Stradal, J. Ryan – Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens

stradal-j-ryan-die-geheimniss-der-kueche-des-mittleren-westens-4Inhalt:

Eva Thorvalds Kochkunst ist legendär: Für einen Platz bei einem ihrer Pop-up-Dinner zahlt man vierstellige Beträge und wartet mehrere Jahre. Für Cynthia Hargreaves jedoch geht es dabei um mehr als bloße Gaumenfreuden, es ist ihre einzige Chance, um einen schrecklichen Fehler wiedergutzumachen. Eine Geschichte über die Familie, die man verliert, Freunde, die man findet, und Zufallsbekanntschaften, die ein ganzes Leben bestimmen. (Quelle Diogenes)

Meine Meinung:

Schon lange hatte ich mit diesem Buch gelieb-äugelt und „stolperte“ ständig in meiner Bücherei darüber. Der Titel ist ja ziemlich einprägsam und das reichte, über den Inhalt wusste ich nichts. Manchmal braucht es nicht viel, um ein Buch interessant zu finden und zu lesen. Als es dann zu Hause auf meinem Bücherstapel lag, erweckte es leider eher meine Unlust, wie immer im Angesicht dessen, was ich alles noch lesen MUSS. Dann dachte ich mir, okay, bringe es einfach hinter dich und ich begann dann zu lesen.

Und o Wunder – ich war von den ersten Seiten an fasziniert. Der Anfang war wundervoll. Es passiert eigentlich nicht so viel und es tauchen zu dem viele Protagonisten auf, aber der Schreibstil war einfach wunderschön, im Gegensatz zu dem ersten vorgestellten Protagonisten Lars, der schon von Natur aus nicht der Schönste war und dann wurden er und sein Bruder noch dazu verdonnert, Lutefisk herzustellen, auch eine norwegische Tradition. Die Herstellung von Lutefisk ist, nun ja, nicht sonderlich appetitlich, und zudem stanken die Brüder wochenlang nach faulem Fisch, was deren eh schon minderen Beliebtheit nicht gerade förderlich war. Dennoch macht Lars irgendwann den Absprung von der Familie und wird Koch. Ein sehr penibler Koch mit höchsten kulinarischen Ansprüchen und verwöhntem Gaumen. Er lernt eine Frau kennen, sie wird schwanger und verlässt kurze Zeit später Mann und Kind auf Nimmerwiedersehen. So beginnt diese Geschichte, aber da ist so vieles mehr zwischen den Zeilen, diese Suche nach Liebe, die Beschreibung dieser normalen Menschen die einfach versuchen ihren Alltag zu leben, ob ihr es glaubt oder nicht, es war faszinierend und heulendelend schön geschrieben.

Vor allem, als Tochter Eva Louise geboren wird. Diese Liebe, diese unerschüttlich tiefe Liebe die ihr Vater Lars ihr entgegenbringt ist zum niederknien süß. So denkt er sich schon Monate im Voraus ein Menu für seine Tochter aus.

Und dann, wenn man sich gerade wohl fühlt, sich in der Liebe von Vater zu Tochter sonnt, dann macht die Geschichte eine Wendung und der Leser findet sich 11 Jahre später am Geburtstag von Eva wieder.

Ich würde schon sagen, dass Eva die Hauptprotagonistin ist, aber sie ist nicht immer präsent.  Ich hatte so das Gefühl, dass es auch einen roten Faden gab, der aber irgendwann lose baumelte. Der rote Faden der sich durch alle Geschichten zieht, ist Eva. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser nicht zu Ende gedacht wurde.

Stradal, J. Ryan Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens 3257069758 Diogenes

Stradal, J. Ryan
Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens
3257069758
Diogenes

Denn ab Evas 11. Geburtstag, übrigens ein grauenhafter Tag für das Kind, wird die Geschichte „schwierig“. Schwierig ist das falsche Wort, vielleicht wäre unübersichtlich besser. Denn es erzählen verschiedene Protagonisten über ihr eigenes Leben, und darin kommt mehr oder auch mal nur ganz wenig Eva vor. Und als Leser fragte ich mich oft, hat das jetzt eine Bedeutung? Wo will die Geschichte hin? Zu jeder dieser Kurz-Zeit-Lebens-Geschichten oder ich sollte wohl besser sagen zu jeder Perspektive, gibt es ein ganzes Kapitel mit einer einprägsamen Überschrift. Jede dieser Überschriften steht für eine kulinarische Erfahrung und einen Menschen, der damit zu tun hatte, zum Beispiel:

Zander (Fisch) = Will Prater

Wild = Jordy Snelling

Riegel = Pat Prager

So geht Eva irgendwann mal zu Schulzeiten kurz mit Will Prater aus, unter anderen in ein Restaurant, in der Eva letztendlich eine Art Praktikum macht, sie arbeitet dort kostenlos, und lernt die Haute Cuisine. Den leckeren Zander, der dort zelebriert wird, will sie nachkochen und fährt dafür mit Will zum angeln. Es wird ein Desaster.

