Eggers, Dave – Bis an die Grenze

Eggers, Dave
Bis an die Grenze
978-3-462-04946-6
Kiepenheuer & Witsch

Inhalt:

Bis an die Grenze« ist ein berührender, warmherziger Roman, in dessen Zentrum Josie steht, eine alleinerziehende Mutter, die mitsamt ihren beiden Kindern aus den Zwängen ihres Vorstadtlebens flieht und sich in der Wildnis Alaskas neu zu finden sucht. Dave Eggers Porträt einer Frau, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Wunsch nach Konformität und nach Freiheit, ist hochkomisch, wahrhaftig und ungemein aktuell. Josie, eine Zahnärztin, die ihre Praxis hat schließen müssen, bekommt Panik, als ihr Exmann darum bittet, die gemeinsamen Kinder seiner neuen Verlobten vorstellen zu dürfen. Sie packt die Kinder und flieht mit ihnen an den entlegensten Ort, der für sie ohne Pass erreichbar ist: Alaska. Die Reise in dem angemieteten, abgetakelten Wohnmobil durch die Wildnis rüttelt die Familie durcheinander. Der achtjährige Paul übernimmt die fürsorgliche Vaterrolle in der Familie, während die fünfjährige Ana Chaos und Zerstörung magisch anzieht. Was sich zunächst wie ein Abenteuerurlaub am Ende der Welt anfühlt, wird schnell zur verzweifelten Flucht, nicht zuletzt vor einem Lauffeuer, das in der Region ausgebrochen ist. Doch nicht nur das Feuer scheint Josie auf den Fersen zu sein, sie kämpft auch gegen die imaginären sowie realen Geister ihrer Vergangenheit und muss dafür bis an ihre Grenze gehen.  (Quelle Kiepenheuer & Witsch)

 Meine Meinung:

Die Inhaltsangabe machte mich neugierig, eine alleinerziehende Mutter flüchtet mit ihren Kindern im Wohnmobil quer durch Alaska. Hörte sich vielversprechend an. Meine Stadtbücherei hatte das Buch vorrätig, was will ich mehr?

Die „Schwierigkeiten“ begannen gleich am Anfang. Ich fand schwer Zugang zu der Geschichte, die mir eher wie eine Art Traum erschien. Der Erzählton war sehr ansprechend und ausgeschmückt, etwas, das mir normalerweise gut gefällt und meistens auch in einer tollen Geschichte mündet. Das war hier aber nicht so. Denn die Geschichte ließ sich für mich etwas verschachtelt kompliziert lesen. Einfach „runterlesen“ ging halt nicht so einfach wie sonst. Dazu trugen die vielseitigen Gedankensprünge der Hauptprotagonistin Josie bei. Es war einfach und dennoch schwierig (weil oft nichtssagend), zu folgen.

Zudem fühlte ich von Anfang an eine Melancholie in der Geschichte, die mich „runterzog“. Wie in einem subtilen Thriller, wie in einem komischen Traum wo nach und nach ganz versteckt Druck aufgebaut wird. Im Prinzip fühlte sich das Lesen wie ein schlechter Traum an, aus dem man aufwacht und verwirrt und fertig ist. Auf der Rückseite des Buches steht zu lesen, dass die Geschichte „hochkomisch“ ist, ich konnte nichts dergleichen entdecken. Im Gegenteil, sie machte mich „hochtraurig“.

Dies lag an der überforderten Hauptprotagonistin Josie. Sie ist Zahnärztin und hat sich von ihrem Mann Carl getrennt. So nach und nach merkt man, dass sie alles verloren hat. Ihre Familie, die Zahnarztpraxis, ihren Lebenswillen. Sie lebt praktisch nur noch in ihren mannigfaltigen Gedanken.

Warum sie sich von ihrem Mann getrennt hat, war relativ schnell ersichtlich. Ein arbeitsscheuer Tunichtgut, der auf ihre Kosten gelebt hat und seltsame Angewohnheiten hatte. Unter anderem benahm er sich wie ein zwölfjähriger. Acht Jahre hat sie mit ihm vergeudet. Warum sie die Zahnarztpraxis aufgeben musste, wird erst nach und nach enthüllt, man ahnt es, vielleicht ein Arztfehler!?

