Fuchs, Dieter R. – Hannya/Im Bann der Dämonin

Fuchs, Dieter R.
Hannya/Im Bann der Dämonin
978-3-940443-73-1
Schwarzer Drachen Verlag

Inhalt:

Die abenteuerliche Geschichte um eine geheimnisvolle Schnitzerei, ein Netsuke, lässt das alte Japan aufleben, so wie es wirklich war. Während seines tausendjährigen Lebenslaufes geht das aus einem ganz besonderen Hirschgeweih geschnitzte Kleinod in vielerlei Gestalt durch unzählige Hände und die spannenden Geschehnisse um seine jeweiligen menschlichen Besitzer erzählen eindrucksvoll von den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen, den Riten des uralten Shintō-Kultes und dem Buddhismus. Ob Regent, Samurai, Schamanin, Händler, Künstler oder Mönch, niemand konnte sich der Magie dieses Objekts entziehen. Auch jener alternde Mann in Nürnberg nicht, bei dem es schließlich in der Neuzeit landet, und der dessen Faszination genauso erliegt wie später die ihn betreuende Ärztin. Bis man sich von diesem Bann wieder befreien möchte … (Quelle Schwarzer Drachen Verlag)

Meine Meinung:

Vor zwei Jahren habe ich „Der Tanz der Häsin“ (*klick*) des Autors gelesen und war total begeistert von den neuen Eindrücken, die sich mir erschlossen haben. Als mich Dieter R. Fuchs vor kurzem anschrieb, ob ich sein neues Buch „Hannya“ lesen möchte, sagte ich sofort ja, obwohl ich gerade in Rezensionsexemplaren „ertrinke“. Schon immer haben mich andere Kulturen, vor allem die asiatischen, interessiert und so habe ich mir von meinem Bücherstapel dann auch dieses Buch als erstes gegriffen und gleich gelesen.

Auf den ersten Blick hat mich das Cover allerdings auf eine ganz andere „Fährte“ geschickt. Denn durch seine leicht esoterische und gefällige Ansicht erinnerte mich dies an einige Jugendbücher aus dem Fantasy-Bereich (z.B. Carlsen Impress  „Iceland Tales“, um mal nur eines zu nennen). Ob das „gut“ ist, weiß ich nicht, denn so assoziiert man ganz andere Themen und verzichtet so vielleicht auf das lesen dieses Buches, wenn man den Autor und seinen Anspruch nicht kennt.  Auch die Taschenbuchausgabe ist für meinen Geschmack zu viel „Understatement“ für dieses Buch. Vielleicht bin ich ein Snob, aber für diese Geschichte hätte ich mir eine schöne hochwertige gebundene Ausgabe gewünscht. Es hört sich vielleicht blöd an, aber für mich liest es sich dann auch nochmal anders.

Der Anfang ist spannend. 1995 findet ein älterer Mann durch Zufall (?!) in einem Trödelladen einen Netsuke aus Hirschhorn. Wer noch nichts über diese Miniaturschnitzereien, genannt Netsuke, weiß, dem empfehle ich auf alle Fälle das Buch „Der Tanz der Häsin“ des Autors. Auch wenn vielleicht der ein oder andere jetzt denkt „O man, was für ein Thema, darüber zu lesen kann ich mir nicht vorstellen“, dem möchte ich heftig wiedersprechen und raten „Lest es!“. Es ist ein absolut faszinierendes Thema, dass sowohl historisch, dramatisch und magisch ist. Und vor allem gilt für beide Bücher: Nicht vom Cover abschrecken lassen!

In „Hannya“ wird der Weg des Netsuke im Laufe von 1000 Jahren nachvollzogen. Warum man es Hannya nannte, wird in der Geschichte deutlich, denn das Netsuke war nicht von Anfang an ein „Hannya“. Die Geschichten sind schön verpackt in den jeweiligen Zeit- und Kulturräumen beschrieben, präsentieren sich aber dennoch ein als Ganzes. Dabei spielt der Shinto-Kult eine große Rolle, ich mochte diese magischen Momente und die Rolle der Kami im Buch sehr. Im Buch wird z.B. erklärt, wie sich das Wort Kami-Kaze zusammensetzt und wer oder was „Hannya“ ist. Letzeres bereits im Vorwort. Ich gestehe, ich hatte mit Hannya etwas ganz anderes verbunden, schon eine weibliche Person, und schon eine Person in der Hauptrolle, aber ich lag mit meiner „vorab-gedanklichen Interpretation“ gänzlich daneben.

