Seethaler, Robert – Ein ganzes Leben

Seethaler, Robert Ein ganzes Leben 978-3-446-24645-4 Hanser Berlin

Seethaler, Robert
Ein ganzes Leben
978-3-446-24645-4
Hanser Berlin

Inhalt:

Was für ein wunderbarer Autor, der uns so tief bewegen kann mit einem unvergesslichen Buch.“ Elke Heidenreich, F.A.Z. Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren  wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.

Meine Meinung:

Durch Zufall geriet ich auf die Internetseite von der Alpenkonvention (näheres dazu ganz unten unter „Ausführliches und Weiteres“) und dem International Mountain Day 2015.  Unter http://www.alpconv.org/de/organization/presidency/DE2015/IMD/default.html findet man eine „Sammlung möglicher Bücher“ als PDF zum download. Und über diese Liste kam ich dann zu diesen Buch, und ich habe auch noch einige andere Interessante entdeckt. Vorne weg – ich bin keine Heimatroman-Leserin, aber das Cover von Hanser-Berlin machte mich neugierig.

Was mich dann erwartete empfand ich dann am Anfang aber schon als eine Art Alpen-Heimat-Roman. Egger, ein einfacher und ehrlicher Mann der ein eben solches Leben führte: einfach und ehrlich. Ein Leben, das wir heute vielleicht als „zurückgeblieben“ empfinden würden. Egger ist ein einfacher Charakter,der aufgrund seiner Sozialisation, seines arbeitsreichen und harten Lebens und seiner Lebenserfahrungen zu dem wurde, was er ist. Er ist sich selbst genug. Die Geschichte handelt weiter vom Leben und der harten Arbeit in den Bergen, von der einzigen Liebe und von dem Bau einer Seilbahn. In „Ein ganzes Leben“ geht Eggers ebenfalls durch den Krieg, als Kriegsheimkehrer und Wanderführer bis zu seinem Tod in den 70iger Jahren.

Eggers einzige Liebe ist so eine leise und so einfach gewesen. Sie war einfach da, für andere vielleicht klein und unsichtbar, für den Protagonisten aber gewaltig. Ich weiß, dass „einfach“ nicht das ganz richtige Wort dafür ist, aber mir fällt jetzt kein treffenderes ein. Ein tragisches Unglück lässt Eggers einfach weitermachen mit seinem arbeitsreichen und kargen Leben. Es dauert Jahre, bis er den Verlust verkraftet hat.

Ich fragte mich, ob man den letzten Teil seines Lebens mit „Altern in Würde“ betiteln könnte und ich bin mir nicht sicher. Denn auf der einen Seite erweckte er mein Mitleid, ein einsamer alter Mann der sich selbst genug ist, nachdem er die einzige Liebe seines Lebens bei einem Unglück verloren hat. Auf der anderen Seite ist er sein eigener Herr, er schert sich einen Teufel darum, was andere über ihn denken könnten. Gerade das letzte Drittel des Buches berührte mich auf eine unerklärliche Weise, machte mich demütig, mit wie wenig man im Leben sein Auskommen finden kann, wenn man auf einfache Art zufrieden ist. Wenn man selten zurückschaut, und im hier und jetzt lebt.

Es gab auch Szenen, die auf mich „überkandidelt“ und deswegen ein wenig unglaubwürdig waren. Zum einen die Szene, als er Marie einen Heiratsantrag macht, mit einer wirklich romantischen Idee, die ich ihm aber gar nicht zugetraut hätte. Zum anderen seine Zeit im Krieg und in der Gefangenschaft. Das ging zu glatt.

Thema ist auch die sich verändernde Umwelt in den Bergen. Die knappen und dennoch wirkungsvollen Beschreibungen der ruhigen Berglandschaft. Im Gegenzug – der Bau der Seilbahnen, Skilifte und Hotels. Aus Bauern werden reiche Hoteliers. Mit der Ruhe ist es vorbei. Andreas Eggers erscheint mir wie aus der Zeit gefallen. Er wird alt, müde, die Knochen …

Zitat: „Aber er stand da wie ein Baum, der in seinem Inneren schon morsch war.“

Fazit:

Es ist kein Buch, das sich mir auf Anhieb erschlossen hat, obwohl es sich schnell (154 Seiten) und einfach lesen lässt. Gerade am Anfang erinnerte es mich ein klitzekleinwenig an „altmodische Bergromantik- Literatur“. Der Schreibstil des Autors hob sich davon aber ab. Ich meine, man muss das Buch als Ganzes sehen, dieses „eine ganze Leben“. Es machte mich ein bisschen demütig, und rührte mich auf eine ungewöhnliche Art. Mit leisen Worten wird ein stilles Netz über den Lesenden geworfen.

Alles in allem muss man sich diesem Buch sensibel und emphatisch nähern, man muss hinter die Fassaden blicken. Dies wird nicht jedem Leser gelingen.

 

Eine sehr schöne Rezension zu diesem Buch gibt es auch von: https://radiergummi.wordpress.com/2017/02/19/robert-seethaler-ein-ganzes-leben/

 

Ausführlicher und Weiteres:

Alpenkonvention = internationales Abkommen zwischen den Alpenländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Monaco, Österreich, Schweiz und Slowenien) sowie der EU für eine nachhaltige Entwicklung und den Schutz der Alpen.

 

Link zur Alpenkonvention: http://www.alpconv.org/de/organization/presidency/DE2015/IMD/default.html

Link zur Bücherliste:

Unter http://www.alpconv.org/de/organization/presidency/DE2015/IMD/default.html findet man eine „Sammlung möglicher Bücher“ als PDF zum download.

 

Ausführlicher Inhalt:

Andreas Eggers, Hauptprotagonist, wird als 8 jähriger am Bein verletzt, das falsch von einem Quacksalber geschient wurde und ihm ein lebenslanges Hinken bescherte.

Die Geschichte beginnt 1933, aber eigentlich schon viele Jahre früher, als Andreas Eggers mit vier Jahren auf dem Bauernhof seiner entfernten Verwandten abgeliefert wird. Er hat kein leichtes Leben dort und wird als billige Arbeitskraft missbraucht. Er war immer der Auswärtige, der Geduldete.

Zitat Seite 28: „Er dachte langsam, er sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach auch hingehörten.

Zitat Seite 30: „Andreas Egger galt zwar als Krüppel, aber er war stark. Er konnte anpacken, verlange wenig, redete kaum und vertrug die Sommerhitze auf den Feldern …“

Er verliebt sich ein Marie, eine Liebe, die seine einzige in seinem ganzen Leben sollte. Er machte ihr einen Heiratsantrag in einem besonderen Moment.

Ein weiterer lebensverändernder Moment  passiert durch ein schweres Lawinen-Unglück. Maria stirbt, und seine Beine werden schwer verletzt. Er wird dem Wartungstrupp der Seilbahn-Firma zugeteilt. Es folgen lange, harte und innerlich leere Jahre. Eine schweigende Zeit. Eggers redet nicht viel. Es folgt eine Zeit im Krieg, er gerät in Gefangenschaft. Er überlebt vieles.

Zurück in seinem Tal stellt er fest, dass sich vieles verändert hat. Ski-Touristen besiedeln die Dörfer und ehemalige Bauern haben Hotels gebaut.

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Ein Kommentar zu “Seethaler, Robert – Ein ganzes Leben

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