Glaser, Brigitte – Bühlerhöhe

Glaser, Brigitte Bühlerhöhe 978-3-471-35126-0 List

Glaser, Brigitte
Bühlerhöhe
978-3-471-35126-0
List

Inhalt:

Rosa Silbermann wird 1952 mit einem geheimen Auftrag in das Nobelhotel Bühlerhöhe geschickt. Die in den 1930ern aus Köln nach Palästina emigrierte Jüdin arbeitet für den israelischen Geheimdienst. Ihre Gegenspielerin ist die misstrauische Hausdame Sophie Reisacher. Die musste 1945 das Elsass verlassen und sucht ihre Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg. Beide haben erlebt, was es heißt, wenn ein ganzes Land neu beginnen will. Keine von ihnen vertraut der beschaulichen Landschaft des Schwarzwalds. Und beide wissen von einem geplanten Attentat auf Bundeskanzler Adenauer, wobei jede ihre eigenen Pläne verfolgt. Zwei Frauen in einer Männerwelt, in der es um Macht, Geschäfte und alte Seilschaften geht – und irgendwann um Leben und Tod. (Quelle List/Ullstein Verlage)

Meine Meinung:

Aufmerksam auf dieses Buch wurde ich durch einen Beitrag auf Marikis Bücherwurmloch-Blog (*hier zum Blog*). Ich blieb an dem Titel „Bühlerhöhe“ hängen, der eine Erinnerung in mir wach rief. Vor vielen Jahren (2003) war ich im Schwarzwald in einer Reha gewesen, als dort eine neue Bekanntschaft erzählte, er würde entweder auf der Bühlerhöhe am Wochenende übernachten oder essen gehen, so genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls war dies das erste Mal, dass ich von diesem Ort hörte. Eben mit dieser Bekanntschaft und einer neuen Freundin fuhren wir auch spontan nach Straßburg, wo wir auf dem Münsterplatz ein Eis aßen. Straßburg ist für eine Person in „Bühlerhöhe“ die Heimatstadt, in die sie nicht zurückkehren kann. Da mir die Bühlerhöhe seit dem immer nur ein vager Begriff war, den ich überwiegend mit einem Nobelhotel/Nobel-Restaurant in Verbindung brachte, dachte ich, vielleicht gibt mir diese Geschichte mehr Informationen über diesen Ort.

Genau das trat dann auch ein. Aber von vorne: Gerade der Anfang dieser Geschichte machte es mir nicht leicht. Wieder viele Personen innerhalb kürzester Zeit setzen mich unter „Druck“, diese auch in den entsprechenden Kontext zu setzen. Nachdem ich gerade ein ähnliches Problem mit Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ hatte, ahnte ich nichts Gutes (*hier Rezension* ). Aber es gibt einen großen Unterschied, denn in Bühlerhöhe gelang es mir, die Personen nach und nach kennen zu lernen, so dass ich nach dem ersten Drittel keine Probleme mit der Identifizierung hatte. Wenn auch einige Nebenpersonen eher blass dargestellt sind, erkannte ich sie in ihrem Handlungsrahmen. Die drei Hauptpersonen Rosa, Sophie Reisacher und Agnes sind sehr schnell präsent.

Hauptprotagonistin ist zum einen Rosa, eine gut aussehende Frau. Sie ist Jüdin und lebte nach der Flucht aus Deutschland in einem israelischen Kibbuz. Sie und ihre Schwester sind die einzigen Überlebenden ihrer Familie des Holocaust. Wieder nach Deutschland zurück zu kehren, weckt lange verdrängte Gefühle. Es gelingt in dieser Geschichte hervorragend die Gefühle von zurückkehrenden Juden zu beschreiben. In ein Land, dass ihre Religion und ihr Volk fast komplett vernichtet hat. Wie fühlt man sich? Dies wird in einigen Szenen thematisiert. Mir erschien Rosa, obwohl gut charakterisiert, oft als würde sie durch einen diffusen Nebel waten. Sie soll den Attentäter finden und verfängt sich von Anfang an in, ich nenne es jetzt mal so, typisch weiblichen Gedankenspiralen über alles und jeden. Für diesen „Job“ fand ich sie gänzlich ungeeignet, nun ja, sie sollte ja auch nur hübsches Beiwerk für den „echten Agenten“ sein.

