Volks, Sybil – Wintergäste (Band 1)

Volks, Sybil Wintergäste Band 1 978-3-423-26080-0 Dtv premium

Volks, Sybil
Wintergäste
Band 1
978-3-423-26080-0
Dtv premium

Inhalt:

»All das Kommen und Gehen in unserer Familie begann mit einem angekündigten Tod und einem unangekündigten Sturm. Mond und Flut, Schnee und Sturm, Brüder und Schwestern, Geliebte und ungeborene Kinder trafen ohne Vorwarnung aufeinander. Über Nacht verwandelte sich unser Haus in eine Insel im Eismeer und unsere Sippe in eine Gemeinschaft Schiffbrüchiger.«

Die Nachricht von Inge Boysens Tod war ein Fehlalarm. Doch da haben sich Kinder und Kindeskinder bereits in dem kleinen Haus hinter dem Deich versammelt. Kurz vor dem Jahreswechsel schneidet ein Schneesturm Haus Tide und seine Bewohner von der Außenwelt ab. Während draußen die Welt vereist, kochen im Innern alte Feindseligkeiten und neue Sehnsüchte hoch.

Drei Generationen in einem eingeschneiten Inselhaus – in wenigen Tagen entfaltet sich zwischen ihnen das Leben in seiner ganzen Tragik, Komik und Magie.

Meine Meinung:

Dieses Buch las ich vor ein paar Monaten aufgrund einer Empfehlung des Glühwein-Bücher-Abends im letzten Jahr von der Stadtbücherei Simmern im November 2015. Mit der Rezension wollte ich allerdings warten, da dieses Buch besser in die Wintermonate passt oder auch zum verschenken für Weihnachten.

Das Buch beginnt mit einer Erklärung: Was sind überhaupt Wintergäste?

Ebenfalls praktisch – das Personenregister „Die Mitspieler“, da ich gerade am Anfang Probleme hatte, alle Namen und Familienkonstellationen zu behalten. Man sollte sich schon ein wenig konzentrieren, die Personen sind allerdings so angelegt, dass ich mir sie bildlich vorstellen konnte und daher auch während des Lesens nicht nachschauen musste. Dazu sollte man unbedingt Zeit mitbringen und einen großen Teil an einem Stück lesen, bevor man eine Pause macht. Ich finde das einfacher, als immer nachzublättern, wer war jetzt die Frau von wem, wer Bruder, Schwester oder Kinder.

Ein Familien-Roman. Das Setting ist ein traditionsreiches altes Haus auf einer Hallig in der Nordsee. Das hörte sich vielversprechend an und hat sich auch leicht lesen gelassen. Alle denkbaren familiären Entwicklungen in einer ansonsten normalen Familie werden aufgezeigt. Vordergründig könnten alle der vier Geschwister glücklich sein, aber wie sieht es hinter der Fassade aus? Davon handelt diese umfangreiche Geschichte. Drei Geschwister finden sich aufgrund eines Missverständnisses kurz vor Sylvester auf der Hallig ein. Der vierte im Bunde, ein Bruder, ist auf See unterwegs.

Eine große Rolle spielt das Setting in dem markanten Haus auf der Hallig. Ich schreibe jetzt hier ein paar gesammelte Worte dazu auf, anhand dessen sich jeder selber einen Eindruck verschaffen kann: urig, Fensterläden, Türbogen von 1775, Reetdach, Stall, alter Rosenstock, Garten, Alkoven, alte Wandfliesen, Gebälk, Spitzbogen, Balken vom Mast eines geplünderten Schiffes, Bilegger, Schrankwände,

Zur Sprache kam auch das Brauchtum der Raunächte zwischen den Jahren. Vielleicht werden sich einige Leser selber daran erinnern können oder wissen es noch aus Erzählungen, oder praktizieren es immer noch. So war z.B. Wäschewaschen in dieser Zeit „verboten“. Diesen Aberglauben gibt es auch heute noch.

Während des Buches werden viele Lieder „gehört“, Songs, die einige kennen werden. Sie werden auch „angesungen“ und viele Refrains sind sicherlich bekannt. Am Schluss des Buches gibt es eine sogenannte Playlist, hier kann man die Interpreten und den Titel nachlesen.

Der Hauptteil der Geschichte liegt auf den Menschen, den Familien und deren eigene Dynamik. Es gibt immer unterschwellige Stimmungen, die in dieser Geschichte alle raus gekitzelt werden. Dies geschieht sehr ausführlich und war für mich mit Längen verbunden, auch wenn es schön geschrieben war.

