Perry, Sarah – Die Schlange von Essex

Perry, Sarah
Die Schlange von Essex
978-3-8479-0030-6
Eichborn/Lübbe

Inhalt:

London im Jahr 1893. Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Cora Seaborne die Hauptstadt und reist gemeinsam mit ihrem Sohn Francis in den Küstenort Aldwinter. Als Naturwissenschaftlerin und Anhängerin der provokanten Thesen Charles Darwins gerät sie dort mit dem Pfarrer William Ransome aneinander. Beide sind in rein gar nichts einer Meinung, beide fühlen sich unaufhaltsam zum anderen hingezogen. (Quelle:Eichborn/Lübbe)

Meine Meinung:

Schon einige Zeit vor Erscheinungstermin wurde das Buch im Internet beworben. Mir gefiel auf Anhieb das floral-verschnörkelte Cover. Die Inhaltsangabe enthielt eigentlich auch alles, was mir gefällt: eine starke Frau, eine unmögliche Liebe, vielleicht ein Krimi, Naturwissenschaften und eine tolle Landschaft. Dennoch hatte ich zu dem Zeitpunkt so viel zu lesen, dass dieses Buch erst mal nur auf meiner Leseliste landete. Wiederum kurze Zeit später gab es einen Hinweis auf einen Buchtrailer, und nachdem ich diesen dann gesehen hatte und dieser sich so vielversprechend anhörte und anschauen ließ, MUSSTE ich das Buch haben. Zufälligerweise ergab sich ein paar Tage später die Gelegenheit für ein Gewinnspiel für Blogger vom Eichborn Verlag und ich habe gewonnen!

Das Cover ist einfach wunderschön! Die leuchtenden Farben und der Text auf dem Cover-Schutzumschlag in Prägedruck sind ein kleines Highlight. Das Buch selber, der dunkelgründe Einband, hat ebenfalls einen zarten Prägedruck und die Innenseiten sind orange-floral verziert. Ein sehr angenehmer Gesamteindruck.

Normalerweise versuche ich eine Geschichte in zwei Ansätzen fertig zu lesen, dann bin ich nämlich richtig gut in der Geschichte „drin“. Bei dieser musste ich zeitlich bedingt vier oder fünfmal abbrechen und weiterlesen, aber ich denke nicht, dass dies der Grund für meine verhaltene Meinung ist.

Wie schon oben erwähnt, hatte die Geschichte alles was ich mag und ich hatte mich sehr darauf gefreut. Dass es anders kam, lag zum einen an den für mich „schwach“ wirkenden Hauptprotagonisten, vor allem an Cora, die ich mir so ganz anders vorgestellt habe. Ich habe mir auch gerade nochmal den Buchtrailer angeschaut, und ganz ehrlich, ich konnte die Cora, die Autorin Sarah Perry dort beschreibt, nicht finden.

Aber von vorne.

Cora ist eine Frau im besten Alter, als sie ihren Mann durch Krankheit verliert. Sie passt nicht in das gängige Schönheitsideal der damaligen Zeit, ist sie doch einfach zu groß und „nicht schlank“ (was immer das heißt). Zudem hat sie einen leichten, kaum bemerkbaren Sprachfehler, wahrscheinlich lispeln, den sie geschickt verbergen kann. Ihr Ehemann war bösartig, und eine Narbe an ihrem Hals kann davon erzählen. Die Atmosphäre im Haus der Eheleute war „vergiftet“, auch wenn nicht näher darauf eingegangen wird oder es genauer geschildert wurde.

