Kristin, Hannah – Die Nachtigall

Kristin, Hannah Die Nachtigall 978-3-352-00885-6 Rüttgen & Loening Verlag

Kristin, Hannah
Die Nachtigall
978-3-352-00885-6
Rüttgen & Loening Verlag

Inhalt:

Zwei Schwestern. Die eine kämpft für die Freiheit. Die andere für die Liebe. Der Weltbestseller – die Nr. 1 aus den USA. Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt? In diesem epischen, kraftvollen und zutiefst berührenden Roman erzählt Kristin Hannah die Geschichte zweier Frauen, die ihr Schicksal auf ganz eigene Weise meistern. (Quelle Aufbau Verlag)

Meine Meinung:

Was soll ich sagen? Das Buch fiel mir natürlich wieder durch sein Cover auf. Mit dem goldenen Vogel (Nachtigall) und dem weißen Hintergrund ist es recht einprägsam. Also, es fiel mir jedenfalls dadurch auf, aber – und jetzt kommt’s, anhand der Inhaltsangabe hatte ich eigentlich keine Lust, das Buch zu lesen, es schaffte es noch nicht mal auf meine Leseliste. Aber als ich es immer öfter in Zeitschriften, Blogs und im Buchhandel sah, konnte ich irgendwann nicht mehr widerstehen – ich musste es lesen um mir meine eigene Meinung zu bilden.

Leider war es dann so, dass mir das erste Drittel der Geschichte überhaupt gar nicht gefallen hat. In diesem Leseabschnitt waren die Charaktere sehr oberflächlich und auch irgendwie arrogant. Vianne und Isabelle kamen mir sehr privilegiert vor, sie waren definitiv nicht arm obwohl sie sich selber nicht als reich bezeichneten. Aber das Haus „Le Jardin“ im Loire-Tal sprach eine andere Sprache: antike Möbel, Teppiche, wertvolle Gemälde und Limoges Porzellan. Zudem hatten sie ein Auto, wo ich denke, dass dies 1939 auch nicht jeder hatte. Die Geschichte ist aus drei Perspektiven geschrieben: Vianne, die ältere Schwester kam mir sehr naiv vor und Isabelle die jüngere Schwester irgendwie zu selbstbewusst und von sich eingenommen. Mit beiden wurde ich nicht warm, obwohl Isabelle schon ein stürmischer und großspuriger Charakter war, etwas, dass man ja meistens in der Literatur sehr mag. Die dritte Perspektive ist die Erinnerung einer Frau aus dem Jahr 1995 in Oregon, ich vermutete von Anfang an, dass es eine der beiden Schwestern war. Der Schreibstil war sehr flüssig, so dass ich gut voran kam, aber die Beschreibung der zwei Schwestern gefiel mir gar nicht. Also im ersten Drittel war ich fast geneigt, mit dem Lesen aufzuhören, weil ich dieses „Naive“ im Wechsel mit diesem „Überheblichen“ nicht mehr „abkonnte“.

Kristin, Hannah Die Nachtigall 978-3-352-00885-6 Rüttgen & Loening Verlag

Kristin, Hannah
Die Nachtigall
978-3-352-00885-6
Rüttgen & Loening Verlag

Es war dann gut, dass ich dennoch weitergelesen habe. Denn die letzten zwei Drittel wurden dann deutlich besser, die Charaktere erhielten ein wenig mehr Tiefe. Stand ich anfangs noch auf der Seite von Vianne, die sich der Situation und den Besatzungsmächten angepasst hat, wandelte sich diese zum Ende des Buches sehr. Die Geschichte macht schleichend begreiflich, wie einer zunächst scheinbar eher „zivilisierten“ Besatzungsmacht die brutale Unterwerfung eines Volkes gelingt. Ich wollte nicht die Nazis erwähnen, weil es in der ganzen Welt auch andere Besatzungsmächte, Kriege und Genozide gibt und gab. Die Menschheit scheint nichts gelernt zu haben. Schon lange ist der Hass der Franzosen aus diesen Zeiten auf die Deutschen bekannt und wirkt manchmal noch bis in die heutige Zeit hinein. Nachdem ich dieses hier gelesen habe, kann ich diesen Hass gut verstehen. Wie soll man verzeihen können? Wir können heute so froh sein, dass eine freundschaftliche Beziehung zu unserem Nachbarland möglich ist. Aber zurück zum Buch. Jede der Schwestern findet einen Weg, mit der Kriegs-Situation umzugehen.

