Stewner, Tanya – Das Lied der Träumerin

Stewner, Tanya Das Lied der Träumerin 978-3-8414-2116-6 Fischer FJB

Stewner, Tanya
Das Lied der Träumerin
978-3-8414-2116-6
Fischer FJB

Inhalt:

»Ich atmete tief durch und blickte in den blauen Himmel. Meine Wahrheit war genau hier. Jetzt. Ich wollte leben. Leben und singen und leben und Klavier spielen und leben und lieben und leben und sehen und leben. Meinen Traum leben.«  Der aufwühlend traumhafte Roman über Musik, Liebe und das Leben. Von Bestsellerautorin Tanya Stewner.
Angelia ist hungrig auf das Leben. Und sie hat einen Traum: die Musik. Um ihn wahrzumachen, bricht sie auf nach London. Mit dem ungleichen Brüderpaar Josh und Jeremy erlebt sie Licht und Schatten von Freundschaft und Liebe. Angelia geht durch höchstes Glück und tiefe Täler, muss sich ihrer Vergangenheit stellen – und bleibt doch immer auf dem Weg, den ihr Traum ihr zeigt …

Meine Meinung:

Auf dieses Buch wurde ich durch ein anderes Buch der Autorin („Der Sommer, in dem die Zeit stehen blieb“) aufmerksam, dass ich noch nicht gelesen habe, aber lesen wollte und leider hatte meine Stadtbücherei nur dieses hier von der Autorin. Weil ich mir einen Eindruck über die Autorin verschaffen wollte, las ich „Das Lied der Träumerin“.

Leicht wie eine Feder tänzelt Jana-Angelia durch dieses im wahrsten Sinne des Wortes traumhafte Buch. Von daher sollte sich der Leser vorher überlegen, ob er im Stande ist, die Geschichte als einen Traum einer Jugendlichen zu akzeptieren. Denn vieles passiert zu traumhaft glatt, als dass man es in der Wirklichkeit ansiedeln könnte. Der erfahrene Leser weiß sicherlich diese Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen, aber selbst diese Wirklichkeit erscheint in dieser Geschichte entrückt zu sein, in eine poetisch philosophische Welt. Viele Leser können sich in diesen Traum offensichtlich hineinversetzen, das bezeugen die vielen positiven Rezensionen (Alliteratus, diverse Blogs …).

Nicht die reale Welt der Jugendlichen wird hier geschildert, sondern der Traum einer Träumerin.

Jana-Angelia’s Traum. Unter diesem Aspekt kann ich das Buch lesen und verstehen. Es schildert einen Traum, den viele Jugendliche heute sicherlich träumen: „ein Star zu werden“. Aufgrund der noch nicht vorhandenen Erfahrungen in diesem Alter, könnte vor allem ein Mädchentraum so aussehen, wie diese Geschichte. Das will ich gerne glauben.

Ich bin mir nicht sicher, wie ich das Buch bewerten soll, und das wird man auch in dieser sprunghaften Rezensionen lesen: einmal lobend, einmal kritisierend. Ich hoffe, ihr könnt meinen Gedankensprüngen folgen. Sicherlich, die Geschichte „nur“ als einen Traum zu sehen, wäre zu einfach. Die Autorin hat komplexe Themen aufgegriffen und als Traum fast schon märchenhaft verpackt: Adoleszenz, Homosexualität, Literatur, Musik, Fast-Vergewaltigung, Eltern-Teenager-Konflikte, Gewalt in der Familie, Religiosität …

Jana-Angelia ist ein unglaublich (!) positiver Mensch. Esoterisch angehaucht? Ein Engel?

Lebe deinen Traum! Bleib bei dir! Atme das Leben! Fühle das Leben! Vielleicht Eat.Pray.Love?

So will auch Jana-Angelia ein Star werden. Sie will Musik machen. Singen. Das entscheidet sie spontan nach dem Tod ihres Vaters.

Seite 11: „Du hast mir beigebracht, Musik mit dem Herzen zu hören“.

Die Mutter will, das ihre Tochter Abi macht und Anwältin wird, wirkt aber seltsam gefühlskalt, sowohl was den Tod ihres Mannes angeht als auch in Gesprächen mit ihrer Tochter. Überhaupt, die Gespräche mit der Mutter fallen für mich aus dem Rahmen dieser Geschichte, da sie so altbacken daher kommen. Zum Beispiel  als die Mutter sagt: „Aus dir soll doch mal was werden“. Das hört sich so abgedroschen an. Aber vielleicht würde eine Mutter genau so in einem adoleszenten Traum agieren? Sie hat eine Nebenrolle. Könnte sein.

Seite .19: „Für mich ist ein Träumer jemand, der ein festes Ziel vor Augen hat. Jemand der sich mit Haut und Haaren ins Leben stürzt, um seinen Traum zu verwirklichen. Jemand, der es wagt, für seinen Traum zu leben.“

Jana-Angelia bricht sofort in großer Naivität in die „neue Welt“ auf. „Schmeißt“ ihr Abitur, geht nach London und findet dort im Großstadt-Dschungels sofort eine Wohnung, Freunde und überhaupt läuft alles bestens, Geld scheint zunächst kein Problem zu sein und wenn, ach ja, dann geh ich halt ein bisschen singen.  Sie laviert mir mit zu großer Gelassenheit und mit Hilfe von zu vielen Zufällen durch dieses neue Leben. Und: Sie nennt sich jetzt nur nach Angelia.

