Ferrante, Elena – Meine geniale Freundin (Band 1)

Ferrante, Elena Meine geniale Freundin Band 1 978-3-518-42553-4 Suhrkamp

Ferrante, Elena
Meine geniale Freundin
Band 1
978-3-518-42553-4
Suhrkamp

Inhalt:

Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.

Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.

Ihre Wege trennen sich, die eine geht fort und studiert und wird Schriftstellerin, die andere wird Neapel nie verlassen, und trotzdem bleiben Elena und Lila sich nahe, sie begleiten einander durch erste Liebesaffären, Ehen, die Erfahrung von Mutterschaft, durch Jahre der Arbeit und Episoden politischer Bewusstwerdung, zwei eigensinnige, unnachgiebige Frauen, die sich nicht zuletzt gegen die Zumutungen einer brutalen, von Männern beherrschten Welt behaupten müssen.

Sie bleiben einander nahe, aber es ist stets eine zwiespältige Nähe: aus Befremden und Zuneigung, aus Rivalität und Innigkeit, aus Missgunst und etwas, das größer und stiller ist als Lieben. Liegt hier das Geheimnis von Lilas Verschwinden? (Quelle Suhrkamp)

Meine Meinung:

Also, irgendwie nimmt die Inhaltsangabe den Inhalt des Buches schon komplett vorweg. Was gibt es dem noch zuzufügen? Mmh!?

Fangen wir mit dem „drumherum“ an. Das Buch wurde auf dem Glühweinabend in meiner Bücherei im November 2016 vorgestellt (*Bücherabend 2016* ). Ich hatte es mir notiert, und meine Bücherei hatte es dann auch kurz vor Weihnachten für mich vorgemerkt. Wie ihr sicherlich schon wisst, mag ich es, wenn es Personenregister gibt. Bei diesem „Überblick über handelnde Personen“ auf den ersten Seiten des Buches war ich leicht überfordert und dachte nur „meine Güte, wie soll ich mir das behalten?“. Irgendwie hoffte ich, dass die Personen so geschildert werden würden, dass ich sie mir gut vorstellen konnte. Leider traf das nicht zu und ich hatte bis zum Schluss gerade mit den männlichen Figuren, Namen und Familienzugehörigkeiten sehr zu kämpfen. Obwohl diese Personen immens wichtig für das Gesamtbild waren, traten für mich Elena und Lila am deutlichsten hervor, nachdem am Anfang auch hier Namens-Querelen etwas durcheinander brachten. Ich versuche dies jetzt mal anhand des Registers nachzuvollziehen. Also, Lila heißt eigentlich Raffaella, dies wurde mir im ganzen Buch nicht bewusst, nur jetzt im Register fiel es mir auf. Sie wird von allen Lina gerufen, außer von Elena, die sie Lila nennt. Und als Lila fiel mir die Identifizierung dann auch sehr leicht. Elena war da einfacher zu merken, weil sie die erzählende Person ist. Allerdings wird sie manchmal auch Lenuccio oder Lenu genannt, das konnte ich mir nicht behalten. Beide werden zudem auch noch manchmal mit den Nachnamen gerufen: Cerullo und Greco. Also, das ist gerade am Anfang alles ziemlich viel.

Was aber ganz schnell ging, war die Tatsache, dass ich mir sofort dieses Armenviertel in Neapel vorstellen konnte, in dem die beiden Mädchen mit ihren Familien wohnten. Dieser Alltag der Kinder war wirklich sehr eindrücklich geschildert, die Bedrohung durch andere Kinderbanden und Steinewerfer. Auch das Leben der Erwachsenen war nicht besser, es passierten viele Unfälle auf der Arbeit, Unfälle in den Trümmern und zudem machten sie sich selber das Leben schwer, auch Frauen gegen Frauen. Es herrschte Armut, Elend, Missgunst und Neid.

Zitat Seite 38: „Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt. Es passierte alles Mögliche, zu Hause und draußen, Tag für Tag,  doch ich kann mich nicht erinnern, jemals gedacht zu haben, dass unser Leben besonders schlimm sei. Das Leben war eben so, und damit basta, wir waren gezwungen, es anderen schwer zu machen, bevor sie es uns schwer machten.“

Elena, die Erzählerin, analysiert sich selber ziemlich gut. Sie ist ein gefälliges, fleißiges Kind mit blonden Locken das es jedem Recht machen will. Unauffällig wie sie ist, sticht sie nicht heraus, ist nichts Besonderes. Das weiß sie. Außer ihre schulischen Leistungen sind beachtlich. Aber Mädchen und Schule und Bildung, das war damals kein Thema in den Armenvierteln von Neapel. Nur dank einer Lehrerin, die ihre Eltern stur überredet, darf Elena weitere Schulen besuchen und eine Stufe nach der anderen erklimmen, um so schließlich auch zu einer Art Abitur zu gelangen.