Dieses Netsuke aus Hirschhorn spielt die Hauptrolle in der Geschichte. Es wird als „Es“ betitelt, so als hätte es ein eigenes Innenleben. Hat es auch, auf magischer Weise, manchmal auch richtig gehend beunruhigend. Da fragte ich mich als Leser schon, ob es vielleicht „böse“ ist? Vielleicht hätte ich mir noch eine magischere Bezeichnung als „Es“ gewünscht, ich gebe zu, mit „Es“ konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, dann ich hatte augenblicklich Steven King im Kopf, und das irritierte mich beim lesen. Auch wenn ich mich im Laufe der Geschichte natürlich in Bezug auf das „Es“ hier an den anderen Kontext gewöhnte.

Die Geschichte spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Zum einem ab 1995 in unserer heutigen Zeit in Deutschland und dann, was sich für mich ein wenig komplizierter lesen lies, in den letzten 1000 Jahren in Japan. Beides ist unterhaltsam und flüssig zu lesen, aber doch sehr unterschiedlich.

Nachdem der ältere Mann an den Netsuke gekommen ist, wird sich von ihm selber unbemerkt, zukünftig sein ganzes restliches Leben nur noch um diesen Hirschhorn-Netsuke drehen. Er leistet großartige Recherche-Arbeit und lässt auch eine „Material-Analyse“ machen. Erst viel später realisiert er, wie er in entfernter Weise mit dem Netsuke und dem weißen Hirschen verbunden ist.

Der ältere Mann ist fast die Endstation einer langen Reise, aber halt eben auch nur fast. Hier der Weg, die der Netsuke im Laufe der Jahre zurücklegte. Ich konnte es nicht vermeiden, ein wenig vom Inhalt zu verraten, also wer sich überraschen lassen will, sollte die folgenden Punkte einfach ignorieren.

Die Stationen sehen folgendermaßen aus:

  1. Der Jäger und Fujiwara no Michinaga: Ein verarmter und hungriger Jäger erlegt unwissentlich den göttlichen Hirsch und legt ihn Michinaga (Höchster Beamter im Kaiserhof, Narian) vor, der eine Belohnung versprochen hat, allerdings für einen weißen Hirschen und nicht für den göttlichen weißen Hirschen. Der Irrtum wird bemerkt und es wird mit Shinto-Ritualen und Reinigungszeremonien eine Wiedergutmachung versucht, in dem man das magische Geweih als Reliquie in einem Honden sicher aufbewahrt. Die Beschreibung, wie diese Reliquien eingepackt werden und welche mysteriösen Dinge ein Honden beinhalten kann, waren sehr faszinierend für mich. Spannend zudem, da niemand weiß, was in den gut verschnürten Päckchen aufbewahrt wird, weil diese normalerweise niemand zu Gesicht bekommt.
  2. Schamanin: Eine Itaka Schamanin erschleicht sich durch Bestechung und Mord ein Stück des göttlichen Hirschhorngeweihs. Itaka Schamaninnen sind blind (manchmal wird nachgeholfen!), und das kleine Stück Hirschhorngeweih wird in der Haarkrone der Trägerin versteckt. Ich dachte durch den Mord würden vielleicht böse Kräfte entfacht werden, aber das Stück Hirschhorn bleibt elf Generationen im Besitz der Haarkronenträgerinnen.
  3. Shogun Hojo Tokimune: Er kommt ebenfalls durch einen Mord in den Besitz des Stückchens Hirschhorn-Geweihs. Er lässt sich einen Schwertgriff daraus schnitzen (Tanto= Schwert, Dolch). Nach zwei Jahrhunderten stirbt seine Familie aus und das Schwert wandert in den Besitz eines Fürsten. Begeistert war ich von der Beschreibung, wie das Schwert geschmiedet wurde. Es erinnert mich mit dem Wellenschliff ein wenig an teure handgeschmiedete japanische Messer. Auch die Kunst des Schnitzens ist beachtlich, was es alles zu bedenken gibt!
  4. Fürsten und Nakamura-Klan: Der Nakamura-Klan bekam das Tanto (Schwert) durch einen Fürsten als Siegel für die Verbundenheit überreicht. Es wird nun Nakamura-Tanto genannt.
  5. Kanzaburo Nakamura: Theaterdirektor und Schauspieler (No-Schauspiel, Dojo-ji), das Schwert liegt lange bei ihm unbeachtet in einer Kiste im Theater. Ein Brand im Theater zerstört alles, aber seltsamerweise nicht den Hirschhorn-Griff des Nakamura-Schwertes. Als er nach langen Jahren einen Freund wiedertrifft, und eine ganz besondere Hannya Maske bei ihm findet, schenkt er ihm im Gegenzug das Nakamura-Schwert.
  6. Schnitzer/Maskenschnitzer: Der Freund hat die Meisterschnitzer-Schule des Hannya-bo besucht, seine Masken sind Kunstwerke. Er erkennt das magische Hirschhorn, und lässt sich ein Schnitz-Messer aus der restlichen Klinge machen. Die Form des Hirschhorns ändert er ein wenig ab. Als sich sein Leben dem Ende neigt, übergibt er seinem besten Schüler das Schnitz-Messer.
  7. Schnitz-Schüler/Netsuke Schnitzer: Es kommt anders als gedacht und am Ende seines Lebens noch mal anders. Lange Jahre lebt der ehemaliger Schnitz-Schüler in einem abgelegenen Dorf und verändert kurz vor seinem Tod die Form des Hirschhorns in ein Netsuke in der Form eines No-Schauspielers mit Hannya Maske. Dies hat alles seine Bedeutung. Dieses schnitzen von Netsuke- Figuren ist ein richtiges Handwerk, das bei einem Netsuke-shi erlernt werden muss. Faszinierend wird die Herstellung beschrieben, eine unglaublich filigrane Arbeit mit verschiedenen Messern, Sägen, speziellen Krummsticheln, Schnittwerkzeugen und anderem Spezialgerät. Dieses Netsuke gibt er dann an ein Kind weiter, das er würdig betrachtet.
  8. Kind: Leider hat der Netsuke-Schnitzer das Kind falsch eingeschätzt und dieses versteckt den Netsuke in einer Höhle neben einem Shinto-Schrein. Ein Erdbeben verschüttet beides, und das Nesuke wird hundert Jahre später zufällig von einem Wandermönch gefunden.
  9. Wandermönch: Findet das Netsuke zufällig an einer Quelle und gibt es ebenfalls am Lebensende an einen jungen Mönch weiter.
  10. Junger Mönch/Händler: Dieser Mönch weilte nur ein Jahr im Kloster, und entschied sich dann für ein weltliches Leben. Er wird ein angesehener und reicher Händler, und gibt das Netsuke an seinen Sohn weiter.
  11. Sohn vom Händler/Französischer Aufkäufer: Die Welt in Japan ändert sich, die Moderne hält Einzug und alte Dinge verlieren ihren Wert und landen in irgendwelchen Schaukästen zum Verkauf. So auch das Netsuke, das dort von einem französischen Aufkäufer von Japonika 1879 gekauft und mit nach Europa genommen wird.
  12. Durch weitere Hände landet es schließlich bei einem Händler namens Kratzer. Ich meinte, dieser Name und das Geschäft in Schwabing kamen auch in „Der Tanz der Häsin“ vor und ich freute mich über diese Querverbindung. Von dort aus gelangt es zu einem Großbauern, der es an dem Charivari (Schmuckkette) seiner Hirschlederhose befestigt, im Gedanken es sei ein Krampus (eine Schreckgestalt). Jahre später wird es bei einem Diebstahl gestohlen und landet so bei einem Trödler in Nürnberg, wo sich der Kreis fast schließt und das Netsuke von dem älteren Mann gefunden und gekauft wird.

Und auch letztendlich gibt der ältere Mann das Netsuke an seine „gute Fee“, die Ärztin, weiter. Diese spürt als einzige, dass dieses Netsuke auch sehr „einnehmend“ sein kann und will sich daher nach einigen unerklärlichen Vorfällen davon trennen und somit auch dem letzten Wunsch des älteren Mannes nachkommen.

Wie der Netsuke mit dem Volksmärchen von „Anchin und Kiyohime“ zusammenhängt; wie es zum Fetisch einer elf-jährigen Itaka-Generation wurde; was das Märchen mit dem Wolkenhirsch, die Eisgeister und der Donnerkrieger Takemikazuchi damit zu tun hat; und wie die Kraft der Geweihsprosse des Hirsches von Kasugayama noch bis in die heutige Zeit wirkt … Das alles wird erzählt.

Fuchs, Dieter R.
Hannya/Im Bann der Dämonin
978-3-940443-73-1
Schwarzer Drachen Verlag

Fazit:

Auch das Buch „Der Tanz der Häsin“ des selbigen Autors handelt von Netsuken, besonderen Miniaturschnitzereien aus dem historischen Japan. Ich mochte das Buch und freute mich daher ganz besonders, wieder in ähnliche asiatischen Gefilde einzutauchen.

