Juterczenka von, Mirco – Wir Wochenendrebellen

Juterczenka von, Mirco
Wir Wochenendrebellen
978-3-7109-0017-4
Benevento

Inhalt:

Ursprünglich sollte es nur darum gehen, dem Jungen einen Lieblings-Fußballverein zu suchen. Jason, geboren 2005, ist Asperger-Autitst und seit seinem sechsten Lebensjahr mit seinem Vater Mirco unterwegs auf Groundhopping-Tour durch die Fußballstadien. Deutschlands und des benachbarten Auslands. Das Buch ist Zeugnis einer ganz besonderen Vater-Sohn-Beziehung, ein humorvolles und lehrreiches Beispiel dafür, was möglich ist, wenn man versteht, dass Lieben ein Verb ist. (Quelle Benevento Books)

Meine Meinung:

Dieses Buch habe ich vom Benevento-Verlag letztes Jahr als Rezensions-Exemplar erhalten. Und das war gut so, denn ich denke nicht, dass ich ansonsten von mir aus dazu gegriffen hätte. Das liegt vor allem an dem Fußball-Thema, mit dem ich so gar nichts anfangen kann. Mein 12-Jähriger Sohn ist zwar Fan eines Vereines, aber manchmal habe ich den Eindruck, auch nur „proforma“, weil alle irgendwie Fan von einem Verein sind. Jedenfalls sind wir alle keine „Hard-Core-Fußballfans“, und ohne meinen Sohn geht sogar die Weltmeisterschaft an mir vorüber, da habe ich ein komplettes Desinteresse (muss ich zu meiner Schande gestehen). Aber, ich kann jedem, der eine ähnliche Einstellung zu Fußball hat wie ich, und generell auch gerne mal quer-beet liest, dieses Buch wärmstens empfehlen.

Es ist kein Sachbuch, es ist eine Erfahrungsgeschichte. Die Erfahrung einer Familie, in der der Sohn Asperger Autist ist. Mir war bisher nicht klar, dass es dieses Krankheitsbild im Doppelpack gibt, einzeln habe ich darüber schon gelesen und sicherlich kennt jeder den Film Rain Man mit Dustin Hoffmann und Tom Cruise. Vor einigen Jahren habe ich das Buch „In den Augen der anderen“ von Jodie Picoult gelesen, indem ein Jugendlicher das Asperger Syndrom und mich sehr berührt hat.

Aber Autist ist nicht gleich Autist, das stellt Mirco von Juterczenka, der Vater von Jason, fest. Er schreibt über Erfahrungen mit seinem Sohn Jason, der Asperger-Autist ist. Er schreibt so ehrlich und offen darüber, dass es beim Lesen weh tut. Er setzt sich für sein Kind ein, er will sein Kind verstehen egal wie schwierig oder unmöglich Jason sich verhält, und ihm gelingt das wirklich. Dieses von Grund auf verstehen wollen, nachvollziehen warum Jason so handelt, das macht dieses Buch so authentisch.

Zitat Seite 25: „Dies ist ein ziemlich egoistisches Buch, aber ich schreibe es direkt aus meinem Herzen heraus. Ich schreibe es, weil es mir hilft, Erlebtes zu verarbeiten, Negatives nach dem Niederschreiben als abgehakt zu akzeptieren und um Positives möglichst lange festzuhalten.“

Und es ist wirklich nicht einfach. Denn Jasons Leben besteht aus einem Regelwerk, das normalen Menschen überhaupt nicht auffällt oder in den Sinn kommt. Oder, dass für sie selbstverständlich ist. Jason muss sich im Bus auf einen bestimmten Platz setzen; er lässt sich nicht gerne berühren und hat in der Schule Desinfektionsmittel dabei; er hasst jegliche Veränderungen; sein Essen muss streng getrennt auf dem Teller liegen, die verschiedenen Komponenten wie Kartoffeln oder Erbsen dürfen sich nicht berühren; kein Essen darf weggeworfen werden; Pinkeln geht nur im Sitzen, egal wo man ist; er ist konsequent und brutal ehrlich. Es gibt unendliche viele Regeln die eingehalten werden müssen.

Werden Regeln gebrochen, wird es so richtig unschön, wie eine Szene im Bord Bistro des ICE 882 nach München zeigt. Oder die Situation mit dem Sitzpinkeln im Millerntor-Stadion in Hamburg. Heftig, mutig und kräftezehrend diese Situationen auszuhalten.

Zitat Seite 26: „Es gibt Regeln. Unglaublich viele Regeln, seltsame Regeln, belastende Regeln – und Regeln werden nicht gebrochen. Also so gar nicht gebrochen. Regelbruch bedeutet Eskalation.“

Die Eskalationen, die im Buch erzählt werden, sind heftig. Jason kann grausam und verletzend gegenüber seinen Eltern sein.