Die Geschichte ist sehr politisch. Bundeskanzler Adenauer will das Wiedergutmachungsgesetz durchsetzen und nicht nur die Deutschen, die sich selber als Opfer (!) sehen, sind dagegen. Auf der Bühlerhöhe treten so viele Protagonisten auf, die aus verschiedensten Gründen so handeln wie sie handeln. Ein Marokkaner der von einer Bediensteten wieder erkannt wird. Dazu erfuhr ich durch das Buch, dass Marokkaner im zweiten Weltkrieg als Alliierte für Frankreich kämpften, auch im Elsass, was mir neu war. Auch die damit verbunden Kriegsverbrechen wie Vergewaltigungen und Plünderung kann man zum Beispiel auf wikipedia nachlesen. Juden, die, wie höhnisch erwähnt wird, in Deutschland ihr Wiedergutmachungsgeld wieder ausgeben müssen. Verschiedene Sicherheitsbeauftragte, die den Kanzler beschützen sollen. Der israelische Geheimdienst Mossad in Form von Rosa und ihrem Partner Ari. Der BND wird erwähnt. Die vielen Angestellten des Hotel Bühlerhöhe und des Hotel Hundseck. Alle sind vor Ort. Der/die eine um ein Attentat zu planen, die anderen um es zu verhindern. Aber wer ist wer und wer und verbirgt was warum? Und mitten drin Rosa, die nicht so recht weiß, wie ihr geschieht.

Für mich war es irgendwie nicht so ganz vorstellbar, wie Israeliten/Palästinenser dieses Wiedergutmachungsgesetz mit der Begründung, es sei „Blutgeld“ ablehnten. Israel brauchte das Geld für den Wiederaufbau. Dass es so unterschiedliche Meinungen selbst unter den Juden gibt, so dass diese Zahlungen durch das Attentat verhindert werden sollte, wunderte mich. Vielleicht ist es eine Frage der Ehre!? Annehmen oder ablehnen? Den Irgun-Aktivisten gelang schließlich deswegen sogar ein Briefbombenanschlag in München. Auch bei den Deutschen gab es verschiedene Meinungen, die einen waren dafür, die anderen dagegen mit der Begründung, dass sie als Deutsche selber Opfer waren. Diese Vorstellungen werden im Buch kurz erwähnt und so erhielt ich zwei interessante Blickwinkel auf diese Problematik.

Eine weitere Protagonisten mischt sich aus eigenen Gründen ein: Sophie Reisacher, eigentlich nur „Reisacher“ genannt, die Empfangsdame der Bühlerhöhe. Sie ist eine verbissene und verkniffene recht unsympathische Person, hat aber eine sehr gute Menschenkenntnis und kommt den verschiedenen Geheimnissen sehr nahe. Sie hat eine gute Beobachtungsgabe und merkt, als Rosa den Scheck unterschreibt, dass sie  mit diesen rauen Händen eigentlich keine Professorengattin sein kann. Dies erweckt erstes Misstrauen in ihr. Insgeheim aber verfolgt sie ihre ganz eigenen Pläne.

Glaser, Brigitte Bühlerhöhe 978-3-471-35126-0 List

Glaser, Brigitte
Bühlerhöhe
978-3-471-35126-0
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Die Handlungen und Spannungen von und zwischen Rosa und Sophie Reisacher machen einen großen Spannungsbogen in dieser Geschichte aus. Ich als Leser wollte zunächst wissen, was genau mit Rosa „los“ ist, sie wirkt oft ängstlich und gedrückt, hat wahrscheinlich das Trauma ihrer Flucht nicht verarbeitet. Da sie in ihrer Kindheit öfter auf der Bühlerhöhe mit ihren Eltern Urlaub machte, kennt sie sich dort aus. Aber vom Gefühl her, würde ich sagen, ist sie eine sehr schlechte Spionin. Zudem eine Spionin wider Willen. Was wird diese Geschichte für sie bereithalten? Selbst als ich im letzten Drittel war, die letzten hundert Seiten lesen musste, hatte ich keine Ahnung und war mehr als einmal versucht, den Schluss zu lesen. Ich konnte es mir aber verkneifen. Sophie Reisacher gibt sich falschen Träumen hin, und ich wartete jedem Moment darauf, dass sie, die so viel Personenkenntnis hat, endlich „aufwacht“ und vor allem, was dann geschieht! Irgendwann erfährt man von ihren „Feuerspielchen-Fantasien“, und ich ahnte, es könnte durch einen Fehler von ihr vielleicht sogar das ganze Hotel abbrennen. Dennoch tat sie mir in einem Teil auch leid, durch eine frühere Heirat mit einem Deutschen wurde sie nach dem Krieg, den die Deutschen verloren, von ihren Eltern verstoßen. Auch in ihrer Heimatstadt im Elsass ist sie verpönt, sie braucht sich als „Deutschliebchen“ nicht mehr blicken zu lassen.

