Reinhard Haller – Nie mehr süchtig sein

Haller, Reiner
Nie mehr süchtig sein
978-3-7110-0123-8
Benevento Verlag / Ecowin

Inhalt:

Wenn dem Menschen die Sehnsucht nach den Urbedürfnissen Harmonie, Geborgenheit, Lust, Liebe und Glück entgleitet, er immer mehr davon haben will und keine Grenzen mehr kennt, entsteht Sucht. Süchtig sein heißt, niemals genug zu kriegen, nie zufrieden zu sein und für wenige Stunden des Wohlbefindens den Preis zunehmender Unfreiheit zu bezahlen. Meist ist man sich der eigenen, sich unbemerkt entwickelnden Süchte erst gar nicht bewusst. Und Süchte gibt es viele, man kann süchtig sein nach Fernsehen, dem Internet, Einkaufen, Glücksspiel, Alkohol, Nikotin und anderen Drogen, nach Essen und Magersein, nach Arbeit, Computer und Sex. Wird die Sucht nicht rechtzeitig bekämpft, führt sie zu zunehmenden psychischen und sozialen Problemen, zum Verlust der Freiheit und letztlich zur Vereinsamung. Reinhard Haller analysiert die mannigfachen Ursachen der Sucht, beschreibt alltägliche süchtige Verhaltensweisen und krankhafte Formen der Abhängigkeit und zeigt Wege zu ihrer Überwindung auf. (Quelle Benevento Verlag/ Label Ecowin)

Meine Meinung:

Der Autor Reinhard Haller ist Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen. Es gelingt es ihm mit diesem Buch, dem Laien in einer unterhaltsamen Sprache vieles über Suchterkrankungen zu erklären.

Wie in der Inhaltsangabe beschrieben, gibt es so vieles, wonach man süchtig sein kann und ich werde es hier nicht mehr aufzählen. Man könnte ironisch sagen „ für jeden ist etwas dabei“ … und der Autor listet von A-Z einige Süchte auf. Kurz geht er auf den Ursprung des Wortes ein.

In der ersten Hälfte des Buches geht es überwiegend um Alkoholiker. Welche Stadien gibt es? Trinkt er unauffällig? Wird er auffällig? Trinkt er regelmäßig? Ist er den Konsum gewöhnt? Braucht er regelmäßige Dosen?  Wo ist der Sinn einer Sucht? Flucht aus der Realität? Abschalten? Spaß haben? Wie ist der Entzug? Wer ist suchtgefährdet?

Im Laufe des Buches werden mehrere Fallbeispiele vorgestellt und aus verschiedenen Blickwinkeln gedeutet.

Zitat Seite 31: „Ein Süchtiger braucht immer mehr von dem, was ihn befriedigt oder berauscht. Ausnahme: Raucher und Kaffeetrinker. Deren Konsum pendelt sich im Laufe der Jahre ein und wird dann nicht mehr überschritten.“

Ein Thema sind die Kennzeichen des Rausches. Am Anfang hat der Süchtige zum Beispiel ein erhöhtes Redebedürfnis und Selbstwertgefühl. Einem schweren Rausch erkennt man an der Aggressivität, Provokationen und auch am undeutlichen Sprechen.

Was macht der Entzug?: unruhig, motorisch unruhig, zittern, nervös, Übelkeit, kein Schlaf, Schweißausbrüche, keine Motivation, Gereiztheit, Euphorie, schwitzen, Depressionen  …

Eine weitere Folge sind soziale Probleme, denn ein Leben mit einem Süchtigen ist schwer. Freunde und Familie werden vernachlässigt, Begegnungen vermieden, es ist keine Unterhaltung o.ä. mehr möglich, denn der einzige Gedanke ist an die Sucht, ihr wird alles geopfert. So kann der Süchtige zum Außenseiter werden, bis hin zum Arbeitsplatzverlust.

