Herber, Hans Jürgen – Der lange Abschied (Als meine Frau mit 40 an Alzheimer erkrankte)

Herber, Hans Jürgen Der lange Abschied 978-3-8436-0625-7 Patmos

Herber, Hans Jürgen
Der lange Abschied
978-3-8436-0625-7
Patmos

Inhalt:

Wenn eine Frau mit 40 Jahren die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhält und ihr Mann ihr das Versprechen gibt, sie durch alles hindurch zu begleiten, dann klingt das wie eine Selbstverständlichkeit. Wenn diese Krankheit die geliebte Frau aber nicht nur schwächt, sondern sie vor seinen Augen als Person verschwinden lässt wie eine Bleistiftzeichnung unter dem Radiergummi, dann ist das eine andere Dimension.
Hans Jürgen Herber erzählt mutig und mit entwaffnender Offenheit, was es bedeutet, seine junge Frau und die Mutter seines Sohnes nach und nach an Alzheimer zu verlieren. Er beschreibt eine Beziehungsreise, die berühren, aber auch irritieren oder gar provozieren mag. Vielleicht macht sie  auch Mut, nach ungewöhnlichen Lösungen zu suchen. Ein Buch, das einen nicht mehr loslässt.

Meine Meinung:

Wie meistens wurde ich durch Zufall in meiner Stadtbücherei auf dieses Buch aufmerksam. Yvonne erkrankt mit 40 an Alzheimer und ihr Ehemann Hans Jürgen, Erzähler dieses Buches, berichtet davon.

Zitat Seite 10: „Morbus Alzheimer zerstört schrittweise alle Funktionen des Gehirns, die Krankheit endet tödlich.“

Für ihre Familie, Freunde und Kollegen beginnt die Krankheit schleichend. Zunächst bemerken alle ihre Zerstreutheit und Vergesslichkeit. Da Yvonne ein Herzleiden hat, wird so nach einer logischen Verbindung zu ihrer „Leistung“ gesucht.

Hans Jürgen Herber, ihr Ehemann, beginnt als Erzähler zunächst in seiner Kindheit, seiner Schule, seinem Werdegang, erzählt von seinen Eltern, seinem zu Hause. Wie er Yvonne kennenlernte, vom Hausbau zusammen mit seiner Schwester und seinem Schwager, von der Schwangerschaft und Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Marc trotz Yvonnes Herzfehler, von den Schwankungen in der Ehe, von einer Geliebten.

Die „Probleme“ mit Yvonne häufen sich, sie versinkt im Chaos, wird sehr vergesslich. Privat kommen Mahnungen, weil Rechnungen nicht bezahlt werden; sie vergisst beim einkaufen vieles. Dabei hatte Yvonne früher alles im Griff, arbeitete zudem im Einkauf einer großen Firma. Im Fußballverein gibt sie falsche oder keine Infos an die Eltern bezüglich Terminen, Abfahrtzeiten, Orte und Beiträgen weiter. Also, alles Sachen, die einzeln genommen ja wirklich mal vorkommen können. Hans Jürgen Herber und andere ahnen, dass vielleicht etwas nicht stimmt, aber es wird alles auf das Herz geschoben, Yvonne braucht eine neue Herzklappe. Termine in München, hoffen und bangen, die OP, alles geht gut.

Nach ihrem Wiedereinstieg in der Abteilung geht es dennoch beruflich bergab, sie wird für ihre Abteilung nicht mehr tragbar. Fehler häufen sich, vieles wird vergessen, es kommt zu Verspätungen, fehlende Kommunikation, die Fehler kosten die Firma Geld. Sie wird degradiert und durchläuft zwei weitere Abteilungen, sie hat große Konzentrationsprobleme und ist praktisch nicht mehr einsetzbar. Nach einem Nervenzusammenbruch kommen die Ärzte nach einer Untersuchung des Gehirnwassers endlich dem Problem auf die Spur. Yvonne hat Alzheimer. Und Hans Jürgen verliebt sich in eine andere Frau.

In der zweiten Hälfte des Buches wird dann von dem Leben mit der Krankheit erzählt. Zunächst müssen ganz profane Sachen bedacht werden. Es wird ein Rentenantrag gestellt, Yvonne erhält Pflegestufe 1, sie geht zu einer Demenz-Selbsthilfegruppe, und beim Notar werden wichtige Vollmachten für Hans Jürgen ausgestellt und nach langen Ringen und der Verschlechterung ihres Zustandes erhält Yvonne die Frührente.

Die komplette Familie wird in die „Pflege“ und „Beaufsichtigung“ Yvonnes mit einbezogen. Da wären die Schwester und Schwager von Hans Jürgen, die auch mit im Haus wohnen und neu Hans Jürgens Freundin Sandra. Sandra und zwei Söhne ziehen in die mittlerste Wohnung, und Hans-Jürgens und Yvonnes Sohn Marc freut sich über neue Spielkameraden. Marc versucht dennoch, die Krankheit seiner Mutter weitgehenst zu ignorieren, um damit klar zu kommen. Ja, als Mutter und Leserin mag man sich so eine Situation nicht vorstellen wollen.

Dennoch kommt irgendwann der Punkt, an dem Yvonne von einer normalen Tagespflege in eine geschlossene Psychiatrie wechseln muss. Zusammen fahren alle mit Yvonne in Urlaub, und auch ein von Yvonne gewünschter USA-Urlaub ist für alle Stress pur, wobei „Stress pur“ wahrscheinlich nur am Rande das erfasst, was Hans Jürgen als Verantwortlicher durchmacht. Schließlich wird eine Pflegekraft, eine 24-Stunden-Betreuung für Yvonne gesucht und gefunden, und  bis zum Schluss wird sie zu Hause betreut werden.

Fazit:

Dieses Buch, bzw. das Thema gingen mir noch tagelang nach. Der Erzählton ist einfach, aber dadurch sehr authentisch. Hier geht es nicht um „wunderschöne Formulierungen“, sondern um die gemachten Erfahrungen mit dem Thema Alzheimer bis hin zum bittersten Ende zu teilen. Sehr berührend war für mich immer der Gedanke, dass Yvonne eine Mutter war, und wie Marc, der damals 11-jährige Sohn damit zurecht kam.

Der WDR hat mit Yvonne und Hans Jürgen Herber eine Dokumentation zum Thema Alzheimer gedreht.  Das Filmteam rund um Thomas Liesen hat die Familie drei Jahre lang begleitet. Die Dokumentation wurde unter „Leben, Lieben, Vergessen“ ausgestrahlt.

Link zum Buch/Verlag: http://www.patmos.de/der-lange-abschied-p-8574.html

 

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