Dazu die Schuld, die sie auf sich geladen hat. Dieser Teil wird schnell enthüllt, bis Seite 142 weiß der Leser, was mit Jeremy passiert ist. Die tatsächliche Schuldigkeit wird man wohl nur  moralisch feststellen können, ist vielleicht auch eine Ansichtssache. Ich wusste nur, ich wollte diesen Gedanken für mich nicht weiterführen, da ich mich selber wahrscheinlich auch schuldig gefühlt hätte. Aber letztendlich ist wohl alles irgendwie Schicksal.

Josie war für mich ein schwer fassbarer Charakter, seltsam passiv, obwohl ihr ganzes Leben unstet war. Sie lebte und arbeitete mal hier und mal dort, fing in jedem Semester ein neues Studienfach an und brachte es nicht zuende. Im Prinzip wusste sie gar nicht, was sie wollte und probierte vieles aus, ohne sich selber auf die Spur zu kommen. Sie konnte ihr Leben nicht fassen, sie wusste nichts damit anzufangen. Ich hatte zudem das Gefühl, dass sie unter Depressionen litt, vor allem, als sie über ihre Arbeit in der Zahnarztpraxis nachdenkt. Eigentlich wollte sie auch keine Zahnärztin werden.

Und sie denkt nach, über alles und jeden. Sie kann praktisch über alles seitenweise nachdenken, was sie sieht, hört oder gerade denkt. Es ist unfassbar, skurril, aber oft sind diese Gedanken einfach nur Längen die ich am liebsten überlesen hätte.

Zitat Seite 229: „Und wieso ist Geschirr in der Spüle das universelle Symbol für häusliche Verwahrlosung? Weil es gestapelt ist? Geschirr sollte nicht gestapelt werden – war das die Schlussfolgerung? Oder weil es in der Spüle steht? Es kann ruhig gestapelt sein, aber nicht in der Spüle? Sollte es woanders gestapelt sein? In einem Schrank, auf dem Bett?“

Solche und ähnliche Gedanken durchziehen das ganze Buch. Josie hat Millionen solcher Gedanken, sie verbreitet dadurch eine ungesunde Unruhe, die mir Unbehagen verursachte. Sie ist rastlos, hat ihr Ding noch nicht gefunden. Mir war das einfach zu viel Nebensächliches.

Manches war auch nicht verständlich. Zum Beispiel, als sie in ein Bed & Breakfast kommen, aber die Besitzer nicht da sind. Sie übernehmen einfach die separate Wohnung in einem Nebengebäude, dabei hätten sie doch im Wohnmobil schlafen können, bis die Besitzer zurück kämen und dann die Modalitäten klären. So sind sie einfach unbefugte Hausbesetzer. Das kann nicht gut gehen. Als Leser und als Erwachsener weiß man das.

Zwischen den Zeilen verstecken sich aber auch Gedanken, über das, was passiert ist, über ihre Schuldgefühle, über ihre Kindheit. Aber oft auch, ohne konkret zu werden. Der Leser ist gezwungen durch den Nebel zu gehen.

Während sie mit den Kindern unterwegs ist, trinkt sie gerne 2-3 Gläser Wein, um sich zu entspannen. Ist sie eine Alkoholikerin?

Die Familie hat eindeutig Probleme. Natürlich bleibt viel an Josie hängen, da ihr Ehemann unzuverlässig ist. Sie ist definitiv auch überlastet, lebt in einem Hamsterrad. Ständige Schuldgefühle für ihre Kinder nicht da zu sein, und auch in der Schule ist vieles zu verpassen. In ihren Gedanken rechnet sie sich aus, dass sie 32 Stunden im Monat Zeit haben müsste, um die Schulveranstaltungen ihrer Kinder zu besuchen. Wieder Schuldgefühle. Sie vergleicht sich mit anderen Eltern, die dies schaffen. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie arbeiten muss. Diese „Schuldgefühle“ kann man als Mutter und Berufstätige nachvollziehen.

