn die Helena in der Gegenwart, machte sich für die Jagd bereit und ich fragte mich was sie vorhat, wenn sie ihren Vater findet. Lässt sie ihn laufen? Tötet sie ihn? Übergibt sie ihn der Polizei? Das war bis dahin noch nicht klar, weil sie noch gedanklich verständnisvoll an seinen „guten Willen“ glaubte.

Dann, ab der Hälfte des Buches wendet sich das Blatt. In der Vergangenheit wird das Kind Helena älter, kann sich so an einzelne Erlebnisse besser erinnern, und die sprachen nicht immer für ihren Vater, der immer mehr ausrastet. Aber selbst dann noch hält Helena bedingungslos zu ihm, sie kannte es nicht anders und den Leser beschleicht so nach und nach ein ungutes Gefühl, dass die Mutter und Tochter nicht nur an einen Entführer, sondern auch noch an einen richtig sadistischen Psychopaten geraten sind. Vor allem weiß man nicht genau, was er alles der Mutter von Helena antat. Hier wurden nur einzelne Vorfälle bekannt (grausam, die Geburt und die Sache mit der Plazenta).

Die Persönlichkeitsstörungen von Helenas Vater Jacob Holbrook zeigen sich unter anderen in gewalttätigen Handlungen, und auch in den verschrobenen Bestrafungen, die er den beiden angedeihen lässt. Vor allem Helena wird oft in einen Brunnen/Schacht gestellt. Dort ist es dunkel, kalt und der Boden ist mit scharfen Gegenständen belegt, so dass sie sich nicht setzen kann. Stundenlang, tagelang muss sie darin ausharren. Oder als sie sich mit dem Hammer auf einen Daumen schlägt, haut ihr Vater nochmal drauf, bis Helena vor Schmerz ohnmächtig wird, weil sie besser aufpassen soll! Das alles soll ihr eine Lehre sein, keinen Fehler zu machen. Seine Frau misshandelt er mehr oder weniger ständig.

Es dauert lange bis Helena im Erwachsenenalter erkennt:

Zitat Seite 147: „…verstehe ich die psychologischen Faktoren, die da im Spiel waren, schon besser. Bei einem Menschen, der seiner Autonomie beraubt wird, verändert sich auch der Charakter, sein Wille wird gebrochen.  … Wenn ein Mensch mit der Tatsache konfrontiert ist, dass er umso härter bestraft  wird, je mehr er sich wehrt, dann dauert es nicht lange, bis er lernt, genau das zu tun, was sein Entführer will.  Das ist nicht das Stockholm-Syndrom, sonder etwas, dass die Psychologen „erlernte Hilflosigkeit“ nennen. …“

Also dieses Syndrom hat die Autorin wirklich gut heraus gearbeitet und es gab viele Beispiel dafür, alle aus der Kindheit von Helena.

Die andere Seite ist, dass ihr Vater ihr alles über das Leben im Moor und der Natur beibringt, den Spirit der amerikanischen Ureinwohner. Denn sie leben fast autark, ohne Zivilisation, ohne Strom und von dem, was die Natur ihnen gibt und einigen Konserven-Vorräten. Sie sammeln Wildpflanzen und erlegen Wild, trinken Zichorien-Kaffee und essen Rohrkolbengemüse. Das Nahrungsmittelangebot der Natur ist begrenzt, mühselig zu ernten und oft nicht wirklich schmackhaft. Zu ihrem fünften Geburtstag sucht sie sich ein Nachez-Bowie Messer von Cold Steel aus. Irgendwann bildet ihr Vater sie in Spurensuche aus und veranstaltet „Wettbewerbe“, in denen der Preis auch immer eine Strafe oder Drohung beinhaltet, wenn sie etwas nicht schafft. Als Kind allerdings erkennt Helena dies nicht. Für sie ist die Welt in Ordnung. Und wenn ihr Vater ihre Mutter schlägt oder anderweitig bestraft, denn steht sie, für uns Leser unglaublicherweise, auf der Seite ihres Vater, der alles richtig macht. Sie kennt ja nur diese eine Perspektive, dieses eine Leben im Moor.

Aber wie gesagt, sie wird älter und erkennt instinktiv, dass dennoch etwas nicht stimmt. Irgendwann kommt zufälligerweise ein Snowmobil-Fahrer an der Hütte vorbei, und damit nimmt ein weiteres Drama seinen Lauf. Denn dieser kennt ihre Mutter.

Während sich in der Erinnerung in der Vergangenheit alles zuspitzt, und ich eigentlich nur darauf wartete, wie Mutter und Tochter entkommen konnten, begibt sich Helena in der Gegenwart auf Fährtensuche in den Wald, der ihr so vertraut ist. Dennoch ist ihr Vater ihr immer einen Schritt voraus. Er bringt mehrere Menschen um und hinterlässt ihr Nachrichten die sie richtig interpretiert: Ihr Vater ist auf dem Weg zu ihrer Familie. Denn Steven ist mittlerweile wieder nach Hause gekommen, und will sich mit Helena versöhnen. Also, man hat einen Spannungsbogen, der sich erst am Schluss so richtig entfaltet. Man fragt sich, wie Mutter und Tochter in der Vergangenheit fliehen können und in der Gegenwart, was Helena tun wird, falls sie ihren Vater findet bzw. wenn er ihre Familie zuerst findet.

