Kabus, Christiane – Das Geheimnis der Mittsommernacht

kabus-christiane-das-geheimnis-der-mittsommernacht-wz-3Inhalt:

Zwei Familien im Schatten eines dunklen Geheimnisses … Norwegen, 1895. Im Bergbaustädtchen Røros begegnen sich zwei junge Frauen, deren Schicksal kaum unterschiedlicher sein könnte. Die Deutsche Clara ist ihrem Ehemann in dessen Heimatstadt gefolgt, wo sich dieser endlich mit seinen Eltern aussöhnen will. Doch die Ordals begegnen Clara und ihrem kleinen Sohn Paul mit unverhohlener Ablehnung. Als wenig später ein furchtbares Unglück geschieht, ist Clara plötzlich auf sich allein gestellt. Unerwartete Hilfe erfährt sie ausgerechnet durch Sofie, die Tochter des mächtigen Bergwerksbesitzers, dem die Ordals schon lange ein Dorn im Auge sind. Sofie empfindet ihr behütetes Dasein als goldenen Käfig und bewundert es, wie Clara ihr Leben meistert. Während Clara und Sofie zu Freundinnen werden, kommen sie einem Geheimnis auf die Spur, das ihre Familien seit Jahrzehnten überschattet … Große Gefühle vor atmosphärischer Kulisse – ein opulent erzählter Roman voller bewegender Einblicke in eine der spannendsten Epochen der norwegischen Geschichte. (Quelle Bastei Lübbe)

Meine Meinung:

Immer wieder stelle ich fest, wie WICHTIG öffentliche Büchereien sind. Dieses Buch, das ich mir sehr wahrscheinlich nicht gekauft hätte, entdeckte ich meiner Stadtbücherei zum ausleihen. So lese ich oft Bücher, die ich im Normalfall nicht lesen würde. Dieses „zufällige finden“ von neuem und anderem Lesestoff ist total wichtig, um den eigenen Horizont zu erweitern!

Diese Geschichte hier ist vielleicht nicht besonders wichtig, aber sie ermöglicht einen Blick in eine andere Welt, in das Jahr 1895 in Norwegen. Gerade durch dieses Setting wurde ich neugierig. Wenn man das Buch aufschlägt, findet sich auf den ersten Seiten eine Übersichtsliste über die Familien und die Personen. Das kann erschrecken, aber ich kann schon vorab sagen, dass die Personen alle so geschildert sind, dass ich kein einziges Mal während des Lesens nachschlagen musste, um zu schauen, wer denn jetzt welche Person ist. Dazu ist es aber auch sinnvoll, das Buch in großen Etappen zu lesen.

Die Geschichte beginnt aber zunächst im Rheinland. Clara, Olaf und ihr Sohn Paul sind die Hauptpersonen der Familie Ordal. Clara, klein und rothaarig, wurde als Waisenkind in einem Kloster erzogen. Olaf, ihr Mann, Rechtsanwalt, stammt aus Norwegen, und erzählt nichts von seiner Familie oder warum er nach Deutschland kam. Clara ist fleißig, genügsam, eine sehr liebenswerte Frau und gute Freundin, sie war mir von Anfang an sympathisch. Sie hat sich vom Waisenkind zum Dienstmädchen bis in einen akademischen Haushalt hochgearbeitet, wo sie ihren Mann Olaf kennen lernt. Dieser bleibt „blass“ im Hintergrund. Durch einen Zufall und eine Intrige müssen die beiden ihre Pläne ändern und reisen vom Rheinland nach Norwegen. Die Spannung steigt für Clara und den Leser: Was werden sie dort vorfinden? Welches Geheimnis hat ihr Mann? Dort geht es dann Schlag auf Schlag, das Schicksal meint es nicht gut mit Clara und ihren Sohn. Zunächst. Dennoch gelingt es ihr, sich mit Fleiß und einem ehrlichen und liebenswerten Charakter ganz langsam eine neue Existenz aufzubauen. Diese Beschreibungen der schweren Zeiten waren sehr eindrücklich. Clara hat insgesamt gesehen viel Glück gehabt, im realen Leben wäre es wahrscheinlich anders gewesen. Vor allem fand ich, dass sie für ein Waisenkind sehr gebildet war, ob das tatsächlich so war, früher? Vielleicht wenn man Glück hatte, und in einem Kloster aufgenommen wurde? Möglich wäre es. Dennoch war mir diese Eigenschaft manchmal suspekt an ihr.

