Hauck, Uwe – Depression abzugeben

hauck-uwe-depression-abzugeben-wz-2Inhalt:

Seelische Erkrankungen verschleppt man oft und das kann schiefgehen. Uwe Hauck möchte über das Tabuthema Depressionen aufklären, den Betroffenen die Angst vor Psychiatrien nehmen und einen Einblick in das geben, was einem in der Klapse erwartet. Offen, schonungslos und unterhaltsam lässt er uns an seinem Therapieverlauf teilnehmen und spart nicht mit Anekdoten über Beschäftigungsmaßnahmen, wie Korbflechten, Maltherapien oder Ausdruckstänzen. Denn die Klapse ist nichts anderes als ein Krankenhaus für gebrochene Seelen, und eigentlich sind in der Klapse eher normale Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden, so der Autor.

Meine Meinung:

Spätestens seit der Torwart Robert Enke Selbstmord beging ist es um das Thema Depressionen öffentlicher geworden. Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, hat sich in den letzten Jahren einiges getan, um diese Krankheit aus der „Klapsmühlen-Mentalität“ heraus zu lösen. Wie der Autor Uwe Hauck in einer Stelle im Buch erklärt, ist aber dennoch so, dass es zunächst niemand freiwillig zugibt. Als er während seiner Reha die große Hürde nehmen muss, wieder mit seinem Kollegen und seinem Chef auf seiner Arbeitsstelle in Kontakt zu treten, stellt er fest, dass viele Kollegen zunächst mitfühlen und fast jeder auch jemanden kennt, der Depressionen hat oder in einer Psychotherapie in Behandlung ist. Der Vergleich auf Seite 105 mit der Depression und einem gebrochen Bein ist sehr treffend, und jeder kann sofort verstehen, um was es geht.

Aber von vorne. Dem Cover merkt man schon an, dass dieses Buch sich in anderer Weise mit dem Thema Depression befasst. Es ist keine Fachliteratur im klassischen Sinne, sondern ein Erfahrungsbericht aus erster Hand und damit aber auch Fachliteratur, nur halt aus der Perspektive eines Betroffenen. Uwe Hauck schildert seinen Krankheitsverlauf sehr detailliert, aber auch mit einer Prise schwarzen Humors, soweit man mit Depressionen von Humor sprechen kann. Sicherlich zur Hilfe kam ihm dabei, und das hat mich erstaunt, er ist sozusagen ein Blogger-Kollege, der während seiner „Genesung“ unter #ausderklapse pointierte Kurznachrichten schickt. Diese digitale Affinität zu Computertechnik wird ihm später noch als „Internet-Sucht“ ausgelegt, da die Reha-Einrichtungen (genau wie die Schulen) nicht auf dem aktuellen Stand der Entwicklung sind und sich gegen alles digitale wehren.

Zitat Seite 101: „Für mich ist schreiben die angenehmste Kommunikationsform. Lieber schreibe ich, als dass ich telefoniere. Beim Telefonieren habe ich immer so viele Gedanken im Kopf, so dass mein Denken meinen Mund überholt. Das führt auch dazu, dass ich im Alltag generell zu schnell spreche.“

Zitat Seite 195: „Wer mir ernsthaft rät, mich mit etwas anderem als meinen Interessen zu beschäftigen, der hat mich in keinster Weise verstanden oder mein Leben anerkannt.“

Der Autor beginnt aus der Zeit vor dem versuchten Selbstmord zu berichten. Die heutigen Arbeitsanforderungen an Arbeitnehmer, der innere Druck bis hin zum Burnout, die Mitarbeitergespräche, die Beurteilungen etc.. Krankschreiben? Ich doch nicht“. Wer kennt das nicht in irgendeiner ähnlichen Weise!? Er schildert diese und die anschließende Zeit in der „Klapse“ sehr ausführlich.

S.17: „Das ist überhaupt das Hinterhältige. Es klappt richtig gut, den Alltag zu meistern. Man fühlt sich zwar in schöner Regelmäßigkeit wie ein Stück Dreck, aber zumindest wie fruchtbarer, nützlicher Dreck. Dass sich da längst ungesunde Entwicklungen breit machen, realisiert man erst, wenn es zu spät ist.

