Akkad El, Omar – American War

Akkad El, Omar
American War
978-3-10-397319-8
Fischerverlage

Inhalt:

»American War« – das Buch der Stunde. »Ein gewaltiger Roman«, schreibt die renommierteste Literaturkritikerin der USA, Michiko Kakutani. Ein Roman über den nächsten amerikanischen Bürgerkrieg und das dramatische Schicksal einer Familie. Was wird sein, wenn die erschütternde Realität der Gegenwart – Drohnenangriffe, Folter, Selbstmordattentate und die Folgen von Umweltkatastrophen – mit aller Gewalt in die USA zurückkehrt? Vor diesem Hintergrund entfaltet Omar El Akkad mit großer erzählerischer Kraft den dramatischen Kampf der jungen Sarat Chestnut, die beschließt, mit allen Mitteln für das Überleben zu kämpfen. »American War« ist in den USA ein literarisches Ereignis, das schon jetzt mit Cormac McCarthy »Die Straße« und Philip Roth »Verschwörung gegen Amerika« verglichen wird. (Quelle Fischer-Verlage)

Meine Meinung:

Aufmerksam auf dieses Buch wurde ich durch verschiedene Medien und ich setzte es auf meine „Muss-Leseliste“. Einige Zeit später sah ich dazu einen Blog-Beitrag von „Zeichen und Zeiten“, den ich aufmerksam las und durch den sich meine Meinung, das Buch lesen zu wollen, verstärkte. Zu guter letzt wurde es auf dem Glühweinabend meiner Bücherei vorgestellt.

Da ich zur Zeit wieder sehr viel zum Lesen habe, konnte ich mir dennoch eine gewisse Unlust nicht verkneifen, als ich mit der Ausleihe in meiner Bücherei an die Reihe kam. Aber ich wollte mich auch nicht nochmal auf die lange Warteliste setzen lassen. Vielleicht konnten mich die ersten 2/3 des Buches deswegen auch nur bedingt „packen“. Unter Druck zu lesen, das klappt bei mir nicht.

Dazu empfand ich gerade den Anfang als richtig verwirrend. Natürlich kennt man alle US-Staaten vom Namen her und ich kann ungefähr auch grob deren Lage zeigen, aber in der Geschichte, die im Jahr 2075 spielt, ist einiges auf den Kopf gestellt. Die Küstenlinien der Ost- und Westküste Amerikas sind verschoben, auch wenn ich das auf der Karte am Anfang des Buches nur bedingt erkennen konnte. Zudem haben sich einige Bundesstaaten von den anderen US-Staaten abgetrennt und ich fragte mich ständig, welche ehemaligen US-Staaten gehörten denn nun zu den „Vereinigten Südstaaten“, wer waren „die Roten“ und „die Blauen“, und was war mit Alaska und New Anchorage? Wer sind die Rebellen, wer die Widerständler , wer die Friedensbewegung und was sagt die Regierung der neuen Hauptstadt Columbus dazu?

Hier eine kleine Übersicht als Gedankenstütze beim Lesen des Buches:

Freie Südstaaten: Mississippi, Alabama, Georgia, South Carolina, Tennessee , Texas,

MAG: Mississippi, Alabama, Georgia

Alaska: ist reich und neutral

Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika ist Columbus

Hauptstadt der Freien Südstaaten ist Atlanta

 

Das konnte ich mir leider nur bedingt merken. Die Welt ist nicht mehr, wie sie war. Bürgerkriege und Naturkatastrophen generieren Flüchtlingswellen sowohl in Europa als auch in Amerika. Aus Europa flüchtet die Bevölkerung durchs Mittelmeer und andere Wege, gerade umgekehrt wie heute im Jahr 2017 die Flüchtlingsbewegungen sind. China ist Großmacht, die Nordafrika und Nahost-Staaten sind jetzt das „gelobte Land“ in das jeder will.

