Feldman, Deborah – UnOrthodox

Feldman, Deborah
UnOrthodox
978-3-442-71534-3
Btb/Random House

Inhalt:

Am Tag seines Erscheinens führte »Unorthodox« schlagartig die Bestsellerliste der New York Times an und war sofort ausverkauft. Wenige Monate später durchbrach die Auflage die Millionengrenze. In der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, herrschen die strengsten Regeln einer ultraorthodoxen jüdischen Gruppe weltweit. Deborah Feldman führt uns bis an die Grenzen des Erträglichen, wenn sie von der strikten Unterwerfung unter die strengen Lebensgesetze erzählt, von Ausgrenzung, Armut, von der Unterdrückung der Frau, von ihrer Zwangsehe. Und von der alltäglichen Angst, bei Verbotenem entdeckt und bestraft zu werden. Sie erzählt, wie sie den beispiellosen Mut und die ungeheure Kraft zum Verlassen der Gemeinde findet – um ihrem Sohn ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Noch nie hat eine Autorin ihre Befreiung aus den Fesseln religiöser Extremisten so lebensnah, so ehrlich, so analytisch klug und dabei literarisch so anspruchsvoll erzählt. (Quelle Btb/Random House)

Meine Meinung:

Bücher über starke Frauen und vor allem über andere Kulturen und Welten lese ich sehr gerne. Sie faszinieren mich, weil diese sich von meinem Kulturraum komplett unterscheiden. Ob das jetzt die Amish People sind, ultraorthodoxe Juden, Geschichten mit asiatischer Kultur, Historisches  … ich mag das. Als ich die Inhaltsangabe von Unorthodox las war mir klar, dieses Buch passt genau in mein Schema. Zusätzlich interessant, weil es keine Geschichte ist, sondern tatsächlich passiert:  die Autorin war eine chassidische Jüdin.

Abends fing ich an zu lesen, und konnte nicht mehr aufhören! Ich las bis vier Uhr in der früh, bis zum Ende. Dabei hat die Geschichte auch durchaus ihre Längen, aber ich war sosehr in dieses Setting in der chassidischen Satmar-Gemeinde in New York kopfkino-mäßig involviert, dass ich einfach wissen musste, wie es weiter geht, wie es endet. Die Autorin erzählt die Geschichte weitgehend aus ihrer Erinnerung und hat natürlich Namen abgeändert.

Zitat Vorwort: „Wenngleich auch alle in diesem Buch beschriebenen Vorkommnisse wahr sind, so wurden doch bestimmte Ereignisse verkürzt, verdichtet oder neu angeordnet, um die Identität der in sie involvierten Personen zu schützen …“

Der Leser wird gleich in die erste Szene katapultiert, in Bubbys Küche. Für mich waren die Namen der Großeltern und der anderen Protagonisten am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Aber je länger ich las, desto bester formten sie sich vor meinem inneren Auge. Mit den jüdischen Begriffen war es ähnlich, auch wenn ich einige erraten konnte. Für alle anderen gibt es am Schluss des Buches ein Glossar. Hier mal einige Wörter: Cohen, Shpitzel, Meydele, Krepele, eydel, Kippur, Sukkot, Sukkah, Shabbes … Aber keine Sorge, vieles lässt sich ungefähr aus dem Kontext erahnen.

Deborah, auch Devoiri/Devoireh genannt, ist erst elf Jahre alt, und sie hinterfragt ständig die Welt, in der sie lebt, in einer chassidischen ultraorthodoxen Gemeinde in New York. Diese Gemeinde bleibt strikt unter sich, erlaubt kein entfernen, kein abweichen, kein vermischen mit Goyim (Nicht-Juden).  Sie versteht nicht, warum der Großvater bestimmte Maßnahmen unterlässt, die ihrer Großmutter Bubby eine Arbeitserleichterung wären. Selbst als Kind spürt sie, dass sie anders sind. Noch begrüßt sie das, stellt es nicht in Frage, obwohl sie Fragen stellt. Sie liest gerne und versteckt die Bücher in ihrem Zimmer. Das gelesene wirft Fragen auf, die sich nicht mit ihrem Glauben vereinbaren lassen, oder besser gesagt, die sich nicht mit ihrem Unwissen decken. Zudem ist ihre Kindheit geprägt davon, dass Erwachsene ihre Fehler finden und „beheben“. Jeder bespitzelt jeden. Dies ist eine scheinheilige „Art religiöse Fürsorge“. Kindererziehung im chassidischen Glauben bedeutet: Schreien-beschämen-schelten!

