Haruf, Kent – Unsere Seelen bei Nacht

Haruf, Kent
Unsere Seelen bei Nacht
ISBN 978-3-257-86308-6 oder
ISBN 3257069863
Diogenes

Inhalt:

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst. (Quelle Diogenes)

Meine Meinung:

Das Buch kam eigentlich ziemlich schnell auf meine Leseliste. Es dauerte dann aber doch noch länger, und wurde zwischenzeitlich von meiner Stadtbücherei auf dem Bücher-Glühwein-Abend 2017 vorgestellt. Und danach dauerte es auch nicht mehr lange, bis ich an der Reihe mit der Ausleihe war.

Das Buch lässt sich sehr schnell lesen, da es eine große Schrift und nur 197 Seiten hat. Dazu kommen kleine Kapitel und eine einfache und klare Sprache.

Mich hatte die Inhaltsangabe neugierig gemacht und dank vieler lobender Stimmen freute ich mich auf eine besondere, beseelte Geschichte, ja, irgendwie dachte ich auch, dass sie einen besonders schönen Erzählton haben würde. Das war aber so nicht der Fall. Denn der Erzählton war sehr nüchtern und klar, und konnte mich so auch nicht berühren.

Die Geschichte selber konnte mich überzeugen. Ich gönnte es Addie und Louis, was sie da zusammen im späten Lebensalter noch fanden. Addie lebt seit 44 Jahren in ihrem Haus, und war immer anständig gewesen. Auch wenn es nicht das Leben wurde, was sie sich wünschte, es war ihr Leben, sie hat das Beste daraus gemacht und es war halt so. Aber jetzt will sie ihre Freiheit genießen. Sie ist 70 Jahre und einsam, und möchte diesen Zustand nicht länger hinnehmen. Sie hat schon lange Jahre keine Lust mehr auf Sex, sie sucht nur Nähe und Freundschaft, um die langen Nächte zu überstehen. Sie riskiert es, und so beginnt die Geschichte mit einer Frage an ihren Nachbarn Louis, wie es in der Inhaltsangabe zu lesen ist.

Louis war lange Jahre Lehrer in der Kleinstadt, und jeder kennt ihn. Seine Frau starb an Krebs. Addies Frage überrascht ihn, aber er lehnt nicht ab und so entsteht ganz langsam und sachte eine schöne Beziehung.

Am Anfang ist diese Übernachtung und alles was damit zusammen hängt, noch richtig hölzern, unbeholfen und auch etwas kalt. Louis „schleicht“ zunächst durch die Hintertür, aber beide beschließen, dass sie keine Heimlichkeiten wollten. Denn genau das würde ja etwas „unseriöses“ suggerieren, etwas „ungehöriges“. Es soll keine Geheimnisse geben, weil in dem kleinen Ort Holt sowieso alles herauskommt. So stehen auch praktische Überlegungen an, Louis bringt anfangs den Pyjama immer in einer Tüte mit und beide fühlen sich im Bett gerade am Anfang noch ein wenig befangen, auch wenn sie es überspielen wollen. Auch für mich als Leser war es nicht so einfach, dies zu lesen, weil es so real ist. Weil es sich genau so abspielen könnte. Weil man weiß, wie sich sowas anfühlen würde, und man hoffen würde, dass es eine gute Idee gewesen ist. Dass die Beziehung auf platonische Weise klappt.

Es ist ein ungewöhnlicher Ansatz für eine Beziehung. Am Anfang sind beide abends nervös und aufgeregt. Aber das legt sich mit der Zeit. Die Gespräche im Dunkeln betreffen alle möglichen Themen, zum Beispiel warum sie in die Kleinstadt Holt kamen, wie ihre Ehen waren, die verstorbenen Ehepartner, die Kinder, die Nachbarn, ja alles Mögliche.

Was gibt es schöneres, als einen Menschen um sich zu haben, den man mag, mit dem man sich unterhalten kann, ganz ohne Zwang und Verpflichtung. Eigentlich dachte ich auch, dass die Kleinstadt Holt etwas engstirnig und prüde ist. Heute ist so eine alte/neue Liebe doch normal. Ich kann mindestens zwei Frauen aus unseren Ort nennen, denen ein solches spätes Glück noch beschieden wurde. Da ist es doch ganz normal, wenn man zusammen übernachtet. Oder Sex hat.

Das, was Addie und Louis zusammen haben, das ist für andere, für die Bewohner im Ort und am schlimmsten, sogar für die eigene Familie eine Peinlichkeit. Sowas gehört sich nicht. Sich im dunklen hinausschleichen. Sie sollten sich schämen. Es gibt Gerede. Die Bewohner lassen es die beiden merken, und beide beschließen, sich jetzt noch mehr öffentlich zeigen. Sie gehen zusammen essen, spazieren etc.

Der Clou an dieser Geschichte ist unter anderen, dass jeder sich in der Kleinstadt Gedanken genau darum macht: „Das die beiden Alten Sex miteinander haben“. Sie unterstellen einfach etwas, dass sie nicht wissen. Dabei sind Addie und Louis noch gar nicht so weit. Und dennoch geht jeder davon aus.