Martha, das Kindermädchen von Coras Sohn Francis, eigentlich eine Angestellte, pflegt eine ungewöhnliche Freundschaft mit Cora, so dass ich stellenweise vermutete, dass sie lesbisch ist. Sie ahnt, dass ihre Tage mit Cora gezählt sind, nachdem diese Witwe wurde und die Freiheit für sich entdeckt hat. Martha ist eine Sozialistin, eine Kämpferin für die Gewerkschaft, für Frauen- und Arbeiterrechte. Sie wird dafür und für ihre sehr feministischen Gedanken angefeindet, was sie aber nicht davon abhält, weiter zumachen und ihr Leben zu leben wie sie es sich vorstellt. Sie hat einen starken Charakter, Cora weniger. Martha kommt auch einer Suffragette sehr nahe, was sie mir sympathisch machte. Auch dass sie sehr bodenständig war und sich nichts vormachte. Sie erschien mir „greifbarer“ und sympathischer als Cora.

Francis, der 11-jährige Sohn von Cora, ist ein sonderliches Kind. Heute würde man vielleicht Autismus (?) diagnostizieren, er liebt seltsame Gegenstände (Federn, Fellstücke, zerbrochenes Brillenglas etc.), er mag Logik und Ordnung, zählt unaufhaltsam irgendwelche Gegenstände, selbst die Federn im Kissen. Er mag keine anderen Menschen um sich herum, er genügt sich selber. So hält er auch seine Mutter Cora auf Abstand, unbewusst. Empfindet dies aber ganz anders: Für ihn ist Cora eine gute Konstante in seinem Leben, über die er nicht nachdenken muss, die einfach da ist. Die er auch braucht, die da sein muss, aber ohne emotionale Nähe.

Dr. Luke Garrett war mir die eindringlichste Figur der Geschichte. Er ist 32 Jahre, wird aufgrund seines Äußeren „Kobold“ genannt und ist ein begnadeter Chirurg und Wundarzt mit für die damalige Zeit innovativen und ketzerischen Ideen. Er hat einen rebellischen Verstand und er ist in Cora verliebt. Ich dachte von Anfang an, dass die beiden optisch überhaupt nicht zueinander passen. Aber warten wir mal ab, was passiert, überlegt ich. Ich mochte Dr. Luke Garrett, auch wenn er ein wenig fanatisch erschien.

George Spencer ist der beste Freund von Dr. Luke Garrett, wirklich, einen so treuen Freund kann sich jeder nur wünschen. Er ist groß, blond, schüchtern und extrem wohlhabend, und ein wenig in das Kindermädchen Martha verliebt. Durch sie erfährt er von der Wohnungs-Notlage der einfachen Arbeitersiedlungen in London und geht zunächst aus falschen Gründen gegen diese an. Am Anfang der Geschichte fragte ich mich, was die beiden mit der Geschichte zu tun haben? Mit der Suche nach der Schlange von Essex. Ja, was eigentlich?

Will Ransome, der Dorfpfarrer von Aldwinter, trotz seiner Position ein intelligenter Mann, und ich schätze, noch gutaussehend dazu. Nur leider (für Cora) verheiratet, und dazu noch mit der elfenhaften wunderschönen Stella. Er ist ein Hauptprotagonist, und ich denke es sagt schon alles, wenn es hier nicht allzu viel über ihn zu sagen gibt …

Stella Ransome, die Frau von Will, durchschaut das Love-Interest von Anfang an. Ihre Ansichten sind außergewöhnlich, aber was hat sie schon zu verlieren was sie sowieso nicht verlieren wird? Von Anfang ist dem Leser auch hier klar, dass Stella krank ist, vielleicht sogar unheilbar? Die Hinweise dafür sind mir von Anfang an aufgefallen. Nur Will, ihr Ehemann, sieht nicht genau hin.

Dann gibt es noch ein paar weitere Protagonisten, die so nebenbei mitlaufen und des öfteren auftauchen, die ich aber nicht unbedingt zu erwähnen brauche. Lasst euch überraschen.