Wie weit sie von der „echten“ Welt entfernt sind, zeigt ein heimlicher Kinobesuch. Dieser lässt Deborah Feldmann und ihre Freundin verstört zurück. Sie können nicht begreifen, was das war. Was ist ein Film? Echte Menschen?!

Bis zu ihrer Verheiratung, als sie 17 Jahre alt ist, versucht sie sich weitgehend anzupassen und vor allem, innerhalb der Familie nicht zu auffällig zu sein. Sie geht in eine Schule nur für jüdische Mädchen, Bildung ist nicht notwendig, da sie sowieso Kinder bekommen und diese zu gläubigen Juden großziehen soll. Daher werden in dieser „Schule“ keine weltlichen Dinge dort gelehrt. Noch kann Deborah nicht genau erkennen, dass dieser Weg für sie eine Sackgasse ist. Bücher, die sie heimlich liest, sind ihr Türöffner. Dennoch, sie hat große Angst, erwischt zu werden.

Zitat Seite 131: „Zeidi sagt, die englische Sprache wirke wie ein langsames Gift auf die Seele ein. Sollte ich sie lesen oder sprechen, würde meine Seele derart trüb werden, dass sie nicht länger für göttliche Reize empfänglich wäre.“

Jedem der großen Kapitel wird ein Zitat aus einem Buch vorangestellt. Ich war überrascht, auch Lucy Maud Montgomery zu finden (Anne of Green Gables) oder „Mathilda“ von Roald Dahl. Während des Erzählens gibt es zudem auch noch weiter Büchertipps: Tewe der Milchmann und „Die Erwählten“ (Chaim Potok).

 Ironie: Eine Lehrerin merkte an:

Zitat Seite 164: „Nun denn“, sagt sie, „keine von euch wird den nächsten großen amerikanischen Roman schreiben, soviel ist sicher.

Nun denn, da hat sie sich mal ganz schön geirrt. Das macht Hoffnung für alle Unterdrückten!

 

Hier eine Auflistung, eine kleiner Einblick in die Regeln für FRAUEN:

Frauen ist es nicht erlaubt …

-zu singen

-Haare zu färben

-Bücher zu lesen

-Englisch zu sprechen

-Gestricktes auf der Haut zu tragen

 

-Frauen müssen Kinder gebären

-müssen sich die Haare abrasieren und eine Perücke tragen !

-Frauen sind schuld, wenn Männer sie begehren!

– Frauen müssen hart arbeiten, gehören in die Küche!

-Einmal im Jahr werden die persönlichen Sachen von den Ehemännern durchsucht!

-An Shabbes darf nichts getragen werden (Frauen müssen deshalb zu Hause bei den kleinen Kindern bleiben!)

 

Deborah hofft auf Freiheit durch eine Heirat. Dann freut sie sich auf ihre Hochzeit, ihr zukünftiger Ehemann gefällt ihr, sie sehen sich zweimal mal vor der Hochzeit und sie hofft, mit ihm die ersehnte Freiheit zu gelangen. Manche vorehelichen Zeremonien wie das rituelle reinigen in der Mikwe sind demütigend. Deborah wird erst kurz vor der Hochzeitsnacht von einer Kallah-Lehrerin sexuell aufgeklärt. Die Sache mit der Mekor (die Quelle), kann einen als Frau fassungslos machen. Man fühlt sowas von mit, mit Deborah. Für sie bricht ihre bisherige Welt zusammen, weil sie von allem dem nichts ahnte, weil sie ihren Körper nicht kannte. Weil sie 17 Jahren mit einem Körper lebte, und DAVON nichts davon wusste!

Die Ereignisse, die ihre geplante Hochzeit und das Reinheitsgebot wegen der Monatsblutung mit sich zieht und wie in dieser Gemeinde damit umgegangen wird, haben mich ebebfalls fassungslos gemacht. Deborah wird als unrein bezeichnet, und muss 14 Tage lang mit Tüchern beweisen, dass sie wieder rein ist, und wenn sie dennoch einen Flecken im Slip hat, werden diese von einem Rabbi kontrolliert! Oder der Mann bringt dem Rabbi den Slip? Meine Güte, wie erniedrigend! Demütigung hoch drei!

Zitat Seite 163: … „Was mir an Elizabeths Gedanken und ihrer Ausdrucksweise sehr sinnfällig erschien, ist ihre ererbte Unzufriedenheit; vielleicht ist sie auch wütend darüber, in diese erniedrigende Lage gesteckt werden zu sein, die Frauen immer wieder zugewiesen wird, diese unausweichliche Rolle, ein Objekt zu sein, erwählt von einem Mann, der alle Macht hat. „ …

Für uns ist es unvorstellbar, wie Frauen dort behandelt werden. Wie wenig sie wissen, sowohl über Sexualität als auch über das echte Leben.

