Jakait, Janice – Tosende Stille (Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst)

Jakait, Janice -Tosende Stille

Jakait, Janice Tosende Stille Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst 978-3-442-15894-2 Goldmann

Inhalt:

Eine Frau. Ein Boot. Ein Ozean. Ganz allein in einem Ruderboot  den Atlantik überqueren, den Elementen ausgesetzt sein, die eigenen Grenzen testen – das ist der große Traum, den Janice Jakait sich im November 2011 endlich erfüllt. Allein und mit purer Muskelkraft schafft sie, was keiner Deutschen vor ihr jemals gelang. 90 Tage, 6.500 Kilometer und eine Million Ruderschläge trennen sie am Anfang ihrer Reise noch von ihrem Ziel. Begleitet von Walen, Delfinen und Vögeln erlebt sie faszinierende Naturschauspiele. Vor allem aber findet Janice in der Weite des Ozeans zu einer nie gekannten inneren Ruhe. Ein absolut einzigartiges Abenteuer. (Quelle Random House/Goldmann)

Meine Meinung:

Ich lese gerne über Abenteuer, Reisen, Erlebnis-Berichte und Erfahrungen, oder auch einfach, wenn Menschen etwas Besonderes machen, Erlebnisse die auf wahren Begebenheiten beruhen. So habe ich schon Silvia Furtwängler’s „Nordwärts“ (*hier zur Rezi*) gerne gelesen und auch Nicolas Vanier „Das Schneekind“ (Rezi folgt). In meinem Blog habe ich diese Bücher zum einen unter der Rubrik „Abenteuer/Reisen“ zusammengefasst, aber auch unter  „Erfahrungen“ wie James Rebanks „Mein Leben als Schäfer“, (*zur Rezi* ). Deswegen brauchte ich eigentlich nur einen Blick auf dieses Buch zu werfen, um zu erkennen, „das will ich sofort lesen“.

Zunächst aber war ich so neugierig, dass ich mir die Fotos in der Mitte des Buches angeschaut habe. Dann die Karte und die Route auf den Innenseiten, die mich schon ganz ehrfürchtig werden ließ. So ganz allein nur mit einem Ruderboot mitten im Ozean …

Ich begann zügig und gespannt mit dem Lesen. Frau Jakait hat tatsächlich, wie auf der Rückseite des Buches genannt, einen „poetischen und sprachgewaltigen“ Erzählton. Dem stimme ich voll zu.

Hier ein Zitat von Seite 207: „Selbst die Regentropfen, die Nachts hier auf das Boot herabfallen, erzählen schon mehr als jedwede Kombination aus Buchstaben jedweden Alphabets, die diesen Regen beschreiben soll.“

Das ist tiefgründig, das gefällt mir. Die Zeilen lassen sich nicht einfach „runter lesen“, sondern ich brauchte schon etwas Konzentration, um diese mentalen Aussagen zur Gänze zur erfassen und die Schönheit der Sprache zu genießen. Manche maritimen Fremdwörter überlas ich einfach, wer neugieriger ist, kann im Glossar am Schluss des Buches nachschauen.

Tatsächlich gelang es mir mich so einzulesen, dass ich fühlte, ich bin irgendwie mit dabei, mit auf dem Boot. Die Reise beginnt sehr gut ausgestattet, jeder Handgriff tausendmal geübt. Das Ruderboot unsinkbar. Ein Fallschirm-Anker, der bei Bedarf unter dem Boot angebracht werden kann, lässt mich staunen. Unsicherheit am ersten Tag, Zittern, zurückblicken ans sichere Ufer. Die ersten Tage seekrank und nach zehn Tagen die ersten Salzwassergeschwüre. Medikamente alles dabei.

Zitat S. 15: „Wer so etwas wagt, Janice, der muss irgendwo hinter sich abbrechen und abspringen.“

Dennoch war gleich am Anfang die vier Tage dauerende Odyssee wie in einem halluzinogenen Nebel, eine Art Kontrollverlust, ausgelöst durch in Aufregung falsch dosierte Medikamente, bildreich beschrieben, allerdings erschien mir diese Erfahrung allzu sehr in die Länge gezogen, diese Fantasien haben mich eigentlich weniger interessiert. Gott-sei-Dank gingen sie ohne großen Schaden vorüber, denn ausgerechnet während dieser Panikattacken musste zeitgleich die „vierspurige Autobahn der Containerschiffe“ im sogenannten Verkehrstrennungsgebiet vor der Straße von Gibraltar durchquert werden.

