Jarawan, Pierre – Am Ende bleiben die Zedern

Jarawan, Pierre Am Ende bleiben die Zedern 978-3-8270-1302-6 Berlin Verlag

Jarawan, Pierre
Am Ende bleiben die Zedern
978-3-8270-1302-6
Berlin Verlag

Inhalt:

»Alle Söhne lieben ihre Väter. Aber ich habe meinen verehrt. Weil er mich mitnahm in die Wunderwelten seiner Geschichten.« Samirs Eltern sind kurz vor dessen Geburt aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. Als sein geliebter Vater spurlos verschwindet, ist Samir acht. Jetzt, zwanzig Jahre später, macht er sich auf in das Land der Zedern, um das Rätsel dieses Verschwindens zu lösen. Eine große Familiengeschichte, berührend, überraschend und meisterhaft verwoben mit dem dramatischen Schicksal des Nahen Ostens. Samir ist auf einer Reise, die Gegenwart und Vergangenheit verbinden soll: Er will endlich die Wahrheit über seinen Vater erfahren, der die Familie vor zwanzig Jahren ohne eine Nachricht verlassen hat. Mit einem rätselhaften Dia und den Erinnerungen an die Geschichten seines Vaters im Gepäck macht der junge Mann sich in den Libanon auf, das Geheimnis zu lüften. Seine Suche führt ihn durch ein noch immer gespaltenes Land, und schon bald scheint Samir nicht mehr nur den Spuren des Vaters zu folgen. Vielmehr ist es, als seien die Figuren aus dessen Geschichten real geworden. Sie bringen Samir einer Lösung näher, die seine kühnsten Vorstellungen übersteigt. Vor dem Hintergrund des dramatischen Schicksals des Nahen Ostens erzählt Pierre Jarawan eine phantasievolle, berührende und wendungsreiche Geschichte über die Suche nach den eigenen Wurzeln. (Quelle Berlin Verlag)

Meine Meinung:

Dieses Buch entdeckte ich in einer Stadtbücherei und hatte es eigentlich nur deswegen mitgenommen, weil mir der Titel mit den „Zedern“ vage bekannt vorkam. Kaum dass ich die ersten Seiten gelesen hatte, habe ich aber festgestellt, dass es nicht die Geschichte war, die ich im „Kopf“ hatte zu diesem Titel, ich hatte es schlicht und einfach mit dem Buch von Dorit Rabinyan „Wir sehen uns am Meer“ verwechselt, obwohl sehr große Unterschiede bestehen und es nichts zum verwechseln gab.

Hauptprotagonist dieser Geschichte ist Samir, im ersten Drittel ist er noch ein kleiner Junge. Die Geschichte wird aus seiner kindlichen Perspektive geschildert, zum einem als er zwischen sieben und acht Jahr alt ist. Obwohl der Erzählton die Erfahrungen des jungen Samir sehr präzise und ausführlich wiedergibt, hatte ich am Anfang dennoch meine Probleme, mich in die Geschichte einzufinden. Wenn man aber erst mal im „Fluss“ ist, merkt man, wie intensiv diese Erzählsprache eigentlich ist, wie bezeichnend und beschreibend bis in alle kleine Einzelheiten. Sogar so ausführlich, dass ich mich fragte, wie ein achtjähriger Junge sich das alles hätte merken können!?

Im ersten Drittel wird die Vater-Sohn Beziehung beschrieben. Samir ist in Deutschland geboren, seine Eltern kommen aus dem Libanon. Die Geschichte beginnt im Jahr 1992, als die Familie in eine neue Wohnung zieht. In dieser riesigen Wohnsiedlung gibt es noch viele andere Einwanderer oder Flüchtlinge. Ich würde schon sagen, dass sie in sehr ärmlichen Verhältnissen lebten, aber alle sehr fleißig waren und das Beste aus ihren Leben machten, immer nach vorne schauten und meistens ihre gute Laune behielten. Eine lange Freundschaft verbindet die Familie mit Hakim, dessen Tochter Yasmin und Samir sind beste Freunde sind. Es wird der Alltag geschildert, wie die beiden die Wohnsiedlung als „Spielplatz“ ansahen und sich immer neue Beschäftigungen ausdachten. Wie Kinder nun mal sind. Hakim wird der ruhende Pol dieser Geschichte, der Anker und die tragende Säule die versucht, alle zusammen zu halten.

Samir liebt seinen hilfsbereiten  und immer gut gelaunten Vater fast schon abgöttisch. Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, geduldig und freundlich. Bis er eines Tages während einer Dia-Show in seiner Familie durch ein bestimmtes Foto an etwas erinnert wird, das besser hätte ruhen sollen. Ein Abzeichen in Form einer Feder mit einem roten Kreis scheint dabei eine große Rolle zu spielen, Samirs Vater beginnt sich von da an sehr zu verändern.