Im Buch findet der 11. September 2001, als die TwinTowers einstürzen, auch nur kurz Erwähnung.

Zwei Dinge sind mir zudem aufgefallen, die mich verwirrten. Zum einen hat mich gewundert, dass die junge Deborah Geld zur Verfügung hatte, um sich ein Buch bei „Barnes & Noble“ zu kaufen, als sie eines Tages heimlich in die Stadt fährt. Dann ein paar Jahre später, ich hatte es so verstanden, dass sie ihr Baby nicht stillen kann, aber ein Seiten später (322) wird genau diese erzählt: dass sie stillt. Vielleicht war ja ihm übertragenen Sinne „füttern“ gemeint.

Leser, die in eine andere Kultur mitten unter uns eintauchen wollen, wird die Geschichte gefallen. Die Autorin lebt heute mit ihrem Sohn in Berlin.

Fazit:

Ich habe das Buch abends angefangen zu lesen und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Ich las bis vier Uhr morgens, bis zum Schluss! Das Buch ist nicht unbedingt ein Pageturner, aber das Leben von Deborah Feldman mitten in New York und dennoch so komplett abseits in der Welt, ist unvorstellbar. Groß geworden und aufgewachsen ist sie im strengen chassidischen jüdischen Glauben.

Jeder Bereich des Lebens ist reglementiert. Bücher in englischer Sprache oder generell alles, was dem Glauben widerspricht, sind natürlich nicht gestattet. Jeder muss besser sein als der andere Jude, damit Gott sie nicht mehr strafen kann. So passt jeder auf jeden Fehltritt anderer auf. Selbst Kindern wird ihre Kindheit mit den strengen Regeln geraubt.

Die Welt der Frauen wird von den Männern mit Absicht klein gehalten und beengt. Bildung ist untersagt! Die Frau soll Kinder gebären und in der Küche stehen! Mich hat vor allem entsetzt und innerlich aufgeregt, wie Frauen dort im Namen der Religion regelrecht gedemütigt werden. Wie alle Schuld ihnen angelastet wird. Diese Ungerechtigkeiten gegen Frauen. Es entsteht ein völlig falscher Eindruck von der Welt. Bildung führt zu nichts Gutem, werden sie gelehrt. Das kommt einem doch bekannt vor! In vielen Männer-Gesellschaften (Patriarchaten) die heute noch in Ländern in dieser Welt existieren, kann man ähnliches erkennen.  Man kann es sich nicht vorstellen, dass es so eine religiöse Richtung mitten in New York gibt.

Dennoch schafft Deborah Feldman sich einen kleinen Zugang zur Welt der Goyim, der Nicht-Juden. So ist der Freiheitsgedanke in ihr nicht mehr zu stoppen.

Alles in allem: Diese Geschichte gibt Einblick in die ultraorthodoxe chassidische Gemeinde in New York, über das Leben, die Traditionen und Feste im Jahresrhythmus, viele Tabus und die Unterdrückung der Frauen. Eine Parallelgesellschaft. Als Frau ist man fassungslos.

Das Buch erschien am 19. Juni 2017

Link zum Buch/Verlag mit Leseprobe: https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Unorthodox/Deborah-Feldman/btb-Taschenbuch/e516029.rhd

 

3 Kommentare zu “Feldman, Deborah – UnOrthodox

  1. Hallo,
    das ist eine ausführliche und schöne Rezension. Ich freue mich sehr auf das Buch, da es seit einer kleinen Weile ganz oben auf meiner Wunschliste steht. Bald ist ja Weihnachten und wenn mein Umfeld nicht kapiert, dass das ein tolles Geschenk wäre, werde ich es mir eben selbst schenken. 😉
    GlG vom monerl

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    • Hallo Moner,
      bei mir lag es einige Wochen auf dem SUB, bevor ich die Muse hatte, es zu lesen. Man sollte mit Ruhe und Zeit ans Lesen gehen. Ich wünsche dir eine ebenso unterhaltsame Zeit wie mir. Das spannende ist auch, dass es wirklich passiert ist.
      Liebe Grüße
      Tanja vom Bücherfüllhorn

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      • Danke für die Lesetipps. Mich reizt dieses Buch genau deswegen, da es eine wahre Geschichte der Autorin ist. Sie klingt fast zu verrückt, um wahr zu sein. Aber manchmal schreibt das Leben die besten Geschichten, auch wenn diese hier aus einer schlimmen Begebenheit entstanden ist.
        GlG, monerl

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