Im Buch „störten“ mich die Träume, Gedanken und wirre Fantasien, denen viel Platz eingeräumt wurde.

Ein Zitat auf Seite 198 beschreibt das Buch sehr treffend: „Die Gedanken rauschen wie Handkreissägen durch mein Bewusstsein. Aber sonst passiert hier ja auch nichts an Bord.“

Über viele Seiten hinweg zieht sich das Innenleben der Autorin, seitenweise wie verselbstständigte Gedanken. Vieles hatte „Hand und Fuß“, vieles war aber auch einfach für mich überflüssig. Ich begann irgendwann in der Mitte darüber hinweg zu lesen. Es langweilte mich, ehrlich-gesagter-weise. Ich wollte mehr über das Bordleben wissen. Ich meine, klar, soviel gab es ja nicht, aber irgendwie fand ich, fehlten mir Informationen dazu. Wie war das, wenn Sturm war? Mir reichten die beschriebenen Szenen einfach nicht aus. Hatte sie keine Angst in den meterhohen Wellen? Im Dunklen? Gerade diese Momente mussten sich doch wie Ewigkeiten angefühlt haben. Wie war das mit den Schmerzen, mit den Salzwassergeschwüren? Sie taten weh. Mehr erfahre ich nicht. 8000kcal am Tag? Warum war sie seekrank? Im Interview mit SWR1 (hier Link) erzählt sie, dass jeder auf so einem Boot seekrank werden würde. Dieses Interview ergänzt das Buch übrigens ganz wunderbar. Unbedingt anhören! *hier* Einzelne Aussagen, über die ich mir im Buch mehr Informationen gewünscht hätte, werden hier näher beschrieben. Der Moderator stellte ziemlich genau die Fragen, die ich mir auch gestellt habe.

Ich habe das Buch in mehreren Etappen gelesen. Dadurch ging es mir tagelang nicht mehr aus dem Kopf. Allein auf dem Ozean in einem Ruderboot! Was für eine Leistung, dachte ich. Das muss man aushalten können. Die Gedanken kamen dann mir auch nach einem langen Arbeitstag wieder. Es war spät. Es war schon dunkel. Ich fuhr nach Hause. Ich dachte, wenn ich jetzt kurz anhalte, und das Licht von meinem Auto ausmache, dann ist es stockdunkel mitten im (n)irgendwo. Ich allein. Ich fuhr jedenfalls weiter und ab und zu blitzen die Lichter von Dörfern oder Gehöften auf, ähnlich den Containerschiffen auf dem Ozean. Dieses Gefühl ist wahrscheinlich galaktisch weit entfernt von dem Gefühl das man hat, wenn man wirklich mitten allein auf dem Meer im Dunklen ist. Und genau dazu hätte ich mir liebend gerne ein paar mehr bewegende Beschreibungen gewünscht. Ich kam mit den, wie es mir schien, oft Halluzinations-ähnlichen Schilderungen, nicht so ganz zurecht.

Am Schluss hätte ich mir auch noch gewünscht, ein wenig über die Zeit nach dieser Reise zu lesen. Wie war das, das erste Mal an Land? Kann man da stehen oder kippt man um, weil man den „Wellengang noch intus“ hat? Wie war die erste Nacht in einem richtigen Bett? Wie vergingen die ersten Tage auf Barbados? Wie die ersten Tage in Deutschland? Wie fühlt man sich nach wochenlanger Einsamkeit wieder unter Menschen zu sein?