Weitere Protagonisten die unwissentlich in die Geschichte gezogen werden ist zum Beispiel Agnes, ein einfaches Bauernmädchen. Im Buch wird erzählt, was sich die weiblichen Bediensteten alles gefallen lassen mussten. Manches ist heut einfach unvorstellbar, wie das Einstellungsgespräch, als sich Agnes bis auf die Unterwäsche ausziehen musste. Laut einer Kollegin von ihr in der Geschichte, wäre das „gang und gäbe“. Dies würde ich gerne die Autorin fragen, ob das wirklich damals so war? Xavier Pfister, ein Schweizer der mit der Empfangsdame Sophie Reisacher angebandelt hat, ist ein sehr undurchsichtiger Charakter, der etwas verbirgt. Könnte er der Attentäter sein? Oberst Droste taucht öfter auf, er ist der persönliche Sicherheitsberater vom Bundeskanzler. Unglaublicherweise findet Sophie Reisacher heraus, dass es eine Verbindung von Rosa und Oberst Hermann von Droste gibt, von der Rosa allerdings nichts weiß. Aber ich fragte mich, ob der Oberst Droste es wusste, und war mich sicher. Bis auf die letzten hundert Seiten wird dazu aber nichts verraten. Im Buch wird dies immer mal wieder aus jüdischer Sicht allgemein thematisiert, wenn die Deutschen in Kriegszeiten die jüdischen Wohnungen samt Inhalt übernahmen. Rosas Schwester Rachel spielt noch eine kleine Rolle und Agnes Schwester Walburg.

Die Landschaft rund um die Bühlerhöhe wird sehr gut beschrieben, ich konnte mir die Gebäude und auch die Wege zwischen Bühlerhöhe und Hundseck gut vorstellen. Auch nach Baden Baden wird oft gefahren.

Das Buch, die Geschichte ist frei erfunden. Wie im Nachwort berichtet wird, basiert es aber auf einigen historischen Vorkommnissen, zum Beispiel das Kanzler Adenauer wirklich öfter Gast auf der Bühlerhöhe war, oder das es wirklich einen Anschlag gegeben hat, aber nicht auf ihn und nicht dort. Auch das Wiedergutmachungsgesetzt gibt es.

Glaser, Brigitte Bühlerhöhe 978-3-471-35126-0 List

Glaser, Brigitte
Bühlerhöhe
978-3-471-35126-0
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Fazit:

Die Geschichte, die als Krimi deklariert wird, ist auf eine distinguierte und ernste Art unterhaltsam geschrieben. Es gibt gleich mehrere Spannungsbögen und der Wichtigste ist, wer könnte der potenzielle Attentäter sein? Es gibt zudem sehr viele Einzelschicksale, die alle mit dem Kriegserlebnissen zusammen hängen. Die Gefühle von Rosa sind sehr gut geschildert, ich litt in bestimmten Situationen mit ihr, besonders in denen sie sich hilflos und verworren vorkam. Allerdings hätte ich sie mir manchmal mit mehr Elan und Esprit gewünscht, aber das war aufgrund der Vergangenheit nicht gut möglich. Auch das Warten auf ihren Partner in dieser Spionageaffäre machte einen eigenen Spannungsbogen aus. Wann würde er auftauchen? Wie würde er sein? Im Gegensatz dazu ist Sophie Reisacher, die Empfangsdame, eine sehr intrigante Person, die mir zwar nicht sympathisch wurde, aber als Frau auf sich alleine gestellt konnte ich ihre Ambitionen manchmal ein klein wenig nachvollziehen. Agnes das Bauernmädchen wäre wohl selber fast ein Bauernopfer geworden. Also, die Emotionen und Handlungen von allen Beteiligten sind sehr gut herausgearbeitet, ich habe das Buch gerne gelesen.

Der Erzählton ist ruhig, aber absolut stimmig und schnell lesbar. Allerdings ist die Geschichte auf keinen Fall ein rasanter Krimi oder Spionagethriller, wie man vermuten könnte. Zudem braucht es gerade am Anfang ein wenig, um in die Geschichte hineinzufinden, aber dann ist man wirklich in dem besonderen Flair der 50iger Jahre auf der Bühlerhöhe angekommen. Wegen der vielen Protagonisten ist es vorteilhaft, das Buch in „großen Stücken“ zu lesen, ich habe es in zwei Ansätzen geschafft. Die Atmosphäre vor Ort im Schwarzwald und die „Maschinerie“ eines Hotels werden sehr zuverlässig und authentisch beschrieben. Ich könnte mir das Buch auch sehr gut verfilmt vorstellen.

Alles in allem:  In einer ernsten und ruhigen Erzählsprache mit einigen Spannungsbögen wird ein James-Bond-ähnliches“ Spionage- und Beziehungsdrama im Flair der 50iger Jahre im Hotel Bühlerhöhe im Schwarzwald geschildert.

Zum Buch/Verlag: http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/buehlerhoehe-9783471351260.html?cHash=4ff59c9ca82532dfa6054cea947dd1e4

 

 

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