Foster, Charles – Der Geschmack von Laub und Erde

Foster, Charles
Der Geschmack von Laub und Erde
978-3-89029-262-5
Malik

Inhalt:

Was fühlt ein Tier, wie lebt es und wie nimmt es seine Umwelt wahr? Um das herauszufinden, tritt Charles Foster ein faszinierendes Experiment an. Er schlüpft in die Rolle von fünf verschiedenen Tierarten: Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler. Er haust in einem Bau unter der Erde, schnappt mit den Zähnen nach Fischen in einem Fluss und durchstöbert Mülltonnen auf der Suche nach Nahrung. Er schärft seine Sinne, wird zum nachtaktiven Lebewesen, beschreibt wie ein Weinkenner die unterschiedlichen »Terroirs« von Würmern und wie sich der Duft der Erde in den verschiedenen Jahreszeiten verändert. In die scharfsinnige und witzige Schilderung seiner skurrilen Erfahrungen lässt er wissenswerte Fakten einfließen und stellt sie in den Kontext philosophischer Themen. Letztendlich geht es dabei auch um die eine Frage: Was es bedeutet, Mensch zu sein. (Quelle Malik Verlag)

Meine Meinung:

Dieses Buch hörte sich einfach unglaublich an. Ein Mann, der in und unter die Haut von fünf verschiedenen Tieren schlüpft, um herauszufinden, was diese Tiere wirklich denken und fühlen. Wie kommt man auf so eine Idee? Schnell stellt man fest, dass Charles Foster nicht mit normalen Forschern oder Wissenschaftlern zu vergleichen ist. Bereits in seiner Kindheit entwickelte er eine, ich nenne es jetzt mal „Amsel-Obzession“, dieser Vogel hatte es ihm echt angetan, wirklich alles darüber zu lesen war noch das kleinste an seiner Amsel-Leidenschaft. Er kartographierte die Nester in seiner Umgebung, er hatte eine Schublade voll Amseleierschalen, getrocknete Amselzungen (!), ausgestopfte Amsel und ein in Formalin eingelegtes Amselhirn. Also, das ist schon sehr ungewöhnlich und ich musste doch tatsächlich mal nach den Amselzungen googeln! Herausgefunden habe ich fast nichts, außer einem Foto. Hier der Link: https://www.flickr.com/photos/12639178@N07/8325465902

Zitat Seite 19: „Morgens schnupperte ich daran, weil ich in den Kopf eines Nestlings vordringen wollte, damit ich an diesem Tag etwas amselartiger aufwuchs, und Abends, weil ich hoffte, in meinem Träumen als Amsel geboren zu werden.“

Wie kann man sich überhaupt in Tiere hineinversetzen?

Zitat Seite 10/11: „Erstens vertiefe ich mich in die relevante physiologische Literatur und finde heraus, was man aus dem Labor über die Funktionsweise dieser Tiere weiß. Zweitens tauche ich in ihre Welt ein. Wenn ich ein Dachs bin, hause ich unter der Erde und esse Regenwürmer. Wenn ich ein Otter bin, versuche ich, im Wasser mit den Zähnen Fische zu fangen.“

Foster, Charles
Der Geschmack von Laub und Erde
978-3-89029-262-5
Malik

Foster, Charles
Der Geschmack von Laub und Erde
978-3-89029-262-5
Malik

In der Einleitung, einer Erklärung warum er in die Rolle der Tiere schlüpfte, erzählt er von der Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier und bezieht auch Aspekte der Schöpfungsgeschichte aus der Bibel mit ein. Auch diese besondere Verbindung von Mensch und Hund ist für ihn eine Bestätigung für die „Durchlässigkeit von Artengrenzen“, die vor allem Schamanen erfahren.

Zitat Seite 20: „Für mich steht völlig außer Frage, dass durch Schamanismus eine echte Verwandlung möglich ist. Tatsächlich habe ich es erlebt.“

Im Kapitel „Erde 1“ will Foster ein Dachs werden. Er beschreibt, wie er mit seinem achtjährigen Sohn und der Hilfe seines Freundes, ein Bauer mit Bulldozer, einen Dachsbau baut und wie er zum Dachs wird. Seine anfänglichen Beklemmungen in der Erdhöhle, wird sie halten? Wie ist es lebendig begraben zu sein? Wie sie auf allen vieren durch den Wald laufen, wie sich Zecken an ihnen festsaugen, wie sie Gerüche aufnehmen, überhaupt, der olfaktorischen Wahrnehmung werden ein paar faszinierende Seiten gewidmet. Nicht unerwähnt für den Sinn des Sehens bleibt die Synästhesie, also zum Beispiel Zahlen und Buchstaben als Farben mehrdimensional wahrzunehmen. Auch Geräusche, die sich im Laufe des Tages so vielseitig ändern, werden auf ungeahnte Weise gehört. Auch hier spielen Jahreszeiten eine Rolle, ebenso wie zum Beispiel Wasser ganz andere Geräusche freisetzt, aber auch dass der Mensch anders hört als das Tier.