Am schlimmsten reagiert die eigene Familie. Der Sohn von Addie ist ziemlich gemein, aber leider leider könnte es in der realen Welt auch genau so sein.

So wie ich es gelesen habe, war die schönste Zeit, als Addies Enkel Jamie zu ihr gebracht wird. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter trennen sich für kurze Zeit. Addie und Louis sind zusammen richtig gute Großeltern. Sie machen all das, was Großeltern mit ihrem Enkel machen: Sie nehmen ihn überall hin mit, sie lassen ihn im Garten helfen, sie kaufen ihm einen Hund, sie gehen mit ihm spazieren, Burger essen, campen etc. Und für den kleinen Jamie ist die Beziehung von seiner Großmutter und Louis völlig normal. Er wertet nicht. Leider wird er am Schluss als Druckmittel benutzt, und ich finde, fieser geht es gar nicht. Aber, auch dies ist wohl öfter Realität, als man meint.

Das Ende kommt sicherlich anders als man vermuten könnte, aber umso realer daher. Ich bin froh, dass Addie und Louis trotzdem einen Weg zum kommunizieren gefunden haben. Dennoch bleibt für mich ein sehr trauriger Grundton „hängen“. Irgendwie erinnert mich die Geschichte auch an „Die Brücken am Fluss“. Am Ende, lässt einen die Erinnerung an das was war und was man gewagt hat, die Zeit die einem noch bleibt durchhalten. Man hat gewagt und gewonnen, auch wenn man verloren hat.

 

Fazit:

Diese Frage, die Addie Louis stellt, fordert eine gehörige Portion Mut. Den Mut zu haben, diese Frage auszusprechen. Das Risiko einzugehen, ausgelacht zu werden oder eine Abfuhr zu erhalten. Aber Addie setzt alles auf eine Karte. Sie ist 70 Jahre alt, sie ist doch frei. Oder? Was soll man sich mit 70 Jahren noch vorschreiben lassen? Aus einer ungewöhnlichen platonischen Idee und Freundschaft wächst sachte mehr.

Ich hatte mir die Erzählsprache irgendwie „beseelt“ und „lyrisch“ vorgestellt, aber das genau Gegenteil war der Fall: Die Sprache war so klar und scharf, dass sie genau den Finger in die Wunde legen konnte. Das macht auch den Reiz dieser Geschichte aus. Es gibt keine Schnörkel, die Geschichte zeigt das wahre Leben. Nüchtern, klar und deutlich. Und das ist nicht immer schön oder frei von Neidern. Im Gegenteil. Was für Unterstellungen und Überlegungen da von anderen angestellt werden, ist allzu menschlich. Nicht schön, aber menschlich.

So muss ich gestehen, dass mich gerade diese Sprache auch nicht in dem Sinn „packen“ konnte. Ich meine, mir ging es schon an Substanz, wie ehrlich die Szenen gerade in den ersten Nächten waren. Da ist man als Leser voll dabei, wenn alles noch so neu ist, und es genauso wie im echten Leben unrund läuft und man sich vielleicht auch einige Momente unbehaglich fühlt. Mir fehlten da einfach die Emotionen, die Seelen bei Nacht, die ich mir zwischen den Zeilen mühsam suchen musste. Es ist ein starker Kontrast, die harte und sterile Sprache und die „unausgesprochene Schönheit dieser Augenblicke“ zwischen  diesen beiden Menschen. Deswegen lässt mich die Geschichte auch etwas ratlos zurück. Die Einfachheit der Sprache kann man vielleicht auf zweierlei Arten interpretieren. Zum einen, dass die Sprache einfach so ist und die Realität im realsten Licht erscheint, ohne irgendwelche heimlich verpackten Botschaften. Oder aber, das die Sprache im Kontrast zu der Handlung steht und jeder Leser angeregt werden soll, hinter die Erzählsprache zu sehen.

Insgesamt kam die Botschaft dieser Geschichte bei mir an, ich hätte sie mir allerdings doch schöner verpackt gewünscht. Aber ich kann anerkennen, dass durch diese einfache Sprache, die Geschichte ungerade im besten Sinne wird, also Ecken und Kanten hat, wo sie sonst wohl zu gefällig geworden wäre. Deswegen passt auch das „ungerade“ Ende irgendwie dazu.

Alles in allem: „Die Seelen der Nacht“ muss man zwischen den Zeilen, zwischen dem Alltäglichen der Geschichte suchen. Man findet sie in dem, was nicht geschrieben steht.

Sterne bei amazon: Die Geschichte lässt mich ein wenig ratlos zurück, denn die Erzählsprache ist relativ einfach. Ich kann es drehen und wenden wie ich will und ich kann dazu zwei Arten der Interpretation herbeizaubern. Die Idee an sich hätte locker fünf Sterne verdient. Aber bei mir bleibt dennoch eine leichte Enttäuschung über die vordergründig einfache Erzählsprache. Und deswegen vergebe ich, trotz der Botschaft der Geschichte, nur drei von fünf Sternen.

Das Buch erschien am 22. März 2017

Link zum Buch/Verlag mit Lese-/Hörprobe: http://www.diogenes.ch/leser/titel/kent-haruf/unsere-seelen-bei-nacht-9783257607857.html

 

 

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