Weil Elena so unauffällig ist, mochte ich die toughe Lila umso lieber. Das Mädchen hat Rückgrad, sieht aus wie ein hässliches Entlein, dass sich aber definitiv zu Wehr zu setzen weiß. Und sie ist hochbegabt, wie sich bald herausstellen wird. Sie bringt sich selber lesen und schreiben bei, später Latein und Griechisch. Sie hat so einen Trotz, eine unglaubliche Sturheit in sich. Lila überschreitet viele Grenzen, und als sie sich wegen der Schule stur stellt, wirft ihr Vater sie unglaublicherweise aus dem Fenster!

Zitat Seite 53: „Lila war für jeden zu viel. Sie ließ keinerlei Raum für Sympathie.“

Aber noch ist es nicht so weit, die Mädchen sind noch klein, spielen mit Puppen und tingeln durch ihre Straße auf der Suche nach Spielmöglichkeiten die in allerlei Mutproben ausarten. Schon damals verband die beiden eine Art Hass-Liebe, Lila lässt Elenas Puppe absichtlich in ein dunkles Kellerloch fallen. In der Schule werden die beiden bald die Besten sein:

Zitat Seit 51: „Cerullo und Greco sind die Besten.“

Es beginnt sich schon sehr früh abzuzeichnen, dass Elena auf ein Vorbild zum nachahmen gewartet hat. Dieses Vorbild ist Lila. Ohne Lila ist Elena nichts. Nur für Lila rackert sich Elena durch den Schulstoff, aber nur sie darf weiter auf die Schule, während Lilas Eltern kein Geld dafür haben. Ebenfalls schon sehr früh merkte ich, dass die beiden sich gegenseitig für das beneideten, was die jeweilige andere nicht hatte. Wurde anfangs Elena in der Schule gelobt, ist es jetzt Lila die glänzt, die an Wettbewerben teilnehmen darf. Ich weiß nicht, ob man das Freundschaft nennen kann, wenn ich Zeit meines Lebens nur neidisch auf meine sogenannte Freundin bin?

Zitat Seite 50: „… meine Art, mit Neid und Hass umzugehen und beides zu unterdrücken. Oder vielleicht verschleierte ich auf diese Weise mein Gefühl der Unterlegenheit, die Faszination der ich unterworfen war.“

Es entsteht eine Art Wettbewerb, wer zuerst etwas Bestimmtes kann oder generell erste ist. In der Pubertät ist es die Frage nach der ersten Periode, nach dem ersten Kuss, dem ersten Freund, dem ersten „rummachen“. Jede der beiden will erste sein, und wenn nicht, holt sie es schnell nach.

Anstatt in die Schule zu gehen, arbeitet Lila nun in der Schusterei ihres Vaters. Lila hat große Träume, und ich hätte ihr die Erfüllung dieser zugetraut, wenn, ja wenn diese Männergesellschaft der damaligen Zeit nicht so männertypisch arrogant gewesen wäre. Ich habe bis Schluss des Buches mit gebangt, sogar noch, als Lila selber aufgegeben hatte, dass diese Pläne eines Tages ihren Ausbruch darstellen könnten. Doch, diese Pläne waren einfach zu groß für die Zeit und den Ort.

Zunächst hat Elena „Oberwasser“, dass ändert sich jedoch, als aus Lila ein wunderschönes junges Mädchen wird, wie man es nicht in einem Armenviertel vermuten würde. Auffallend schön.

In allem ahmt Elena Lila nach, verhält sich wie sie, macht, was eigentlich Lila machen wollte. Zieht durch Lila die Kraft zum Lernen für die Schule. Macht nur deswegen weiter, nicht weil Elena es will, sondern weil Lila es wollte. Das ist die Schuld, mit der Elena irgendwann leben muss, als Lila gezwungenermaßen zurück bleibt.

Zitat Seite 349: „Die Konkretheit dieses Termins ließ auch den Punkt konkret werden, an dem sich unserer Lebenswege trennen sollten. Und das schlimmste daran war meine feste Überzeugung, dass ihr Los besser sein würde als meines. Stärker denn je spürte ich die Bedeutungslosikeit meiner Ausbildung, mir wurde klar, dass ich diesen Weg Jahre zuvor nur eingeschlagen hatte, um in Lilas Augen beneidenswert zu erscheinen.“

Das Buch endet mit einer Hochzeit. Und mit einer Erkenntnis: Elena fragt sich, ob für alle Frauen das Leben außerhalb des Armenviertels so ist.