Zitat Seite 77: „Weil ich die Bedeutung des veränderten Tons und seine Begleitumstände nicht kannte, achtete ich auf mehr Dinge als der Dachs.“

Über den Dachs beschreibt Foster die Hauptnahrung der Dachse: Regenwürmer. Natürlich nicht ohne Selbstversuch, bleiben ihm so Geschmacksunterschiede zwischen Regenwürmern aus dem Chablis, Picardi, Kent oder Wales nicht verborgen, ebenso spielen die Jahreszeiten eine Rolle. Vor allem die Beschreibung des Geschmacks und die Beweglichkeit des Wurms im Mund (zappelt, quetscht sich durch Zahnlücken) ist nichts für zarte Gemüter. Mich hat es auch „geschüttelt“.

Sein Freund, der Bauer stutzt ihn des öfteren zurecht, so dass er manches überdenken oder sich damit auseinander setzen muss. Die Ehefrau des Freundes ist eine „moderne“ Hexe, mit Kräutern bewandert.

Lange Zeit nicht sicher war ich, ob ich das richtig verstanden hatte, dass auch sein achtjähriger Sohn Tom mit im Dachsbau lebte. Ja, das war tatsächlich so. Zudem erschien mir sein Sohn sehr unvoreingenommen.

Zitat Seite 90: „… Zudem war Tom in dieser Hinsicht unbefangener als ich. Er leckte an Schnecken – was aus gesundheitlichen Gründen nicht ratsam ist, wie ich später erfuhr. (Die großen Schwarzen sind ein bisschen bitter, und je größer, desto bitterer; Mir sind die Braunen lieber, die haben was Nussiges), zerkaute einen Grashüpfer (Wie Krabben, die nach nichts schmecken), wurde von einem Hunderfüßer in die Zunge gebissen, bekam Ameisen in die Nase und schlürfte Regenwürmer wie Spaghetti (Die großen sind haarig, das mag ich nicht so).“

Das Buch ist in verschiedene große Kapitel aufgeteilt, und bisher ging es eigentlich nur um den Dachs. Folgende Tiere werden auf ähnliche Weise vom Autor „ergründet“: Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler. Zudem gibt es am Schluss zu jedem Tier eine Liste mit Literaturvorschlägen.

Die Artengrenzen zum Otter zu überwinden gestaltete sich für Charles Foster als sehr schwierig. Einige unappetitliche Versuche bei dem die eigenen Kinder halfen, das Revier mit Kothaufen zu markieren, erwiesen sich als nur bedingt hilfreich. Die Kinder waren natürlich mit Feuereifer dabei, ihre Duftmarken im East Lyn Tal zu verteilen. Ich hatte den Eindruck, dass die nächtlichen Tauchgänge im Fluss dem Autor sehr zusagten. Im Winter gab es keine Annäherung an den Otter, der ansonsten wie ein „Nervenbündel mit ADHS“ beschrieben wird, immer auf Futtersuche. Das, was für uns Menschen wie ein Unterwassertanz oder wie wunderschöne Bewegungen aussieht, ist für den Otter überlebenswichtig. Eine kurze Episode gab es zu den Neunaugen, Fische, deren Namen ich schon gehört habe, aber ich konnte mich nicht erinnern, dass sie „gefährlich“ sind. Das habe ich dann gleich versucht, zu recherchieren. Also, wenn man „Neunaugen + Gefährlich“ in die goolge-Suche eingibt, bekommt man entsprechende Hinweise, aber alles ist nur halb so schlimm und die Gefahr, dass sich ein Neunauge an einen Schwimmer anheftet, ist wie ein Sechser im Lotto.

