Greenway, Alice – Schmale Pfade

Greenway, Alice Schmale Pfade 978-3-86648-232-6 Mare Verlag

Greenway, Alice
Schmale Pfade
978-3-86648-232-6
Mare Verlag

Inhalt:

Der alte Jim Kennoway hat seine Frau verloren und mit ihr den Willen zu leben, nun wohnt er zurückgezogen auf einer Insel vor der Küste Maines. Der einst anerkannte Ornithologe hat inzwischen nur noch drei Dinge im Sinn: trinken, rauchen und vergessen. Doch mitten im Sommer taucht ein ungewöhnliches Mädchen bei ihm auf. Cadillac Baketi, eine junge Salomonerin, hoch aufgeschossen, schlau und erfrischend unverblümt, ist die Tochter von Tosca – gemeinsam mit ihm als Inselscout hatte Jim 1943 während des Pazifikkriegs japanische Schiffe ausgespäht. Jetzt, dreißig Jahre später, schickt ihm Tosca seine Tochter, denn sie soll sich an das Leben in Amerika gewöhnen, bevor sie im Herbst ihr Medizinstudium in Yale beginnt. Jim ist bedient, er kann keinen Besuch gebrauchen – und schon gar keinen, der Erinnerungen an  den Krieg, seine Jugend und seine große Liebe heraufbeschwört. Möglicherweise aber ist Cadillac genau die Richtige, um ihm dabei zu helfen, seinen Frieden mit einem düsteren Kapitel einer Vergangenheit zu machen.

In einer an Bildern reichen, intensiven Sprache erzählt Alice Greenway die Geschichte eines Mannes, den das Schicksal im Lauf seines Lebens immer aufs Neue herausgefordert hat. Die sommerliche Küstenlandschaft Maines und die Wildheit des Südpazifiks bilden die Kulisse für diesen bewegenden Roman, in dem Erinnerungen an eine dunkle Vergangenheit auf irritierend schöne Weise eingebettet sind in Beschreibungen einer Natur, die ein Versprechen von Glück und Verheißung in sich trägt – und weder Gewalt noch Krieg duldet.

Meine Meinung:

Entgegen meiner sonstigen Lesegewohnheiten musste ich das Buch aus Zeitgründen in mehreren Etappen lesen. Dann brauche ich oft länger, um in die Geschichte „reinzukommen“. So war es auch hier.

Hauptprotagonist ist der bärbeißige Jim. Seit seinen traumatischen Kriegserfahrungen in der Schlacht um den Guadalcanal (Südsee) ist er Alkoholiker, lebt brummend im Delirium vor sich hin. Er erinnert sich an seine Kindheit in einer Oberschicht-Familie, der Großvater hat ihn tyrannisiert, die Eltern wenig beachtet und sein Begabung im naturwissenschaftlichen wurde für Spinnerei gehalten. Mehr auf Umwegen wird er zum Ornithologen, ohne jemals studiert zu haben. Nach dem Krieg arbeitet er in einem Museum und katalogisiert alle Vogelarten, bevor er sich wie ein Eigenbrötler auf eine Insel an der Küste Maines zurückzieht. Er will einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Nebenbei bemerkt, es ist bereits das dritte Buch ist, dass ich innerhalb kurzer Zeit lese, dass an der Küste Maines spielt.

Jedenfalls wird sein dröger Alltag im Wahn unterbrochen, als ihm ein ehemaliger Freund aus der Südsee seine Tochter namens Cadillac schickt. Jims unterdrückte Erinnerungen kommen zurück.

Dieser Freund nennt sich Tosca. Anfangs dachte ich, es wäre eine Frau. Es war aber Jims Kamerad, ein Freund, als er im Krieg allein auf einer Insel als Beobachtungsposten festsaß und still und heimlich seine Vogelforschungen betrieb.

Cadillac, die Tochter von Tosca, bleibt im dezent Hintergrund, obwohl immer präsent. Tosca und Cadillac stammen von der Inselgruppe der Salomonen. Cadillac hat eine Art Stipendium erhalten, will nun Medizin studieren und darf in die Schwimmmannschaft an der Universität in Yale. Manchmal erinnert sie sich an ihre Kindheit und lässt den Leser daran teilhaben. Sie hat sich ganz leise in mein Herz geschlichen.

Jims geliebte Frau Helen wird erst im letzten Drittel erwähnt.

Zudem kamen zwischendurch noch zwei andere Protagonisten, die im Museum arbeiten, zu Wort: Laina, die in Jim verliebt war und Michael, der Jim seinen Erfolg neidet. Michael war für mich irgendwie ein überflüssiger Mitspieler, der auch nur kurze Auftritte hatte.

Mir war lange nicht so ganz klar, was eigentlich die Handlung sein sollte: War es die Läuterung eines Alkoholikers? Waren es die Erinnerungen eines Vogelforschers? Kriegstraumata? Zudem waren anfangs die verschiedenen Zeitebenen von 1942+43 (Krieg) und 1973 (Gegenwart) manchmal etwas verwirrend, aber das kann auch daran gelegen haben, dass ich aus Zeitgründen wie oben erwähnt zwischen dem Lesen so viele Pausen machen musste. Jedenfalls überlegte ich schon, auf was das Ganze hinauslaufen sollte. Klar, ich hatte irgendwie die Hoffnung, dass Jim sich ändern würde, aber das wäre zu einfach gewesen, zu klischeehaft. Und hätte zudem nicht zu ihm gepasst.