Wer mich am meisten enttäuschte, war Cora. Sie war für mich keine starke Frau, auch wenn sie mit Konventionen zu brechen schien. Denn sie wurde nie wirklich dafür angefeindet, weil sie nicht über ihren Freundeskreis hinaus kam. In Aldwinter, einem trostloses Dorf, wo sie auf Suche nach Ablenkung hinreiste, waren die Freunde und Einwohner vielleicht leicht pikiert, wenn sie mal die Haare offen trug, oder sich mal mit einen Männermantel oder Männerstiefeln kleidete. Aber alle schauten darüber hinweg. Gerade bei den abergläubischen Einwohnern hätte ich mir da mehr Protest vorgestellt. Aber die waren wahrscheinlich mit der Schlange von Essex so abgelenkt, dass sie keinen Gedanken daran verschwendeten. Cora jedenfalls fühlte sich frei, wenn sie keinen Schmuck tragen oder sich die Taille einschnüren musste. Cora Charakter erschien mir sehr oberflächlich. Sie ist, würde ich schon sagen, reich, kann sich alles leisten. Sie kennt keine Not. Sie denkt die ganze Zeit nur an sich. Ich dachte oft, sie weiß gar nicht, was sie an ihren Freunden hat. Gut, ich versuchte es mir dadurch zu erklären, dass sie von ihrem Mann jahrelang gequält wurde und jetzt einfach nur die Freiheit genießt und an sich denkt. Ich fand Cora und auch ihren Umgang mit ihren Freunden oft egoistisch.

In Aldwinter geht sie stundenlang spazieren, angeblich auf der Suche nach Fossilien. Hier hatte ich mir einige tolle Szenen vorgestellt, aber es kamen leider keine. Es wird erwähnt, dass sie Fossilien sammelt, es fallen wenige Worte wie Ammoniten oder Trilobiten, aber gefühlt-gesehen-gehört-gelesen habe ich das als Leser nicht. Auch die Naturwissenschaftlerin fand ich in ihr überhaupt gar nicht. Ja sie geht gerne spazieren und genießt die Natur, aber wo bleiben die Entdeckungen, die Benennungen, das Auseinandersetzen ? Fehlanzeige. Die Suche nach der Schlange von Essex, ich erinnere mich spontan an keine Szene, in der Cora wirklich danach sucht oder Nachforschungen anstellt. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir vielleicht noch die eine oder andere Kleinigkeit ein, als sie in einer Bibliothek etwas entdeckt. Aber auch das geschieht so am Rande, dass man es praktisch wieder vergisst.

In Bezug auf das Fossilien sammeln wird die Geologin Mary Anning erwähnt. Im Nachwort gibt es eine Erklärung zu dieser Frau, die wirklich gelebt hat. Nachdem ich etwas nachgeforscht habe, wurde ich auf das Buch „Zwei bemerkenswerte Frauen“ von Tracy Chevalier aufmerksam, dass ich mir gleich in meiner Stadtbücherei reserviert habe. Vielleicht hat der ein oder andere Leser noch einen ähnlichen Bücher-Tipp für mich? Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.

Merkwürdig die Szene, als Coras Freiheitsdrang gezeigt werden soll: Sie geht spazieren und entdeckt einen Arbeiter ohne Hemd in der Sonne. Kurz darauf, als sie alleine ist, knöpft sie ihre Bluse auf und geht weiter, bis ihr jemand entgegenkommt und sie schnell die Bluse wieder zuknöpft. Ist das die erste Frau „oben ohne“ im viktorianischen Zeitalter oder was sollte damit bewiesen werden? Mir kam die Szene merkwürdig vor.