S.28: Ein weiterer depressiver Schub, angekündigt durch mangelnde Konzentration, hohe Empfindsamkeit und beständig negativere Gedanken. Aber zu dem Zeitpunkt nannte ich das nicht Depression, sondern hielt es für eine Charaktereigenschaft, die mich behinderte und von der ich glaubte, sie alleine überwinden zu müssen. Genauso gut hätte ich versuchen können, ohne jedes Training beim Iron Man mitzulaufen.“

Manchmal waren mir die detaillierten Beschreibungen ein wenig zu gründlich, vor allem was die Inneneinrichtung diverser Reha-Kliniken anging. Eigentlich muss ich nicht wissen, wo es rechts und links langgeht, aber letztendlich war das beim Lesen auch kein Problem, wenn es auch stellenweise langatmig wirkte. Auf alle Fälle kann ich sagen, dass jemand, der noch in keiner Reha war, hier aus erster Hand ausführliche Abläufe entnehmen kann und somit eigentlich keine „Angst“ vor so einer Maßnahme haben muss. Ich war vor ca. 14 Jahren in einer psychosomatischen Reha und ich kann vieles bestätigen, und stelle fest: Es hat sich anscheinend nicht viel geändert, außer das heute jeder ein Smartphone/Tablet dabei hat (je nachdem wie die Klinik „digital“ eingestellt ist).

Das erste Drittel des Buches war verwirrend für mich, weil die Psychosomatische Reha der Psychiatrie ähnelte. Uwe Hauck spricht immer von „der Klapse“ und meint damit nicht nur die Psychiatrie, sondern auch die Reha-Kliniken. Ich hingegen bin niemals auf die Idee gekommen, die Reha-Klinik eine „Klapse“ zu nennen. Verwirrend waren für mich auch die Begriffe Psychiatrie und Psychosomatik, weil sich die Symptome und Therapien im Buch oft ähnelten. Im Internet kann man den Suchbegriff „Unterschied Psychiatrie und Psychosomatik“ eingeben und findet auf zahlreichen Seiten gute Informationen dazu. Herr Hauck berichtet unter anderem aus der Station 5, hier war ich mir nicht sicher, ob es eine spezielle und öffentliche Bezeichnung für eine Abteilung in der Psychiatrie ist? Vielleicht für die „Geschlossene“?

Zitat Seite 39 über die Psychiatrie: „Zum ersten mal habe ich das Gefühl des Weggesperrtwerdens.“

Nach der Psychiatrie/T5 kommt er in eine Reha-Klinik, die ihn an eine Jugendherberge oder an ein Schullandheim erinnert. Aufenthalt sechs Wochen bis zu drei Monaten. Er nimmt alles an Therapien was er kriegen kann, er will ja schließlich gesund werden.

Zitat S. Bewegungstherapie, Musiktherapie, Beschäftigungstherapie, Arbeitstherapie … Die angedachten Therapien werden in ein kleines gelbes Heft eingetragen, das von nun so etwas wie mein therapeutisches Bonusheft darstellt. Jede besuchte Therapie wird darin verzeichnet …“

Ansonsten läuft alles wie es jeder, der in einer Reha war, kennen wird: Morgenstunde, Gesprächsstunde, Therapiestunden, Essen … Alles ist geregelt, auch solche Kleinigkeiten dass man das Tablett nach dem Essen wegräumt vergisst der Autor nicht zu erwähnen.

In der Reha versucht er zudem mit den Therapeuten seine Kindheit aufzuarbeiten.

Zitat S. 63: „Bücher waren meine eigentlichen Freunde und Trostspender“.

 

Er denkt zurück:

Zitat Seite 96: „In den letzten Jahren wurden die schönen, angstfreien Momente immer weniger. Die äußere Fassade eines glücklichen Menschen aufrechtzuerhalten, strengte mich immer mehr an. Bis es nicht mehr ging…“

 Zitat Seite 133: „Innerlich tieftraurig, voller Panik und Ängste habe ich nach außen stets den glücklichen, humorvollen, extrovertierten Menschen gespielt. Aber das kostet Kraft, entsetzlich viel Kraft. So viel Kraft, dass die guten Momente es nicht vermögen, den Verlust an Energie auszugleichen.“

 Zitat Seite 157: „Es ist schwer, herauszufinden, wer man wirklich ist, wenn man über Jahrzehnte ein Füllhorn an Masken für jede Gelegenheit parat hatte. Egal welcher Kontext. Ich war brillant darin, der zu sein, der erwartet wurde. Dabei hätte es mir viel besser getan, ich selber zu sein“ 

 

Er beginnt sich in der Reha wohl zu fühlen.