Ferrante, Elena Meine geniale Freundin Band 1 978-3-518-42553-4 Suhrkamp

Ferrante, Elena
Meine geniale Freundin
Band 1
978-3-518-42553-4
Suhrkamp

Fazit:

Gerade am Anfang und selbst am Schluss noch konnte ich mir die Personen nicht merken, hatte einige Probleme mit der Zuordnung. Oft schreckte ich bei einem Namen auf und versuchte mich zu erinnern, wer das jetzt nun war. Meist gelang mir keine Zuordnung, oder nur eine ungefähre. Eigentlich mag ich das nicht und allgemein denke ich, das liegt an der Erzählweise. Allerdings war es auch nicht soo wichtig, denn wichtig war das Gefühl, das vermittelt werden sollte. Eine Art Sittengemälde des italienischen Lebenswandels. Herausragend war die eigentlich seltsame Freundschaft zwischen Elena und Lila, die aus einer Art immerwährenden Hass-Liebe, Neid und eines Wettstreites besteht. Wer ist die Bessere? Wer ist Erste? Sei es in der Schule oder in der Liebe. Für mich war der Begriff „Freundschaft“ dafür nicht unbedingt geeignet. Das Leben in einer Art Mikrokosmos im Armenviertel von Neapel macht es den Mädchen in einer Männergesellschaft aus komplizierten Beziehungsgeflechten nicht leicht.Es bedeutet die Aufgabe eines großen Traumes für eine von beiden. Die Schuld der anderen darüber. Der einen fliegt alles zu, die andere kämpft. Die Wandlung vom hässlichen Entlein in einen schönen Schwan nimmt dennoch wahrscheinlich kein gutes Ende.

Der Erzählton war, so banal ich es hier ausdrücke, gut. Einfach und schnell zu lesen. Nichts verziertes, nichts schnörkeliges, nichts poetisches. Das hätte auch nicht gepasst.  Es entsteht in der Tat ein Spannungsbogen aus dieser ambivalenten Mädchenfreundschaft, dem ich mich nicht entziehen konnte. Man spürt gerade zu, dass Lila auf etwas zusteuert. Aber auf was? Die Charaktere von Lila und Elena traten klar in Erscheinung, die restlichen Protagonisten waren eher Statisten und oft nebulös.

Was macht das Buch besonders, dass die Presse es so bejubelt? Ich zumindest blieb zurück mit einem Gefühl, diese merkwürdige Freundschaft genau verstanden zu haben. Wie nah Ungerechtigkeit und Glück im Armenviertel von Neapel beieinanderliegen. Ich dachte noch lange über die beiden nach, ich glaube, dass ist es, was das Buch ausmacht. Wie hätte man selber gehandelt? Hatte man eine ähnlich ambivalente Freundschaft? Erkenne ich den Neid, der die beiden ab und an erfasst?  Ist es überhaupt Freundschaft oder nur ein „sich messen“? Die Botschaft: Nur Bildung führt aus diesem Leben heraus. Lila ist der Charakter, der mich am längsten beschäftigte. Weil man ihn nur durch Elena kennt. Ihre wahren Gefühle und Beweggründe konnte man bestenfalls erahnen oder sich einbilden. Ich hätte ihr für den ersten Band ein Happy End gewünscht, aber für die wo von dort kommen, gibt es nur selten Happy Ends. Ich bin gespannt auf den zweiten Teil.

Es gibt einen Cliffhanger, ja. Und ich bin gespannt auf den zweiten Teil. Aber: ich „giere“ und sehne den zweiten Teil nicht herbei wie bei anderen Büchern, hier ich kann ruhig warten. Das Lesen des zweiten Teils ist nicht allzu dringlich, und wer weiß, vielleicht lese ich ihn auch gar nicht.

Alles in allem: Den jubelnden Pressestimmen kann ich nicht beipflichten, dennoch ist es ein unterhaltsamer und auch irgendwie nachdenklich stimmender Roman über Freundschaft, Frauen und Bildung.

 

Reihenfolge der „Neapolitanischen Saga“:

Band 1: Meine geniale Freundin

Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens

Band 3: Die Geschichte der getrennten Wege

Band 4: Die Geschichte des verlorenen Kindes

 

Zum Buch/Verlag: http://www.suhrkamp.de/buecher/meine_geniale_freundin-elena_ferrante_42553.html#

 

 

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Ein Kommentar zu “Ferrante, Elena – Meine geniale Freundin (Band 1)

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