Das groß angekündigte Love-Interest, Cora und Will der verheiratete Dorfpfarrer. Was hatte hier mein Kopfkino Herz-schmerz-Phantasien produziert und – nicht viel passierte. Über weite Strecken erschließt sich beiden zunächst eine Freundschaft, selbst Cora denkt eher brüderlich an Will. Er ist ein ebenbürtiger Gesprächspartner, beide mögen es, zu debattieren und zu diskutieren. Sie streiten sich, ohne einander böse zu sein. Andere bemerken, was den beiden erst urplötzlich klar werden muss: Es ist Liebe. Eine verbotene Liebe, denn Will ist verheiratet. Das Dilemma der beiden konnte ich nachvollziehen, aber das ganze blieb so oberflächlich, auch wenn beide sich schöne Briefe hin und herschickten. Ich mag es schon, wenn sich eine Liebesgeschichte in Andeutungen ergeht, wenn man zwischen den Zeilen lesen muss, aber es muss stimmig sein, dann kann eine solche Geschichte eine Wucht entfalten, wie es mit Worten nicht auszudrücken ist. Aber hier, geschah dies nicht. Mag auch sein, dass dies dem viktorianischen Zeitalter geschuldet ist, ich weiß es nicht.

Perry, Sarah
Die Schlange von Essex
978-3-8479-0030-6
Eichborn/Lübbe

Fazit:

Vielleicht kann ich es so ausdrücken, nicht die Geschichte hat mich enttäuscht, sondern die Charaktere, denen fast allen der Tiefgang fehlt.

Vor allem Cora. Sie sollte als starke, aufgeschlossene Frau präsentiert werden, aber bei mir kam davon nichts an. Im Gegenteil. Ich vermisste die Naturwissenschaftlerin in ihr, und auch die starke, angeblich freiheitsliebende Frau. Sie erschien mir sehr egoistisch und besserwisserisch, privilegiert war sie sowieso und aus dieser Position heraus konnte sie auch sehr egoistisch Leben. Ich vermisste die versprochenen Fossilien, die Suche danach. Dieses und ihre sogenannte „Freiheit“ die sie nun auslebt, sind zu stark im Hintergrund, und auch deswegen war Cora für mich ein unausgegorener Charakter.

Beim Love-Interest, das als Freundschaft zwischen ihr und dem Dorfpfarrer Will begann, vermisste ich die Herz-Schmerz-Momente, die es zwar oberflächlich gab, mich aber dennoch kaum berührten.

Das Setting am Meer, an der Küste und in den Marschen, war atmosphärisch dicht. Also, dass kann ich wirklich sagen. Hier fühlte ich mich angekommen, hier ging ich mit Cora, Will oder den anderen Protagonisten an der Küste entlang über schmale Pfade, hier fühlte ich die Meeresbrise, die Kälte, die Hitze und roch das Salz und das Meer. Das waren ganz besondere Stimmungen und Wetterlagen die Gestalt annahmen. Ein spröder Charme, dennoch wundervoll altmodisch.

Nicht zu vergessen, die Krimi-Einlage, die Suche nach einem Mörder, nach einem Schuldigen. Die Suche nach der eigenen Schuld, die abergläubische Bevölkerung, die alles der Schlange von Essex in die Schuhe schieben will. Und Cora, die das ambitionierte Ziel hat, diese Schlange zu finden. Leider war auch hier der Spannungsfaden etwas lose. Zwar passierte ständig etwas, aber mir fehlte die detektivische Aufklärungsarbeit.

Alles in allem:

Eine Geschichte über Freundschaften, Liebe, soziale Ungerechtigkeiten in London und über Naturwissenschaften. Ich bin enttäuscht, denn nur oberflächlich wurden diese Themen berührt. Mir fehlte die Naturhistorikerin, mir fehlte die starke Frau, mir fehlte die Suche nach Hinweisen seitens von Cora nach der Schlange von Essex, mir fehlt das Herz-Schmerz der Liebesgeschichte. Einzig das Setting an der Meeresküste ist wunderschön beschrieben. Dennoch ist die Geschichte wegen der besonderen „Stimmung“ im Buch lesenswert, aber kein „Muss“.

Das Buch erschien am 29. September 2017

Link zum Buch/Verlag und zum Video-Buchtrailer/Interview: https://www.luebbe.de/eichborn/buecher/litcom/die-schlange-von-essex/id_6238228

 

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