Forman, Gayle – Manchmal musst du einfach leben

Forman, Gayle
Manchmal musst du einfach leben
978-3-8105-2529-1
Krüger/Fischer Verlage

Inhalt:

Wir wissen alle, wie es sich anfühlt, überfordert zu sein, keine Kraft mehr zu haben – aber immer weiter machen zu müssen. Maribeth Klein, Anfang 40, in New York, ist so damit beschäftigt, die perfekte Mutter von kleinen Zwillingen, Ehefrau und Mitarbeiterin zu sein, dass sie vor lauter Stress gar nicht merkt, dass sie einen Herzinfarkt hatte. Erst als sie nach einer Notoperation völlig geschwächt wieder zu Hause ist und begreift, dass Familie und Job ihr keine Möglichkeit lassen, zu Kräften zu kommen, trifft sie eine unglaubliche Entscheidung: Sie packt eine kleine Tasche und geht.
Gayle Forman erzählt auf ergreifende Weise davon, wie viel Mut es braucht, sich für das Leben zu entscheiden, und davon, dass man manchmal von zu Hause fortgehen muss, um wieder dorthin zurückfinden zu können. Ein Roman, der große Fragen stellt und uns mitnimmt bis dorthin, wo sich Liebe und Leben treffen. Ein Buch, das ehrlicher, aufwühlender und lebensbejahender nicht sein könnte (Quelle Krüger)

Meine Meinung:

Ich kann gar nicht mehr sagen, wie ich auf dieses Buch aufmerksam geworden bin. Kann sein, dass ich es auf einem Bücherblog gesehen habe, allerdings habe ich es mir nicht in meine Leseliste notiert, was mich im nach hinein verwunderte. Denn die Inhaltsangabe hat gerade mich als vielbeschäftigte und berufstätige Mutter angesprochen. Letztendlich sah ich es zufällig in meiner Stadtbücherei stehen und da konnte ich nicht widerstehen.

Das erste Drittel ist auch sehr authentisch aus der Perspektive einer berufstätigen Mutter geschrieben. Hier kommt halt noch der Aspekt hinzu, dass es in New York spielt, wo vielleicht manches noch schneller und geplanter funktionieren muss. Ich arbeite Teilzeit, aber ich will mir gar nicht vorstellen, wie anstrengend es sein muss, vierjährige Zwillinge zu haben und fast Vollzeit zu arbeiten. Aber Maribeth, 44 Jahre, Hauptprotagonistin in der Geschichte und ihr Mann Jason müssen Vollzeit arbeiten, um im teuren New York ihr normales Leben finanzieren zu können. Die vierjährigen Zwillinge sind in einem Kindergarten, und Maribeth, die als Redakteurin für eine angesagte Zeitschrift arbeitet, hetzt sich nach ihren unregelmäßigen Feierabenden regelmäßig ab, die Kinder abzuholen, zu kochen und einfach den normalen Alltag zu bewältigen. Ein Balance-Akt ohne gleichen, aber das Gefühl, das trotz allen Bemühungen ständig jemand zu kurz kommt, kennen wohl alle Mütter. Denn im Endeffekt sind sie es, die die Familie zusammenhalten, organisieren, terminieren und für Streicheleinheiten sorgen. Und sich oft innerlich verhetzen und unter Druck setzen. Das bekommen die wenigsten Angehörigen mit. Noch „schlimmer“ ist es, wenn man keine Familie hat, die einspringen kann, also wenn die Omas und Opas weit weg wohnen oder schon gestorben sind und auch wenn keine Freunde einspringen können/wollen.

Ein weiteres Thema in der Geschichte ist, wie Freundschaften durch neue Familienkonstellationen auseinanderbrechen. Bei mir war das ähnlich, die Prioritäten verschieben sich gerade am Anfang wenn man Kinder hat, da rücken Freundinnen an zweite oder dritte Stelle, bis man wieder „durchatmen“ kann. So erging es auch Maribeth, die ihre beste Freundin Elizabeth so „verliert“, die Besuche werden immer weniger.

