Lendfers, Corina – Vierzig Fuss für vierzehn Füsse

Lendfers, Corina
Vierzig Fuss für vierzehn Füsse
978-3-667-10936-1
Delius Klasing

Inhalt:

Ein Schweizer Paar mit fünf Kindern (und dem Bordhund Guia) lebt seinen unorthodoxen Traum. Michael „verhandelt und verdient das Geld“ und muss deshalb immer mal wieder zurück nach Hause, Corina ist die Handwerkerin, kümmert sich darum, dass an Bord alles läuft und funktioniert und bleibt mit den Zwei- bis Neunjährigen stets auf dem Schiff. Mit ihrer 40 Jahre alten Stahlyacht sind sie im Juli 2013 von Faro zu den Kanarischen Inseln aufgebrochen: Sie haben geweint und gelacht, hatten Glück und Angst und 22 (!) Löcher im Rumpf, erlebten Euphorie und Rückschläge, waren einsam und mitten im Strudel des Lebens. Entspannung- und Arbeitsphasen wechseln sich ab von Lanzarote über Gran Canaria und Teneriffa bis La Gomera (Mai 2015) bei vorwiegend fröhlicher Gelassenheit trotz gelegentlicher Krankheiten und Panikattacken, wenn das Schiff die altersbedingten Krankheiten zeigt. Die Lebensaufgabe heißt: entwickeln und entfalten. Kein Rückschlag wird ausgeklammert oder schöngeredet. Der Leser sitzt mit an Bord und erlebt den Alltag zwischen Traumbuchten und Betonmarinas hautnah. Und dann wird auch mal kurzerhand die Salatschleuder zur Waschmaschine umfunktioniert.(Quelle Delius Klasing Verlag)

Meine Meinung:

Die Inhaltsangabe gibt einen guten Überblick über das Buch. Als ich es das erste Mal in den Händen hielt, habe ich mir so ziemlich sofort die Fotos in der Buchmitte angeschaut. Ich liebe Fotos in persönlichen Reise- oder auch Abenteuergeschichten! Deswegen hätten es für meinen Geschmack auch noch gerne mehr sein können, aber immerhin konnte ich mir einen kleinen Eindruck verschaffen. Zudem waren die Fotos auch bunt, und nicht wie oft nur in schwarz-weiß.

Gleich am Anfang dieser Reise war ich erst mal durch das Segelvokabular überfordert: Großfall, Bändsel, Wanten, Klampe, Kugelfender, Halbwindkurs, Patenthalse, Besanmast … alles Begriffe, die mich vielleicht eine Bedeutung erahnen ließen, die mir aber nicht wirklich was sagten. Aber das macht nicht wirklich was, ich konnte gut darüber hinweglesen und mir meine eigenen Vorstellungen davon machen. Es wird bestimmt lustig, wenn ich tatsächlich im Internet diese Ausdrücke mal nachforschen würde und dann sehen würde, was sich real dahinter verbirgt.

Jedenfalls ist diese acht-köpfige Familie (inkl. Hund) auf einer 12m langen Stahlyacht zwei Jahre unterwegs. Gleich im ersten Kapitel, als alle von den Wellen im Atlantik und der Seekrankheit überwältigt wurden, musste ich an Janice Jakait mit ihrem Erfahrungsbericht „Tosende Stille“ denken. Frau Jakait hat den Atlantik in einem kleinen Ruderboot überquert.

Aber zurück zur Familie Lendfers. Deren Erfahrungen sind in vielen kleinen Kapiteln zusammen gefasst und lassen sich leicht und flüssig lesen. Überwiegend ist die Dialog-Form und persönliche Rede der Erzählton. Verwirrend waren für mich am Anfang die Zeitsprünge zwischen 2013 und 2015, zwischen den Berichten vom Trockendock in Faro und den Häfen auf den Kanarischen Inseln. Das gibt sich aber nach kurzer Eingewöhnungs-Lese-Zeit, jedenfalls wenn man das Buch zügig durchliest.

