Siebenmorgen, Peter – Deutsch sein

Siebenmorgen, Peter
Deutsch sein
978-3-7110-0132-0
Ecowin

Inhalt:

Überall in der westlichen Welt treten populistische und die Demokratie verachtende Strömungen auf den Plan – die Renationalisierung erlebt gerade Hochkonjunktur. Ausgerechnet in Deutschland erhalten diese Bewegungen dabei ein kostbares Geschenk von den etablierten Parteien: Kampflos überlassen sie die Bestimmung dessen, was heute deutsch ist, den aufstrebenden Kräften der Rechten. Die politische Mitte Deutschlands hat längst aufgehört, deutsch sein zu wollen. Sie ist europäisch, überhaupt internationalistisch gesonnen, sie verfolgt Gemeinschaftsanliegen und Menschheitsaufgaben – deutsche Interessen nimmt sie nicht in den Mund. Sprechen die politischen Parteien der Mäßigung von Deutschland, dann ist entweder eine geografische Zuordnung gemeint oder die unheilvolle jüngere Vergangenheit im Spiel. …Der Kampf um die Deutungshoheit dessen, was deutsch ist, wird damit zu einer Frage von Selbstbehauptung und Zukunftsfähigkeit der politischen Mitte. Siebenmorgens Antwort lautet: »Deutsch sein heute ist die Verpflichtung, sich auf den Weg der guten Traditionen zu begeben.«

Meine Meinung:

Was bedeutet Deutsch sein heute überhaupt? Wie definieren wir Deutsche uns? Was ist typisch deutsch? Darf man überhaupt noch einen Nationalstolz haben? Warum versucht Angela Merkel alle nationalistischen Ausrücke zu vermeiden? Ist Europa die Rettung? Peter Siebenmorgen versucht eine Analyse übers “Deutsch sein“.

Vor unserem geschichtlichen Hintergrund wurde dem „Deutschen“ keine Projektionsfläche mehr gestattet. Das, worüber wir uns identifizieren wollen fehlt oft als Begrifflichkeit in der Öffentlichkeit. Das muss man erst mal feststellen, dass muss einem erst mal auffallen! So kann dem Wort Heimat auch eine andere Gesinnung anhaften, und die Rechten biegen sich diese fast schon unsichtbar gewordenen Ausdrücke für ihre Zwecke zurecht. Auffällig ist, dass die Rechten überwiegend den Blick zurück in die Geschichte werden, und selten  nach vorne in die Zukunft. Als Beispiel im Buch dafür wird die Rede von AfD Vorsitzenden Björn Höcke am 20. Januar 2017 vor der sächsischen Parteijugend genannt.

Siebenmorgen, Peter
Deutsch sein
978-3-7110-0132-0
Ecowin

Zum Inhalt ein paar Infos und Gedanken:

Überrascht war ich, und es war mir bis dato noch nicht aufgefallen, dass Angela Merkel jedes „Nationalvokabular“ vermeidet. So würde sie nicht „die Deutschen“ sagen, sondern „Menschen die schon länger hier sind“. Sollen wir Deutschland deswegen „Hierland“ nennen? So hat es jedenfalls Dirk Schümer in der „Welt“ festgehalten. Ein weiteres Zitat aus dem Buch passt in diesen Kontext:

Zitat Seite 14: „… Denn das weiträumige Umkreisen jedweden Nationalvokabulars ist eines ihrer Stilmittel geblieben…“ 

Wörter aus dem Sprachgebrauch bedeuten heute nicht mehr unmissverständlich dasselbe, Beispiele sind Sozialismus, Humanismus, Liberalismus … Selbst das Wort „konservativ“ braucht stützende Attribute wie strukturkonservativ, liberalkonservativ, wertkonservativ … Wenn man darüber nachdenkt, kann man nur zustimmen und wer Tageszeitung liest, wird wohl auch noch andere Wörter finden.

Zitat Seite 75: „Ehedem Unverwechselbares und Selbsterklärendes ist mit der Zeit stark erläuterungsbedürftig geworden.“

Oft doppeldeutig und unterschwellig anderes suggerierend sind Formulierungen und Sätze der Nationalpopulisten. Hier muss zum Erkennen dieser Formulierungen sensibilisiert werden.

Zitat Seite 19: „… und schon liegt das semantische Instrumentarium bereit, um mit krudesten nationalistischen und geschichtsrevisionistischen Geschwätz zunächst die politischen Debatten und hinfort das politische Klima zu beeinflussen.“

Weitere Überlegungen gibt es zu der Aussage von Roman Herzogs Rede als er 1994 zum Bundespräsidenten gewählt worden war und seiner Ansprache, in der er von einem „Unverkrampften deutsch sein“ als sein wichtigstes Ziel spricht. Wie doppeldeutig das ist, konnte ich mir nicht vorstellen.

