Kinkel, Tanja – Schlaf der Vernunft

Kinkel, Tanja Schlaf der Vernunft 978-3-426-19967-1 Droemer

Kinkel, Tanja
Schlaf der Vernunft
978-3-426-19967-1
Droemer

Inhalt:

Nach 20 Jahren Gefängnis wird Martina Müller zeitgleich mit der RAF-Auflösung begnadigt. Das „Mörder-Monster“, wie die Presse bei ihrer Verurteilung schrieb. Ihre Tochter Angelika, die ihre Entschlossenheit nie verstanden hat, soll ihrer Mutter nach der langen Haftzeit beistehen, obwohl jedwede Verbindung abgebrochen war. Martina, mit 48 noch jung, muss erkennen, dass nichts erreicht wurde, jeder Mord umsonst gewesen war. Um herauszufinden, ob sich ihre Mutter geändert hat, Reue in sich entdeckt, und Teil ihrer Familie werden kann, muss Angelika Martinas Spuren folgen. Von der Sympathisantin, über die Illegalität und dem Gängelband der Stasi, bis hin zum großen Attentat. Aber nicht nur sie. Durch die Begnadigungen gibt es zwar Ex-Terroristen, aber Ex-Opfer gibt es nicht, denn deren Leid verjährt nie. So taucht der Sohn eines RAF-Opfers auf, der wissen will, wer damals geschossen hat. Ehefrauen, Mütter und der einzig überlebende Leibwächter: Alle haben auch nach Jahrzehnten offene Fragen.

Meine Meinung:

Dieses Buch fiel mir eigentlich nur in die Hände, weil ich die Autorin Tanja Kinkel sehr gerne lese. Das letzte Buch von ihr, Manduchai – die letzte Kriegerkönigin, ist eines meiner Lieblingsbücher. Dieses hier ist vom Thema etwas ganz anderes, es handelt von der RAF. Mit diesem Themenkomplex um die RAF hatte ich mich bisher noch nicht befasst, da mich diese Thematik einfach nicht so ganz angesprochen hat, und habe somit fast keinen Einblick in die Namen und Ereignisse. Ich war sehr gespannt, ob die Autorin das Thema für mich als „Unwissende“ kurzweilig und interessant umsetzen würde.

Die Geschichte ist vom Erzählton her wunderbar „wegzulesen“, allerdings war der Inhalt etwas komplizierter für mich, da ich bisher noch nicht viel zur „Sache RAF“ wusste und mir somit auch viele Ereignisse und Verbindungen fehlen. Mir fiel dann aber wieder ein, dass die Politiker Joschka Fischer und Otto Schily mit der linken Szene in Verbindung gebracht wurden. Daran konnte ich mich vage erinnern.

Die Geschichte ist in zwei Zeitebenen geschrieben. Zum einen im Jahr 1998, das Jahr in dem Martina Müller entlassen wird, und dann ab 1967, um den Lebensweg von Martina Müller von einer jugendlichen Schülerin, über eine Studentin mit Hang zur linken Szene und letztendlich zur einer Terroristin nachzugehen.

Es gibt zwei Spannungsbögen: Zum einen, als 1998 die Terroristen Martina begnadigt, aus dem Gefängnis entlassen und von ihrer Tochter Angelika abgeholt wird. Zusammen fahren sie eine Woche an die Nordsee, um sich wieder zusammen zu finden. Eine ganz schwierige emotionale Situation, vor allem die Gedanken von Angelika werden nachvollziehbar dargestellt. Sie hat Familie, zwei Kinder. Wie kommt man damit klar, dass die eigene Mutter oder auch Oma eine bekannte Mörderin ist? Und werden sie nach dieser Woche getrennte Wege gehen oder besteht die Aussicht auf ein halbwegs gemeinsames Leben? Dies wird eigentlich schon ausdrücklich geschildert, wenn auch Angelika und ihre Mutterbeide sehr sprunghaft in ihren Aussagen sind und ich beide manchmal nicht verstehen konnte.

