Parker, Harry – Anatomie eines Soldaten

parker-harry-anatomie-eines-soldaten-3-wz Inhalt:

In diesem spektakulären Bestseller werden die Gegenstände des Krieges zu den Erzählern: Turnschuhe, Soldatenstiefel, ein Helm, ein paar Dollar, eine Drohne, ein Fahrrad, ein militärischer Orden, ein Glas Bier, eine Schneeflocke, medizinisches Gerät und eine Landmine. (Quelle Benevento)

Meine Meinung:

Das Buch ist in kleine übersichtliche Kapitel aufgeteilt. In jedem Kapitel spielt ein bestimmter Gegenstand eine Rolle, und das besondere ist,  dass dieser Gegenstand über die Ereignisse berichtet. Dies ist gewöhnungsbedürftig und ich brauchte 3-4 Kapitel, bis ich mich eingelesen hatte. Da die Kapitel eher klein sind, dauerte dies nur 20-30 Seiten. Als ich vor ein paar Wochen durch einen Newsletter auf dieses Buch aufmerksam wurde, war genau diese ungewöhnliche Perspektive der Gegenstände der Grund, der das Buch für mich interessant machte.

Wie gesagt, ich musste mich kurz einlesen und dann entfaltete sich das Buch mit aller Macht. Zunächst die grausamen Schilderungen der Verletzungen durch eine Landmiene. Eigentlich wollte ich hier eine bestimmte Stelle zitieren, dachte mir aber, wozu die schon voyeuristische Erwartung bedienen? Nein. Denn es gibt viel emotionalere Szenen, die berühren und in Erinnerung bleiben.

Faszinierend ist die Erzählperspektive. Wie der einer Aderpresse, eines Tubus (zur Intubation) oder eines Jochpilzes. Unglaublich. Eindrücklich. Hier ein Zitat von einem Tubus:

Zitat Seite 41: „Sie rechneten nicht damit, aber deine Augen blinzelten und deine Zunge begann, sich gegen mich zu stemmen, während du an meinem Schlauch würgest. Du wolltest mich hinaustreiben und hattest Angst zu ertrinken. Die Krankenschwestern eilten herbei als dein Herz in jäher Panik raste und die Geräte oben Alarm schlugen.“

Im Militär-Krankenhaus wird sehr eindrücklich der Kampf ums Überleben geschildert. Mir kam dann anhand der enormen Verletzungen die moralisch-verwerfliche Frage in den Sinn, ob der Soldat BA 5799, wenn er die Wahl gehabt hätte, nicht lieber gestorben wäre? Eine Frage, die auch ein „Freund“ dem Protagonisten später stellt, und eine Frage, die viel Wut hervorruft. Am Ende des Buches, als der Protagonist es geschafft hat, sich mit viel Disziplin ins Leben zurück zu kämpfen, ist es keine Frage mehr. Jetzt könnte man natürlich meinen, der Verletzte ist trotz der Amputation noch glimpflich davon gekommen. Ein Mensch erträgt sein Schicksal, ein anderer nicht. Dazu fällt mir das Buch „Schmale Pfade“ von Alice Greenway ein. Auch hier hadert ein Kriegsverletzter.

Die Eltern werden von der Verwundung, WIA (woundet in action), informiert und ich litt vor allem mit der Mutter. Dieses Entsetzen, wenn der Sohn schwer verletzt und mehr tot als lebendig aus dem Krieg heimkommt. Die Amputation der Beine wird grausam und eindrücklich, aber die Sache an sich weitgehend „sachlich“ beschrieben. Die Gewalt und Kraftanstrengung die dafür von Nöten ist, erschreckte mich sehr. Ich bin nicht empfindlich, aber Kapitel 13 war „hart“ zu lesen. Kurz danach die pragmatische Einschätzung des Soldaten BA 5799 über seinen Zustand: Füße sind nicht wichtig, überleben ist wichtig (S. 131). Die anrührende Sehnsucht im Krankenhaus, im Delirium zwischen Wachen, Schlafen und Schmerzen:

Zitat Seite 80: „Du hast erwidert, dass sie Schlaf brauche und sie versprach früh am Morgen wieder zu kommen, ehe man dich abholen würde. Deine Schmerzen ließen dich klingen, als ob du dich über sie aufregen würdest. Aber das tatst du nicht. Und kaum war sie fort, wünschtest du, sie nicht weggeschickt zu haben, dass sie wiederkäme und bei dir bliebe. Du fühltest dich einsam, und die auf dem Flur auf und ab gehenden Schatten schienen fern. Du sahst her zu mir. Ich lag auf dem Tisch mit meinem Draht, der in die Wand führte.“

Kapitel 9 hätte ich hier am liebsten komplett zitiert, aber das wäre dann zu lang geworden.