Im Klappentext gibt es ein Kurzporträt der Autorin. Unter anderem wurde ihr historischer Kurzkrimi in Berlin „Cafe Größenwahn“ erwähnt. Zudem gibt es noch einen Berlin-Roman namens „Torstraße 1“. Eigentlich würde mich der Krimi interessieren, aber ich könnte mich jetzt spontan nicht sofort zum Lesen entscheiden und das liegt vor allem daran, dass mich „Wintergäste“ nicht so richtig überzeugt hat.

Die Entwicklung der Protagonisten in der zweiten Hälfte des Buches ging mir in eine leicht unglaubwürdige Richtung. Nach meinem Fazit werde ich ausführlicher auf den Inhalt eingehen.

Fazit:

Das Buch lässt sich vom Grunde her schnell lesen und hat auch einen schönen Erzählton. Allerdings sollte man am Anfang darauf achten, sich die vielen Familienmitglieder bildlich vorzustellen, da es sonst verwirrend werden kann. Um das zu vermeiden lohnt es sich, ein großes Stück auf einen Schlag zu lesen. Mir gefiel das Setting auf der Hallig und auch in dem wunderbaren alten Haus. Auch immer wieder schön, wenn die gesamte Familie zusammenkommt, jedenfalls, wenn ich die Position des Lesers und Beobachters habe. Von den vier Hauptprotagonisten hat so jeder seine Probleme, die nicht nach außen getragen werden. Ich denke, die Handlungen um Tod, Erbe, Verzicht, Geheimnisse und Moral mit den dazugehörigen Personen sind schon sehr nahe an der Realität aufgebaut. Das hat mir gerade in der ersten Hälfte gut gefallen.

In der zweiten Hälfte wird dies jedoch anders. Der Erzählton bleibt, es deutet sich auch an, dass Geheimnisse gelüftet werden könnten, aber insgesamt wurde mir die Geschichte zu langatmig, selbst wenn es “schön geschrieben“ war. Die Hauptpersonen ergaben sich in Handlungen, die ich nicht nachvollziehen konnte, verschiedene Konstellationen wurden für mich einfach unglaubwürdig. Man könnte sagen, die Familie blieb im zweiten Teil auf der Strecke.

Alles in allem, ein vordergründig schöner, aber auch ausführlicher Familienroman mit allem was dazu gehört und wie man es sich so vorstellt. Dennoch konnte mich der Erzählton und die Handlungen am Schluss nicht vollends überzeugen, die Geschichte wurde für mich in der zweiten Hälfte und besonders am Schluss beliebig und belanglos und ließ mich mehr oder weniger gleichgültig zurück. Am Schluss war ich einfach „ermüdet“, und ich fand es schade, dass es außer dem Haus selber und der Hallig nichts gab, an dem ich mich gerne „festhalten“ oder erinnern würde.

Ich könnte mir aber dennoch vorstellen, dass Leser, die gerne Familienromane lesen, Gefallen daran finden werden.

Gehadert habe ich auch mit den vielen offenen Enden am Schluss. Wie ich erst jetzt gesehen habe, geht die Geschichte im nächsten Roman weiter, dass zumindest erklärt das offene Ende. Ich denke nicht, dass ich diesem Band lesen werde.

 

Ausführlicher Inhalt

***Vorsicht Spoiler***

Vorsicht – es wird viel verraten !!

Inge:

80 jährige, tot geglaubte Mutter, das Haus auf der Hallig ist seit Jahrhunderten in Familienbesitz, kommt ein wenig spitzbübig rüber,

4 Kinder: Gesa, Enno, Berit und Boy

Zitat Seite 17: „Wenn auch viele ihrer Tage sich glichen, so wehte doch täglich ein andere Wind“.

 

Gesa:

46 Jahre, Frauenärztin mit Praxis, verheiratet, 2 Kinder (Kaija + Marten), verliebt in italienischen Liebhaber, hochschwanger vom Liebhaber, weiß nicht für wen sie sich entscheiden soll, Ehemann oder Liebhaber?