In South-Carolina gibt es ein Quarantäne-Gebiet, ein ganzer Staat ist hermetisches abgeriegelt. Florida ist ausradiert, das Meer hat gewonnen. Die Ordnung in Amerika hat sich verschoben. Während die einen US-Staaten an den fossilen Brennstoffen (Öl !) festhalten wollen, nutzen andere Solar- und Windenergie und verbieten Öl. Über diese Frage ist ein Krieg entbrannt. Viel geblieben vom einstigen Wohlstand der USA ist nicht mehr. Umweltkatastrophen ausgelöst durch die Erderwärmung machen den Menschen das Leben schwer, es gibt immer weniger Gebiete, die sie besiedeln können, immer weniger Boden, der sie ernähren kann und das Meer nimmt sich immer mehr Land und alles versalzt. Dazu sind Drohnen am Himmel eine Dauererscheinung, wie schwarze Vögel. In den ersten Jahren noch „bewaffnet“, aber irgendwann ist die Munition willkürlich verschossen, und sie können nur noch Schaden durch den eigenen Absturz anrichten. Irgendwie kommt einen dieses Zukunfts-Szenario bekannt vor, gerade das Thema Umwelt, Erderwärmung, Öl etc. ist heute schon aktuell. Beim Lesen wurde ich nachdenklich und auch besorgt, denn wir bekommen einen Ausblick, auf das was werden kann.

In diese Welt wird Sara T. Chestnut geboren, als Zwillingsschwester. Zunächst wächst sie noch halbwegs glücklich in Louisiana auf. Nachdem ihr Vater bei einem Terroristen-Angriff ums Leben kam, flieht die Mutter mit ihnen in ein Flüchtlingscamp im Norden von Louisiana. Auch dort müssen sie Entbehrungen erdulden, aber es geht ihnen immer noch halbwegs „gut“.

Sara, genannt Sarat, ist ein neu- und wissbegieriges Mädchen. Intelligent. Sie fällt durch ihr äußeres auf, ist sehr groß und kräftig und überragt alle anderen. Sie ist selbstbewusst und lässt sich nichts gefallen, schreckt vor keiner Wette zurück. Im Flüchtlingscamp haben alle Respekt vor ihr, auch weil sie so anders ist, so stark. Und sie ist das Gegenteil von ihrer gut aussehenden Zwillingsschwester Dana.

Immer wieder erhält der Leser Einblicke in dieses entbehrungsreiche Leben. Nahrung besteht zum größten Teil aus künstlicher und gelartiger „Astronauten-Nahrung“, ewig haltbar. Sarats Familie lebt in einem umgebauten Container in der Nähe eines Flusses, später im Flüchtlingscamp in einem Zelt.

In verschiedenen Zeitsprüngen wird das Leben von Sarat erzählt: ihre noch glückliche Kindheit mit ihrer Familie am Fluss des Mississippi, danach bis zum zwölften Lebensjahr das Flüchtlings-Lager, mit 17 den ersten Killerauftrag und ein paar Jahre später die Inhaftierung, die sieben Jahre dauern sollte.

Die Zeit der Kindheit wird im Buch ausführlich geschildert. Das muss auch so sein, denn nur so konnte ich als Leser Sarat verstehen. Sie wird von einem Terroristen angeworben, sehr klug von Rebellen radikalisiert und ohne es sich selbst bewusst zu sein, praktisch rekrutiert als Kindsoldat. Das hat mich an die „Rattenfänger“ vom IS in heutiger Zeit erinnert.

Sarats Entwicklung ist nachvollziehbar. Sie setzt sich aus ihrer Kindheit und den Erfahrungen im Flüchtlingslager zusammen. Bei all diesen Schilderungen wird einem oft weh ums Herz, was ist aus der Welt geworden? Was ist aus den Menschen geworden oder waren sie schon immer so? Stecken wir heute nicht mittendrin?

Nach dem Massaker im Flüchtlingscamp fühlt sich Sarat mit ihrem radikalen Weg des Widerstandes bestätigt, sie härtet innerlich ab. Ihr Bruder überlebt schwer verletzt und wird nie wieder der Alte sein. Plötzlich werden sie als Helden gefeiert, bekommen Entschädigungen, weil sie das Massaker überlebt haben und Friedensverhandlungen begonnen haben, die ihren guten Willen zeigen wollen. Für Sarat ist es zu spät, sie ist bereits auf ein Ziel „angesetzt“. Sie glaubt, dass sie das richtige tut.