Die Stars der Geschichte sind für mich definitiv die Kinder von Josie und Carl: Paul und Ana. Sie wuchsen mir mit jeder Seite mehr ans Herz, sie sind sowas von anrührend in ihrer kindlichen Unschuld, hach, da kann ich nur seufzen. Gleichzeitig taten sie mir auch leid. Die Familie besteht aus extremen Individuen, die sich nicht nur äußerlich zeigen. Während Josie als Mutter schwarzes Haar und braune Augen hat, ist der achtjährige Paul blond und blauäugig, und die fünfjährige Ana rothaarig und grünäugig. Genauso sind sie auch charakterlich verschieden. Paul ist schon sehr erwachsen für sein Alter und kümmert sich sehr liebevoll um seine Schwester Ana, er ist sanft und bedächtig. Ana ist ein Wirbelwind, ein „Monster“, hyperaktiv, sie kriegt alles kaputt, reist Handtuchhalter von den Wänden, spricht manchmal in Rätseln, und das mit ihren fünf Jahren! Ich hatte den Eindruck, dass sie eine Krankheit hat oder geistig beeinträchtigt war. So ein Kind kann einen an seine Grenzen bringen, ist aber etwas ganz besonderes. Die Szenen mit ihr habe ich genossen, denn sie waren so unberechenbar, anfangs unerklärbar, aber dann nachträglich oft mit Sinn.

Ich war mir nicht sicher, ob ich Josie für ihre laxe Art mit den Kindern bewundern sollte, denn ich wusste nicht, war es eine Art Gleichgültigkeit oder Resignation die sie ihren Kindern entgegenbrachte? Die totale Erschöpfung einer alleinerziehenden Mutter? Das hätte ich verstehen können. Auf alle Fälle hat sie die Kinder geliebt, jedes auf seine Art, das habe ich gespürt.

Während der „Reise“ erinnert sich Josie an ihre Stiefschwester und besucht diese. Eine kurze Erholung in einem geordneten Haushalt, wovon Josie nur träumen kann. Sie bleiben nicht lange, sind weiterhin auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihrem Exmann Carl. Dies ist auch ein Thema, wie die zwei Seiten oder zwei Parteien ihre Ehe/Beziehung gesehen haben. Manches konnte ich gut nachvollziehen.

Zitat Seite 223: „Carl hatte seine Kinder in den letzten vierzehn Monaten einmal gesehen, doch seiner Vorstellung nach brachte er sie jeden Abend ins Bett. Welche evolutionäre Mutation ermöglichte einen derartigen Selbstbetrug?“

Und dann auch immer wieder Gedanken an ihre Schuld, an Jeremy und Evelyn. Vielleicht war Hauptprotagonistin Josie deswegen wie gelähmt, weil sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte. Das interessante ist, dass im Buch zwei Aussagen sind, die mich an Josies Schuld zweifeln gelassen haben. Zum einen war gar nicht sicher, ob Jeremy an besagter Stelle im Irak gewesen sein kann, zum anderen gab es Evelyns Kanu-Fahrten in einem verseuchten Fluss (S.162, schwefelhaltiger Fluss). Die Frage der Schuld ist nicht zu Ende gedacht. Es können auch andere schuld gewesen sein. Ich fragte mich, warum Josie das nicht sah. Sie hat die Schuld eigentlich freiwillig auf sich genommen.

Fazit:

Wirklich packen konnte mich die Geschichte leider nicht. Sie hatte eine melancholische Grundstimmung, die sich durch das ganze Buch zog. Mit dazu trug der Charakter und die Gedanken der Hauptprotagonistin Josie bei, die ausgelaugt ist, einen Burn-Out  und zudem depressive Stimmungen hat. Nicht zu vergessen, ihre tägliche Ration Alkohol in Form von Wein. Ihre Gedanken sind sehr verschlungen, ihr Gehirn steht niemals still, sie kann aus wirklich allem was sie hört, sieht und denkt ein Thema über ein paar Seiten erdenken und hat somit einfach Längen erzeugt, die mich weniger interessierten und die ich gerade am Schluss einfach nur noch überflogen habe, weil sie nicht wichtig waren.