In dieser Geschichte wird überhaupt viel über Lebensentwürfe gesprochen. Das kommt auch bei erwachsenen Lesern gut an, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Des öfteren wird Paulo Coehlo’s „Der Alchimist“ zitiert.

Mit der WG hat es Angelia gut getroffen, in einem Vorort Londons, mit einem Garten, ein tolles altes Haus, das die beiden Brüdern Josh und Jeremy geerbt haben. Josh studiert Ballett, und ist homosexuell, wie sich später herausstellen wird. Dieses Thema empfinde ich von der Autorin sehr „platt“ umgesetzt, so kleinkariert, so unrealistisch für die heutige Jugend. Das hat mich überhaupt nicht überzeugt. Aber wenn wir als Ausgangspunkt die Geschichte als Traum sehen, halbwegs glaubwürdig.  Angelia empfindet Josh als einen Seelenbruder und in den seltsamen Jeremy verliebt sie sich. Warum auch immer.

In London fügt sich wiederum eins zum anderen, sie lernt zufällig neue Menschen kennen, die sie auf Ihrem Weg weiterbringen. Diese Zufälle sind so zufällig, dass sie mich auch nur überzeugen, wenn ich die Geschichte als Traum sehe.

Angelia findet zufällig einen Job als Pianisten und Sängerin in einer Bar, in der zufällig ihr Vater ebenfalls als Musiker gearbeitet hat.

Seite 141: „Ich spielte, und mein Herz erzitterte unter der sehnenden Schönheit des Songs.“

Zu allen Gefühlslagen präsentiert die Autorin die passende Musik, aktuelle passende Popmusik, aber auch klassisches. Dies wird dann wiederum musikbegeisterte Jugendliche begeistern. Songs die verzaubern, ausfüllen, beruhigen … alle sind irgendwie wie beseelt von Musik. Das verstand die Autorin gut zu vermitteln.

Dann aber gleich wieder ein Bruch, der mich als Leser aufstörte: Angelia wird in einer Kneipe fast vergewaltigt, und hört dann bei einem Freund einen Song (Spandau Ballett: Through the Barricades) und alles ist wieder in Ordnung ???? Nein, also so einfach kann man mir das nicht verkaufen, aber vielleicht Jugendlichen?

Ab der Mitte des Buches philosophiert Angelia mit Jeremy quer Beet durch die Literatur: Robert Frost, Emily Dickson, Oscar Wilde, Johann Wolfgang von Goethe … das wiederum sagte mir als erfahrener Leser sehr zu und ich bekam Lust, das ein oder andere Werk zu lesen.

Zum Schluss gibt es dann wieder solch abrupte Entwicklungen, solch unglaubwürdige Dialoge und Szenen, dass ich nicht mehr wusste, was ich davon halten soll:

-Wieder mal ein Zufall, Angelia darf vor einem Platten-Boss singen und diskutiert mit ihm.

-Die Beziehung zu Jeremy, die bis dahin brave naive Jana Angelia hat ausschweifenden Sex mit Jeremy.

-Sie nimmt an einem Musical Wettbewerb teil.

-Unverhofft steht plötzlich ihre Mutter vor der Tür in London, sie singen und weinen zusammen und sind dann wieder versöhnt. Das alles innerhalb paar Stunden und drei Seiten geschriebenen Text, für mich absolut unglaubwürdig.

-Jeremy will sterben, Selbstmord begehen. Jeremy kann keine Gefühle empfinden.

-Genauso unverhofft steht plötzlich Jeremy‘s und Josh‘s Vater vor der Tür. Ein Streit eskaliert.

-Josh ist in seinen Bruder Jeremy verliebt!

-Freundin Alice, ein ausgeflippte Sängerin, heiratet, zieht aufs Land und wird eine Pfarrersfrau.

Unglaubwürdig.

Noch ein paar Wort zu Jeremy: ich bin mir nicht sicher, aber ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass bestimmt Auffälligkeiten wie Asperger/Autismus auch Gefühlskälte als Auswirkung haben. Dazu würde passen, dass Jeremy für meine Begriffe ein fast photographisches Gedächtnis hatte und sehr intelligent ist. Gleichzeitig kann er nicht fühlen, was andere Menschen fühlen. Er kann sie imitieren, aber er fühlt selber nichts.

Fazit:

Also, ich habe mir wirklich Mühe gegeben die Geschichte zu mögen. Ich habe mögliche Interpretationen überlegt und gefunden. Leider war ich trotzdem nicht überzeugt. Wenn ich die Geschichte als einen Traum ansehe, scheint sie zu einigermaßen funktionieren. Leider gelang es mir nicht, „mitzugehen“. Trotz der poetischen Sprache und der vielen Bezüge zur Literatur und Musik, konnte mich die Figur Jana-Angelia nicht berühren.

Die vielen positiven Rezensionen sprechen allerdings eine andere Sprache. Die Autorin hat den „Ton“ der Jugendlichen anscheinend getroffen. Vielleicht lag es daran, dass ich mich nicht in diese Welt hineinversetzen konnte. Ich würde das Buch jugendlichen Leserinnen empfehlen.  Es sollte eine „gern-Leserin“ sein, wegen der vielen literarischen Bezüge und Zitate. Wären die Sexszenen nicht, würde ich das Buch ab 12 empfehlen. Ansonsten denke ich, wäre eine Altersangabe ab 14 in Ordnung.

 

 

 

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