Persson, Gunilla Linn – Heimwärts über das Eis

Persson, Gunilla Linn
Heimwärts über das Eis
978-3-458-36187-9
Insel Verlag

Inhalt:

Heimwärts über das Eis erzählt zart und berührend von der zweiten ersten Liebe, von Schuld und Reue, von Entfremdung und Versöhnung – inmitten der herrschaftlichen Weite des Meeres, der anmutigen Landschaft der schwedischen Schären und des schimmernden Glanzes einer Welt, die nach einem langen Winter wieder zum Leben erwacht. Erste Frühlingsboten in den Schären: Kälte und Eis weichen nur zögerlich, doch die täglich höher steigende Sonne lässt den Frühling auf Hustrun, einer der nördlichsten Inseln im Stockholmer Schärengarten, schon erahnen. Ellinor Ingman hat hier ihr ganzes Leben verbracht. Außer ihr und ihrem alten Vater leben fast keine Familien mehr auf der Insel. Es ist ein ruhiges, oft einsames Dasein, doch Ellinor liebt die Insel und das Meer, ihre Eiderenten und ihren kleinen Garten. Als Herrman Engström jetzt nach über dreißig Jahren plötzlich wieder vor ihr steht, ihre einstige große Liebe, gerät ihre Welt aus den Fugen. Die alten Gefühle drängen sich auf. Und mit ihnen die quälende Frage: Warum ging er damals einfach fort? Die Antwort birgt eine alte, unausgesprochene Geschichte, die immer zwischen ihnen stand. Die weit zurückreicht in den Winter 1914, als ein schreckliches Unglück über die Insel hereinbrach und ein verheerender Schneesturm das Leben der Familien dort für Generationen veränderte … Im sanften Licht des herannahenden Frühlings beginnen die Schatten der Vergangenheit nun langsam zu weichen – und Ellinor und Herrman bekommen eine zweite Chance, für ihre Liebe zu kämpfen. (Quelle Insel Verlag)

Meine Meinung:

Dieses Buch las ich bereits im Juni letzten Jahres (2017), aber ich möchte es erst jetzt vorstellen, da es besser zu der Jahreszeit passt. Die Geschichte im Buch spielt im nahenden Frühling, aber es ist noch eiskalt und das Meer vor der Insel Hustrun zugefroren.

Persson, Gunilla Linn
Heimwärts über das Eis
978-3-458-36187-9
Insel Verlag

Aufmerksam auf das Buch wurde ich durch eine Verlosung auf der Lovelybooks-Seite im Internet. Natürlich habe ich mitgemacht, aber man kann ja nicht immer gewinnen. Dann entdeckte ich es zufällig ein paar Wochen später in meiner Stadtbücherei und da war klar, dass muss mit bevor es jemand anderes auslieh, auch wenn ich eigentlich noch so viel anderes zum Lesen hatte. In erster Linie machte mich der Titel des Buches sehr neugierig. „Heimwärts über das Eis“. Er hörte sich so sehnsuchtsvoll an, nach Herz-Schmerz im Winter, nach Einsamkeit und viel mehr. Nach Beendigung des Buches kann ich sagen, dass der Titel „Heimwärts über das Eis“ sehr treffend gewählt war, weil er mit allen beschriebenen Ereignissen zusammenhängt.

Der Anfang war dann leider ein wenig verwirrend im doppelten Sinne. Zum einen wird auf den ersten zwanzig Seiten schon aus drei Perspektiven und zwei Zeitebenen geschrieben (eine dritte kommt noch dazu) und zum anderen war der Erzählton so überraschend anders als erwartet. Poetisch, aber auch klar. Einfache Sätze, die wirken. Die Dialoge waren oft hölzern spröde, aber mit einer Prise geheimnisvoller Poesie, die nur zwei Menschen verstehen können, die sich lieben. Wie Ellinor und Herrman. Sätze wie:

Seite 12: „Ellinor Ingman, die Frau auf der Insel, im Jahr 2013. Noch nicht mal ein Gnadenjahr.“

Ich finde, das ist ein starker Satz, der er sehr viel Geschehen implizierten kann. Die Frau auf der Insel. Irgendwas ist mit ihr. Das Jahr 2013. Gibt es noch andere Jahre in denen wahrscheinlich etwas Besonderes vorgefallen ist? Und das geheimnisvollste ist die letzte Aussage. Ich überlegte, war es ein Gnadenjahr aus irgendwelchen naturphysikalischen Gründen oder hatte Ellinor Ingman nur noch ein Gnadenjahr und wenn ja, warum? Oder ist es sprichwörtlich zu verstehen?