Josie lebt wie in einem nebulösen Traum, einem unguten Druck-Traum. Sie geht passiv durch die Welt, vieles passiert ihr einfach, sie wehrt sich nicht, ist wie gelähmt. Ich hielt des Öfteren die Luft an und hoffte, dass alles gut wird. Eine Mutter, die alles richtig machen will, dennoch läuft alles anders als geplant, es läuft aus dem Ruder. Eine Mutter, die gesellschaftlich im Abseits steht, deren Leben bergab ging. Also die Geschichte ist alles andere als lustig oder hochkomisch, wie es irgendwo zu lesen stand. Einen Roadmovie würde ich es auch nicht nennen, aber da habe ich wohl meine eigene Definition. Ich glaube, ich habe im ganzen Buch einmal geschmunzelt, kein einziges Mal laut gelacht. Manche Begebenheiten fand ich ironisch, andere skurril und dadurch subtil halbwegs witzig.

Mit der Hauptprotagonistin Josie schwankte ich zwischen Sympathie und irgendwas anderen. Sie konnte mich nicht ganz für sich einnehmen, leider. Die beiden Kinder hingegen sind sowas von süß und unschuldig und machen alles mit, was ihre Mutter ihnen „vorsetzt“, das ist so vertrauensvoll, dass man fast heulen könnte. Sie sind mir ans Herz gewachsen, wie eigen sie auch sein mochten.

Der Schreibstil und Erzählton sind wunderbar, wunderschön zu lesen. Ausführlich, detailverliebt. Ich weiß nicht, ob man die Geschichte vom Erzählstil lostrennen kann, aber ich empfinde es hier so, dass die Geschichte mich nicht mitnehmen konnte, mir der Erzählton und Schreibstil aber sehr gut gefallen haben.

Im Endeffekt habe ich auch nicht kapiert, wohin die Geschichte gehen sollte. Eine Flucht aus dem Alltag, eine Flucht vor sich selbst? Eine Auszeit? Alleinerziehende Mütter? Folgen einer Trennung? Einige Pressestimmen auf der Amazon-Seite sind für mich fragwürdig, nicht nachvollziehbar. So wird wohl jeder etwas anderes in der Geschichte finden oder sehen.

Sicherlich trägt Hauptprotagonistin Josie einen Packen Schuldgefühle mit sich rum, aber die lösen sich nicht Alaska in Luft auf. Zudem lässt sie das Wohnmobil verlottern, und betritt Eigentum, das ihr nicht gehört. Für mich war das unverständlich und ich konnte es nicht nachvollziehen. Und am Ende ist nach einem Telefonat alles gut? Wie alles gut wurde, irgendwie, während dieser Reise? Sicherlich gibt es einige gute Ansätze, die ich gerade als Mutter verstehen kann, aber manche Begebenheiten waren haarsträubend und unglaubwürdig.

Alles in allem: Der wunderschöne Schreibstil und Erzählton können leider nicht über die Längen hinweghelfen. Die Geschichte ist skurril und melancholisch. Sie lässt mich ratlos zurück. Was war das?

Das Buch erschien am 9. März 2017

Link zum Buch/Verlag: http://www.kiwi-verlag.de/buch/bis-an-die-grenze/978-3-462-04946-6/

 

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2 Kommentare zu “Eggers, Dave – Bis an die Grenze

  1. Hey,
    mir ging es absolut wie dir! Ich hatte so hohe Erwartungen an das Buch, da mich der Klappentext richtiggehend angesprochen hat. Doch die Umsetzung der Story fand ich misslungen! Ich konnte mich auf keine der Figuren einlassen und fühlte genausowenig, was der Autor mir mit seinem Buch sagen wollte…
    Falls du meine Rezi nachlesen magst, ich habe sie HIER als Flop gekennzeichnet. 😀
    GlG vom monerl

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    • Hallo Monerl,
      gerade habe ich mir deine Rezi durchgelesen. Tatsächlich, wir haben in einigen Dingen die gleiche Meinung. Außer, dass ich mich noch mit dem Erzählstil anfreunden konnte …
      Es ist schon interessant, wenn du dich genauso fragst wie ich, was das eigentlich für eine Geschichte war … Selten blieb ich so ratlos zurück. Insgesamt war das es einfach nur schade, weil man sich doch irgendwie durch gequält hat (ich zumindest).

      Viele Grüße
      Tanja vom Bücherfüllhorn

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