Bei den Kriegserlebnissen war ich überrascht, wie hilfreich es sein kann, Vogelstimmen in einer unbekannten Umgebung zu kennen. Wer sich auskannte, wie Jim, konnte so bestimmte Geräusche den Vögel zuordnen, und wusste, es gab keine Gefahr von den Feinden, in diesem Fall von den Japanern. Mehr dazu auf Seite 106 im Buch. Ich hätte hierzu gerne ein Zitat verwendet, es wäre jedoch zu lang geworden.

Der Schreibstil war flüssig, aber durch die vielen unbekannten Vogelnamen nicht ganz so einfach. Zudem hat es gedauert, bis ich dahinter kam, dass manche Aussagen wie ich vermutete irgendwie „vernuschelt“ wiedergegeben wurden, zum Beispiel auf Seite 32 „Merika Soldia“ soll wohl American Soldier heißen, „…nambawan man“ wohl Nummer-Eins-Mann, „tumas“ meint too much. Ein paar Seiten weiter wird „kranki“ für krank genommen. Also, das war schon verwirrend, denn manches konnte ich auch nicht „übersetzen“. Wie ich nach Recherchen im Internet feststellte, handelt es sich dabei um das sogenannte Pidgin, eine einfache Behelfssprache, stark vereinfacht.

Obwohl es sehr ruhig geschrieben ist, spürt der Leser im letzten Drittel umso mehr, dass man auf ein bestimmtes Ziel hinläuft. Was dann tatsächlich passierte und passiert ist, hat mich sehr überrascht. Ich dachte sofort an die Berichte über „schaurige Kriegstrophäen“  und „Schändung von Kriegstoten“ aus dem Irak, die damals durch alle Medien liefen. Die ganze Kriegs-Situation, der Druck und die Belastung auf die Soldaten machen solche Handlungen erst möglich. Für Unbeteiligte völlig unverständlich. Dennoch gelingt es der Autorin, einen kleinen Ansatz über das Zustandekommen, eine mögliche psychologische Motivation dieser Grausamkeiten aufzuzeigen.

Zitat Seite 299: „Das Bedürfnis, sich seiner eigenen Kraft zu versichern, indem man den Feind entmenschlicht.“

Kein Verständnis, aber eine mögliche Antwort auf das „Warum“. Außerdem werden moralische Fragen aufgeworfen: Ab wann kann es sich das Militär leisten, Regeln einzuhalten? Braucht das Militär blutrünstige Soldaten an der Front? Und wieder der Gegensatz dazu: der Brauch der „Kopfjagd“ auf den Salomonen-Inseln. Im Buch wird zudem kurz das Massaker von Nanking erwähnt. „Platt“ gesagt, nach dem Krieg war nichts mehr wie vorher.

Der Schluss, traurig und dank Cadillacs magischen Glaubens auch tröstlich.

 

Greenway, Alice Schmale Pfade 978-3-86648-232-6 Mare Verlag

Greenway, Alice
Schmale Pfade
978-3-86648-232-6
Mare Verlag

Fazit:

Ich wollte schreiben, ein Buch das nicht so einfach zu lesen und zu verstehen ist. Aber das trifft es nicht ganz. Für mich ließ es sich schon flüssig lesen, wenn ich auch an manchen exotischen Vogelnamen hängenblieb. Dennoch gab es Stolperfallen, Dinge, über die ich nachdenken musste. Dinge über die ich nicht einfach so „weglesen“ wollte. Der Erzählton ist sehr ruhig und behäbig, selbst über grausame Kriegserlebnisse. Im Gegensatz dazu das Setting an der Küste Maines und auf den Salomonen-Inseln: so wunderbar maritim beschrieben, dass ich das Bootshaus von Jim augenblicklich vor Augen hatte, die Insel im Guadalcanal auf er stationiert war oder auch Cadillacs Kindheit am Meer. Es gibt Verweise und Verbindungen zu Stevensons „Schatzinsel“, vor allem Jim identifiziert sich später mit Long John Silver. All dies ist in einem ruhigen Spannungsbogen verwoben.

Die Geschichte ist gegensätzlich: idyllische Plätze wechseln mit Kriegsschauplätzen ab, ein Ornithologe ist zugleich Soldat und tötet Menschen. Liebe und Hass. Ruhe und Panik. Ich konnte am Anfang nicht absehen, wohin mich diese Geschichte führen würde, und war entsprechend überrascht. Selbst der englische Titel „Bird Skinner“ hat, wie man am Schluss erfährt, leicht abgewandelt seine Berechtigung, ebenso als ich an die Stelle kam, ab der ich mir dann den deutschen Titel, die „schmalen Pfade“ erklären konnte.

Alles in allem war die Thematik und die von der Autorin hergestellte Verbindung zwischen einem Ornithologen und der Schlacht um den Guadalcanal auf besondere Weise nachhaltig. Denn die Geschichte hat mich noch eine Zeitlang nach dem Lesen „begleitet“ und überhaupt stellenweise nachdenklich gemacht. Ich sollte jedoch vorwarnen, dass sich die Geschichte nicht jedem erschließen wird.

Ich finde sie auf alle Fälle lesenswert.

Zum Buch/Verlag: http://www.mare.de/index.php?article_id=4315

 

Links:

Stern Bericht über „Schaurige Kriegstrophäen bei Soldaten entdeckt“: http://www.stern.de/panorama/gesellschaft/abgeschnittene-koerperteile-schaurige-kriegstrophaeen-bei-us-soldaten-entdeckt-3886864.html

Pidgin Sprach: https://de.wikipedia.org/wiki/Pidgin-Sprachen

Massaker von Nanking: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nanking

Kopfjagd auf den Salomonen: https://de.wikipedia.org/wiki/New-Georgia-Archipel

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Ein Kommentar zu “Greenway, Alice – Schmale Pfade

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