In der Mitte und gegen Ende hin sympathisierte ich sehr mit der Widerstandbewegung, da die deutsche Besatzungsmacht immer brutaler wurde und die Deportation der Juden aus Frankreich in die Wege leitete. Das Schicksal der Juden wurde im Buch durch Viannes Freundin Rachel ins Bewusstsein gerückt. Wie immer mehr Beschränkungen des Alltags die Juden ausgrenzen, wie es immer mehr Repressalien gibt. Ein schreckliches Gefühl,  wenn man als Freundin hilflos daneben stehen muss. Isabelle hat gleichzeitig in Paris ein verstörendes Erlebnis, als die Juden in ihrer Straße aus den Häusern gezerrt und fortgebracht werden. Das Leben der Kinder, besser gesagt das Überleben oder Nicht-Überleben des Holocaust und das Schicksal der jüdischen Kinder ist eindrücklich und herzerweichend beschrieben.

Leider fand ich die Beschreibung der Fluchtrouten für die abgeschossenen Piloten, bzw. die Erlebnisse als sehr dürftig. Am Anfang des Buches gibt es eine Karte davon, und daher hatte ich mich auf einen ausführlicheren Teil eingestellt, der aber nicht erzählt wurde. Bis auf das erste Mal, als Isabelle mit englischen und amerikanischen Piloten über die Pyrenäen  wandert, hört man nur noch dass sie die Route vier Mal im Monat ging. Ich weiß nicht, ob das realistisch ist und machbar war. Sie hat auch eine relativ leichtsinnige Auffassung von ihrer Aufgabe, und ich hätte es gerne ihrem stürmischen Charakter zugeschrieben, aber manchmal fand ich sie einfach nur „überdreht“. Isabelles Vorbild war Edith Cavell, die im ersten Weltkrieg Widerstand leistete und dafür durch Erschießen hingerichtet wurde. (Link zu Edith Cavell:Wiki).

Kristin, Hannah Die Nachtigall 978-3-352-00885-6 Rüttgen & Loening Verlag

Kristin, Hannah
Die Nachtigall
978-3-352-00885-6
Rüttgen & Loening Verlag

 

Das Leben der Landbevölkerung wurde immer schwieriger. Die bedrückende Stimmung, ein sehr kalter Winter und kaum noch Lebensmittel. Die Menschen geschwächt. Die Offiziere quartieren sich in die besten Häuser ein, so auch bei Vianne. Hier wird versucht darzustellen, dass es auch bei den Deutschen zwei Seiten gab, dass manche helfen wollen und menschlich sind, und andere ihre Machtposition voll ausnutzen und wie Monster erscheinen. Es wird das Dilemma geschildert, wie schnell man sich mit dem Feind „arrangieren“ muss/kann. Kann ich Lebensmittel vom Feind annehmen, wenn meine Nachbarschaft hungert? Kann ich Lebensmittel für meine Kinder annehmen, während andere Kinder hungern müssen? Wie kann ich ruhigen Gewissens die „Vorteile“ genießen?

Oder die alltäglichen Zustände, die andere Seite der brutalen Offiziere: Wie kann ich es ertragen, bis auf die Knochen abgemagert, dass ein Offizier die Lebensmittel-Reste bewusst provozierend mit einem hämischen Lächeln im Gesicht an die Hühner verfüttert ohne den hungernden Menschen etwas abzugeben? Wie halte ich sowas aus? Vianne musste dies und noch viel schlimmeres aushalten und dieses war sehr sehr eindrücklich beschrieben.

Es gibt zwei Love-Interest’s in dieser Geschichte. Da wäre zum einen die Liebe von Vianne zu ihrem Mann Antoine und später im Krieg die zart aufkeimende Liebe oder sollte ich besser sagen das eher „Stockholm-artige Syndrom“ zu dem deutschen Offizier Beck, der ihr Haus okkupiert. Die Annäherung der beiden wird ganz zart und subtil beschrieben, beide wollen es gar nicht, es ist eine Liebe in einer Zeit, in der keine Liebe möglich scheint, schon gar nicht zwischen zwei Kriegsparteien. Trotzdem keimt ein wenig Hoffnung auf. Zum anderen die Liebe zwischen Isabelle und dem Widerstandskämpfer Gäeton. Die beiden treffen sich unterwegs, als Isabelle von Paris auf dem Weg zu ihrer Schwester ist. Ganze Flüchtlingsströme ergießen sich durch Frankreich. Schon noch ein paar Stunden ist klar: die beiden lieben sich. Das war für mich nicht nachvollziehbar, so aus heiterem Himmel innerhalb weniger Stunden. Was mich dann „geärgert“ hat, war die Bemerkung auf Seite 84: „Sie beide hatten nun Erfahrung mit dem Krieg und ahnten, was sie erwartete.“ Also ehrlich, sie haben ein Bombardement überlebt, ja, mit vielen Toten etc., aber dann kann ich doch nicht sagen, nach einer Erfahrung, dass sie sich jetzt auskennen! Das ging gar nicht und solche Passagen trüben meinen Lesegenuss sehr. Jedenfalls spielen die Liebesdinge hier nur eine untergeordnete Rolle.