Zitat Seite 85: „Wo man draußen stets darauf bedacht ist, niemanden zu zeigen, dass man psychische Probleme hat, kann man hier drin getrost alle Masken fallen lassen und ist Gleicher unter Gleichen. Man trägt seine Wunden nicht zur Schau, man muss sie aber auch nicht mehr verheimlichen. Das befreit, erleichtert und verringert den Schmerz.“

 

Fühlt sich unter „Gleichgesinnten“.

Zitat Seite 98: „Überhaupt, das wirst du bald merken, sitzen hier keine Dummköpfe, sondern lauter Leute, die eher zu viel im Kopf haben, zu viele Gedanken, Ängste, Sorgen, Traurigkeiten.“

 

Nach einigen Wochen darf er dann das erste Mal wieder nach Hause. Zu seiner Frau, seinen Kindern. „Belastungsprobe“ nennt man das. Er denkt sehr viel an seine Familie und hat ein schlechtes Gewissen. Überhaupt, seine Frau war mir sehr sympathisch, sie hat immer, wirklich immer zu ihm gestanden und ich denke, so einen verlässlichen Menschen wünscht sich jeder von uns.

Hauck, Uwe Depression abzugeben 978-3-404-60922-2 Bastei Lübbe

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Nach acht Wochen dann darf er in eine Tagesklinik wechseln. Davon handelt die zweite Hälfte des Buches.

Für mich interessant zu lesen war, dass Uwe Hauck ansatzweise die Behandlung und Therapien in den Reha-Kliniken in Frage stellt. Ähnliche Gedanken hatte ich damals auch. Diese Bedenken haben viele, trauen sich aber nicht, öffentlich darüber zu berichten. Das wirft auch für mich als Leser Fragen auf, ob die „Behandlung“ tatsächlich auch immer so förderlich ist.

Irgendwann sind alle Therapien „Routine“. Uwe Hauck hat Rückfälle und „eckt“ zudem „innerlich“ an, traut sich aber nicht, sich laut zu äußern, da ansonsten die „Gefahr“ besteht, dass der Aufenthalt in der Tagesklinik ansonsten verlängert wird.

Zitat Seite 136: „Wieder wünsche ich mir, ich hätte mir ein Bein gebrochen. Keine langwierigen Erklärungen, keine bescheuerten Ratschläge. Es wäre klar, wie mit mir umzugehen ist. Aber ich habe eine gebrochene Seele. Unsichtbar, unverstehbar, unentschuldbar. …“

Zitat Seite 280: „>Ich weiß es auch nicht<. Fette Lüge, ganz fette Lüge. Wenn ich jetzt etwas Falsches sage, droht mir eine Verlängerung. Und an eine objektive Behandlung glaube ich zu dieser Zeit nicht mehr.“

Mittlerweile steht auch eine Wiedereingliederung bei seinem Arbeitgeber an. Uwe Hauck macht sich logischerweise Sorgen, ob er für seinen Arbeitgeber noch tragbar ist, auch wenn er augenscheinlich alle Unterstützung erhält. Schließlich wird ihm eine „berufsbezogene Reha-Maßnahme“ angetragen.

Nach der Tagesklinik, wie geht der Alltag weiter? Reha-Antrag stellen, warten. Das Leben in der Wartposition. Sich Gedanken machen. Warten auf Post.

Zitat Seite 313: „… Mein Therapeut … mich nach draußen schicken, zum Spazieren, zum Joggen, an die frische Luft. Geschenkt, ich hab‘s probiert, ist genau so langweilig, nur dass es mich auch noch nervt, weil‘s einfach keinen Spaß macht. Und Dinge tun zu müssen, die mir keinen Spaß machen, davon hab ich genug in den beiden Kliniken abbekommen. Reicht für zwei Leben. …“

Der Antrag bei der Rentenversicherung auf eine Rehabilitationsmaßnahme für fünf Wochen erhält er nach vier Monaten warten!

