Jäger, Nicole – Nicht direkt perfekt

Jäger, Nicole
Nicht direkt perfekt
978-3-499-63283-9
Rowohlt Polaris

Inhalt:

Die nackte Wahrheit übers Frausein. Warum scheitern Frauen immer wieder an den eigenen Ansprüchen? Und warum ziehen sie alle beim Sex den Bauch ein? Dies ist ein Buch über alle Facetten der Weiblichkeit: Die schönen, weniger schönen und manchmal auch absurden. Ein Buch über Beziehungen, Sex, Sieben-Achtel-Hosen, Body Shaming, Besuche beim Frauenarzt, Diät-Shakes, Dating-Plattformen, das eigene Spiegelbild – und über das permanente Gefühl, nicht perfekt zu sein. Nicole Jäger findet: Jede Frau ist mehr als eine Zahl auf einer Waage und hat ein Recht auf ein gutes Körpergefühl, auf Weiblichkeit und darauf, verdammt glücklich zu sein – und auf all die Katastrophen, die ihr auf dem Weg dahin passieren. Ein Blick auf Weiblichkeit aus der Sicht einer dicken Frau – witzig, unverblümt und schonungslos ehrlich. (Quelle Rowohlt Verlag)

Meine Meinung:

Vor zwei Jahren las ich Nicole Jägers Buch „Die Fettlöserin“. Ich war fasziniert, wie sie es geschafft hat, soviel abzunehmen. Ein Ansatz von damals hat sich mir besonders eingeprägt: Eigentlich braucht man erst dann mit einer Diät/Lebensumstellung anzufangen, wenn man bereit, dies für den Rest seines Lebens zu tun. Denn anders als bei Menschen, die nur 5-15kg abnehmen, hat Nicole Jäger bis heute 160kg abgenommen. Das sind ganz andere Dimensionen, und da reicht auch ein „normaler Diät-Ansatz“ nicht mehr aus. Deswegen bin ich mit ihr -aus eigener Erfahrung mit etlichen Diäten- auch einer Meinung. Denn, das Problem ist nicht das abnehmen selber, sonders das Gewicht dann auf Dauer zu halten. Und dafür ist eine lebenslange Umstellung nötig.

Aber nun zu ihrem neuen Buch „Nicht direkt perfekt“. War ja klar, dass ich das auch unbedingt lesen wollte. Vor allen, so schien es, ging es jetzt richtig zur Sache. Themen, über die man als dicke Frau nicht oder so gar nicht gerne spricht. Themen, die man als dicke Frau vermeidet, Themen die man sich als dicke Frau nicht eingestehen will. Oder „schön“ ausgedrückt wie es auf der Rückseite des Buches steht: „Ein Blick auf die Weiblichkeit aus der Sicht einer dicken Frau – witzig, unverblümt und schonungslos ehrlich.“

Und tatsächlich, Nicole Jäger berichtet schonungslos ehrlich: Über Sex, über Tampons, einfach über jegliche Art von „Körperlichkeiten“. Zudem ist sie unter die Comedians gegangen, sie tourt mit einem eigenen Programm durch Deutschland. Dieser Ton ist auch ein wenig „Programm“ in diesem Buch, und es geht los mit einem „Prolog – Es fickt sich schlecht mit eingezogenem Bauch.“ Sofort ist man in diesem Neugier-Voyeurismus gefangen. Im Buch gibt es einige solcher Situationen, angefangen vom „Ausgehen“ („Der Hintern ist zu breit für Barhocker“), über dumme Anmachsprüche und die Chancen, jemanden über Datingportale („Kenianische Fleischpeitsche“) kennen zu lernen.

Sie fasst auch ihre Ängste in Worte, zeigt sich von ihrer verletzlichsten Seite, gibt sich die Blöße, und ganz oft tut es richtig schmerzhaft weh.

Zitat Seite 14: „Ich heiße dich herzlich willkommen in meinem beschämendsten Herzschmerzmoment aller Zeiten …“

Zitat Seite 15: „Aber ich will keinen Geschlechtsverkehr mit dir. Also, blasen ist okay, aber mehr auch nicht…“

Es geht auch anders. Es gibt diese anderen Männer, auch wenn die es in unserer Gesellschaft nicht einfach haben. Selbst wir Frauen zweifeln an uns und „spiegeln“ unser Verhalten. Wenn ich mir nicht gefalle, wie kann ich jemanden anderen gefallen? Mit mir stimmt etwas nicht und wenn ich einem Mann gefalle, dann stimmt mit diesem auch etwas nicht, denn sonst würde ich ihm nicht gefallen. Alles klar? Das einzige was daran nicht stimmt, ist die Einstellung:

Zitat Seite 167: „Ein Freund von mir brachte es einmal sehr präzise auf den Punkt: …Wenn ich sage, ich lege nur schlanke Frauen flach, dann interessiert das keine Sau und es behauptet niemand, ich sei ein Schlankheitsfetischist. Wenn ich aber sage, meine Frauen müssen einen dicken Hintern haben, damit ich sie sexy finde, glauben alle, ich sei irgendwie krank. Das Einzige, was an der ganzen Sache krank ist, ist diese Einstellung.“

Nicole Jäger erzählt von dummen Anmachsprüchen, und von noch dümmeren Gedankenlosigkeiten. Siehe Kapitel „Dicke sind immer so dankbar“. Allein von der Überschrift könnte man schon vomieren. Das böse Fazit dass man aus dieser gängigen Meinung ziehen könnte, wäre: Sind dicke Frauen automatisch Frauen zweiter Klasse? Nein! Jeder ist so perfekt, wie er ist. Das verdeutlicht Nicole Jäger auf jeder Seite in diesem Buch.