Nicht verstehen konnte ich, wie ihr Vater vorausahnen sollte, wo Helena, als sie unterwegs mit dem Auto im Wald ist, eine Pipi-Pause macht. Wie konnte ihr Vater diesen Ort vorausahnen? Denn Pipi machen passiert ja ziemlich spontan. Und mit dem Auto kann man in einem weitem Umfeld unterwegs sein, und woher sollte er das wissen? Schlicht unmöglich. Dennoch schafft er es, ihr ein weiteres Geschenk in den Wald zu legen, das sie findet.

Ebenso habe ich überlegt, wie alt Helenas Hund Rambo eigentlich ist. Als Kind im Moor ist er ihnen zugelaufen, da war er schon ca. 6-8 Jahre alt, und jetzt ist es 15 Jahre später, selbst wenn er nicht tot gewesen wäre, hätte er erhebliche Altersschwächen haben müssen. „Rambo“ ist ein sogenannter Plotthund (Schweißhund), der zur Bärenjagd gebraucht wird. Helenas Vater war eifersüchtig auf den Hund und am Schluss, während der Flucht, schoss er ihm ein Bein weg. Und 15 Jahre später ist er immer noch dreibeinig, also war es derselbe Hund.

Diese Jagd und Fährtensuche in der Gegenwart spielt sich in ein oder zwei Tagen ab. Und genau diese hatte ich mir so vorgestellt, wie ich oben erwähnt habe, praktisch ein Action- und Psycho-Drama, fiel ausführlicher, anstatt kurz und knapp über ein paar Seiten. Es erschien mir alles so steril und kalt, keine Action, kein Drama und nur zwei Geschehnisse, in denen ich Thriller-Momente erleben konnte (als Helena den nackten Toten in der Hütte findet; und als sie zum ersten Mal denkt, ihr Vater ist auf dem Weg zu ihrem Haus).

Es gibt ein versöhnliches Ende für mich und für den Gerechtigkeitssinn, den ich empfinde. Nur wird Helena auch gestehen, dass sie noch einen anderen Menschen umgebracht hat, der nicht ihr Vater war? So ganz nachvollziehen konnte ich die Episode sowieso nicht.

 

Fazit:

Die Geschichte wurde überall groß gelobt: „Action Thriller, Meisterwerk, Vergnügen, brillant“, um mal ein paar Wörter zu nennen. Auch die Inhaltsangabe weckte bestimmte Vorstellungen. Für mich traf leider nichts davon zu. Es war kein Vergnügen, dieses Buch zu lesen, es war – normal bis langweilig. Es war nicht brillant – es gab ganz normale Vorgänge die nicht viel Intelligenz beim Lesen erfordern und es gab keinen Aha-Effekt. Es war für mich auch kein Thriller, bei dem ich eine Gänsehaut bekam. Es war auch kein Action-Thriller, weil es nur ganz wenige Szenen im Buch gibt, die ich unter „Action“ verstehen würde.

Ich hatte mich auf einen interessanten Roman mit einem großartigen Überlebenskampf in der Wildnis Upper Peninsulas (USA, Michigan) eingestellt. Ich dachte, es geht querfeldein durch Dreck, Gestein, Moor, Wildwasser und die Protagnisten müssten etliche Überlebensqualen auf der Jagd nacheinander ausstehen. Sich mit schlimmen Verletzungen abseilen, in reißenden eiskalten Strömungen untertauchen, weglaufen, leise sein, sich verstecken immer mit dem Gedanken der Gejagte steht gleich hinter mir im dunklen Nebel oder in der Nacht oder so. Also, ich dachte es geht richtig hart zur Sache. Es kam aber anders, ganz anders. Die Jagd, die Fährtensuche und der sogenannte Überlebenskampf in der Gegenwart spielten sich in ein oder zwei Tagen ab, bzw. in ein paar kurzen Kapiteln und waren bei weitem nicht so spannend wie erwartet. Auch die Thriller-Elemente mit Gänsehaut, Angst und Grusel waren bei vielleicht auf 1-2 klitzekleine Szenen beschränkt (zum Beispiel als sie in einer Hütte eine nackte Leiche findet). Zudem hatte ich mir alles viel ausführlicher und ganz nah dran an den Charakteren und Emotionen vorgestellt. Sie erschienen mir leider nur ziemlich kurz und knapp präsentiert.

Die Geschichte wird rückblickend erzählt. Zum einen in der nahen Gegenwart, wie sich Helena auf die Suche nach ihrem aus dem Gefängnis entflohenen Vater in der Wildnis macht und wie nach und nach die Angst um ihre Familie wächst, denn ihr Vater hinterlässt ihr Botschaften und Spuren, die eindeutig sind. Und zum anderen in der Vergangenheit, als sie noch ein Kind war und ihren Vater liebte. Beide Erzählstränge bauen ruhig und mit Längen die Geschichte auf und spitzen sich erst am Schluss zu.

