Williams, John – Butchers Crossing

Williams, John Butchers Crossing 978-3-423-28049-5 Dtv

Williams, John
Butchers Crossing
978-3-423-28049-5
Dtv

Inhalt:

Ein überwältigender Roman über die Zerbrechlichkeit von Menschlichkeit und Würde. Es ist um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer »ursprünglichen Beziehung zur Natur«. In Butcher’s Crossing, einem kleinen entlegenen Städtchen in Kansas, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel,  die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dadurch gewinnen kann. (Quelle dtv)

Meine Meinung:

Dieses Buch wurde hochgelobt als Meisterwerk, und auf der Rückseite und Inhaltsangabe steht, dass wenn man in diesem Jahr nur ein Buch lesen würde, dann dieses. Das legt die Messlatte an Erwartungen dann doch ziemlich hoch. Ein weiteres berühmtes Werk des Autors ist „Stoner“, das ich aber noch nicht gelesen habe.

Vor ein paar Wochen habe ich in einem anderen Blog gelesen, dass einige Rezensenten und Leser einem Buch nur eine bestimmte Seitenzahl geben, um sich einzulesen. Zum Beispiel 20, 50 oder 100 Seiten und wenn das Buch dann nicht gefällt, wird es weg gelegt. Es entbrannte eine Diskussion für das für und wider, und ein Blogger war der Ansicht, dass sich bei manchen Büchern erst am Schluss ein vollständiges und stimmiges Bild ergibt, und sich so erst der vielleicht tröge Anfang verstehen lässt. Andere wiederum sind der Meinung, warum sich erst durch hunderte Seiten quälen müssen? Jedenfalls musste ich daran denken, als ich mit Butchers Crossing begann. Denn, ganz ehrlich, nach 20 Seiten hätte ich am liebsten aufgehört.  Ab ungefähr Seite 100 fängt es an interessant zu werden, um am Schluss nochmal etwas abzuflachen.

Dieses Buch lässt mich etwas ratlos zurück. Ich frage mich, habe ich etwas übersehen an dieser „überwältigenden Parabel“? Konnte ich nicht die „Wucht und existenzieller Tiefe“ (Zitate: Rückseite/Inhalt/Klappentext) erkennen?

Die Hauptprotagonisten blieben auf Abstand, jedenfalls mir. Vor allem Will Andrews war mir teilweise ein Rätsel. Er war phlegmatisch ruhig, und treibt durchs Leben wie ein langer ruhiger Fluss. Ein Mitläufer mit zu viel Geld. Er lässt sich charakterlich sehr schwer fassen. Mir ging der Anfang zu schnell. Seine Vorgeschichte in Boston ist in zwei Sätzen zusammen gefasst, und innerhalb von gefühlten zwei Stunden kommt Andrews im Wilden Westen an, findet Miller und man wird sich handelseinig. Wenig bis kein Wort von Ralph W. Emersons Naturauffassungen, wie im Klappentext erwähnt. Überhaupt, Worte werden in dieser Geschichte nicht viel gemacht.

Miller, der Anführer ist zuerst seinem alten Traum (Büffeljagd) und dann seinem Wahn (Büffel töten) verfallen, blieb mir aber auch seltsam fern. Ich als Leser bin ja oft „Zuschauer“, aber hier empfand ich mich als weit entfernter Zuschauer.

Die Charaktere sind mit wenigen Worten grob, aber dennoch treffend beschrieben, gut vorstellbar, auch wenn die Handlungen nicht immer nachvollziehbar sind.  Was sucht Andrews in der Wildnis? Was sucht er überhaupt? Das Leben? Den Sinn? Ein Abenteuer? Weiß er es selber nicht? Keine Ahnung. Mir kam er sehr naiv vor, ein Junge, der zum Mann werden will und wird. Am Schluss lässt er sein altes Leben komplett hinter sich, ein Entschluss, der mir nicht so ganz nachvollziehbar war, der sich aber vielleicht mit dem „Geist“ dieser Tage, dieser Pioniere, erklären lässt. Mit von der Partie sind auch Charley Hoge, der Säufer und Schneider, der Häuter.

Für mich entfaltet die sofort mitten im Geschehen beginnende Geschichte erst spät einen Sog (wenn man das so nennen will) durch die entbehrungsreiche Reise durch die Wildnis. Für Andrews, das Greenhorn, ist diese am schlimmsten. Zunächst durch trockene Steppe, kurz vor dem Verdursten. Dann im Winter allein in einem Tal. Einseitige Nahrung, was die Wildnis hergibt. Körperliche Schwächen. Wahnvorstellungen. Tagelang im Sattel, mit wunden Beinen und wie im Tran, ungewohnte Bewegung, tagelange Schmerzen, ein dahindämmern. Die Wirklichkeit verschwimmt in der Routine des tagelangen Herumziehens. Dann ist es geschafft. Diese abrupten Wechsel ließen mich immer kurz stutzen: Zwei Seiten Durststrecke in glühender Hitze und dann wird Wasser gefunden. Nach zwei Tagen schon (?) sieht man bei den Ochsen, die das Gespann ziehen, die Knochen und Rippen vor Entbehrung? Drei Tage im überraschend aufgezogenen Blizzard, dann ist es überwunden. Die Wetterwechsel passieren rasend schnell. Mit jeder Entbehrung, mit jeder Anstrengung änderte sich in der kleinen Gruppe beständig die Gruppendynamik. Die Jagd verselbständigt sich: In wenigen Wochen erschießt ein Einzelner fast 5000 Büffel in einem kleinen geheimen Tal, ohne innezuhalten. Das ließ mich die Luft anhalten.

Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, aber ja, da könnte ich schon sagen, er entfaltet mit wenigen, drögen und holzigen Worten eine kleine Wucht. Beschreibungen, die gleichzeitig hart und zart sind. Sie sind vielfältig treffend, wie hier beim Fluss. Absolut vorstellbar, man sieht (grün, schlammig, sonnensilber) und fühlt (kalt, sauber) den Fluss. Solche Sätze gefallen mir.

Zitat Seite 117: „… dem behäbig dahinströmenden Fluss weit hinterherschauen konnte. In der Ferne verlor er die schlammige grüne Farbe: die Sonne versilberte das Wasser, und es sah kühl und sauber aus.“

 

Fazit:

Eine Geschichte, auf die ich mich bewusst einlassen musste. Der Erzählton am Anfang gewöhnungsbedürftig, dann doch irgendwie genial in seiner „harten kernigen Melancholie“. Ich habe mal gelesen, dass jemand den Schreibstil altmodisch nannte. Dies ist sicherlich Ansichtssache. Hauptprotagonist Andrews wandelt sich durch die entbehrungsreiche Reise von einem Bostoner Bürschchen in einen Mann. Ein Naturparadies wird entweiht. 5000 Büffel getötet. Zerstörung der Natur. Tragisch der Schluss, als Leser ahnte man es schon. Obwohl mir die Hauptprotagonisten seltsam fern blieben, hatte das Buch doch das gewisse „Etwas“, dass ich nicht näher beschreiben kann.

Meiner Meinung nach lässt sich das Buch nur sehr leseaffinen Lesern empfehlen, die bereit sind etwas Neues mit alten Geschichten zu wagen. Am Schluss kann ich für mich sagen, dass mich die Geschichte auf irgendeine Weise berührt hat.

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