Später dann die lange Zeit der Rehabilitation. Dieses unangenehme Gefühl, das Soldat BA 5799 hat, wenn er Besuch bekommt, quälende stille Momente, wenn er seine Schwäche und Verletzlichkeit nicht zeigen will. Dieses unerträgliche Gefühl ist meisterhaft in Worte umgesetzt.

Der Weg zurück ins reale Leben, raus aus der Klinik, raus aus der Reha. Der Umgang mit der Behinderung, die Prothesen erzählen über die schmerzhafte Zeit der Anpassung.

So nach und nach „erscheinen“ oder „schleichen“ sich dann auch andere wichtige Protagonisten in die Geschichte ein, wie zum Beispiel die Eltern des Soldaten, im Kriegsgebiet Gotteskrieger oder die Freunde Latif und Faridun. Sie alle treffen unwissentlich aufeinander.

Parker, Harry Anatomie eines Soldaten 978-3-7109-0002-0 Benevento

Parker, Harry
Anatomie eines Soldaten
978-3-7109-0002-0
Benevento

Überhaupt ist diese Geschichte in mehreren Ebenen und aus mehreren Perspektiven geschrieben. Die grandiose Perspektive aus der Sicht der Gegenstände und Dinge. Der Leser erhält einen sehr eindrücklichen Einblick in das Leben und Überleben des Soldaten. Dann die Ebene einmal als Feind in einem Land, als schwer verletzter Soldat und auf der anderen Seite die Aufrührer der Bevölkerung. Dann die gegensätzlichen Seiten im Kriegsgebiet, die Aufrührer und die Bevölkerung, nicht alle finden gut, was da still und heimlich gemacht wird. Schilderungen, wie ein junger Mann in die Fänge einer Gruppe gerät, spürt, dass es nicht der richtige Weg ist, aber zerrissen zwischen Familie und dem Gehorsam des Anführers. Er kann nicht mehr zurück.

Dann die Ebenen, wenn verschiedene Gegenstände die über die Vorgänge berichten, zusammen kommen. Das ist schon genial. Es ist wie eine Art „und morgen grüßt das Murmeltier“, die Geschichte wird wiederholt, aber ganz anders, halt eben aus einer anderen Perspektive. Daraus entwickelt sich dann ein Gesamtbild, ich erhielt immer neue Informationen, und auch erst nach und nach und ganz nebenbei wird dem Leser der Name des Soldaten BA 5799 mitgeteilt, nämlich Tom. Ansonsten wird er einfach Soldat BA 5799 genannt. Man gewöhnt sich daran.

Parker, Harry Anatomie eines Soldaten 978-3-7109-0002-0 Benevento

Parker, Harry
Anatomie eines Soldaten
978-3-7109-0002-0
Benevento

Fazit:

Die ungewöhnliche Erzählperspektive verschiedener Gegenstände lässt unglaublicherweise einen großen Spannungsbogen entstehen. Am Anfang eines jeden Kapitels rätselte ich immer, welcher Gegenstand denn jetzt erzählte. Manchmal dauerte es länger, bis es mir klar wurde. Auf diese Weise berührte mich die eigentlich sachlich anzunehmend wirkende Geschichte emotional sehr und entwickelte einen Sog, so dass ich sie am liebsten in einem Rutsch durchgelesen hätte. Ich bin nicht empfindlich, aber manche Beschreibungen über Verletzungen waren sehr „heftig“ beschrieben. Eine sehr eindrückliche Geschichte über einen Kriegseinsatz und seine Folgen, an die ich noch Tage später dachte. Noch authentischer dadurch, dass der Autor dieses Debut-Romans selber wie im Buch beschrieben ,in Afghanistan verwundet wurde.

Alles in allem finde ich das Buch grandios, berührend und preisverdächtig.

Link zum Verlag: http://www.beneventobooks.com/

Link zu einem Bericht im Telegraph mit Fotos:  http://www.telegraph.co.uk/men/health/harry-parker-losing-my-legs-in-afghanistan-was-like-losing-a-lov/

 

 

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3 Kommentare zu “Parker, Harry – Anatomie eines Soldaten

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