Zitat Seite 38: „Was genau ist es gewesen, dass viele Menschen aus Herzogs >unverkrampft< etwas Böses, Gefährliches oder wenigstens etwas Skandalöses heraushören ließen?

Nachdenklich machte mich die Frage: Was macht (m)eine Nation aus? Die Sprache? Die ethnische Mischung? Das kann man so nicht pauschalisieren, denn wie der Autor so treffend vorführt, was wäre dann die multilinguale Schweiz? In die generellen Überlegungen wird unter anderen Ernest Renan zu Rate gezogen, ein französischer Religionswissenschaftler, der 1882 eine Rede an der Sorbonne hielt „Nation als geistiges Prinzip?“ Gefährlich, könnte man da denken.

Zitat Seite 50: „…bietet ein vorzügliches Kriterium, um einen aufgeklärten humanen Begriff von Nation und Vaterland klar von seinen ideologischen, nationalistischen oder gar rassistischen Abarten zu unterscheiden.“

Lösungen werden versucht, wie zivilisierter und gelebter Patriotismus oder Solidargemeinschaften im Sinne Montesquieus aussehen könnten.

Zitat Seite 42: „… Patriotismus ist, kurz gefasst, geradezu das genaue Gegenteil von und der exakte Gegenbegriff zu Fremdenhass.“

Zitat Seite 42: „… das Menschen, die sich also fremd sind und die ein Leben lang einander Fremde bleiben werden, sich dennoch zugetan sein können und zu Gemeinschaftswerken bereitfinden. …“

 

Weitere Kapitel sind:

-Wie, bitte, liebt man sein Vaterland?

-Europäische und deutsche Sonderwege

-Warum Jerome Boateng ein vorbildlicher Deutscher ist und Herr Gauland ein schlechter

-Was tun gegen Rechts

 

Weitere Themen:

-Christian Wulffs „Der Islam gehört zu Deutschland“

-Eurokrise

-Re-Nationalisierung

-Trump in Amerika / Le Pen in Frankreich

– historisches Bewusstsein,

 

Ein Zitat mit einem Lösungsansatz am Schluss:

Seite 104: „Aufklärung wirkt entlarvend, Entlarvung ist entwaffnend – allein schon die Entlarvung der neurechten Sprache durch schlichte Analyse dessen, was da eigentlich gesagt wird, ist ein probates Gegenmittel.“

 

Siebenmorgen, Peter
Deutsch sein
978-3-7110-0132-0
Ecowin

Fazit:

Vor diesem Buch hatte ich ein wenig „Bammel“. Das Schwarze Cover implizierte mir etwas Zähes und Schwieriges. Dem war aber nicht so. Der Inhalt lässt sich erstaunlich flüssig und mit einer klaren Verständigkeit lesen. Mehr Schwierigkeiten hatte ich da mit „Gebrauchsanweisung für Populisten“ (Rezi folgt). Aber auch wenn sich das Buch leicht lesen lässt, wiegen die Aussagen schwer und man sollte darüber nachdenken. Eine für mich wichtige Botschaft liegt in der Sensibilisierung für das „semantische Instrumentarium“. Vieles schleicht sich leise und unbewusst in unser Leben und unsere Sprache ein. Man muss darüber nachdenken, was „Deutsch sein“ bedeutet, was Heimat ist und vor allem, wie man diese Wörter ohne Kontext zu den Rechten sorglos in den Mund nehmen kann. Wie kann man unseren Nationalstolz wieder in unser normales Leben zurückholen, ohne immer den geschichtlichen Kontext im Nacken zu haben?

Ein Buch möchte ich das Geschriebene eigentlich nicht nennen, ein Pamphlet definitiv auch nicht. Ich könnte es mir gut als eine Art ausgefeilte Reportage vorstellen, in der man mit politischen Anspielungen und einer gewissen Satzstellung-Akrobatik gerne zuhört und in Gedanken „mitgeht“. Auch für nicht politisch interessierte Leser ist dieses Buch sehr verständig und gut zu lesen.

Alles in allem: Für politisch Interessierte ein Muss. Aber genauso möchte ich die nicht politisch Interessierten auf dieses Buch aufmerksam machen. Mit nur 118 Seiten in großer Schrift ähnelt es eher einer flüssig lesbaren Reportage, mit nachvollziehbaren und klaren Ansätzen zum Thema „Deutsch sein“ und gegen Rechtspopulismus.

Link zum Buch/Verlag: http://ecowin.at/buch/deutsch-sein/

 

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Ein Kommentar zu “Siebenmorgen, Peter – Deutsch sein

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