Nach jahrelangem Alkoholgenuss kann es zu psychisch schwer auffallenden Verhalten kommen. Auch Erkrankungen der Leber, Speiseröhre,  des Nervensystems (Hirnabbausyndrom) sowie Erinnerungslücken (Palimpseste) können auftreten.

Welche Arten des Alkoholismus gibt es? Konflikttrinken (Alpha Alkoholismus), Gelegenheitstrinken (Beta Alkoholismus), süchtiges Trinken (Gamma Alkoholismus), Gewohnheitstrinken und Spiegeltrinken (Delta Alkoholismus) und Quartalstrinker (Epsilon-Alkoholismus).

 

Weitere Themen:

-Suchtverschiebung

-Abhängigkeiten von stoffgebundenen (Alkohol, Drogen, Medikamte …) und nicht stoffgebundenen Süchten (Kaufen, Sammeln, …)

-Verhaltenssüchte (Handy, PC-Spiel, …)

-Charaktersüchte (Habsucht, Geltungssucht, …)

-Krankheiten (Gelbsucht, Fallsucht, …)

-Toleranzentwicklung

-Entzugserscheinungen

-Polytoxikomanie

-Rausch (Alkohol, aber auch Glücksrausch, Sexrausch, Kaufrausch …)

-Suchtursachen und Suchtmotive

-Suchtentstehung

-Selbstheilungshypothese

-ADHS und Sucht

-Sucht = Zeitlupenselbstmord?

-Messie Syndrom

-Suchtverschiebung

-Suchtgedächtnis (trockener Alkoholiker)

-Tod

-Merkmale Alkoholismus

 

Zu jedem dieser Stichpunkte erzählt der Autor spannende Beispiele. Einprägsam für mich war der Fall mit dem Suchtgedächtnis, ein Alkoholiker der nach Jahrzehnten der Abstinenz innerhalb kürzester Zeit wieder süchtig wurde.

In der zweiten Hälfte des Buches wird nach ähnlichem Schema auf andere Suchterkrankungen eingegangen: Cannabis, Kokain, Narzissten, Amphetamine, Designer-Drogen, Medikamente, Spielsucht, Rauchen, Arbeits-Sport- und Sex-Sucht, Computersucht : Erklärungen, Beispiele, historisches, Wirkung, Schäden, Folgen, Medizinische Effekte und es werden auch berühmte Persönlichen genannt, die mit Drogen in Verbindung standen.

Welche Kriterien gelten für Süchte? Hier eine Auflistung, die auch auf andere Abhängigkeiten wie Alkoholismus passt, anhand der Spielsucht:

Zitat Seite 151: „… erfüllt alle Kriterien der Sucht: Es führt zum Kontrollverlust, zur Abstinenzunfähigkeit, zur Steigerung von Dosis (=Höhe des Einsatzes) und Spielfrequenz, zur Einengung sämtlicher Lebensinteressen auf das Spielen, zu gesellschaftlichen Abstieg und letztendlich zur Änderung des ganzen Wesens.“

Interessant ist der Aspekt, dass man nie aus nur einem Grund süchtig wird. Und: Was bedeutet der Kontrollverlust und warum können normale es nicht verstehen?

Zum nachdenken:

Zitat Seite 10: „…Sucht die einzige Krankheit darstellt, bei der ausschließlich der Betroffene über Heilung und Rückfall entscheidet?“

 Ein letztes Kapitel befasst sich mit der Co-Abhängigkeit.