Als nächstes versucht der Autor, das Gefühlsleben der Stadtfüchse zu ergründen. Im Londoner (?) East End begibt er sich auf die Ebene eines Fuchses, die er als extrem anpassungsfähig einschätzt. Dafür wühlt er genau wie die Füchse im Müll nach essbaren, und ich konnte es nicht fassen, als er auch tatsächlich etwas von weggeworfenen Essensresten aß. Er schläft draußen, er kriecht zwischen Müll herum und versteckt sich wie die Stadtfüchse. Auch japanische Fuchsgeister werden erwähnt.

Langweilig und am Thema vorbei empfand ich die seitenlangen Anpirsch- und Jagdversuche an den Rothirsch. Auf Pirschjagden in Fort William/Schottland kommt irgendwie der Jäger durch, es wird auch eine Hetzjagd mit Hunden in Taunton/Somerset beschrieben.

Zitat Seite 206: „Mein wallendes Serotonin lies Ginster und Heidekraut psychedelisch anschwellen. Alles wurde neu bei jedem wogendem Schritt in diesem übermütigen Wordworth’schen Blutfest. Das zitternde Horn aus der Tiefe des Tals, ein bewaldetes Dreieck wie eine Scham tönte: Huuuuuh! Er ist tot! …“

Viele Jahre später ließ er sich für das Projekt dieses Buches von Bluthunden durch die Gegend hetzen, um das ungefähre Gefühl des gejagten Rothirsches zu erhalten.

Es ist natürlich so, dass sich der Jäger durchaus in das Wild einfühlen muss, aber ich fand das hier irgendwie nicht passend, weil ich den Eindruck hatte, das Jagderlebnis an sich stand im Vordergrund. Jahre später wird Charles Forster seine Meinung zur Jagd ändern, wie er selber sagt, waren politische Gründe ausschlaggebend. Um ein besseres Bild zu bekommen, lässt er sich von einem Bluthund jagen und geht nackt in einem Tümpel um sich dreckverschmiert von der Sonne trocknen zu lassen.

Zitat Seite 224: „… die bei den Hirschen so beliebten Pflanzen bestens bekannt. Ich hatte sie ausführlich beschnuppert, püriert, zu Suppe verarbeitet, mit den Zähnen abgerupft und zerkaut, geschluckt und dann hochzuwürgen versucht, um den Geschmack von Wiedergekäutem kennenzulernen (eine erfolglose und ungeliebte Tätigkeit). Ja ich versuchte sogar öfter zu rülpsen, damit ich meine Speisen länger auskosten konnte …“

Als letztes wird der Mauersegler beschrieben, für den der Autor eine besondere Vorliebe zu haben scheint. Aber kann es tatsächlich sein, dass sie vier Jahre in der Luft bleiben ohne jemals den Boden berührt zu haben? Das kam mir unwahrscheinlich vor. Er nennt sie „Windhunde der Lüfte“, beobachtet wie sie Luftwirbel und sogenannte Schlote ausnutzen, die Auf- und Abwinde, die Strudel und wo und zu welchen Bedingungen diese auftauchen. Er folgt ihnen bis nach Afrika, und am Ende kann er alles, was um ihn herum passiert, auf die Mauersegler beziehen.

Zitat Seite 254: „Die Welt war ein Netz, fein wie Gaze, gesponnen aus Ursachen – und jede Ursache hing mit der anderen zusammen und war letztlich, wenn man sie nur genau genug betrachtete, auf einen Mauersegler zurückzuführen. Ich schätze, ich segelte haarscharf an eine Psychose vorbei.“

Öfter, und nicht nur bei den Mauerseglern, schweift der Autor dabei vom Thema ab, bzw. vergräbt sich zu intensiv, zu extrem in das Thema.#

Zitat Seite 253: „Es schien mir bedeutsam, den Geruch eines Lagerfeuers in der Picardie exakt festzuhalten – die Vögel könnten ja Käfer gerfressen haben, die das Feuer in Schwärmen in die Höhe getragen hatte. Auch war das Geplauder in einem Cafe in den Pyrenäen durchaus von belang: Die gleichen Redewendungen waren vermutlich auch zwei Wochen zuvor verwendet worden …“

Zitat Seite 29: „Eine hoch entwickelte Theory of Mind führt in letzter Konsequenz zu schamanischer Transformation“

Zitat Seite 76: „Das Problem ist keines der Physiologie, sondern der Andersartigkeit, die wir in unangemessener Weise physiologisieren, in dem wir sie zu einer Schwierigkeit bei der Erforschung komplexer Reizverarbeitungsprozesse erklären.