Ab diesen Zeitpunkt beginnen die „Zeitsprünge“ im Buch, unerwarteter weise in die Zukunft und zurück zum Anfang, denn das erste Kapitel des Buches spielt im hier und im jetzt. Diese wechselnden Zeitebenen bauen eine subtile Spannung auf, Erzähler bleibt weiterhin Samir. Die Suche nach seinem Vater ist die Suche nach seiner Identität. Während Yasmin sich als Deutsche fühlt, bleibt Samir ein Suchender seiner Identität und verliert durch den Verlust des geliebten Vaters jeglichen Halt in seinem Leben. Die nächsten Jahre wird er sich nur mit dieser Suche, mit diesem Verlust beschäftigen. Er fühlt sich nicht wohl damit, aber er kann nicht anders. Yasmin, seine Kindheitsfreundin, beschreibt es treffend, als sie sich nach Jahren wiedersehen:

Zitat Seite 323: „>Du atmest, Samir< sagte sie bitter, >aber du lebst nicht<.“

Samir beschließt gezwungenermaßen in den Libanon zu reisen, um diesen Teil seines Lebens für sich abschließen zu können. Er ist hin und hergerissen zwischen seiner deutschen und libanesischen Nationalität. In Beirut, im Libanon kommt er sich wie ein Tourist vor, obwohl er fließend arabisch spricht und seine Wurzeln dort liegen. Er besucht als erstes die Zedernwälder, von denen sein Vater schwärmte.

Die Geschichte ist so erzählt, dass ich am Anfang wirklich dachte, das ist eine „echte“ Geschichte, eine Art Autobiografie. Unterhaltsam wird etwas von der Geschichte des Landes Libanon, dem Einfluss der Syrer und der Geographie des Landes vermittelt. Ich muss gestehen, dass ich mit dem „Nahen Osten“ von geschichtlicher und politischer Seite her sehr schwer tue. Zu viele Namen schwirren mir auch nach dem Lesen noch unsortiert im Kopf: Sunniten, Schiiten, syrische Flüchtlinge im Libanon, Hisbollah, Israelis, Libanon, Syrer, Palästinenser, Drusen, Christen, Fatimiden, schiitische Muslime etc.

Auch dieses Buch, das eigentlich einen Einblick gibt, hat mich eigentlich nur noch mehr verwirrt. Interessant waren aber kleinere Details, wie zum Beispiel dass eine Zeder die libanesische Flagge ziert, war mir vorher nicht bewusst gewesen. Oder dass es 18 religiöse Gruppen dort gibt.

Der Guten-Nacht-Geschichte von „Abu Youssef und Amir dem Dromedar“, die Samirs Vater ihm episodenartig erzählte, hatte ich anfangs keine Bedeutung beigemessen und hatte so erwägt, diese einfach nicht zu lesen. Natürlich sollte man alles lesen, und hier kristallisierte sich nach und nach eine weitere Bedeutung heraus, die am Ende für den „zündenden Funken“ der Aufklärung sorgt. Denn jede Person der Youssef-Amir-Geschichte hat praktisch eine bezeichnende Bedeutung im realen Leben von Samirs Vater gehabt. So ist die Echse aus einem ganz bestimmten Grund eine Echse, und das Dromedar mit seinem einem Höcker hat auch eine ganz bestimmte Bewandtnis.

In der zweiten Hälfte taucht dann auch plötzlich und unerwartet ein Tagebuch von Samirs Vater auf. Die Andeutungen darin machen natürlich zusätzlich neugierig.

Der Schluss ist für meinen Geschmack leider etwas zu banal geraten, da wäre auch eine andere Lösung möglich gewesen. Manches habe ich einfach nicht verstanden, ich habe unter „Sonstiges“ einige Fragen dazu aufgeschrieben, die ich mir gestellt habe. Es kann sein, dass ich vielleicht einiges überlesen habe, da sich die Geschichte für mich am Ende etwas zu sehr in die Länge zog und ich so auf den letzten 50 Seiten begann, verschiedene Textstellen zu „überfliegen“.  Da das Ende jedoch auch eine versöhnliche Komponente sowohl für die Geschichte als auch eine Vision für die Bevölkerung des Libanon enthielt, blieb ich dann doch halbwegs zufrieden zurück.

Die letzten Seiten enthalten einen „Abriss des libanesischen Bürgerkrieges bis 1992“ und weitere Literaturhinweise zu diesem Thema. Man ist also gut aufgestellt und nicht allein gelassen mit diesem Thema, wer Zeit und Muße hat, kann sich weiter einarbeiten.

Fazit:

Das Setting der Erinnerungen eines Flüchtlings in einer Wohnsiedlung Deutschlands und im Libanon ist sehr authentisch beschrieben, fast schon auf eine autobiografische Art, die aber nichts mit dem Autor zu tun hat. Die Geschichte hat einen wunderbaren ruhigen und ausführlichen Erzählton, ohne langweilig zu sein. Gerade das Trauma des Hauptprotagonisten Samir wird sehr emotional beschrieben. Die Suche nach dem Vater gestaltet sich nur über Umwege. Durch die Zeitsprünge in seine Kindheit, im Jetzt und in der Zukunft wird ein subtiler Spannungsbogen aufgebaut.

