Liao, Jimmy – Die Sternennacht

Liao, Jimmy
Die Sternennacht
978-3-905816-69-3
Chinabooks .ch

Inhalt:

Die Sternennacht ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden. Ein einsames junges Mädchen trifft auf einen schweigsamen Jungen. Beide sind keine glücklichen Kinder, in ihren Elternhäusern mangelt es an Wärme und Zuwendung, in der Schule sind beide Aussenseiter. Eines Tages beschließen die beiden, gemeinsam die Stadt zu verlassen und damit dem schulischen Druck und der Enge des Elternhauses für eine Weile zu entfliehen und in die Berge zu fahren, wo das Mädchen bei ihren verstorbenen Großeltern die ersten Lebensjahre verbracht hatte. In einer Nacht in den Bergen sehen die beiden den allerschönsten, strahlenden Sternenhimmel. Wieder zurück in der Stadt wird das Mädchen krank, und der Junge zieht mit seiner Familie aus der Stadt weg. Das Mädchen wird den Jungen nie wieder sehen, aber ihre Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit bleiben – den strahlenden Sternenhimmel, den sie in jener Nacht erlebten, wird sie nie vergessen. Dieses Buch ist allen Kindern gewidmet, die der Welt fremd gegenüber stehen. (Quelle Chinabooks.ch)

Meine Meinung:

Ein Wohlfühlcover mit Sehnsuchtspotenzial. So wirkte das Buch von dem mir bisher unbekannten Chinabooks Verlag auf mich und so wurde ich wie magisch davon angezogen. In diesem Cover steckt für mich schon die Aussicht auf Vertrauen, Freundschaft und Poesie drin: Das Boot mit den zwei Kindern wirkt wie in einem Kokon vom Rest der Welt abgeschirmt, dazu die laue Sternennacht. Ich war gespannt.

Leider ließ sich das Cover nicht so gut fotografieren, der Farbverlauf stimmt nicht. Wenn man das Buch vor sich liegen hat, ist es insgesamt dunkler in den Farben, aber wirkt auch viel wärmer. Und ein wenig glitzert die Schrift dazu.

Vorneweg: Es gibt keine Seitenzahlen, und die Protagonisten haben keine Namen.

Beim ersten durchlesen und durchblättern war ich etwas enttäuscht. Manche Illustrationen waren mir zu mächtig,  zu bunt, zu phantastisch. Es gibt ziemlich am Anfang eine Szene, in der ein Haifisch in einer Suppenschüssel schwimmt! Oder grüne dicke Regentropfen die an einem Fenster herabrinnen, zusammen mit einem Salamander, der einen Schmetterling fängt. Oder Wassertropfen, die unter einer Türspalte im Kinderzimmer hervorfließen; ein fliegender Bus und sehr oft kahle Bäume in verschiedenen Farben, die eher ängstigen können. Also, oft werden merkwürdige surreale Begebenheiten illustriert.

Es gibt in den Illustrationen selber Bilder, die an der Wand hängen. Oft sind die Menschen darauf verdeckt, mit einem Tuch, oder mit einem Apfel vorm Gesicht. Irgendwas kam mir bekannt vor, bis ich als absoluter Kunst-Laie erst mit der Nase darauf gestoßen wurden musste: Es sind Gemälde von René Magritte: „Der Sohn des Mannes“ und „Die Liebenden“. Van Goghs „Sternennacht“ kannte ich, sonst ist mir kein berühmtes Gemälde aufgefallen, aber wer noch eines findet, darf gerne einen Kommentar hinterlassen.

An den Illustrations-Stil musste ich mich erst gewöhnen, um ihn dann genießen zu können. Wie so oft, entdeckte ich mit jedem neuen anschauen Dinge, dich ich vorher nicht so gesehen habe.