 

Matteo:

Geliebter von Gesa, jünger, Italiener, Randfigur – erscheint nur am Anfang,

 

Jochen

Gesas Ehemann, macht täglich Karate, arbeitet im Jugendgefängnis,

 

Berit:

Tochter von Inge, Schwester von Gesa, Enna und Boy; Gelegenheitsjobs mit Schreibaufträgen für Beerdigungen und ähnliches, Doktor der Philosophie und Linguistik, lesbisch, Veganerin

 

Enno:

50 Jahre, Inges Sohn, Bruder von Boy, Berit und Gesa, verheiratet mit Kerrin; ist eine der Hauptpersonen dieser Geschichte, arbeitet seit Jahr und Tag in einer Reederei auf der Insel, träumt davon mal aus dem Alltag auszubrechen; verpasst mehrere Arztermine, denkt er hat einen Tumor und lebt nicht mehr lange, Tochter Inka und Sohn Karsten (in Amerika, Auslandsaufenthalt), trauert seiner Jugendliebe nach,

 

Kerrin:

Ennos Ehefrau, Hebamme, hat mehrere Geheimnisse vor Enno, z.B. dass sie seiner Geliebten alles Geld gab, damit sie verschwand und dann mittellos in ihre Ehe kam, mangelndes Selbstwertgefühl, seit ein paar Wochen getrennte Schlafzimmer,

 

Inka:

17-jährige Tochter von Enno und Kerrin, Enkelin von Inge; Auslandsaufenthalt in Sankt Petersburg, verliebt sich dort in ein Mädchen, ist in der Gothic-Szene, ein Bruder (Karsten),

 

Jede Familie hat ihre Geheimnisse, Sorgen und Nöte. Aber alles bleibt hinter der Fassade, nur Inge scheint sie alle zu durchschauen. Jochen will endgültig wissen, woran er ist. Verlässt Gesa ihn? Hat ihre Ehe noch eine Chance? Andersherum: was will Gesa? Jochen oder Matteo? Enno ist schon seit langem alles zu viel, der ganze Alltagstrott und seine unerfüllten Sehnsüchte nach der weiten Welt und einer alten Liebe lassen ihn innerlich nicht zur Ruhe kommen. Ihn plagen schlimme Kopfschmerzen, Augentrübungen und er erwartet jeden Moment den Bescheid vom Arzt, dass er einen Tumor hat. Inka trauert ihrer Freundin in Sankt Petersburg nach. Berit macht sich Sorgen um ihre Arbeit und ihre Wohnung.

Boy ist immer präsent im Haus, auch wenn er körperlich nicht anwesend ist. Er lebt weiterhin sein ruheloses Leben in der weiten Welt, heute hier, morgen da … Die vermeintliche Nachricht vom Tode seiner Mutter macht ihn betroffen, aber er fragt sich, wieso er noch nach Hause soll, bis zur Beerdigung wird er es doch nicht schaffen.

Alle sind nach der vermeintlichen Todesnachricht im Haus von Enno und Kerrin. Und so nach und nach, wie bei einer Zwiebel, wird Schale um Schale abgelegt und die tatsächlichen Gefühle und ehrliche Gedanken kommen an die Oberfläche.

Enno gesteht sich seine Rivalität mit seinem Bruder Boy ein. Er ist eifersüchtig auf ihn, da er einfach beschlossen hat, auf See zu fahren, das Recht, dass eigentlich ihm als ältesten Bruder zugestanden hätte, denn seine Eltern (auch Inge) erlaubten nur einem Kind zur See zu gehen. Enno macht sich zudem Gedanken, was mit dem Haus passieren wird. Es gehört seiner Mutter, und er und Kerrin dürfen mietfrei wohnen, was aber nicht von den Verpflichtungen befreit und das Haus verschlingt jedes Jahr Unsummen an Unterhaltskosten. Später im Buch erfährt man, dass das Haus auf ca. 2 Millionen Euro geschätzt wird. Enno würde das Haus gerne behalten, kann aber seine Geschwister nicht ausbezahlen. Wären seine Geschwister bereit, auf ihren Erbanteil zu verzichten? Das ist die große Frage und nach ganz viel Gedanken-Karussel in seinem Kopf fragt er, und alles wird seltsamerweise davon abhängig gemacht, was Boy sagt, wenn er zurück kommt. Auch ansonsten müssen Berit und Gesa es sich überlegen, können jetzt keine Entscheidung treffen. Das Geld können natürlich beide gut gebrauchen, davon mal ganz abgesehen.

Jochen ist ebenfalls hin und her gerissen, beschließt aber, nach Hamburg zurück zu kehren. Er hat einen wichtigen Termin, er arbeitet in einem Jugendgefängnis und hat hoch und heilig versprochen, an der Seite eines bestimmten Jungen zu sein, wenn dieser seine Verhandlung hat. Er hat es versprochen. Wenn er geht, wird er ohne Gesa gehen. Und als es soweit ist, ist der Schneesturm und alle sitzen auf der Insel fest. Jochen will in ein Hotel/Pension, aber Inge hat ihre Beziehungen spielen lassen, hofft sie doch darauf, dass er und Gesa wieder zusammen kommen, und alle Hotels/Pensionen sind seltsamerweise ausgebucht. Jochen muss im Haus bleiben.