Zitat Seite 33: „Wir haben gelernt, diese teils unwürdige Ansprache zu akzeptieren. Es gibt größere Probleme.“

Durch die Idee, erst alle Fußball-Vereine anzuschauen, bevor er sich für einen Lieblingsverein festlegt, beginnt für Vater und Sohn eine Reise an Wochenenden durch Deutschland. Von Stadion zu Stadion. Jason fallen in Stadien Sachen auf, worauf womöglich sonst keiner achtet: Einklappbare Flutlichtmasten, Anzeigetafeln aus Holz und ähnliches. Zudem kann es passieren, wenn irgendetwas nicht so läuft wie geplant, dass er 90 Minuten eine Betonwand statt das Spielfeld anschaut. Das Buch beinhaltet viele Beschreibungen über Zuganfahrten, Stadien, Fankurven und Spiele. Das kann, ich gebe es zu, für Nicht-Fußballfans die sich nicht auskennen, etwas langweilig sein. Aber für Fußballfans dafür umso interessanter!

Wider Erwarten steht bei einer solchen Wochenendtour dann aber nicht das Spiel und die Spieler im Vordergrund, sondern das Erlebnis an sich. In welchem Block sitzt oder steht man? Wie verhalten sich die Fans einzelner Vereine? Wie schmeckt die Currywurst? Wie gestaltet sich die Anreise? Wie ist die Zugfahrt? Wie ist das Hotel? Wie ist die Optik der Eintrittskarten? Und auch die Planung eines solchen Wochenendes.

Mirko von Juterczenka erkennt aber auch klar die Leistung seiner Frau an, die unter der Woche den normalen Alltag stemmen muss, während er auf der Arbeit ist und ab und an am Wochenende auf Stadion-Tour. Ich habe diese Frau bewundert, die sich täglich mit ihrem Sohn und mit ihrer Umgebung auseinandersetzen musste. Ich kann mir vorstellen, dass dies auf Dauer auch an die körperliche und seelische Substanz geht, wenn es keine Erholungsphasen gibt.

Das Schöne an diesem Buch ist, die Liebe der Eltern zu ihrem Sohn scheint immer wieder durch, egal was dieser auch „anstellt“. Natürlich gibt es Tage, wo diese vielleicht auch mal durchhängt, aber alles in allem steht hier eine sehr positive Sicht und der Rückhalt der Eltern mit einem Asperger-Autisten im Vordergrund. Sehr gut ist ein beispielhafter Tag dieser Krankheit im Buch auch mit dem Löffel-System erklärt.

Zitat Seite 202: „Wir wollen keinen konditionierten Sohn, der funktioniert und gesellschaftlichen Normmaßen hinterherhecheln muss. Wir möchten einen selbstbewussten Sohn, der zu hinterfragen, zu entscheiden und abzuwägen weiß. „

 

Fazit:

Es gibt wenig, was mich wenig interessiert, und dazu gehört Fußball. Deswegen habe ich dieses Buch misstrauisch beäugt und es hat mir mal wieder gezeigt, warum man öfter mal quer-beet lesen sollte, um auf kleine unverhoffte Buchschätze wie dieses hier zu stoßen, dass einem ganz neue Erfahrungswelten eröffnet. Gerade Nicht-Fußball-Fans möchte ich dieses Buch ans Herz legen, denn Fußball erhält hier einen ganz neuen ungewöhnlichen Stellenwert.

Diesen überraschenden Blickwinkel verdanken wir Jason, ein Asperger-Autist und Sohn von Autor Mirco von Juterczenka. Beide gehen auf Stadiontour, überwiegend in Deutschland und den angrenzenden Nachbarsstaaten. Dafür gibt es ein festes Regelwerk, von der Anreise mit dem Zug bis hin zu der Mitnahme einer Erinnerung.

Überhaupt besteht das Leben eines Asperger-Autisten aus vielen Regeln. Ungewöhnlichen Regeln, oder auch Regeln, über die sich ein normaler Mensch keine Gedanken machen muss. Mirco von Juterczenka geht diesen auf den Grund. Denn oft haben diese Regeln von Jason einen triftigen Grund. Aus der Perspektive eines Asperger-Autisten hört es sich dann oft ganz logisch an. Und wehe, die Regeln oder ein Versprechen werden nicht eingehalten, oder es gibt eine Abweichung von der Routine, das bedeutet eine Stresssituation für Jason und für die Familie, die Angelegenheit eskaliert. Wie genau man sich das vorstellen kann, ist im Buch beschrieben, brutal ehrlich, heftig. Dies hat oft unschöne Außenbeurteilungen und Ferndiagnosen der „Zuschauer“ zu Folge. Wie gut, dass beide Eltern diesbezüglich abgehärtet sind. Für Außenstehende sind es oft merkwürdige Verhaltensweisen von Eltern und Kind. Die Kraft, die beide Eltern dafür brauchen, kann glaube ich keiner ermessen.

