Ng, Celeste – Was ich euch nicht erzählte

Ng, Celeste Was ich euch nicht erzählte 978-3-423-28075-4 Dtv

Ng, Celeste
Was ich euch nicht erzählte
978-3-423-28075-4
Dtv

Inhalt:

„Lydia ist tot.“ Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord? Die Lieblingstochter von James und Marilyn Leewar ein ruhiges, strebsames und intelligentes Mädchen. Für den älteren Bruder Nathan steht fest, dass der gutaussehende Jack an Lydias Tod Schuld hat. Marilyn, die ehrgeizige Mutter, geht manisch auf Spurensuche. James, Sohn chinesischer Einwanderer, bricht vor Trauer um die Tochter das Herz. Allein die  stille Hannah ahnt etwas von den Problemen der großen Schwester. Was bedeutet es, sein Leben in die Hand zu nehmen? Welche Kraft hat all das Ungesagte, das Menschen oft in einem privaten Abgrund gefangen hält? Nur der Leser erfährt am Ende, was sich in jener Nacht wirklich ereignet hat. (Quelle dtv)

Meine Meinung:

Bei diesem Roman fiel am Anfang alles auf: Der Name der Autorin, das Cover und der Titel. Was würde mich als Leser erwarten? Ich wurde neugierig auf diese Amerikanisch-Chinesische Familie. Eigentlich hatte ich es aber nicht sooo eilig damit, aber als dieses Buch dann auf dem Glühwein-Bücher-Abend *Link zum Bücherabend* vor einer Woche vorgestellt wurde, wollte ich es unbedingt lesen. Wie praktisch, dass ich es schon in meinem SUB liegen hatte. Meine Bücherei es zudem als Neuzugang aufgenommen , einsortiert unter „Thriller“. Es ist aber definitiv keiner. Es gibt keine Thriller-typischen Momente und keine Gruseleffekte. Der Erzählton dieser Geschichte ist bemerkenswert, irgendwie einfach und dennoch wunderbar, denn bereits die erste Seite sog mich in ihren Bann. Ich las das Buch in zwei Etappen. Die Autorin beschreibt die Familie in all ihren feinen Nuancen, und zwar so, dass ich immer weiter lesen wollte.

Spannend wird die Familiendynamik beschrieben und obwohl das Finale vorneweg genommen wird, treibt mich die authentische Darstellung aller Protagonisten dieser Familie auf berührenste Weise weiter. Das Erbe der Herkunft wird von den Eltern auf die Kinder weitergegeben. Jeder in dieser Familie hat ein „Päckchen“ zu tragen. Die Geschichte spielt ungefähr in den Jahren 1952 – 1977.

Zitat Seite 31: „Wie hatte alles angefangen? … Weil ihre Mutter sich sehnlichst gewünscht hatte, aus der Menge herauszuragen und weil ihr Vater sich sehnlichst gewünscht hatte, eine Teil der Menge zu sein. Beides war nicht möglich gewesen.“

James und Lydia treffen sich in der Zeit der Rassentrennung, Mischehen sind verboten, sie heiraten trotzdem. Sie isolieren sich unbewusst von der Nachbarschaft und tun alles, um nicht aufzufallen.

James ist der einzige Chinese in der amerikanischen Stadt, zu einer Zeit, wo manche Menschen noch nie einen „echten“ Chinesen gesehen haben. Er ist amerikanischer als die Amerikaner selber, er will dazugehören, nichts wünscht er sich sehnlicher, als in der Menge unterzugehen und mal nicht aufzufallen. Für seine Herkunft, seine einfachen Eltern schämte er sich. Dennoch schaffte er es, durch Fleiß und vielleicht schon Überanpassung an der Universität einen Job zu ergattern, ausgerechnet amerikanische Geschichte zu lehren. Dennoch wird er immer der „Chinese“ bleiben. Jeder von uns hat wohl im kleinen oder großen Rahmen erlebt, wie es ist, ausgegrenzt zu sein und zu einer bestimmten Gruppe dazugehören zu wollen.

Marilyn, James Frau ist Amerikanerin und sehr modern für ihre Zeit, sie will keine Hausfrau sein wie ihre Mutter. Sie studiert Physik und will Ärztin werden. Sie hat Bestnoten, setzt sich gegen die Männerwelt durch. Damals, wo jeder beim Wort Doktor nur an einen Mann dachte. Sie ist wie James, mit viel Fleiß schafft sie es beinahe, als sie schwanger wird. Sie und James gründen eine Familie, und viele Jahre ist der Traum, Ärztin zu werden, verschüttet. In einer kurzen Episode gestattet sie sich, diesen Traum wieder auszuleben, wird aber von der dritten Schwangerschaft aufgehalten. Sie weiß, ihr Lebenstraum ist ausgeträumt, sie wird nie wieder eine Chance bekommen. Ab nun versucht sie ihren Traum zwanghaft auf die mittlere Tochter zu übertragen.

Nath und Lydia, die Kinder waren, als ihre Mutter für ein paar Wochen verschwand. Lydia, die sich schwor, alles zu tun, was ihre Mutter wollte, wenn sie nur zurückkäme. Kinder, die dieses Trauma nie verwinden werden. Hannah war noch nicht geboren, und als sie da war, begriff sie schnell, dass die Liebe ihrer Mutter ganz und gar Lydia gehörte, die unter dieser Last zu zerbrechen schien.