Zitat Seite 208: „Ein Suchtkranker übt auf seine Eltern, Geschwister oder Kinder, auf seine Vorgesetzten und Arbeitskollegen, ja auf das ganze System eine ungeheure Macht aus. Er bringt diese bewusst oder unbewusst dazu, sich ständig an seine Bedürfnisse anzupassen, sich nach seinen Vorstellungen umzustellen und ihr soziales Verhalten an seinen Forderungen zu orientieren. Er hat alle in der Hand und macht so völlig hilflos.“

 

Fazit:

Mich hat erstaunt, dass das Buch trotz verschiedener Fachausdrücke, die meist in Klammern oder Kursiv stehen, sehr unterhaltsam zu lesen war. Das hatte ich eigentlich nicht erwartet. Der Autor erklärt das Thema Abhängigkeiten mit Beispielen von verschiedenen Süchtigen anhand Erklärungen, historischem Bezug, Wirkung, Schäden, Folgen und medizinischen Effekten. In der ersten Hälfte des Buches liegt der Fokus auf der Alkoholsucht, aber viele Merkmale dieser Sucht kann man in Kontext mit anderen Abhängigkeiten setzen. Der Erzählton ist leicht zu lesen, die Fall-Beispiele manchmal schon zu „flach-klischeehaft“ gehalten. Das Buch ist auf alle Fälle lesenswert und aufschlussreich, auch wenn man nicht betroffen ist oder meint, nicht betroffen zu sein. Es gibt interessante Denkanstöße, das vielleicht eigene, vermeintlich nicht süchtige Verhalten zu hinterfragen und die Merkmale einer ungesunden Abhängigkeit zu erkennen. Denn die Palette der Süchte ist groß und beginnt schon im Jugendalter.

Das Buch ist für eine erste Übersicht sehr gut geeignet, weil es verschiedene Abhängigkeiten vorstellt. Für eine intensive Beschäftigung mit einer Sucht würde ich weiterführende Literatur empfehlen.

Wie oben bereits erwähnt, ist der Autor Reinhard Haller Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik mit Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen.

Alles in allem: Dieses Buch wird auch dem Laien in einer kurzweiligen und informativen Sprache Aufschluss über verschiedene Suchterkrankungen geben. Für eine erste Übersicht sehr gut geeignet. Lesenswert, auch wenn man nicht betroffen ist.

Link zum Buch/Verlag: http://ecowin.at/buch/nie-mehr-suechtig-sein/

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4 Kommentare zu “Reinhard Haller – Nie mehr süchtig sein

  1. Vielleicht ist uns Menschen einfach die ANDERS-Artigkeit WAHRER LIEBE und HARMONIE im Laufe unseres Fortschritts verlorengegangen. Vielleicht trauen wir Menschen uns immer weniger zur eigentlichen Wurzel unserer Probleme vorzudringen. Aus dieser ANDEREN Sicht heraus sind meine Texte und Bücher entstanden und entstehen weitere. Vielleicht mag der eine oder andere Leser diesbezüglich mal vorbeischauen unter http://guidovobig.com .

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    • Hallo Hieu,

      ich habe mir deinen Blog angeschaut und ich denke, du bist auf einem guten Weg.

      Gerade auch das Schreiben darüber ist eine gute Möglichkeit, sich damit auseinander zu setzen. Ich finde es total wichtig, dass Menschen von Ihren Erfahrungen berichten, egal ob sie nun Spielsüchtig sind, Esssüchtig (Nicole Jäger – Die Fettlöserin), Magersüchtig, eine Sucht oder Zwänge haben, ob sich jemand versucht wegen Depressionen das Leben zu nehmen ( Uwe Hauck – Depression abzugeben) oder ob jemand über das Leben mit einem autistischem Kind schreibt (Mirco von Juterczenka – Wir Wochenendrebellen) … Es gibt so vieles im Leben, was nicht so läuft, wie man denkt oder plant.

      Deswegen bewundere ich alle, die den Mut finden, damit schonungslos an die Öffentlichkeit zu gehen und anderen, die in derselben oder einen ähnlichen Situation sind, ein Stück „Normalität“ zu geben bzw. das Gefühl, nicht allein mit dem „Problem“ da zu stehen.

      Sich von einer Sucht zu lösen ist nie einfach und vielleicht wird auch das Gefühl dafür nie vergehen, aber ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du es schaffst.

      Tanja vom Bücherfüllhorn

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