Picoult, Jodie – Bis ans Ende der Geschichte

Picoult, Jodie Bis ans Ende der Geschichte 978-3-570-10217-6 C. Bertelsmann

Picoult, Jodie
Bis ans Ende der Geschichte
978-3-570-10217-6
C. Bertelsmann

Inhalt:

Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um  einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade?

Meine Meinung:

Mein erstes Buch von Jodie Picoult war „In den Augen der anderen“. Ich war fasziniert vom Thema „Asperger“ und dem Erzählton der Autorin. Aus diesem Grund halte ich jetzt immer ein Auge auf ihre Bücher und habe dadurch „Bis ans Ende der Geschichte“ gelesen.

Die Inhaltsangabe ließ mich vage vermuten, worauf diese Geschichte hinauslaufen würde, und ich war wirklich am überlegen, ob ich das Buch lesen soll oder nicht. Und jetzt kann ich jedem nur das Lesen dieser Geschichte empfehlen.

Hauptprotagonistin ist zunächst Sage, sie stammt aus einer jüdischen Familie, übt den Glauben aber nicht aus. Eine Narbe zieht durch ihr Gesicht und ihre Seele, und der Leser möchte nur allzu gerne und am liebsten auch gleich wissen: „Was ist passiert? Wie entstand diese Narbe?“. Sage arbeitet als Bäckerin, das klingt jetzt profan, aber jeder, der diese Beschreibungen ihrer Tätigkeit liest, wird in einem duftenden und kulinarischen Zauber gefangen. Backen als Meditation.

Ein großes Thema ist die Vergangenheit von Josef Weber, einem Deutschen. Eine Ahnung beschleicht den Leser, wohldosiert. Ist sein richtiger Name wirklich Josef Weber? Hat er wirklich das getan, was er behauptet getan zu haben? Ich war hin und hergerissen und habe meine geheime Hoffnung bis zum Schluss nicht aufgegeben.

Sage Großmutter Minka wird ebenfalls eine große Rolle in dieser Geschichte spielen. Der Leser wird viel von ihr erfahren, aber zunächst will Minka nicht an ihre Vergangenheit erinnert werden und es wird lange dauern, ehe sie ihrer Enkelin darüber erzählen wird. Taschentücher bereit legen!

Zwischendurch schleicht sich Leo in die Geschichte, der als Menschenrechtsanwalt für die Regierung arbeitet. Er war für mich ein Ruhepol in dieser bewegenden Geschichte. Es gehen viele Telefonate und Recherchen hin und her, bevor Leo Sage besuchen kommt, nachdem sie ein Verbrechen angezeigt hat. Hier entwickelt sich auch ein kleiner Love-Interest.

Eine weitere Erzählperspektive ist die Geschichte von Ania, die so gar nicht zu dem restlichen Buch passen will. Zwischenzeitlich habe ich vermutet, dass Sage‘s Großmutter Ania ist, aber dem war nicht so. Und so rätselte ich, wer ist sie und in welchen Bezug stehen diese Vorkommnisse zum Hauptthema des Buches? Ich möchte schon mal vorwarnen: Die Geschichte von Ania wird einigen Lesern suspekt vorkommen, vor allem da phantastische Elemente enthalten sind. Diese sollten jedoch nicht vom Lesen abhalten, vor allem, da es ja auch nur relativ kurze Zusammenschnitte sind.

Der Schluss ist überraschend, obwohl man es kommen sah und lässt viele weitere Fragen entstehen.

Fazit:

Ein wunderbares Buch das von den Schrecken der NS-Zeit erzählt. Man könnte meinen, man hat schon genug Literatur gelesen, die sich mit diesem Thema befasst, aber das hier kann ich wirklich empfehlen.  Es ist natürlich auf eine „leichte“ Weise erzählt, dennoch ist der Schrecken der Konzentrationslager zeitlos. Es muss immer Bücher geben, die an diese Taten erinnern, es darf nichts vergessen werden. Und dafür ist auch so eine fiktive und leichte Geschichte bestens geeignet. Anschlussliteratur ist genügend vorhanden und etliche Bücher werden im Nachwort erwähnt: z.B. Elie Wiesel „Die Nacht“; Simon Wiesenthal „Die Sonnenblume“ etc.

Es wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Viele kommen zu Wort: Sage, die nicht praktizierende Jüdin, Josef mit seiner deutschen Vergangenheit, Großmutter Minka mit ihrer jüdischen Vergangenheit, Leo der einfach nur hier und jetzt da ist, und von Ania, die dem Leser bis zum Schluss ein Rätsel aufgeben wird. Zwischendurch gibt es zum aufatmen Wohfühlmomente, wenn Sage mit allen ihren Sinnen Spezialitäten bäckt. Die Erzählungen von Minka und Josef berührten mich sehr und ich konnte das Buch nicht weglegen, ehe ich alles gelesen hatte.

Sehr empfehlenswert.

Lieblingsbuch.