Maribeth versuchte ihren Mann mehr einzuspannen, aber wer kennt das nicht, das meiste bleibt eben doch an den Müttern hängen. Im Notfall konnte Maribeth auf ihre Mutter zurück greifen, allerdings versuchte sie dies so weit wie möglich zu vermeiden, da sie mit ihr nicht klar kam. Das ist schon bitter. Vielleicht lag das daran, das Maribeth als Kind adoptiert wurde und an den unterschwelligen Ängsten ihrer Adoptiveltern litt.

Wie sie den aufkommenden Herzinfarkt ignoriert, ist eigentlich in ihrer Situation verständlich. Erstens wer denkt gleich an so was? Und schon gar nicht, wenn wegen vieler anderer Dinge gar keine Zeit zum nachzudenken ist. Das berühmte Hamsterrad.

Aber auch nach ihrer schweren Herz-OP ändert sich ihr Alltag nicht. Nach ein paar Tagen kommt sie zur „Erholung“ nach Hause. Ich konnte mir schon denken, wie das ausgeht, von wegen „Erholung“. Weiterhin bleibt alles an ihr hängen, selbst ihre Mutter ist keine Hilfe. Gerade das finde ich schon traurig. Der alte Trott geht weiter. Am Anfang kommen noch gefühlte tausende Besucher, die es „gut meinen“ und sich nach ihr erkundigen wollen. Sie steht das durch, kommt aber nicht zur Ruhe. Jason, ihr Mann tut was er kann, aber nicht genug. Nach zwei Wochen meint er wieder Sex haben zu müssen. Was soll man da noch sagen, wenn einem die Brust von links bis rechts und der Bauch von oben bis unten aufgeschnitten wurde !? Dazu die quirligen Zwillinge, anstrengend. Maribeth ist total geschwächt und hat nicht das Gefühl wieder auf die Beine zu kommen. Völlig erschöpft mit keiner Aussicht auf Besserung, packt sie ihre Tasche und verlässt ihr Familie.

Also, der Anfang war sehr real. Wie im echten Leben ändern sich die Familienkonstellationen, wenn man Kinder hat. Maribeth berichtet von ihrer besten Freundin Elizabeth. Seit die Kinder da sind, haben sich die Freundinnen auseinander gelebt. Man hat einfach nicht mehr die gleichen Prioritäten, zudem ist Elizabeth Chefredakteurin und was für weiteren „Zündstoff“ sorgt, die Chefin von Maribeth. Die typische Frauenfalle: Während Elizabeth ohne Kinder Karriere macht, versucht Maribeth einfach ihren Vollzeitalltag zu bewältigen. Zudem steht Elizabeth nun „eine gesellschaftliche Stufe“ über Maribeth, kann sich eine bessere Wohngegend etc. leisten, hat keine Geldsorgen.

Soweit war die Geschichte für mich sehr nachvollziehbar und ich habe sie gerne gelesen, weil vieles wie aus dem Leben von uns Müttern gegriffen schien. Der weitere Verlauf der Geschichte lässt sich immer noch gut lesen, verlor aber für meinen Geschmack ein wenig Glaubwürdigkeit.

Denn wer hat schon das Glück, mit 25000 Dollar in Tasche zu gehen? Es ist Maribeths halbes Erbe, und sie fährt nach Pittsburgh. Alles geht glatt, alles geht gut. Zu glatt, zu gut. Sie mietet sich eine Wohnung und erholt sich erst mal wochenlang. Ihrer Familie hat sie nur eine Nachricht hinterlassen, deren Wortlaut der Leser wohl aus Spannungsgründen erst am Schluss des Buches erfährt.  Zu glatt sind die Freundschaften, die entstehen. Mit ihrer Nachbarschaft und mit ihrem Arzt. Alle sind besorgt, das ist schon „heile Welt“. Dr. Steven Grant erschien mir allzu passend in die Geschichte integriert. Nachdem sich Maribeth in Pittsburgh eingelebt hat, könnte die Geschichte zu Ende sein, aber nun kommen die bisher von Maribeth geleugneten Emotionen wegen ihrer Adoption zu Tage, und somit ein zweiter Erzählstrang.