Es gibt eine kurze unruhige Zeit des Friedens für Familie Chestnut, für Sarat, ihre Zwillingsschwester Dana und ihren kranken Bruder. Dieser Frieden währt nicht lange, als ein Familienmitglied stirbt. Sarat trauert, und ihr ist nur eine kurze Verschnaufpause gegönnt, denn sie wird verraten und in ein Gefangenenlager gesteckt , dass sehr an Guantanamo-Bay erinnert: Mit vermummten Gefängniswärtern, Käfigen und allen möglichen Foltermethoden bis hin zum Waterboarding. Sie bleibt sieben Jahre dort und kehrt völlig gebrochen und geschunden zurück. Wieder gibt es Friedensverhandlungen, die dieses Mal von Erfolg gekrönt sein könnten. Aber, wie auch in der realen Welt, spielen andere Nationen ihr falsches Spiel, um eigene Interessen durchsetzen zu können.

Das letzte Drittel war für mich der starke Teil des Buches. Alles fügt sich nun zusammen, angefangen bei Sarats Kindheit , den Erfahrungen im Flüchtlingslager, der Rekrutierung, dem Massaker, dem Widerstand, der Zeit in einem Gefangenen-Lager und die Zeit danach bis zum Super-Gau. Man weiß nicht, soll man mit Sarat mitfühlen? Hat man Mitleid mit ihr? Und kann man die Radikalisierung  und den Rachewunsch verstehen?

Fazit:

Kein „leichtes „ Buch, weder vom Inhalt noch vom Lesefluss. Gleich am Anfang hatte ich den Überblick über die Geografie, Grenzen und die Städte verloren: Welche ehemaligen US-Staaten gehörten zu den Freien Südstaaten, wer waren die Roten und die Blauen? Irgendwann habe ich es aufgegeben und einfach weiter „drüber hinweg“ gelesen. Das ging erstaunlich gut, weil diese Orte im Prinzip austauschbar sind, und genauso gut Namen aus unserer heutigen Zeit tragen könnten. Zudem verwirrten mich die verschiedenen Einblicke durch Augenzeugenberichte, Protokolle, Nachrichten und Interviews zwischen den Kapiteln. Ich musste diese konzentriert lesen, um einen Bezug zur Geschichte herstellen zu können, aber die Gesamtheit und das Verständnis für diese Einfügungen kamen erst am Schluss vollständig zum Tragen.

Der Inhalt machte mich nachdenklich und besorgt. Ich als Leser konnte anhand der ausführlichen Beschreibungen von Sarats Kindheit, den Erfahrungen im Flüchtlingslager, der Rekrutierung, dem Massaker, dem Widerstand, der Zeit in einem Gefangenen-Lager nachvollziehen, wie es zu ihrer „Radikalisierung“ kam. Die volle Wucht entfaltet sich im letzten Drittel. Dennoch bleibt ihr Charakter auch immer „eigen“, so einen kompletten Zugang zu ihr fand ich nicht.

Dennoch konnte ich als Leser Sarats Entwicklung verstehen, ihren Weg, der eigentlich unausweichlich ist. Wie aus einem fast glücklichen Mädchen eine Killerin wurde. Die Frage ist, ob man als Leser den Weg bis zum Schluss „mit ihr geht“. Es wird hart werden, und eigentlich würde man ihr am liebsten zurufen „Lass es sein“. So bleibt nur Entsetzen übrig, aber keine langfristige Lösung.

Die Geschichte enthält viele Bezüge zur heutigen Gegenwart. Es kommt einem bekannt vor, der Kampf und Krieg ums Öl, diverse Einreisebestimmungen gerade in Amerika unter Donald Trump, die Flüchtlingsströme, Flüchtlinge in Zeltstädten, Umweltkatastrophen und globale Erwärmung.

Alles in allem: Die Geschichte entfaltet sich erst nach und nach und ist nicht einfach zu lesen. Die erzählerische Distanz zwischen dem Leser und der Hauptprotagonistin macht es einem schwer, sie zu mögen. Aber wie eine dystopische Zukunftsversion Amerikas aussieht und wie eine manipulierte Jugendliche zur Killerin mutiert, sollte jeden in Alarmstimmung versetzen

Das Buch erschien am 27. Juli 2017

Link zum Buch/Verlag mit Video und Leseprobe: https://www.fischerverlage.de/buch/american_war/9783103973198

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