In diesem Buch werden einige Themenbereiche aus der Perspektive des Kindes aufgegriffen. Zum einen die Einsamkeit, selbst wenn man Freunde hat. Das Alleinsein in der Familie selber. Eltern die keine Zeit haben. Die Streitereien der Eltern. Die Sehnsucht nach dem Großvater. Mobbing in der Schule. Mutig sein. Einen Freund verteidigen. Stark sein gegen Gerüchte. Pläne schmieden. Abhauen. Eine Auszeit haben. Alles hat ein Ende. Schöne Erinnerungen.

Besonders „stark“ empfand ich die Szene auf der Schultoilette. Die Hauptprotagonistin wird gemobbt, keiner hilft ihr und eine andere Schülerin versteckt sich ängstlich hinter einer Tür. So ängstlich will die Hauptprotagonistin nie sein. Ein neuer Junge kommt in die Klasse, der ebenso gemobbt wird wie sie. Ihm scheint es aber nichts auszumachen, er wirkt oft abwesend. Bald wird dank ihrem Mut daraus eine wunderbare Freundschaft entstehen.

Beide Kinder leben in einer Stadt, und als sie es nicht mehr aushalten, fliehen sie aufs Land. Wie stark dieser Kontrast doch ist. In der Hütte des Großvaters der Protagonistin, können beide ihre Seele baumeln lassen und Kraft sammeln. Diese Erinnerung wird sie durch ihr ganzes Leben tragen.

Der Name des Illustratoren und Autors Jimmy Liao sagte mir zunächst nichts, aber dann habe ich festgestellt, dass ich bereits ein schönes Buch von ihm irgendwo in meinen Beständen begraben habe: „Die Ballade von der großen Liebe“. Jetzt bin ich es verzweifelt am suchen.

 

Fazit:

Die Geschichte handelt von zwei Kindern, die in der Schule Außenseiter sind und gemobbt werden. Durch Zufall, weil einer dem anderen hilft, entsteht eine schöne Freundschaft.

In den Illustrationen kann man die Entwicklung der beiden verfolgen, wobei das Mädchen im Vordergrund steht. Ich war berührt von der Einsamkeit und der Isolation, die Illustrationen wirkten stellenweise auf mich auch subtil bedrohlich. Während der langsamen Annäherung der beiden Protagonisten baut sich Vertrauen und eine große Freundschaft auf. Text und Illustration ergänzen sich, wobei einige Textfragmente einen poetischen Klang haben. Die Illustrationen wirkten auf mich fast schon wie naive Malerei, und fast immer mit phantastischen Elementen. Jede Illustration könnte für sich allein eine Postkarte sein.

Die Protagonisten haben keine Namen, dies ist auch nicht nötig. Die Geschichte funktioniert so noch viel besser, würde ich meinen. Es bleibt mehr Raum im eigenen Denken, im Kopfkino.

Die Illustrationen waren für mich überraschend, weil ich nicht voraussehen konnte, was mich auf den folgenden Seiten erwarten würde. Das machte einen großen Teil der Spannung aus, dieses sehnsuchtsvoll wirkendes Bilderbuch zu „lesen“. Wobei dem „Text lesen“ der kleinere Teil zukommt. Auf jeder Doppelseite stehen höchstens drei kleine Sätze. Man sieht und liest fast gleichzeitig. Eine stimmige Gesamtkomposition.

Der Schluss, bietet zwei weitere, unerwartete Überraschungen, und eine davon ist Van Goghs Sternennacht.

Ich könnte mir vorstellen, dass es schwierig werden könnte, das Buch zu vermitteln. Es ist wunderschön, beseelend, sehnsuchtsvoll, nachdenklich – keine Frage, aber man sollte schon eine bibliophile Neigung für besondere Bilderbücher abseits des Mainstreams haben, dass sich einem hier diese Themen erschließen. Es ist ein Bilderbuch für alle, Erwachsene und Kinder.

Fazit: Etwas speziell, aber eine Hommage an eine wunderschöne Erinnerung.

Das Buch erschien am 1. November 2017

Link zum Buch/Verlag: http://www.chinabooks.ch/catalog/product_info.php?products_id=11383&osCsid=0i7iphmvonos425btcjj1app74

 

 

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