Oder die Erdnussbutter-Schokoriegel von Pat. Das Rezept muss ich nachmachen, es wird im Buch beschrieben! Diese Geschichte braucht lange, um einen kurzen Blick auf Eva zu erhaschen, genau wie die von Jordy, der auf die Jagd geht und Eva Wildfleisch bringt. Und da fragte ich mich schon, was das eigentlich soll!?

Ich als Leser hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass die Geschichte auf etwas hinaus will, und dies in dreifacher Hinsicht! Zum einen darf der Leser den Aufstieg von Eva aus sehr sehr ärmlichen Verhältnissen zu einer Star-Köchin zu verfolgen. Die Idee, kein Restaurant zu haben, sondern die Dinner an immer anderen Orten stattfinden zu lassen und sich die Location zu mieten, ist nicht neu. Zufälligerweise habe ich vor ein paar Wochen einen Bericht im „Capital“ Nr. 2 vom 8. Februar 2017 „Der kleine Cook/Junges Gemüse“ auf Seite 154 über Flynn McGarry gelesen, der schon mit 13 wie ein Weltmeister gekocht hat und der jetzt mit 18 Jahren seine ersten Angestellten hat. Wie Eva in der Geschichte bietet er Dinner für viel Geld und mit 16 auserlesenen Gängen in New York an.

Aus Capital“ Nr. 2 vom 8. Februar 2017 „Der kleine Cook/Junges Gemüse“ , Seite 154

Aus Capital“ Nr. 2 vom 8. Februar 2017
„Der kleine Cook/Junges Gemüse“ , Seite 154

Aus: Capital Nr. 2 vom 8. Februar 2017 „Der kleine Cook/Junges Gemüse“ , Seite 154

Aus: Capital Nr. 2 vom 8. Februar 2017
„Der kleine Cook/Junges Gemüse“ , Seite 154

 

Natürlich geht es auch ums Essen, um unsere Nahrungsmittel in diesem Buch. Die Zutaten für die ausgefeilten Gerichte müssen immer besser , immer genauer klassifiziert werden. So, als würde man im Wein schmecken können aus genau welchem Rebstock (3. Reihe von rechts, zehnter Rebstock) eines bestimmten Weinberges der Wein kommt. Aber daran sieht man auch den vermeintlichen Hype. Andererseits, ist es nicht verwunderlich, dass man gerade in den USA zum Beispiel nur noch „echten“ Mais essen will, denn es gibt so gut wie nur noch genveränderten. Auch ein Seitenhieb auf die Tomatensorten, die der Firma Monsanto gehören, wurde nicht verkniffen. Ich denke, dies trägt doch gerade dazu bei, dass jeder genau wissen will, woher die Lebensmittel kommen. Natürlich ist es manchmal überbewertet, aber manchmal halt eben auch nicht. Und so können wir für jede Sorte die es noch gibt und die noch keiner Firma oder Gentechnik unterliegen, dankbar sein.

Zum anderen wartete ich auch irgendwann auf den „Knall“, wenn Eva herausfinden würde, dass ihre Eltern, nicht ihre biologischen Eltern sind. Und zu guter Letzt, wartete ich auch noch darauf, dass sie ihre wirkliche Mutter treffen würde. Und all diese Geschichten, die großen Kapitel, schlichen so um Eva drum herum, ohne sie wirklich zu fassen zu kriegen. Der Leser erhält einen entfernten Blick auf Eva, aber ich habe umso mehr über jede Information über sie gedürstet. All diese Geschichten handelten oft von der Lebenssituation normaler und armer Leute, oft finden sich aber auch Einblicke, die weh tun, die einen mitleidig werden lassen. Ich wunderte mich, dass Eva so viel Stärke aus ihrer Armut zog.

Überhaupt werden in den Geschichten normale Menschen dargestellt. Keine schönen Menschen wie in Kitsch-Romanen, sondern normale Menschen mit all ihren Fehlern. Eva ist auch so ein Mensch, riesengroß und stämmig, eine wuchtige Erscheinung. Alle die hier in diesem Buch vorkommen, sind trefflich charakterisiert, ich fühlte mit jedem mit, auch wenn ich nicht jeden verstand. Jordy war so jemand, den ich nicht zu packen bekam. Bei Pat schwankte ich oft zwischen Sympathie und Abneigung.