Diese Geschichte hier, Hannya,  war vom Thema ähnlich, aber dennoch etwas anders im Erzählton. Zum einen hatten die Protagonisten in der heutigen Zeit keine Namen, wurden nur der „Mann“ und die „Ärztin“ genannt. Daran gewöhnt man sich aber und es war auch kein Problem, obwohl es so natürlich schon eine gewisse Distanz schaffte. Dieser Teil, der in der heutigen Zeit spielt, lässt sich sehr unterhaltsam und schnell lesen.

Bei den Kapiteln aus der Vergangenheit und der japanischen Perspektive fehlte mir das Gefühl in der Geschichte „versinken“ zu können. Es wurden viel mehr historische Details, Ausdrücke und Namen genannt, die mich auch teilweise verwirrten: Japanische Mythen, Kaiser, Fürsten, Kriegsfürsten, Kriege, Epochen, Märchen, Geisterwesen … Das alles in einem so kleinen Buch unterzubringen und sich auf das nötigste zu beschränken, war sicherlich sehr schwierig. Ich hatte das Gefühl, dass die eigentliche Geschichte darunter ein wenig gelitten hat, weniger „Tiefe“ hatte. Der Fokus so schien mir, lag mehr auf der „japanischen Historie“ und der Wissensvermittlung. Und das funktionierte gut und so ist die Geschichte eines  Kleinodes auf seinem 1000-jährigen Weg durch Japan bis Deutschland und wieder zurück eine runde Sache.

Die Geschichte um eine Miniaturschnitzerei (Netsuke), die aus dem Geweih eines göttlichen Kami-Hirsches geschnitzt wurde. Ist es ein Kleinod, ein Heiligtum oder eine Reliquie? Wie soll man „Es“ nennen? Etwas, dass sich manchmal vage selbst bewusst ist, pulsierend und Magie verströmend zugleich. Lange Zeit verbleibt dieses „ Es“ bei Itaka-Schamaninnen, die auch den Shinto-Kult durch Jahrhunderte am Leben halten, im Glauben an alte Götter und Natur- und Ahnengeister, den Kami. Ich glaube, hier hätte ich noch viel mehr lesen können, von den Eisgeistern und dem Shinto-Kult.

Gerade das erste Drittel der Geschichte empfand ich sehr angenehm und zum abtauchen. Flüssig zu lesen, auch wenn es viele japanische Fremdwörter, Begrifflichkeiten und historische Kontexte zu erfassen gibt. Vieles ist durch praktische Fußnoten gleich unten im Text erklärt, obwohl es mir nur selten gelang, mir dies das alles zu merken. Zwischendurch hatte ich mit verschiedenen Längen im Bezug auf japanische Historie (Besitzverhältnisse, Kämpfe, Fujiwara no Michinaga etc.), Namen und Würdenträgern zu kämpfen.  Aber das tat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch, im Gegenteil, denn ich hätte am liebsten zwischendurch verschiedenes noch gegoogelt. So blieb ein schöner Gesamteindruck zurück.

Für mich war es keine Fantasy-Geschichte wie irgendwo erwähnt wurde, sondern eine Geschichte mit einigen (wenigen) magischen oder übersinnlichen Elementen geschmückt. Diese sphärischen, fast schon zwischen den Zeilen versteckten magischen Vorgänge um die Miniaturschnitzerei gefielen mir sehr. Ob im Guten oder Bösen, das war von Anfang an nicht klar und machte auch für mich einen Teil der Spannung aus. Zudem erfährt der Leser nebenbei viel über die japanische Mythologie und Historie, über Samurai, den Shinto Kult und vieles mehr.

Alles in allem: Die Geschichte lässt sich gut lesen, erfordert aber in Bezug auf die japanischen Mythen und Historie ein großes Interesse und eine gewisse Konzentration vom Leser. Durch die vielen historischen Einzelheiten, die erwähnt werden, bleibt für ausführliche Details oder Charakterstudien (außer zu dem Netsuke) kein Platz. Ich habe das „schmöker-Gefühl“ etwas vermisst. Dennoch habe ich die Zeit mit dem Netsuke genossen, es entführt in eine andere, vergangene Kultur.

Link zum Buch/Verlag: https://www.schwarzer-drachen-verlag.de/hannya-im-bann-der-daemonin/#more-688

Interview mit Dieter R. Fuchs und dem Foto des „Hauptprotagonisten“:  https://www.schwarzer-drachen-verlag.de/interview-mit-dieter-r-fuchs/

Ausblick: Zhulong – Ein Drache erwacht, ein Jugendbuch. Erscheint nächstes Jahr. Das möchte ich auf alle Fälle auch lesen.

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