Inge überlegt hin und her, wem sie das Haus vererben soll.

Inka streicht ihr Zimmer mit Farbe pechschwarz. Für sie ist klar, hier bleibt sie nicht, sie will so schnell wie möglich zurück nach Sankt Petersburg. Durch Zufall findet sie handschriftliche Notizen von Boy.

Berit beschließt plötzlich, einen Roman zu schreiben.

Irgendwie hängt also jeder seinen tristen Gedanken nach, Entscheidungen müssen gefällt werden.

Mir kam es vor, als hätte jeder eine Midlife-Crisis.

Nur der Leser, Inge und Kerrin wissen, dass in Wirklichkeit Boy der Vater von Inka ist. Inka wurde damals von Kerrin und Enno adoptiert. Das Kind stammt von Ennos Jugendliebe Suzie und Boy, Enno weiß aber bis kurz vor Schluss nichts davon. Inka weiß, dass sie adoptiert wurde und am 18. Geburtstag soll sie die Namen ihrer richtigen Eltern erfahren.

Plötzlich empfinden auch Kerrin und Jochen Zuneigung zueinander, heimliche Küsse während die ganze Familie im Haus ist. Das kam mir arg konstruiert vor: Dass sich auf einmal zwei Partner aus vorher teils glücklichen Ehen nur aufgrund des Umstandes finden, dass sie zusammen gepfercht in diesem Haus sitzen müssen.

Boy lernt einen reichen Gönner kennen, der zufälligerweise Verwandtschaft auf der Insel hat. Er lässt sich mit ihm auf eine Wette ein, Ausgang ungewiss.

Der Schluss des Buches lies mich mit vielen Fragen zurück, ein offenes Ende.

Jochen hat einen beruflichen Termin mit einem Jugendlichen auf dem Gericht verpasst, einen Termin, um den er sich Gedanken gemacht hat, was wichtig und richtig ist, aber dann hat er ihn halt verpasst und denkt nicht mehr daran = kam mir komisch vor. Denn etwas so wichtiges vergisst man doch einfach nicht bzw. man würde den ganzen Tag denken: „Um „xy“ Uhr wäre heute die Verhandlung?“; „Wie mag es ihm gegangen sein?“ „Wer hat mich vertreten?“ „Was kam dabei heraus?“ Hier gab es nur „aus dem Augen aus dem Sinn“. Irgendwie kam er mir als eine Figur vor, die nicht richtig in die Geschichte gepasst hat und die man aber auch nicht draußen lassen konnte. Ein unfertiger Randcharakter. Denn auch seine Entscheidungen und Gedanken sind verwirrend: liebt er Gesa oder nicht? Warum lässt er sich mit Kerrin ein! Weil beide plötzlich so gut miteinander kochen können?

Inge gesteht am Schluss, dass sie ihren Mann fast verlassen hätte – für eine Frau. Für die Inselärztin! Diese schickt ihr eine Brieftaube mit Anweisungen, da es wegen des Sturms kein Notdienst bis zu dem Haus und auf die Insel schafft. Also, das war sehr unglaubwürdig, es kam mir vor, als müsste jetzt einfach Handlung erfunden werden, damit auch Inge noch eine Geschichte hat. Sie war ja eigentlich die Hausherrin, aber ich finde, man hat ihre Position nicht gespürt. Sie war anwesend, aber nicht da. Unwirklich. Ich fand auch nicht, dass sie ein starker Charakter war, so wie sie wohl scheinen sollte.

Enno denkt vom Anfang des Buches bis zum Schluss, dass er einen Tumor hat. Der Leser wird es nie erfahren. Zum Schluss hin wandelt er seine Einstellung zum Haus, und stellt sich vor, was ER mit dem Geld von einem Verkauf machen könnte. Er könnte eine Weltreise und noch viel mehr tun. Endlich weg von der Insel.

 

Das offene Ende:

-Kehrt Gesa zu ihrem Mann zurück?   (ich glaube nein)

-Kommt Matteo auf die Insel?

-Geht Enno in die weite Welt hinaus?

-Werden Jochen und Kerrin ein Paar und was passiert mit Enno?

-Ist Inka genauso lesbisch wie ihre Oma und Tante?

-Gewinnt Boy die Wette oder stirbt er?

-Wird Inge ihre große Liebe, die Inselärztin wiedersehen?

 

 

 

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