Zitat Seite 241: „Ich kann nur über sie schreiben, weil ich auch so andersartig bin oder weil (abhängig von meiner Sammlung) nichts andersartig ist.

 

Foster, Charles
Der Geschmack von Laub und Erde
978-3-89029-262-5
Malik

Fazit:

Ein sehr außergewöhnliches Buch. Die Erfahrungen und Erforschungen die Charles Forster auf sich nahm, sind skurril und eklig. Es gibt ungewohnte Einblicke in die Gefühlswelt der Tiere. Oft fehlten mir die Worte, diese hatte der Autor umso mehr parat, und er verstand es, damit umzugehen, durchaus auch poetisch und sehr pointiert. Wenn man es versteht. Ich kann auch nur ein großes Lob an den  Übersetzer aussprechen, weil, ich gebe es zu, weil es Sätze gibt, die ich lese und auch einzelne Wörter verstehe, aber ich den ganzen Satz nicht verstehe. Vielleicht liegt es am britischen Humor, der nicht bei mir ankommt? Am Witz, an der Ironie die sich mir nicht erschließen will? Also, das Buch ist hochinteressant, aber war für mich insgesamt „schwer“ zu lesen. Ich hatte auch das Gefühl, dass der Autor oft versuchte, witzig zu sein, ich aber seinen Humor nicht im Kontext verstehen konnte. Normalerweise lese ich die meisten Bücher ratzfatz weg, aber bei diesem hier brauchte ich erheblich länger als sonst. Es lag zum einem an zwar interessanten aber auch irgendwie langatmigen Beschreibungen. Es war praktisch spannungslos, und so hatte ich wenig Motivation fürs Weiterlesen. Ich habe es aber bis zum Schluss geschafft.

Alles in allem: Das Buch spiegelt eine Erfahrung, die so ganz und gar nicht alltäglich ist. Ich fand es schwer und etwas langatmig zu lesen, obwohl die extremen Bedingungen denen sich der Autor aussetzte, auf ihre Art und Weise unterhaltsam waren.

Zum Buch/Verlag: https://www.piper.de/buecher/der-geschmack-von-laub-und-erde-isbn-978-3-89029-262-5

 

Sterne-Bewertung auf amazon:

Normalerweise schreibe ich hierzu nichts auf meinem Blog, weil ich aber der Meinung, dass der ein oder andere sich so noch ein genaueres Bild vom Buch machen kann, habe ich sie hier unten angefügt:

Also, die Sterne-Bewertung fällt mir echt schwer. Zum einen stehe ich diesen extremen Erfahrungen des Autors gegenüber, eines Autors der mir ein sehr exzentrischer Mensch zu sein scheint. Ich war mehrmals erstaunt, welche Gedankengänge zutage kamen. Zum anderen war der leider etwas langatmige und ausholende Erzählton. Ich lese Bücher, weil ich auf der Suche nach Neuem bin, nach Unbekannten Dingen und Ideen, nach etwas, von dem ich noch nie gehört habe. Und das fand ich in diesem Buch mit dieser ungewöhnlichen Denk- und Handlungsweise. Dafür gäbe es von mir 4-5 Sterne. Den Erzählstil fand ich leider überhaupt nicht spannend, sondern eher langatmig und ausschweifend. Dafür gibt es 1-2 Sterne. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass Wissenschaftler und Forscher dieses Buch „anders „ lesen. Aber für mich als Laie und Privatperson kann ich somit nur 3 Sterne geben. Dafür, es einfach mal gelesen und von der besonderen Sichtweise gehört zu haben.

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3 Kommentare zu “Foster, Charles – Der Geschmack von Laub und Erde

  1. Ich habe mir das Buch gerade aus der Bücherei geholt und bin sehr gespannt. Mein Onkel, der absoluter Naturfreak ist, fand es grandios. Um mich nicht beeinflussen zu lassen habe ich jetzt nicht die komplette Rezension gelesen. Das hole ich dann später nach.

    LG
    Mona

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    • Hallo Tintenhain,
      der Autor Charles Forster ist schon ein Freak in seinem Fachbereich. Das Buch bzw. die Erfahrungen die er gemacht hat, sind sehr skurril. Alleine das man mal davon gehört hat, alleine deswegen lohnt sich das Buch zu lesen. Ich habe deinen Blog abonniert, so dass ich sehe, wenn du eine Rezi einstellst. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das das ganze siehst, denn das Buch ist nicht für jeden Leser geeignet.

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