Stimmungsvoll waren für mich die kleinen Einblicke in das alltägliche Leben im Libanon, ich meinte gerade zu, die pulsierende Metropole Beirut sirrend vor mir zu sehen. Die Beschreibung der Landschaft, der Zedernwälder und der Orte bleibt zwar manchmal eher oberflächlich, aber dennoch eindrücklich genug, um das Land zu „spüren“.  Samirs  Kindheit in Deutschland in der Wohnsiedlung erscheint mir fast schon zu geborgen. Berührend, wie Samir mit dem Verlust der Vaterfigur sein ganzes Lebens zu kämpfen hat und wie seine Freundschaft mit Yasmin sich wandelt.

Dennoch ist es mir am Anfang sehr schwer gefallen, ein „Gefühl“ für die Geschichte zu bekommen. Das lag auch daran, dass ich dieses Buch in mehreren Etappen gelesen habe. Ich würde hier auf alle Fälle empfehlen, sich Zeit zu nehmen und weite Strecken an einem Stück zu lesen.

Alles in allem ist die Geschichte durch den detaillierten Erzählton manchmal etwas in die Länge gezogen. Wer ein Faible für andere Kulturen hat, vielleicht auch am Libanon, sei dies als leichte und unterhaltsame Einstiegslektüre durchaus zu empfehlen.

Zum Buch/Verlag: https://www.piper.de/buecher/am-ende-bleiben-die-zedern-isbn-978-3-8270-1302-6

Link zu Infos über die Zeder: https://de.wikipedia.org/wiki/Libanon-Zeder

 

Sonstiges:  ***Vorsicht Spoiler***

Also, wer den Schluss nicht wissen will, sollte hier nicht weiterlesen. Ich möchte Überlegungen zu einigen für mich offenen Fragen beschreiben und werde dafür das ein oder andere verraten müssen.

Am Schluss der Geschichte kommt heraus, warum Amir‘s Vater wieder zurück in den Libanon gegangen ist. Natürlich ist es dem Autor gelungen, den Leser auf eine Finte zu schicken, mit diesem Foto und dem Zeichen der Zeder auf der Uniform. Mir war die andere Erklärung, der einer schicksalhaften Liebe, zu konstruiert, vor allem, da sie in wenigen Sätzen abgehandelt war. Wieso kam es erst nach 10 Jahren zu den geheimnisvollen Anrufen? Ich bin mir nicht sicher, wer der Anrufer war. War es Layla, die verflossene Liebe? Dann der andere Sohn  von Amir‘s Vater im Libanon. Erst nach zehn Jahren entscheidet sich Samirs Vater aufgrund eines Fotos zu seiner Liebe zurück zu kehren. Das kam mir ein bisschen plötzlich, auch wenn es mit einer unheilbaren Krankheit und einem Todesfall erklärt wird. Hätte er seinen Sohn aus dem Libanon nicht nach Deutschland holen können? Und überhaupt, sicherlich hatte das Kind doch auch im Libanon eine Familie und war nicht allein. Ich finde die Entscheidung, eine Familie für eine andere im Stich zu lassen, keine stimmige Erklärung.

War die Figur von Abu Youssef nun Samirs Vater oder nicht?

Es gab mir manchmal zu viele Wendungen und tragische Schicksale. Das Aufeinandertreffen der Brüder war für mich ein Zufall zu viel. Das Tagebuch des Vaters kommt sehr spät in „Spiel“. Der Tod vom Taxifahrer Nabil war unnötig? Durch den Tod von Samirs Mutter soll wohl aufgezeigt werden, wie unterschiedlich mit den Verlusten umgegangen wird. Amir stand seinem Vater näher, Alina ihrer Mutter. Alina überwindet ihr Verlust-Trauma, Samir scheinbar nie. Dramatisch der Tod von Yasmin‘s Mutter.

Das Ereignis im Hotel, als um sich geschossen wurde, war mir auch nicht so ganz einleuchtend. Hatte Samirs Vater vergessen, den Keller aufzuschließen? Weil er verliebt war? Wenn er der einzige war, der den Schlüssel hatte, warum haben die anderen nichts gesagt? Also, der Konstrukt mit dem Schlüssel und dem zugeschlossenen Kellerraum hat sich mir nicht erschlossen.

Die große Liebe seines Vaters zu Layla, ein Christ liebt eine Muslima, die Erklärung, dass dies in der damaligen Zeit „tödlich“ war, dass diese Liebe nie eine Chance gehabt hätte, wird im Buch politisch sehr deutlich. Zivilehen sind nicht möglich, man darf nur innerhalb seiner Religionsgruppe heiraten. Aus diesem Grund geht er mit einer anderen Frau, Samirs Mutter, nach Deutschland.

 

 

 

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