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Lendfers, Corina
Vierzig Fuss für vierzehn Füsse
978-3-667-10936-1
Delius Klasing

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Corina Lendfers berichtet von ihren Erfahrungen auf hoher See. Anfängliche Fehler und auch kleinere Missgeschicke werden nicht verschwiegen. So berichtet sie von der Seekrankheit die alle befallen hat und von kleineren Problemen in der Kombüse: Wegen des Schaukelns wird Corina hin und her „geschubst“ und holt sich einige blaue Flecke und die Zwiebel flüchtet bzw. rollt durchs Vorschiff. Aber das ist nichts womit man nicht fertig werden würde, wie bei allem gilt „Übung macht den Meister“.

Bevor die Reise überhaupt starten konnte, galt es das Schiff seefest zu machen. Probleme machten Rost und Kabelsalat im Sicherungskasten. Ungewöhnlicherweise ist Corina die handwerkliche begabte in ihrer Ehe, was unterwegs manchmal zu Kontroversen mit den anderen Seglern und einheimischen Handwerkern führte, die dies einer Frau nicht zutrauten und sich automatisch immer an Michael wandten.

Zwischendurch ist Corina immer mal wieder ein paar Wochen allein, dann, wenn Michael zum Geldverdienen zurück in die Schweiz muss. Die Abschiede fallen emotional aus, was sicherlich jeder nachvollziehen kann. Es braucht danach ein paar Tage, bis einen der Alltag wieder ganz hat. Bei Corina ging das schnell, da die Kinder und die Reparaturen sie auf Trab hielten. Ich bewunderte sie für ihre Geduld.

Interessant ist auch die Bevorratung für diese Reise. Corina hat 75kg Biogetreide an Bord, um damit Brote für unterwegs zu backen. Dieses Mehl würde für ca. 1 Jahr reichen. Dann züchteten sie Sprossen und hatten ein Dörrgerät zum trocknen von Obst und Fleisch. Außerdem Biovollmilchpulver, damit kann man z.B. Frischkäse oder Jogurt herstellen. Oder auch notwendiges wie Klammerpflastern, um damit kleinere Verletzungen zu behandeln.

Einen Literatur-Tipp gibt es von Corina, als sie auf Lanzarote sind: Arozarena „Mararia“.

Manch einer mag sich fragen, wie sich die zweijährige Reise mit der Schulzeit vereinbaren lässt. Corina unterrichtete ihre Kinder inoffiziell nach ihrer eigenen Facon, richtet sich nach der kindlichen Neugierde und nicht nach den Lehrstoffplänen. Das erinnerte mich ein wenig an das Montessori-Prinzip und gefiel mir. Es wirft generell die Frage nach dem Lernstoff in unserem Schulsystem auf.

Die Familie lebt auf engsten Raum miteinander und so erfahren auch alle die Probleme, die auf einem Boot anfallen können. Also ist es ganz natürlich, dass alle Kinder ein wenig mithelfen. Ich bin auch eher der Meinung, dass praktische Erfahrungen den Charakter prägen und später für eine größere innere Zufriedenheit sorgen. Die Kinder dürfen eine große Freiheit erleben, sind aber auch oft unter sich, da nicht viele Segler mit gleichaltrigen Kindern unterwegs sind oder länger vor Ort bleiben. Das ist gerade für die älteren schon etwas frustrierend. Dennoch wirbeln die Kinder geradeso durch das Buch. Ich fand das herrlich. Corina war da ganz „locker“, anders ging es auch nicht.

Der Alltag in den Marinas und vor allem in Faro wird beschrieben. Ich als Leser erfahre vor allem die Emotionen von Corina, wenn sich Rückschläge durch neue „Baustellen“ auftun. Sie versucht, das Schiff nicht als „Feind“ zu sehen. Auch von alltagspraktischem wie Wäsche waschen oder Ungeziefer an Bord bzw. in den Lebensmitteln wird erzählt. Erstaunt hat mich die Hilfsbereitschaft der anderen Segler.

Dafür ist es dann die Zeit auf hoher See umso schöner, wenn Tiere beobachtet werden können wie Delfine. Nachts kann man das Leuchtplankton sehen und die Sterne leuchten hell. Überhaupt ist die Meeresbriese einfach erfrischend und wohltuend.

Zitat S. 102: „Noch nie habe ich ein solches Tiefblau gesehen wie auf hoher See. Eine Farbe, die alles durchdringt, in der ich mich verliere. … Dieses Blau macht süchtig“.