In Roros, einer Bergwerkstadt mit ehemaliger Befestigungsanlage, ist Sofie eine der Hauptpersonen der Familie Svartstein. Hier ist es interessant zu lesen, wie sie sich von einem verwöhnten Töchterchen in eine nette junge Frau verwandelt, die bereit ist, auch für die ärmeren der Einwohner etwas zu tun. Sie ist ganz anders als ihre arrogante Schwester Silje, die nur an sich selber denkt. Leicht hat es Sofie in dieser Familie nicht, ihr kaltherziger Vater Ivar ist Besitzer des Kupferbergwerkes. Auch wenn sie keine finanziellen Sorgen haben, ist es vor allem für die nachdenkliche Sofie keine richtige Familie, es gibt keinen liebevollen Zusammenhalt. Sie grübelt und hinterfragt vieles und hat für ihre Zeit schon sehr feministische Gedanken, ähnlich wie die Suffragetten. Allerdings bleibt es lange bei diesen Gedanken, da sie niemand hat, mit dem sie diese diskutieren könnte.

Kabus, Christiane Das Geheimnis der Mittsommernacht 978-3-404-17403-4 Bastei Lübbe 978-3404174034

Kabus, Christiane
Das Geheimnis der Mittsommernacht
978-3-404-17403-4
Bastei Lübbe
978-3404174034

Es dauert lange, bis beide Frauen aufeinander treffen. Die Geschichte wird auch aus beiden Perspektiven geschrieben, aus Sofies und aus Claras. Das ist richtig toll, denn man merkt mit der Zeit, dass sich beide Erzählstränge miteinander verweben und ergänzen, und durch die abwechselnde Erzählweise entsteht eine Spannung, die mich immer weiter lesen lassen wollte.

Clara fand ich bewundernswert, wie sie selbst, bitterarm, doch jedem hilft. Sie macht keine Standesunterschiede, wer Hilfe braucht, dem hilft sie selbstlos. Dadurch schafft sie sich nach und nach eine neue Familie, bunt gewürfelt, aber das schöne ist, alle halten zusammen. Dies wird besonders deutlich, als sie bei Winterbeginn in ein Haus ziehen kann. Sie erhält unerwartete Hilfe, und so gelingt es ihr, zwar ein einfaches, aber warmherziges Familienleben aufzubauen.

Mir gefiel auch (na klar), dass die Männer im Leben der Frauen sehr gemäßigte Ansichten für die damalige Zeit hatten. So war es für Mattis kein Problem, dass Clara zwei Kinder hatte. Per hingegen hielt auch noch zu Sofie, als ihr Techtelmechtel mit Moritz nicht ohne Folgen blieb. Beide sind starke Männer, die zu ihren Frauen stehen, egal was kommt. Sie lassen sich nicht vom Standesdünkel, Drohungen oder gehässigen Gerede umstimmen.

Ich gestehe, am Anfang verspürte ich eine gewisse Unlust das Buch zu lesen, aber das lag daran, dass ich im Moment einfach zu viel zum Lesen habe. Es dauerte auch etwas, bis ich mich mit dem ruhigen und etwas spröden Erzählton, und auch mit den sachlichen Beschreibungen angefreundet habe. Aber die Charaktere, die alle ganz fein ausgearbeitet waren, zogen einen wie einen Magneten in Bann.

Dazu kommt das Setting in der norwegischen Stadt Roros, das vom Kupferbergwerk dominiert wird. Auch die damaligen Gesellschaftsnormen waren interessant zu lesen, z.B. wie sich eine Frau zu verhalten hatte, welche Gesellschaftlichen Schichten berücksichtigt werden mussten (Arbeiterklasse, besser Gestellte, Adlige), das nichtvorhandene Wahlrecht der Frau, eine Frau darf alleine keine Firma führen, eine Frau ohne Ehemann wird gesellschaftlich geächtet etc. Manche Abschnitte waren der Welt des Bergbauwesens und auch der geschichtlichen Auseinandersetzung Norwegens und Schwedens gewidmet. So wird unter anderem der Bau der Befestigungsanlagen an Schwedens Grenze erwähnt. Es gab unter den Männern dieser Geschichte einige politische Diskussionen, so dass ich annahm, dass diese noch eine Rolle spielen würden. Dies geschah aber nicht. All diese Informationen sind oft sehr sachlich gehalten, und verleiten denjenigen, der sich nicht dafür interessiert, zum überfliegen dieser Textzeilen. Dies ist jedoch nicht allzu tragisch, weil die Informationen nicht unbedingt eine Rolle spielen, sonder eher das Gesamtbild ergänzen sollen.