Es gab auch ein paar Ungereimtheiten, wie zum Beispiel als Isabelle sich ein Fahrrad stiehlt und es blau lackieren lässt. Mit diesem wie ich finde auffälligen Vehikel fährt sie zu ihren geheimen Treffpunkten mit den Französischen Widerstandskämpfern. In dunklen Gassen wird das Fahrrad dann vor der Haustür stehen gelassen. Ich finde das doch sehr auffällig. Zu auffällig. Am Schluss finde ich fehlte eine ganze Beschreibung, nämlich wie die Frau, die aus der dritten Perspektive berichtet, nach Oregon kam. Ich meine, ich weiß ja jetzt, wer es ist, will es aber aus Spoiler-Gründen nicht verraten und muss mich daher so umständlich ausdrücken.

Im Buch wurde gegen Ende der Geschichte berichtet, dass Französische Männer zu Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt wurden. Ich kann mich erinnern, dass meine verstorbene Oma erzählte, dass es in unserem Dorf auch solche „Zwangsarbeiter“ gab. Ich hätte sie heute gerne gefragt, wo und wie diese im gelebt haben und behandelt wurden.

Zu guter letzt noch ein kleiner Tipp: Von Anfang wird der Leser auf eine falsche Fährte gelockt. Ich hatte es irgendwann zwischendrin geahnt, als ich mich an die Geschichte von Jodi Picoult „Bis ans Ende der Geschichte“ *hier Rezension* erinnerte, in der es am Schluss ähnlich war. Mehr verrate ich nicht.

Kristin, Hannah Die Nachtigall 978-3-352-00885-6 Rüttgen & Loening Verlag

Kristin, Hannah
Die Nachtigall
978-3-352-00885-6
Rüttgen & Loening Verlag

Fazit:

Die Geschichte lässt sich vom Erzählstil und von der Sprache her leicht und flüssig lesen. Der Spannungsbogen setzt erst im zweiten Drittel ein, aber ab dann konnte ich eigentlich nicht mehr aufhören mit dem Lesen. Dennoch gab es oft Passagen, die mir zu oberflächlich waren, ähnlich wie die beiden Hauptprotagonistinnen. Speziell am Anfang wurde ich mit den Schwestern so gar nicht warm, ja, sie waren mir noch nicht einmal sympathisch. Das änderte sich mit den Ereignissen, als Frankreich von Deutschland eroberte wurde. Jetzt müssen beide Schwestern um ihr Leben und das vieler anderer kämpfen. Jeder Tag ist eine neue Prüfung, und wenn ein Winter schon schlimm war, der nächste Winter wurde noch schlimmer. Dennoch beweist jede der beiden Schwestern auf ihre Art und Weise Mut und Entschlossenheit.

Für mich persönlich hätten die Charaktere noch mehr Tiefe aufzeigen können. Einige Ereignisse passierten zu schnell und wie deplatziert. Die stärksten Beschreibungen für mich in diesem Buch waren der Kampf ums Überleben im Winter, die Nahrungsmittel-Besorgung, die Frauen die allein mit der Besatzungsmacht „zurecht“ kommen müssen und die Repressalien gegen Juden. Auch das moralische Dilemma von Vianne, ob sie mit dem Feind kooperieren soll, wenn das eigene Kind kurz vor dem Verhungern ist.

Alles in allem und trotz der genannten Schwächen ist das Buch „gut“ und ließ mich nachdenklich zurück. Es enthält wesentlich mehr, als die Inhaltsangabe verspricht. Ein Buch, dass ich gerne meinen Freundinnen empfehlen würde.

Zum Buch/Verlag: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-nachtigall.html

 

Advertisements

2 Kommentare zu “Kristin, Hannah – Die Nachtigall

  1. Hallo liebe Tanja! 🙂

    Ich habe „Die Nachtigall“ auch kürzlich erst gelesen und vorhin rezensiert und ich hoffe, es ist für dich okay, dass ich deine Rezension in meiner unter der Überschrift “Weitere Rezensionen zu vorgestelltem Buch” verlinkt habe? Falls nicht, melde dich einfach kurz bei mir und ich lösche dich wieder raus, ja? 😉 Hier der Link: http://janine2610.blogspot.co.at/2017/03/rezension-die-nachtigall-kristin-hannah.html

    Alles Liebe ♥,
    Janine

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s