Seite 22: „Wo die Eiderenten brüteten, war ihr wohlbehütetes Geheimnis.“

Warum war es ein Geheimnis? Sind Eiderenten etwas Besonderes? Gibt es einen Kontext mit den Eiderenten zu dieser Geschichte? Oder gibt es eine besondere Erinnerung an diesen Platz? Irgendwie vermutete ich letzteres, der Satz stand im Buch wie ein leise gehütetes Geheimnis, dass Ellinor innerlich wärmte und leben ließ.

Überhaupt war Ellinor mir am Anfang gar nicht so sympathisch, ohne dass ich es näher erklären könnte. Vom Aussehen her unprätentiös, leicht hinkend und dennoch attraktiv. 55 Jahre alt, lebt ein einfaches Leben mit ihrem Vater auf der Schäreninsel Hustrun. Ich hatte das Gefühl, dass sie dort „mechanisch“ wie in einem Hamsterrad ihre Arbeiten erledigt. Ihre Gedanken sind aber immer meilenweit entfernt. Sie tagträumt. Es ist eine Stimmung in und an ihr, die dem Leser einen Hauch von einer Ahnung vermittelt. Andererseits wirkte sie stellenweise auf mich wie eine alte Gouvernante. Eine Frau die aus der Zeit gefallen ist, oder wie ich später dachte, die ab einem bestimmten Zeitpunkt „stehen geblieben“ ist, dazu noch ohne Erinnerung. Ein faszinierender Charakter, weil er Geheimnisse wahrt und sich dessen selber nicht bewusst ist. Aber auch traumatisiert.

Zitat Seite 93: „Vierhundervierundsiebzig Schritte hinunter zum Schiffsanleger und ebenso viele Schritte zurück. Das war ihr Leben. Ein Trott, den nichts zu unterbrechen vermochte.“

Aus dieser ungesunden Lethargie wird sie herausgerissen, als Herrman auf die Insel zurückkommt, um sein Grundstück zu verkaufen. Herrmann, auch Ü-50, breitschultrig, muskulös und sehr attraktiv für einen Mann in seinem Alter. Nicht, dass dies für dieses Buch eine Rolle gespielt hätte! Er ist Vogelmaler, und es fällt vor seinem Auftreten schon auf, und auch später, dass viele Vögel in diesem Buch eine Erwähnung finden. Er wohnt in Labrador/Kanada und ist „nach Hause“ auf die Schäreninseln gekommen, um das alte Haus seiner Familie zu verkaufen. Als er auf dem Weg ist, verbindet er bestimmte Stellen mit den Vögeln, zum Beispiel der Wald in dem die Seeadler brüteten, die Bucht mit dem Schwanenpaar …

In der ersten Hälfte wurden auch Kyras Geschichten erzählt. Kyra, die mit den anderen übers das Eis geht. Mir kamen sie zunächst überflüssig vor, sie vermitteln aber ein gutes Bild vom Leben damals, 1914, auf den Inseln. Der Leser erfährt gerade das notwendigste über die Truppe, die übers Eis geht. Und Kyras Geschichten zählen dazu. Und eine Kompassnadel, ein Ring und eine aufkeimende Liebe spielten damals eine große Rolle.

Das Love-Interest zwischen Ellinor und Herrman ist, ja es fehlen mir die richtigen Worte. Sogar „Love-Interest“ passt überhaupt nicht zu dieser Liebe, wenn man Sätze wie solche liest:

Zitat Seite 81: „Und Ellinor. Seine erste Liebe. Eine Liebe wie ein Stein mit Flügeln, der nicht fliegen konnte.“

Es gibt kein überflüssiges Wort. Keine überwalmenden Gefühle. Es ist eine stille Auferstehung einer zarten Liebe, die nie zu Ende war und jetzt wieder leise und ganz sachte hervorbricht.