Nath, der Sohn, findet kaum Beachtung in der Familie. Er wird oft von Schulkameraden als „Schlitzauge“ betitelt, sein Vater hört es und kann ihm nicht helfen, so gelähmt fühlt er sich.

Lydia, die unter den Erwartungen ihrer Eltern zu zerbrechen droht, unter der vermeintlichen Liebe erstickt. Die lange nicht weiß, ab wann alles „schief“ gelaufen war.

Hannah, die in der Familie kaum existent ist, aber mehr „sieht“, als alle anderen. Die wie Harry Potter in eine Abstellkammer, nur auf dem Speicher, ihr „Zimmer“ hat.

Und ganz nebenbei ist da natürlich noch Jack, der Bad Boy Nachbarsjunge. Am Schluss offenbart sich eine Überraschung, entdeckt als erstes von der sensiblen Hannah in einer Szene, die mich atemlos machte, unendlich auf zweierlei Weise berührte.

Zitat Seite 205: „Niemand bemerkte es. … Aber Hannah brannte sich dieser Augenblick blitzhell ein. Jahre der Sehnsucht hatten sie empfindsam werden lassen, so wie ein hungriger Hund bei der geringsten Spur von Futter mit der Schnauze zuckt. Sie erkannte es sofort: Liebe, einseitige Bewunderung die abprallte und nicht erwidert wurde; behutsame, stille Liebe die sich nicht beirren lies und trotzdem weiterging. Das Gefühl war ihr zu vertraut, um sie zu überraschen. …“

Es gibt viele Situationen in dieser Familie, die mir beim Lesen weh taten. Diese feinen psychologischen Nuancen sind erschreckend authentisch dargestellt. Zum Beispiel die Szene, als Marilyn die Tagebücher von Lydia findet, zehn Stück, für jedes vergangene Jahr eines. Die Mutter schöpft Hoffnung, endlich ihre Tochter zu verstehen, sie will die Tagebücher lesen und stellt fest – alle sind leer! Lydia hatte nichts hineingeschrieben. Gerade diese Szene empfand ich als sehr bedeutsam, als Umschreibung für die vermeintlich gute Beziehung zwischen Mutter und Tochter.

Die Szene, als Nath beleidigt wird, und James wie gelähmt neben ihm steht. Dieser Druck, der auf Lydia lastet. Die kleine Hannah, die sich fast unsichtbar macht. Szenen einer „zerstörten“ Familie.

Von dem unbewussten Verhalten, seinen Kindern all das zu wünschen was man selber nicht hatte oder sich selber gewünscht hätte, ist denke ich, kein Elternteil befreit. Daher lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Entscheidungen in der Familie immer wieder zu überprüfen. Wer will eigentlich was? Wie viel von meinen Wünschen „zwinge“ ich unbewusst meinen Kindern auf? Geht das nicht schon mit Schulnoten los? Wer will nicht, dass sei Kind zu den besten gehört? Und kenne ich mein Kind wirklich? Die Geschichte ist ein extremer Fall, kann aber dennoch exemplarisch sein.

Ng, Celeste Was ich euch nicht erzählte 978-3-423-28075-4 Dtv

Ng, Celeste
Was ich euch nicht erzählte
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Fazit:

Eigentlich passiert nicht viel in dieser Geschichte. Und dieses „wenige“ ist doch so fesselnd erzählt, dass der spannende Erzählton mich die Geschichte in zwei Etappen durchlesen ließ. Ich musste einfach immer weiterlesen. Sie handelt überwiegend von den Interaktionen einer amerikanisch-chinesischen Familie, von den „Traumata“ die von den Eltern auf die Kinder übertragen werden, generationenübergreifend. Die Kinder „erben“ die Probleme der Eltern. Die Problematik, dass Eltern für ihre Kinder das Beste wollen, dass es ihnen anders ergehen soll und dass man ihnen viel ersparen will, kann jeder Leser in diesem Buch gut erkennen. Auch das Thema „Anders sein“ und „nicht aufzufallen“ wird durch James und Nath fast schon unerträglich emotional in Szene gesetzt. Chinesen und andere Nationalitäten hatten es zur Zeit der Rassentrennung in Amerika nicht leicht, auch davon spürt der Leser einen Hauch beim Lesen. Die Geschichte regt zudem an, seine eigene Haltung und seine eigene Familie zu reflektieren.

Alles in allen: Die Geschichte ist spannend und ruhig zugleich, die Familiendynamik generationsübergreifend aufs zerbrechlichste beschrieben. Am Ende bleibt ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Link zum Buch/Verlag: https://www.dtv.de/buch/celeste-ng-was-ich-euch-nicht-erzaehlte-28075/

 

Exkurs:

Am Anfang wurde erwähnt, dass James amerikanische Geschichte unterrichtete. Dort fällt auch das Wort „Guadalcanal“. Manchmal fügt sich eins ins andere, und nachdem ich vor kurzem „Schmale Pfade“ von Alice Grennway *hier Rezension* gelesen habe, weiß ich auch, worum es sich bei „Guadalcanal“ handelt. Zudem gibt es in Schmale Pfade einen Beinamputierten Protagonisten, und auch hier wiederum habe ich erst letzte Woche ein Buch gelesen, dass ebenfalls von einem kriegsversehrten Helden handelt: „Anatomie eines Soldaten“, *hier Rezension*.  Beider Bücher sollte man gelesen haben, auch wenn es um Amerikaner und um amerikanische Geschichte geht.

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Ein Kommentar zu “Ng, Celeste – Was ich euch nicht erzählte

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