Aber auch die erste Zeit im Rheinland ist gespickt mit interessanten Ortskenntnissen, zum Beispiel der Adelheidis-Kapelle und der damit verbunden Geschichte über den Adelheidis-Brunnen. Und schon hat man wieder mal ein kleines Reiseziel als Tages- oder Wochenends-Ausflug vor Augen. Auch als Clara in Norwegen lebt, wird das Rheinland immer wieder kulinarisch erwähnt, zum Beispiel die Flutschmoppen, ein rheinisches Gebäck. Immer wieder findet man kleine Einblicke in das Leben von damals, was tun bei einer Erkältung? Auf Seite 532 wird das Rezept mit dem Zwiebelsaft für die Kinder gekocht.

Auch finden viele norwegische Gebräuche und Sagen in die Geschichte hinein, wie über die Tollesmesse, lille julaften, julenek, fjosnisse, julebukk (S. 556).  Sie sind die Details, die die Geschichte im Ort Roros „rund“ machen, Details, die Clara begierig aufsagt, sich erklären lässt und mitmacht.

Um Schluss bleibt allerdings die Frage nach der Versöhnung zwischen Clara und den Schwiegereltern offen. Da sie aber durch andere Ereignisse in den Hintergrund gerückt war, fand ich das nicht so schlimm. Allerdings konnte ich die Abneigung gegen Clara nicht nachvollziehen, da gab es auch keine Erklärung im Buch. Auch nicht verstehen konnte ich, wieso Olafs Mutter Ivar helfen wollte, wenn sie doch ihren Sverre über alles liebte.

Dennoch gibt es für alle irgendwie ein Happy End.

Ein letztes Wort zum Cover: Ich finde, es passt überhaupt nicht zum Inhalt und dem Ort der Geschichte.

Kabus, Christiane Das Geheimnis der Mittsommernacht 978-3-404-17403-4 Bastei Lübbe 978-3404174034

Kabus, Christiane
Das Geheimnis der Mittsommernacht
978-3-404-17403-4
Bastei Lübbe
978-3404174034

Fazit:

Dies war mein erstes Buch der Autorin Christine Kabus. Ein anfangs eher spröder Erzählton mit durchaus abschweifenden Informationen über die Landschaft und die Kulturgüter wird die einen Leser langweilen, die anderen werden interessiert weiterlesen. Ich gebe zu, auch bei mir gab es Passagen, zwar wenige, die ich aber überflogen habe. Im Laufe des Lesens entwickeln sich all diese Informationen zu einem wunderbaren Gesamtpanorama über eine Bergwerkstadt in Norwegen und der Stellung der Frauen um 1895. Besonders die Wintermonate werden eindrücklich geschildert.

Hauptthema sind jedoch Clara und Sofie. Eingebettet in zwei spannende Erzählstränge, die sich aufeinander zubewegen, finden zwei starke Frauen ihren Weg in einer Zeit, in der sich Frauen unterordnen mussten. Sofie, die aus einer angesehen Familie stammt, entwickelt sich zum rebellischen Wildfang mit feministischen Gedanken. Clara, die Gute, kämpft um ihre Familie. Beide Frauen waren mir sehr sympathisch und ich empfand das Leben der beiden sehr spannend erzählt. Natürlich passiert auch ungewöhnlich viel, und vor allem Clara hat immenses Glück, was in der Realität so nicht gewesen wäre. Aber was mit Sofie geschehen ist, ist vielen Frauen passiert, auch, wenn diese nicht so viel Glück und Unterstützung hatten.

Die Geschichte ist an einigen Stellen vorhersehbar, aber das machte mir nichts, es erhöhte sogar die Spannung, denn ich fragte mich „Würde tatsächlich passieren was ich erwartet habe?“ und „Wann würde es passieren?“.

Alles in allem: eine schöne und ruhige Geschichte mit einem etwas altmodischen Grundton, die mich aber voll und ganz ins Jahr 1895 in ein norwegisches Bergwerkstädtchen entführte. Die Erlebnisse von zwei starken unkonventionellen Frauen zogen mich in ihren Bann. Ich werde auf alle Fälle noch eine Geschichte von der Autorin lesen.

Zum Buch/Verlag: https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/landschaftsromane/das-geheimnis-der-mittsommernacht/id_3160348#.WJNvffJsjbk

 

Weitere Links:

Die Adelheidis-Kapelle in Bonn: https://de.wikipedia.org/wiki/Kapelle_St._Adelheidis und http://www.bonner-muenster.de/stadtpatrone/adelheid/puetzchen/

Flutschmoppen, Rheinisches Gebäck: http://www.chefkoch.de/rezepte/1539581260171272/Flutschmoppen.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Suffragetten

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