Bereits nach ein paar Seiten wusste ich, dieses Buch würde mir gefallen, dieses Buch würde mir einen neuen Blickwinkel eröffnen. Vor kurzem habe ich von der Glasknochenkrankheit bei Robert Schulte gelesen, und jetzt lese ich hier über Asperger-Autismus und eine ungewöhnliche Vater-Sohn Beziehung.

Natürlich wird im Buch auch über Fußball, über Stadien, Zuganfahrten, Fankurven und Spiele berichtet. Ich als „Laie“ konnte mit einigen „internen“ Fußball-Infos nichts anfangen. Diese Szenen bargen dann auch gewisse Längen, die aber gleich wieder unterhaltsam mit Jasons Blickwinkel auf das Geschehen abgemildert wurden. Also, Fußball kommt auch viel in diesem Erfahrungsbericht vor, aber selbst ich als Nicht-Fußball-Fan empfand das nicht so tragisch.

Alles in allem: Unterhaltsam und sehr berührend. Unbedingt sollten auch Nicht-Fußball-Fans dieses Buch lesen. Denn es wird nicht nur über den ungewöhnlichen Blickwinkel eines Asperger-Autisten auf Fußball-Vereine und Fußballstadien berichtet, sondern auch über den normal Alltag mit Schule und Familie. Zudem lag die Stärke für mich noch darin, dass die Eltern ihrem Kind weitgehende Freiheit zur Entfaltung gelassen haben. In Anbetracht der Umstände sicherlich nicht einfach, dafür umso bewundernswerter.

Lieblingsbuch !

Das Buch erschien am 24. August 2017

Link zum Buch/Verlag: http://www.beneventobooks.com/buch/wir-wochenendrebellen/

 

4 Kommentare zu “Juterczenka von, Mirco – Wir Wochenendrebellen

  1. Hey,
    danke für diesen außergewöhnlichen Buchtipp. Bisher kannte ich weder Titel noch Inhalt und ewrde es mir definitiv auf die Wunschliste setzen weil ich mit jedem Satz in deiner Rezension, neugieriger wurde. 🙂
    Liebe Grüße
    Ela

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    • Hallo Ela,
      du hast es auch richtig zusammengefasst: Es ist ein außergewöhnlicher Buchtipp. Ein außergewöhnlicher Erfahrungsbericht. Der Vater hat mir einen sehr großen Einblick in die Welt seines autistischen Sohnes gegeben, so ganz unverfälscht. Und zudem habe ich auch einen anderen Eindruck von den Zuschauertribünen und Fanblocks bei Fußballspielen bekommen. Es ist eine für komplett andere Welt. Wenn ich das nächste mal ein Kind irgendwo ausrasten sehr/höre, werde ich dieses auch mit anderen Augen wahrnehmen.
      Ich hoffe, dir gefällt es genauso wie mir. Das werde ich dann ja vielleicht auf deinem Blog lesen.

      Liebe Grüße
      Tanja vom Bücherfüllhorn

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  2. Hallo Tanja,

    vielen Dank für Deine wirklich sehr schöne Rezension. Ich werde sie Jason heute Abend gleich vorlesen. Wenn der Fußball eher notwendiger, aber überflüssiger Rahmen für dich war, dann möchte ich Dir unseren Podcasts ans Herz legen.
    Der Blog (wochenendrebell.de) und der Podcast (radiorebell.de) wurden letztes Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
    Eine kleine Kostprobe mit einigen Podcast-Häppchen haben wir hier bei Soundcloud hochgeladen. Vielleicht sieht man sich ja auf einer unserer Lesungen, mit denen wir die Neven Subotic Stiftung unterstützen.
    Ich würde mich freuen.
    Gruß
    Mirco

    Radiorebell-Häppchen: https://soundcloud.com/wochenendrebell

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Mirco,
      vielen Dank für die nette Rückmeldung und danke auch, dass du uns Leser an eurer Geschichte in allen Facetten, in schönen und weniger schönen Momenten, hast teilnehmen lassen. Ich finde, sich so zu „outen“, das war mutig. Von euch beiden.

      Liebe Grüße
      Tanja vom Bücherfüllhorn

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