Das Setting auf der Schäreninsel Hustrun „jenseits der Menschengrenze“ ist wunderschön. Die Natur im aufblühenden Frühling genauso wie die klirrend kalten Winternächte. Obwohl es ein sehr hartes Leben dort ist. es gib keinen Strom auf der Insel. Ellinor, die mit der Natur im Einklang lebt, benennt viele Vögel und Pflanzen: Geißklee-Bläuling, Eulenfalter, amerikanische Wandertaube, Eiderenten, Orpingtons, Feuriger Perlmuttfalter, Habicht, Schwan, Seeadler, Sibirischer Kranich, Finken, Mauersegler, Schwalben, Schwarzkopfruderente, Wintergoldhähnchen, Veilchen, Disteln, Lupinien, Strauchpfingstrosen, weiße Mohnblumen, Mariendistel, Fingerhut, Herzspannkraut, Leberblümchen, Buschwindröschen, Schlüsselblumen, Maiglöckchen, Schneeglöckchen, Flieder, schwarze Pfingstrosen, Meersenf, Waldmeister, Borretsch, Sumpfziest, Pechnelken, Beifuß, Kartoffelrosen, Mädesüß, Butterpilze, Trompetenpfifferlinge, Fichtenreizkern, Blutreizker, …

Die meisten Inselbewohner sind Selbstversorger, und trotzen dem Boden ab was zu machen geht. Obwohl uns Lesern dieses Leben wahrscheinlich auf eine Art verklärt romantisch erscheint, würde ich es auch eher hart, aber ehrlich beschreiben. Und einfach. Das Untereinander der Inselbevölkerung ist hier nochmal eine ganz andere Sache. Denn die Insel ist geprägt von den Bewohnern und einem Unglück im Jahr 1914. Dies hat das soziale Leben und den Umgang miteinander negativ beeinflusst. Hass und Neid haben sich über Generationen manifestiert, ein normales Leben unter den Familien scheint nicht mehr möglich zu werden.

Zitat Seite 96: „Und überhaupt, dachte er im Stillen, schien auf Hustrun so einiges schwarz und morsch. Aber das war eher ein Gefühl denn ein klarer Gedanke. Und mitten drin: eine weiße Rose. Eine einzige weiße Rose.“

Weitere Geheimnisse gibt es in Ellinors Familie selber, der Tod der Mutter und des Bruders und ein Trauma, von dem Ellinor nicht weiß, dass sie überhaupt betroffen ist. Warum hinkt sie? Das wird sich am Schluss aufklären. Der Leser erfährt, dass ihr Vater Herrmann vor Jahrzehnten eine Lüge erzählt hat und sie ahnt nichts davon.

Zitat Seite 224: „Das Geschehene. Das, was Herrman von der Insel vertrieben hatte – bis nach Kanada. Das, was Ellinor an die Insel kettete, wie ein an den Flügeln festgenagelter Schmetterling.“

Während Ellinor auf der Insel blieb, ging Herrman nach Kanada und heiratete dort.

Zitat Seite 314: „In meinem Kopf schwirrt auch ein anderes Bild von einem Fisch herum. Wenn man in einer unglücklichen Beziehung lebt … dann fühlt es sich an, als würde jemand eine Schuppe abreißen. Und dann noch eine. Und zuerst glaubt man, das ist egal, weil man ja noch so viele Schuppen hat. Bis irgendwann das Fleisch völlig nackt ist.“

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven berichtet. Hauptsächlich von Ellinor, Herrman und Ellinors Vater Algot. Dazu kommen zwei Zeitebenen, eine in der Gegenwart und eine im Jahr 1914. Die Ereignisse im Jahr 1914 sind sehr spannend erzählt, da hätte ich am liebsten immer ohne die Unterbrechungen in der Gegenwart weitergelesen. Ich musste es mir sehr verkneifen, mittendrin den Schluss zu lesen. Aber auch der Erzählstrang zwischen Ellinor und Herrman entwickelt einen sphärischen Reiz, der einen langsam aber sicher in einen Kokon einwickelt.

Gegen Ende des Buches erzählt Algot von seiner Ehe mit Hertha, der Französin, und es tat stellenweise richtig weh, wie diese dort von den Inselbewohnern behandelt wurde. Eine Pariserin auf einer armen Schäreninsel mit den verkorksten Einwohnern. Das konnte nicht gut gehen, oder?

Zitat Seite 253: „Er hatte sich über ihr Französisch lustig gemacht, während sie in ihren Herzen Steine sammelte. Rote Steine.“ 

Dieser Satz hat mich berührt. Jemand emphatisches kann es vielleicht schon ahnen, aber erst die Geschichte erzählt welche Bedeutung die roten Steine haben und es tut im Herzen des Lesers weh.