Nach dem Schluss machte sich bei Verwirrung breit. Ich verstand nicht, was dieses letzte Dinner im Buch darstellen sollte. Es waren zwar ein paar Protagonisten, die Evas Leben gekreuzt haben, anwesend, aber dies war nicht stringent durchgehend. So war eigentlich nur Will Prater da und Evas Mutter beim Dinner anwesend. Und zu Will Prater hat dann auch der Zandergang gepasst. Es gab auch Wild, aber Jordy war nicht dabei. Ich hätte ein Dinner mit allen Protagonisten erwartet, die sie kennen gelernt hatte. Braque und Randy halfen hinter den Kulissen, genau wie überaschenderweise auch Pat. Aber was wurde aus Octavia und Jordy?

Stradal, J. Ryan Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens 3257069758 Diogenes

Stradal, J. Ryan
Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens
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Fazit:

Eine Geschichte, die mir viele Fragezeichen hinterlassen hat. Eine Geschichte, in der verschiedene Protagonisten aus ihrem Leben erzählen, und immer eine Verbindung, und sei sie noch so klein, zur Hauptprotagonistin Eva aufbauen. Die Menschen, die hier erzählen, sind fast alle arm und manchmal auch aus prekären sozialen Verhältnissen, wie Eva selber. Ihre Eltern werden unter „White Trash“ zusammen gefasst, aber Eva ist so ganz anders als andere und das bietet sich geradezu in Schulzeiten als Angriffsfläche einiger angesagter Kids an. Eva ist kein schönes Kind und später auch keine schöne Frau, dafür ist zu „stämmig“ und zu groß. Aber sie hat Charakter und geht unbeirrt ihren Weg. Aus ärmlichen Verhältnissen kocht sie sich in die Starliga der Köche hoch. Trotz Niederlagen und persönlicher Fehlschläge vieler Protagonisten ist diese Geschichte mit ganz viel Liebe und einem wunderschönen Erzählton geschrieben, aus dem immer wieder zwischendurch ein wenig Humor durchblitzt, ein subtiler Witz, der mich lächeln und schmunzeln lies. Charmant.

Aber auch verwirrend, weil manch angefangene Geschichte, wie die von Jordy, nicht weitergeht, das Kapitel ist zu Ende, aber ich hatte immer noch gehofft, irgendwo versteckt einen Hinweis zu ihm zu finden. Oder wie mit Braque, Evas Cousine. Braque ist schwanger, und die Frage ob sie das Kind behält oder nicht wurde erst viele Jahre und Seiten später, nicht expliziert erwähnt, aber so nebenbei erfahre ich als Leser, zumindest im kleinen Teil, was passiert ist. Solche Ansatzpunkte gab es viele, viele Handlungsstränge, die nicht fertig gestellt wurden und das ganz bewusst.

Wer sich aus diesem Buch zudem viele Rezepte erhofft, wird wohl auch enttäuscht werden. Es gibt leckere Rezept-Ideen, Menu-Zusammenstellungen, aber wenige. Richtige Rezepte gibt es nur drei Stück, und die finden sich alle in dem Kapitel über Pat mit ihrem Riegeln. Dennoch konnte ich nicht widerstehen und habe im Buch *USA vegetarisch“ nach dem Rezepte für Succotash nachgeschlagen, das Wort hörte sich einfach zu gut an. Es handelt sich um einen bunten Eintopf aus den Südstaaten.

Mir bleibt aus diesem Buch, dass manche Menschen einfach ihr „Ding“ finden und es durchziehen. Bei Eva war es das kochen, sie hatte eigentlich keine Wahl, sie musste einfach weitermachen, weil das Kochen und schmecken ein großer Teil ihrer Seele war. Die Suche nach neuen unverfälschten Lebensmitteln treibt so mancher auf einen ironischen Höhepunkt. Des weiteren waren die Beschreibungen aller Charaktere so voller Volumen, ich habe über jeden gern gelesen. Und überall steckte Liebe drin, auch wenn sie oft nicht erwidert wurde.

Alles in allem: Ein Buch, dass sich leicht und schnell lesen lässt. Ich hoffte und bangte mit allem Protagonisten mit, auch wenn bei einigen am Schluss ein Fragezeichen stand und ich eigentlich so gar nicht richtig wusste, „wo ich denn nun dran war“, also auch Verwirrung pur. Zudem ein Buch über nach kulinarischen Raritäten, manchmal überspitzt dargestellt.

Link zum Buch/Verlag: http://www.diogenes.ch/leser/titel/j-ryan-stradal/die-geheimnisse-der-kueche-des-mittleren-westens-9783257069754.html

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