Maribeth will endlich wissen, wer sie ist und engagiert Janice von der BurghBirthParents-Organisation um ihre richtigen Eltern zu finden. Natürlich werden auch aus Janice und Maribeth Freundinnen. Nun bestimmt die Suche ihre weiteren Gedanken, die Gedanken um die daheimgebliebenen Verlassenen treten erst mal in den Hintergrund.

Zusammen mit all den anderen fühlt es sich beim Lesen an, als hätte Maribeth eine neue „Familie“ gefunden. Dennoch kommen irgendwann die Gewissensbisse, die Reue, dass sie ihren Mann und die Kinder verlassen hat, ohne sich zwischenzeitlich bei ihnen zu melden. Leider erfährt man hier nur, wie es Maribeth ergangen ist, mich hätte aber auch interessiert, wie ihr Mann mit der Situation zurecht gekommen ist. Er konnte ja schlecht seine Arbeit aufgeben.

Am Schluss noch mehrere Wendungen, die ich nicht alle überzeugend fand. Das offene Ende mit Janice und ihrer Tochter fand ich gut gelöst. Die „Episode“ mit Dr. Steven Grant wirkte irgendwie zu gewollt und überflüssig, dennoch mit einem akzeptablen Ende, auch wenn Dr. Steven Grant „zu gut um wahr zu sein“ war und auch noch wie George Clooney aussah. Also, den Vergleich kann man echt nicht mehr hören, oder? Die Lösung für Maribeth war für mich irgendwie „seicht“, ich hatte nicht das Gefühl, dass sich in ihren Leben groß etwas ändern wird. Völlig unverständlich war zudem für mich, dass ihre Freundin Elizabeth sich plötzlich um die Kinder gekümmert hat. Das war absolut nicht nachvollziehbar odervereinbar mit dem, was man vorher erfahren hat.

Fazit:

Den Anfang und das erste Drittel des Buches fand ich sehr real aus der Perspektive einer überforderten Mutter geschildert. Wobei „überfordert“ schon etwas Negatives suggeriert, denn ist eher ein Blick auf uns berufstätige Mütter, was wir täglich leisten müssen und was an „uns“ hängen bleibt. Lange vollgepackte Tage, unendliche Müdigkeit, ständiger Zeitdruck. Mütter müssen funktionieren.

Als sich nach ihrer schweren OP der Alltag für Hauptprotagonistin Maribeth nicht ändert, der alte Trott einfach so weitergeht und sie niemand zu verstehen scheint, verlässt sie die Familie. Bis dahin fand ich die Geschichte wirklich gut, aber dann flacht die Geschichte sehr ab, denn Maribeth landet nach ihrer „Flucht“ in einer heilen Welt mit umsorgenden Menschen. Sie hatte da einfach zu viel Glück gehabt, die netten neuen Mieter, der Arzt der zu einem Freund wird, die Suche nach ihren Eltern … Das war einfach zu viel des Guten. Es war schön zu lesen, wirkte aber oberflächlich auf mich. Auch der Schluss ist zu sehr auf Harmonie bedacht. Alles zusammen „flacht“ das die Geschichte ganz schön ab. Die Tiefe fehlt.

Zudem hatte ich mir Maribeths „Sinnessuche“ intensiver vorgestellt, auf ein paar Lebensweisheiten erhofft, die sich mir aber auch nicht zwischen den Zeilen erschlossen. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie ihr Leben ändert, wenn sie zur ihrer Familie zurück geht. Und das finde ich doch schade.

Dennoch lässt sich die Geschichte unterhaltsam lesen, der Erzählton ist angenehm und sorgt für ein paar nette Stunden zum abschalten. Das Setting ist am Anfang in New York und dann in Pittsburgh, welches zwar kurz, aber schön beschrieben war.

Alles in allem: Unterhaltsam zu lesen, mit einem starken Anfang und schwachen Mittelteil und Ende. Für Zwischendurch ganz okay, konnte mich aber nicht tiefer berühren.

Das Buch erschien am 19. Juli 2017

Link zum Buch/Verlag: https://www.fischerverlage.de/buch/manchmal_musst_du_einfach_leben/9783810525291

 

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