Aber sie schreibt auch sehr viel über Frauen-Themen im Allgemeinen. Nicht nur über Frauen mit Übergewicht, auch über Frauen (die meisten), die mit ihrem Körper nicht zufrieden sind. Und wenn es nur die „hässlichen Knie“ sind. Über Frauen, die sich nicht perfekt fühlen. Über die Medien, die ein verzerrtes Frauenbild präsentieren.

Und die Frage, wie gehe ich damit um? Wie kann ich mich ändern? Oder: Muss ich mich überhaupt ändern? Wie kann ich ein gutes Selbstbild von mir erhalten? Was braucht es, damit ich mich gut fühle, egal was andere denken? Es ist sicherlich ein gutes Stück Arbeit, zu so einer Perspektive zu kommen und diese auch zu halten.

Zitat Seite 152/153: „Ich bin der Meinung, ein Recht auf Attraktivität zu haben, auf Sex und Körperlichkeit, egal wie viel oder wie wenig die Waage anzeigt, und genau das strahle ich aus. Manche Männer zieht das an, andere interessiert es nicht, wieder andere finden es sexy, aber stören sich an meiner Figur. Meine Figur entscheidet nicht darüber, was ich ausstrahle. „

 Zitat Seite 216:Sex muss nicht gut aussehen, Sex muss sich gut anfühlen…“

Das, was andere über uns denken, zählt nicht. Denn „Fett“ ist nur Attribut, genauso wie schlank, mollig, dünn, groß oder klein. Dieses Wort „Fett“ braucht uns keine Angst zu machen.

 

Fazit:

Nicole Jäger schreibt brutal ehrlich über das Leben als dicke Frau. Was es heißt, eine dicke Frau zu sein bei Themen wie Sex, Tampons, jeglichen Art von Körperlichkeiten, Perücken, Kenianischen Fleischpeitschen, Datingportalen, Liebeskummer, Kleiderschränken, Spiegeln, Selbstbewusstsein und und und. Sie berichtet von ihrer „Schwester“, auch genannt „die Essstörung“. Wie lebt es sich jeden Tag mit ihr?

Der Clou an diesem Buch ist, dass vieles auf alle Frauen zutrifft, auf dicke Frauen, auf Dünne, auf Kleine, auf Große, kurzum:  Für alle Frauen die sich nicht perfekt fühlen. Es gibt so viele Aspekte des Frauseins, und sie werden in diesem Buch genannt. Jede Frau wird sich in irgendeiner Weise wiedererkennen. Oft kommen diese Passagen philosophierend daher, es gibt Fragen über Fragen wie in jedem Lebensratgeber.

Für mich war manches entweder schon zu stark verallgemeinernd oder zu sehr auf Pointen aus. Diese Abschnitte stehen im Buch im Vordergrund. Das ist zwar unterhaltsam geschrieben,  aber auch schon etwas langweilig, birgt Längen. Ich begann relativ oft, „quer“ zu lesen und Abschnitte zu überfliegen.

Am eindrücklichsten waren die persönlichsten Erlebnisse, die oft in derber Sprache, aber mit viel Witz erzählt werden. Ihre Erkenntnisse daraus zogen sich dann aber eher in die Länge.

Dennoch ist dieses Buch absolut wichtig für alle Frauen. Besonders auch für Übergewichtige. Denn durch ihre Offenheit gibt Nicole Jäger Einblick in ihr Leben. Schockierend ehrlich. Und vor allem auch reflektierend. Denn nur wenn ich mich selber annehme, wie ich bin, kann ich lernen, mit solchen Situationen umgehen. Und das zeigt Nicole Jäger, zwar mit einigen Wiederholungen in ihren „predigt-artigen“ Aussagen, aber so prägt es sich ein, so vergisst man es nicht und so kann man einen milderen und verzeihenden Umgang mit sich selber lernen.

Alles in allem: Dieses Buch hat gefehlt. Für alle Frauen, die sich nicht perfekt fühlen! Sowohl mit derben, unterhaltsamen Erlebnissen, als auch mit Längen und „predigt-artigen“ Wiederholungen ihrer Erkenntnisse. Dennoch: Danke Nicole! Für deinen Mut, mit all diesen Erlebnissen und größten Herzschmerz-Momenten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Sterne: Spontan tendiere ich zu 2,5 von fünf Sternen. Warum? Eigentlich hätte so ein ehrliches Buch glatte fünf Sterne verdient. Ich habe gerne über ihre Erfahrungen gelesen, aber die waren leider nur in einigen wenigen Kapiteln beschrieben. Das Hauptaugenmerk bezog sich auf die Erkenntnisse, die Nicole Jäger daraus gezogen hat. Und diese waren oft etwas zu ausführlich, zu langatmig. Auch wenn sie einen unterhaltsamen Erzählstil hatten, begann ich diese Seiten nur zu „überfliegen“. Hier hätte ich nur zwei Sterne vergeben, aber nur weil ich etwas anderes erwartet habe. Dennoch ist es ein Buch für Frauen, selbstbewusster zu werden und sich auch im unperfektem Fall perfekt zu fühlen.

Das Buch erschien am 15. Dezember 2017

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.rowohlt.de/paperback/nicole-jaeger-nicht-direkt-perfekt.html

 

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