Parallel wird dazu das Märchen „Die Tochter des Moorkönigs“ von Hans Christian Andersen erzählt.

Die Autorin baut „schlau“, und wie ich meine mit Hintergedanken, die Geschichte auf. Denn in der ersten Hälfte entwirft sie ein Charaktergebilde von Jacob Holbrook, dass wir nur aus der Perspektive der kleinen Helena kennen, die ihren Vater abgöttisch liebt und ehrfürchtig zu ihm aufschaut. Die Autorin hat hier geschickt agiert: Sie weckt vielleicht nicht direkt Sympathie für den Entführer mit den indianischen Vorfahren (Ojibwe), aber impliziert ein klein wenig Nachsicht mit ihm zu haben. Wie seine kleine Tochter, die vollstes Verständnis für ihn hat. Und der Leser ist geneigt dieser Regung zu folgen, eigentlich wohl wissend, dass die Tochter psychologisch raffiniert manipuliert wurde. Man schwankt zwischen Verständnis und Abneigung, weil man sich noch nicht genau im Klaren ist, wer dieser Mensch und zu was er fähig ist. Aber dennoch erahnt man als Leser subtil unter der Oberfläche von Jacob Holbrook seinen kranken Geist. Erst in der zweiten Hälfte des Buches ändert sich das entscheidend.

Denn als Erwachsene versucht die Hauptprotagonisten Helena auf der Jagd nach ihrem Vater, sein Verhalten zu analysieren und auch immer noch zu entschuldigen. Auch wenn sie erkennt, was ihr Vater ihr und ihrer Mutter angetan hat, ist sie zwiegespalten und innerlich zerrissen, glaubt immer noch irgendwo im tiefsten Innern, dass ihr Vater sie geliebt hat.

Gerne hätte ich mehr über das Leben in der Natur erfahren, dass zwar schon in diversen Ansätzen erwähnt wird, aber für meinen Geschmack hätten diese Ansätze ausführlicher sein können. Zu kurz werden der Zichorienwurzel-Kaffee, der entzündungshemmende Tee aus Weidenextrakt, Feuer machen, Wasser holen oder die Jagt erwähnt.

Zudem hat Helenas Mutter fast keinen Platz in der Geschichte. Ihre Sicht der Dinge erfährt man nicht. Im Gegenteil. Sie muss mit ansehen, wie sich ihr eigenes Kind gegen sie stellt und zu dem gestörten Vater hält. Auch Helenas Ehemann Stephen bleibt praktisch unsichtbar.

In der zweiten Hälfte zeigt sich dann der wahre Charakter von Helenas Vater, den ich als Leser schon vermutet hatte. Die Frage war nur, wann und ob es auch Helena merken würde, die mit zwölf Jahren endlich flieht. Der Clou dieser Geschichte ist eigentlich, wie ein Kind manipuliert werden kann. Ich denke nicht, dass es Jacob Holbrook, Helenas Vater so geplant hatte. Er war psychisch krank und vieles geschah für ihn unbewusst, weil auch er gefangen in seinen Ängsten und Handlungen war. Und dies war schon sehr scharfsichtig dargestellt, so dass man letzten Endes schon irgendwie verstehen konnte, warum Helena ihren Vater dennoch mit einem letzten Funken Hoffnung liebt. Unter diesen Aspekt lohnt es sich schon, die Geschichte zu lesen.

Das alles liest sich auf distanzierte und ruhige Art schon irgendwie unterhaltsam, aber der Erzählton ist eher sachlich-lakonisch und dadurch waren die Emotionen so weit weg. Ich konnte deswegen nicht mit den Protagonisten wirklich mitfühlen. Die Charaktere waren alle nicht tiefergehend angelegt. Überhaupt, schien jedes und alles relativ kurz gehalten zu sein in dieser Geschichte, und es fehlten viele Details und noch ausführlichere emotionale Gedanken von und über die Charaktere. So war ich nicht mittendrin, sondern blieb außen vor.

Alles in allem: Ich war schlichtweg enttäuscht, weil es weder einen großartigen Überlebenskampf in der Wildnis gab, noch trug der sachliche Erzählstil dazu bei, dass ich mitfühlen konnte. Die Charaktere blieben blass und sehr oberflächlich, und die Geschichte las sich wie irgendein Bericht in der Zeitung. Dennoch war die Idee selber überzeugend, es haperte nur mit der Umsetzung.

Sterne: Ich vergebe zwei von fünf Sternen, weil eine hohe Erwartungshaltung geschürt und nicht gehalten wurde. Die Idee dieser Geschichte hätte sicherlich fünf Sterne verdient, wurde mir hier aber nicht emotional genug umgesetzt. Dies lag vor allem an dem sachlich-kalten Erzählton. Dennoch lässt sich das Buch unterhaltsam lesen, auf sehr ruhige Art auch irgendwie spannend, aber mit vielen Längen.

Das Buch erschien am 24. Juli 2017

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.randomhouse.de/Paperback/Die-Moortochter/Karen-Dionne/Goldmann/e513309.rhd

 

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