Jakait, Janice Tosende Stille Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst 978-3-442-15894-2 Goldmann

Jakait, Janice
Tosende Stille
Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst
978-3-442-15894-2
Goldmann

Fazit:

Das Buch möchte ich von zwei Seiten betrachten. Zum einen hat die Autorin und Abenteurerin einen wunderschönen Erzählton, der mich sofort vor Ort zu ihr aufs Ruderboot mitten in den Atlantik katapultierte. Sehr bildreich, sehr bunt. Zum anderen genügte mir dies nicht im Zusammenhang mit so einer Reise. Das Buch lässt mich eigentlich etwas unzufrieden zurück. Überwiegend handelt es von den Träumen, philosophischen Gedanken und wirren Fantasien die sie unterwegs überfielen. Dies langweilte mich etwas, ich muss es leider hier so hinschreiben, auch wenn es mich von Erzählton her „schön“ langweilte. Ich hätte gerne mehr über die Strapazen gelesen, die sie erduldet hat. Mir ist schon klar, dass nicht allzu viel passiert auf so einem Ruderboot. Man könnte sagen, das meiste spielte sich in Ihrem Innenleben ab, ich hätte aber lieber mehr von den äußeren Umständen gelesen.

Dennoch finde ich die Idee, das Motto dieser Reise „Row for silence“ absolut megastark. So auf den Unterwasserlärm in den Ozeanen aufmerksam zu machen. Klasse. Es gibt eine Stelle im Buch, wo sie eine „Unterwasserlärm-Erfahrung“ macht. Das prägt. Nicht reden, sondern etwas tun. Die Autorin hat mit der Organisation „Ocean‘s Care“ zusammen gearbeitet, für dessen Newsletter ich mich spontan angemeldet habe.

Dieser Gesamteindruck des Buches, das inhaltlich überwiegend von den Beschreibungen der Gedanken/Fantasien etc. handelte, milderte sich etwas ab, als ich mir den 5-Minuten Film auf Youtube über die wichtigsten Sequenzen (*hier* ) angeschaut habe. Der Film ist mit der Musik richtig bewegend! Unbedingt anschauen! Oder das Interview mit SWR1 (*hier*) und auch auf ihrer Homepage die Dokumentation über die Vorbereitungen (*hier*).

Alles in allem: Buch und Internet-Sequenzen ergeben ein starkes und berührendes Gesamtbild. Janice Jakait vermittelt ein ruhiges und sympathisches Bild. Das Buch alleine wäre mir nicht ausreichend genug gewesen, dennoch würde mir nur vom Buch aber immerhin die Idee,  die dahintersteckt, im Kopf hängen bleiben. Und alleine dafür schon hat es sich zu lesen gelohnt.

 

Es gibt im Buch zwei interessante Literaturhinweise:

Tori Murden McClure: “I found my heart in the middle of the ocean“  (Schade, das Buch ist noch nicht auf Deutsch übersetzt!)

John Fairfax: „Oars across the pacific”  (Schade, auch wieder nur auf Englisch).

Ich würde mich über Tipps zu deutschsprachige Literatur zu diesem Thema oder generell zu Abenteuer-Reisen/Extreme Reisen freuen. Hinterlasst euren Tipp einfach im Kommentar.

Link zum Buch/Verlag: https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Tosende-Stille/Janice-Jakait/Goldmann-TB/e493077.rhd

 

 

Weitere Links

Link zur Seite von Janice Jakait „Row for silence“: *hier*

Einen interessanten Link übers Ozean-Rudern fand ich hier, wirklich sehr lesenswert: http://simon-adventures.com/was-ist-ozeanrudern-kurze-einfuehrung/

Ocean-Care, eine Meeres-Schutz-Organisation: http://oceancare.org/de/startseite/

Unbedingt anschauen, ein 5-Minuten Film über die wichtigsten Sequenzen: https://www.youtube.com/watch?v=7Ur7SGWvbMo )

Mitten im Ozean, Bifröst im Wellengang: https://www.youtube.com/watch?v=G4hnxIkE30s

Das Boot, erklärt von Janice Jakait: https://www.youtube.com/watch?v=TyEG458KspQ

Interview mit SWR1 hier: https://www.youtube.com/watch?v=JlJqPw_ALmY )

OM: https://www.youtube.com/watch?v=KEctm2HvDZs

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4 Kommentare zu “Jakait, Janice – Tosende Stille (Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst)

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