Der Erzählton ist schwer zu beschreiben. Widerstrebend, spröde und altmodisch, und dennoch voller Poesie. Ganz subtil verbinden sich die Zeitebene und Geschehnisse miteinander. So kommt Hermann nicht nur aus Labrador, sondern von der Eisorgelküste Labradors. Das erste Gespräch nach 40 Jahren zwischen Ellinor und Herrman ist, ja, merkwürdig, steif. Worte fehlen, und so purzeln Banalitäten heraus. Es ist ein ehrlicher Erzählton, so unangenehm es manchmal ist, so ehrlich ist er auch. Gerade in dieser Situation. Dann wiederum wird es poetisch und philosophisch und ich habe viele schöne Sätze gefunden.

Die Geschichte gibt Geheimnisse und die Schuld nur widerstrebend preis. Der Leser sollte mit Geduld und Empathie an sie rangehen und muss hinter die Fassaden blicken. Dann findet er die Poesie und das „Vivre“ der Geschichte.

Aber nun noch etwas Appetitliches zum Schluss. Die Autorin hat es geschafft, unaufdringlich ein paar Rezepte im Buch unterzubringen: Rentiergeschnetzeltes mit Sahne und Dörrfleisch; aus dem Garten eigene Kartoffeln der Sorte „Blauer Schwede“  und zum Dessert Zitronencreme in Schaumweingläsern. Oder ein anderes Mal: Teigtaschen auf Chilenisch mit Rosinen, Ei und Hackfleisch.

 

Außerdem ganz kurz erwähnt werden:

Janet Frames: „Zu den Inseln“

Harry Martinson

Malerin Helene Schjerfbeck

Irish Red und White Setter,

Hebridian Sea Poems

 

Persson, Gunilla Linn
Heimwärts über das Eis
978-3-458-36187-9
Insel Verlag

Fazit:

Das Setting auf der Insel ist wunderschön und zugleich generationenübergreifend überschattet von einem Unglück im Jahr 1914. Die Leser ahnen an subtilen Andeutungen dass überall viel mehr dahinter steckt. Es sind mehrere Dramen, die über die Jahre geschehen sind. Auch in der Gegenwart erscheint die Insel wie aus der Welt gefallen. Sie erinnerte manchmal, in schönen Momenten, an Saltkrokan von Astrid Lindgren. Der Titel „Heimwärts über das Eis „ist perfekt gewählt, denn diese Handlung ist die „Crux“ der Geschichte, die sich bis zum Schluss zieht. Am Anfang dachte ich noch, „na ja“, aber die Geschichte spinnt den Leser im Fortgang in einen feinen und zarten Kokon der Geschehnisse ein. Der Mikrokosmos der Inselbewohner erinnert heute an die Problematik, die Zugezogene haben, wenn sie in kleine Dörfer mit alteingesessenen Bewohnern ziehen. Ich bin der Meinung, dass es auch heute noch eine Französin wie Ellinors Mutter in einem solchen Dorf schwer hätte. Ebenso, dass nach einem Unglück ein Schuldiger gefunden werden muss, oft ein Sündenbock der vom Leid ablenkt. Noch Jahrzehnte werden unterschwelligen Schuldzuweisungen und Traumata durch die Familien geschleppt. So entstehen Familienfehden und keiner ist mehr bereit, nachzugeben. Wie kann es da Liebe oder Frieden geben?

Ich bevorzuge es, Bücher den Jahreszeiten entsprechend zu lesen. So lese ich zum Beispiel eher ungern ein Buch über eine Nordmeer-Expedition mitten im Sommer. So ein Buch muss ich einfach im Winter lesen. Das passt für mich besser und hier dieses Buch liest man am besten, wenn der Winter  zu Ende geht.

Wem würde ich dieses Buch empfehlen?  Ich würde fast schon sagen, es ist ein Buch für fortgeschrittene Leser, die es verstehen, selbst kleinste subtile Andeutungen zwischen den Zeilen zu finden und zu interpretieren. Denn hier machen es einem  die etwas widerspenstigen zu erfassenden und spröden Charaktere nicht allzu einfach. Die Leser sollten Poesie und Gedichte mögen und in der richtigen Stimmung sein. Für Leser, die sehr empathisch sind, ist es ist ein starkes und berührendes Buch.

Alles in allem: Ein Jahrhunderte altes Unglück zieht einen roten Faden bis in die Gegenwart. Eine leise wiederentdeckte Liebe. Eine Lüge. Stark. Berührend. Poetisch.

Link zum Buch/Verlag und Leseprobe: http://www.suhrkamp.de/buecher/heimwaerts_ueber_das_eis-gunilla_linn_persson_36187.html

Das Buch erschien am 12. Dezember 2016

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.