 

Ausführlicher Inhalt:

*** Vorsicht Spoiler***

 

Sage:

Sage stammt aus einer jüdischen Familie. Ihre Schwestern heißen Pepper (Pfeffer) und Saffron (Safran). Sage’s Name bedeutet Salbei.

Sage ist Bäckerin. Nicht nur einfach Bäckerin, die Liebe zu den Zutaten und dem Endprodukt  zieht sich durch alle Rezepte (z.B. Brioche, jüdischer Mohnkuchen etc.). Sie hat viele Listen zu den Vor- und Gärzeiten eines Teiges. Backen ist ihre Leidenschaft.  Dennoch hat sie eine Vergangenheit, die sie noch nicht verarbeitet hat. Eine sichtbare Narbe zieht sich durch ihr Gesicht und durch ihre Seele, ihr Selbstbewusstsein leidet sehr darunter. Hilfe und Halt gibt ihr eine Selbsthilfe Gruppe. Ziemlich schnell erfährt der Leser, dass ihre Mutter an Krebs gestorben ist.

Ebenso unterschwellig belastend ist das Verhältnis zwischen Sage und einem verheirateten Mann, einem Bestatter. So richtig zufrieden ist sie in dieser Beziehung nicht, sie kann sich aber auch nicht lösen.

Sage liebt ihre Großmutter Minka, die in dieser Geschichte noch eine große Rolle spielen wird. Sage weiß, dass ihre Großmutter, die aus Polen stammt, das KZ überlebt hat. Sie hat sich aber noch nicht wirklich Gedanken darum gemacht, was das wirklich bedeutet.

Josef:

Es wird versucht, nachzuvollziehen, wie aus einem normalen Jungen ein SS-Soldat werden konnte. Es wird beschrieben, wie randalierend durch die Straßen von Paderborn gezogen und jüdisches Eigentum zerstört wurde. Das war für mich als Leser schwer zu ertragen. Josef wird zum Untersturmführer ernannt. Es sollte noch schlimmer werden, noch unerträglicher. Josef wird der Totenkopfstandarte zugeteilt, hier fällt alle Menschlichkeit ab. Auch wenn versucht wird, dieses tumbe Ermorden, diese Emotionslosigkeit, die seelischen Folgeerscheinungen zu erklären, ich konnte dieses unmenschliche nicht nachvollziehen. Es lässt sich grauenvoll lesen. Es waren grauenvolle Taten.

So in der Mitte des Buches bemerkte ich einen Umschwung, der aber sehr geschickt und leise aufmerksamen Lesern angekündigt wurde. Es betrifft die Beziehung zwischen Josef, der, wie man inzwischen vermutet, Reiner Hartmann hieß, und seinen Bruder Franz.

Letztendlich wird sein wahres Geheimnis auf den letzten fünf Seiten des Buches gelöst.

Leo:
Leo hat eine vorgegebene Arbeitsweise. Alles muss belegt, alles muss bis ins Detail bewiesen werden. Mich hat vor allem geschockt, dass es auch hier bei diesen ernsten Themen „Trittbrettfahrer“ gibt.

Ania:

Eine Geschichte in der Geschichte, dennoch mit Parallelen zur Handlung und mit sehr vielen Interpretationsmöglichkeiten. Eine Geschichte, um das schreckliche zu verarbeiten.

Großmutter Minka:

In der Gegenwart erscheint sie als blasser Charakter, aber als sie ihre Geschichte erzählt, das geht unter die Haut. Taschentücher bereit legen! Sehr eindrücklich wird von ihrer Zeit als Jüdin, ihrer Kindheit, den Repressalien, der Zeit im Ghetto, und der Zeit im Konzentrationslager erzählt.

 

Ein klein wenig hat mich das Buch auch an einzelne Textpassagen aus Tanja Kinkels „Schlaf der Vernunft“ erinnert, in der erwähnt wird, dass Nazi-Verbrecher nach Kriegsende hohe Ämter innehatten und nicht strafverfolgt wurden. Am Ende des Buches gibt es eine Literatur-Liste.

Der Schluss:

Es entstehen viele neue Fragen und ich war dennoch geschockt, was Sage letztendlich getan hat. Aber so wie ich es sehe, wird Josefs Lüge in ihrem Leben weitergehen. Sie wird das Finale Ende nicht Leo gestehen, denn:

Zitat Seite 554: Was soll ich ihm sagen? Diesem Mann, der womöglich das Beste ist, was mir je begegnet ist, und der in seinen engen Grenzen von richtig und falsch, von Gerechtigkeit und Betrug lebt?  … „Und hast du was gefunden?“ …. Ich sehe Leo an und schüttele den Kopf.  

Advertisements

3 Kommentare zu “Picoult, Jodie – Bis ans Ende der Geschichte

  1. Pingback: Meine „Besten Bücher aus 2016“ | buecherfuellhorn

  2. Pingback: Kristin, Hannah – Die Nachtigall | buecherfuellhorn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s