In einem Barcamp bietet er an, über seine Depression zu sprechen, wenn genügend Teilnehmer Interesse haben. Er ist unsicher, aber das Feeback so berauschend, dass er die 45-minütige Session am zweiten Tag wiederholt. Nach diesem Erlebnis geht es aufwärts. Ob es nur an dem Barcamp gelegen hat, oder ob die Therapien nun endlich anschlagen, es hat anscheinend „Klick“ gemacht. Aber kurz vor nächsten Reha ist er wieder deprimiert in Angesicht ungeliebter Therapien. Das alles nochmal durchkauen? Egal, in der Reha-Klinik für Psychosomatik hat er das erste mal ein Einzelzimmer. Wie im Hotel. Auch sonst ist der Aufenthalter viel freier, als er erwartet hat. Zudem kommt er in eine „Angst-und in eine Männergruppe“, etwas Neues, das aber nicht unbedingt etwas Gutes sein muss. Aber alles in allem will er sich unbewusst nicht mehr auf die Reha einlassen. Ich hatte das Gefühl, die Hochs und Tiefs waren in diesem Tagen sehr häufig. Ach ja, in dieser Einrichtung sind Notebokes und etc. erlaubt.

Am Schluss der Reha: Uwe Hauck lehnt eine Verlängerung ab.  Eine Sozialarbeiterin kümmert sich um den Wiedereinstieg nach dem „Hamburger Modell“.  Aber, zu Hause geht die Wiedereingliederung dann viel zu schnell, als er seine vollen Stunden arbeitet, kommt es wieder ein Absturz mit Suzid-Gedanken. Wieder die Tagesklinik. So ist das, dass Leben mit einer Depression:

Zitat Seite 403: „Man geht nicht so einfach mit einer Depression in eine Klinik und kommt ohne wieder raus. Man kriegt eine bessere Leine, um die Depression daran zu führen, und ein paar Knochen zum vorwerfen, damit die Depression schön brav Männchen macht, statt einen aufzufressen.

Hauck, Uwe Depression abzugeben 978-3-404-60922-2 Bastei Lübbe

Hauck, Uwe
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Gespickt ist das Buch mit allerlei Twitter-Nachrichten #ausderklapse:

@bicyclist: Ich wäre ja für eine neue Kaffeesorte. Depresso. Wirkt stimmungsaufhellend.

@bicyclist: Eigentlich sind in der Klapse ganz normale Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht fertig werden.

@bicyclist: Manchmal fühle ich mich ziemlich strange, wenn ich in einem Raum mit 50 Leuten niemanden finde, mit ich reden WILL.

 

Fazit:

Das Buch ist ein wichtiger Baustein um einen Einblick in das Gefühlsleben eines Menschen mit Depressionen zu erhalten. Der Autor Uwe Hauck beschreibt das Thema, auf, ja auf fast schon witzige Weise, so dass man manchmal schmunzelt oder kurz auflacht, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Das Lachen der Verzweiflung, sozusagen. Seine Erfahrungen hat er in einem angenehmen Erzählton verfasst, der sich schnell und einfach lesen lässt. Allerdings gibt es sehr detaillierte Beschreibungen über die Inneneinrichtungen der Reha-Kliniken, so dass für mich Längen entstanden. Natürlich mag ein Leser, der noch in keiner Reha war, dies gerne lesen. Der Autor erzählt wirklich alles, und so erhält man einen sehr genauen Überblick, was einen in der „Klapse“ und in der Reha-Klinik erwarten würde. Anhand der Inhaltsangabe könnte man meinen, Uwe Hauck schreibt nur aus der „Klapse“, was für mich Umgangssprachlich für die Psychiatrie steht. Aber eine Reha-Klinik, selbst eine psychosomatische ist für mich keine Klapse. Die Eindrücke aus seiner Reha sind authentisch erzählt, jeder der in einer solchen Maßnahme war, wird das bestätigen können, im Guten wie im Schlechten. Gutes, wie neue Freundschaften zu finden, auch wenn man es nicht erwarten wird. Alles an Literatur zu lesen, dessen man habhaft werden kann. Schlechtes, wenn einen die Behandlungen und Therapien nur noch nerven.

Alles in allem: Dieses Buch ist in diesem Sinne kein Sachbuch, sondern ein sehr ausführlicher Erfahrungsbericht, der aber den Vorteil hat, dass die Krankheit Depression aus der Sicht eines Betroffenen sehr ehrlich und ausführlich geschildert wird. Eine neue digitale Komponente stellen dabei seine Twitter-Nachrichten #ausderklapse dar.

Link zum Buch/Verlag: https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/politik-und-gesellschaft/depression-abzugeben/id_5836575?

 

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