Solche Momente sind selten und kostbar, aber deswegen genießt man sie umso mehr, sie sind der Lohn für Mühe und Arbeit und lassen einen inne halten.

Zitat Seite 100: „Glücklich schließe ich die Augen. Nur kurz. Ich möchte dieses Glücksgefühl ganz tief in mir abspeichern. Lasse es in mich hineinsinken. Spüre ihm nach.“

Glück ist, wenn die Familie glücklich ist. Glück sind besondere unverhoffte Momente. Glück ist, wenn man diese Momente bewusst genießen kann.

 

Zitat Seite 159: „Das Nichtstun kannst du nur genießen, wenn du weißt, was Arbeit ist. Freude kannst du nur spüren, wenn du Angst erlebt hast. … Und Liebe kannst du nur empfinden, wenn du Einsamkeit erfahren hast.“

 

Lendfers, Corina
Vierzig Fuss für vierzehn Füsse
978-3-667-10936-1
Delius Klasing

Fazit:

Corina und Michael haben zusammen mit ihren fünf Kindern ihren Traum wahr gemacht. Oft ging dies nicht leicht, und so verzögerte sich der Aufbruch mit der Segelyacht in Faro wegen Reparaturen auch um mehrere Monate. Corina kümmerte sich um die Handwerker und Reparaturen, umso bewundernswerter, da sie immer mal wieder ein paar Wochen alleine mit den Kindern auf dem Schiff war. Kleine Kinder und ein Segelboot im Meer, das löst wahrscheinlich bei vielen Eltern direkt Angstzustände aus. Was da nicht alles passieren kann! Diese Neugierde, wie eine solche Reise mit Kindern gelingen kann war ein Grund für mich, das Buch zu lesen. Das funktioniert nicht ohne die Kinder zu einer gewissen Selbstständigkeit und Mithilfe zu erziehen. Man muss als Eltern auch „loszulassen“ können, wenn die Kinder alleine in den „Betonmarinas“ herumstromern. Wenn sie zu Nachbarn, die man gerade erst kennengelernt hat, auf Segelschiffe klettern. So dürfen sich die Kinder noch einer Freiheit erfreuen, die heute mit den sogenannten Helikopter-Eltern nicht mehr selbstverständlich ist. Ich hatte den Eindruck, die Kinder haben sich ganz pragmatisch mit den Gegebenheiten an den Marinas und auf dem Schiff abgefunden und das Abenteuer auf ihre Weise sehr genossen. Freundschaften wurden sowohl bei den Kindern als bei den Erwachsenen geschlossen. Corina hat den handwerklichen Part übernommen, und ist für die Reparaturen zuständig, die sich in die Länge ziehen, da täglich neue dazuzukommen scheinen.

Mehr hatte ich mir von den Momenten und Erfahrungen auf offener See erhofft. Das Buch handelt überwiegend von der Zeit auf dem Trockendock in Faro und dann an den jeweiligen Häfen auf den Kanarischen Inseln. Das „Inselhopping“, die Überfahrten sind nur kurz erwähnt. Auf den Inseln werden Besichtigungen gemacht, aber hauptsächlich findet der Alltag in den Marinas die meiste Erwähnung. Die Erfahrungen werden in einem ruhigen Erzählstil präsentiert, und reißerische Geschichten bleiben Gott-sei-Dank aus. Denn auf aufgebauschte Situationskomik kann ich verzichten. So wird dieser Erfahrungsbericht richtig schön normal geschrieben, ohne Übertreibungen. So was „echtes“ mag ich sehr.

Alles in allem: Ich hätte mir vielleicht noch mehr Einblicke ins Segeln auf dem Meer mit den Kindern gewünscht. Die Überfahrten werden nur kurz erwähnt. Das Buch berichtet überwiegend von den Erfahrungen mit dem Alltag und den Reparaturen auf dem Trockendock und während der Liegezeiten in Häfen der kanarischen Inseln. Kleinere Besichtigungen und Unternehmungen vor Ort werden erwähnt. Der Fokus liegt auf dem Familienleben unter ungewöhnlichen Umständen. Ein authentischer und lesenswerter Erfahrungsbericht.

Link zum Verlag: http://www.delius-klasing.de/buecher/Vierzig Fuss für vierzehn Füsse.html

 

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