Der zweite Spannungsbogen beginnt in 1967, als die Terroristin Martina noch Schülerin war. Ein Ereignis auf einem Schulausflug nach Berlin hat sie nachhaltig geprägt. Ab dann wird der Weg aufgezeichnet, wie es dazu kommen konnte, dass sie sich zunächst einer linken Studentengruppierung angeschlossen hat um dann immer radikaler zu werden. Ich empfand Martina schon als besondere Person, weil dieser radikale Gedanke, „etwas tun zu wollen“, bereits als Jugendliche da war und ich mich fragte, ob dieser Gedanke nicht in eine andere Richtung hätte gelenkt werden können. Gerade am Anfang konnte ich Martina noch verstehen, aber  irgendwann entzog sich ihr Verhalten dann auch meinem Verständnis. Martina ist in einem normalen Umfeld aufgewachsen, am Anfang schlichen sich auch immer noch Zweifel bei ihr ein. Ich dachte nur, wie viel leichter ist so eine Radikalisierung mit Personen ohne liebevolles Elternhaus und ohne soziale Strukturen? Nun, jedenfalls wird hier im Buch ein Spannungsbogen bis hin zum eigentlichen Attentat am Schluss gelegt.

Ebenso sind die Nazi-Verbrechen und die Präsenz der ehemaligen Verbrecher in der deutschen Justiz ein großes Themenfeld für Martina. Für mich war das nicht ganz so nachvollziehbar, vor allem wenn ich bedenke, dass Martina 1967 erst 17 Jahre alt war. Vielleicht aber braucht jede Generation ihr Thema, in den 80igern ging man zu Greenpeace oder zu Atomkraft-Demos.

Wie gesagt, ich bin eine Unwissende mit diesem Aspekt unserer Zeitgeschichte. Von daher wusste ich auch nicht, dass die Springer Presse das Feindbild der linken Studentenbewegung war und auch der Gedanke, dass die DDR RAF-Terroristen neue Identitäten verschafft hat.

Andere Namen sind mir wirklich bekannter, wie Otto Schily und Joschka Fischer. Natürlich habe ich von den möglichen Verbindungen schon gehört, dennoch hat es mich nicht wirklich tangiert. Allerdings bin ich jetzt nach der Lektüre schon irgendwie „geschockt“, auch wenn beide nicht explizit in die Handlung eingewoben waren. Dennoch ist die Überlegung, dass sie mögliche Verbindungen oder besser Sympathien für die RAF hatten und dann beide hochrangige Ämter in einem Staat hatten, den sie vorher bekämpften paradox. Es entspricht eigentlich nicht ihrer studentischen Ideologie, und ist es nicht genau so, wie im Buch der Vergleich von den ehemaligen SS-Mitarbeitern, die in deutsche Führungsämter kamen?

Wäre also die Frage wie im Buch, kann ein Mensch seine radikalen Einsichten wirklich ändern?

 

Fazit:

Das Buch lässt sich gut lesen, auch wenn ich mich sehr auf die Zusammenhänge konzentrieren musste. Dennoch gab es viele Unklarheiten die daraus resultierten, dass ich mich bisher mit der RAF-Thematik noch nie befasst habe. Dieses Unwissen war für mich schon ein Nachteil, dennoch gab diese Geschichte mir als „Unwissenden“ einen kleinen Einblick. Leider wurde mir niemand so richtig sympathisch in dieser Geschichte, alle Charaktere bleiben seltsam „hölzern“. Außer Steffen, der Überlebende des Attentats.

Was bleibt nach dem Lesen übrig? Das Buch lässt mich eigentlich enttäuscht zurück. Es mag vielleicht am Thema gelegen haben, ich bin mir nicht sicher. Oder daran, dass die Figuren sehr hölzern dargestellt worden. Leider habe ich den Eindruck, dass die Geschichte nicht ganz „rund“ erzählt ist. Allerdings konnte ich für mich auch einen klitzekleinen Einblick erhalten, der mich neugierig auf diese Zeit gemacht hat und ich nun auch einige ehemalige deutsche Politiker mit anderen Augen sehe.

Für Leser, die diese RAF-Zeit damals mit verfolgt haben, eine interessante Lektüre.

 

Ausführlicher Inhalt:

***Vorsicht Spoiler***

 

Diese Geschichte nachzuerzählen fiel mir sehr schwer, da sie aus vielen Einzelheiten besteht und ich zugegebenermaßen auch nicht alle politische Hintergründe verstanden habe. Deswegen stelle ich hier zunächst einmal die Personen vor:

 

Angelika (Tochter der Terroristin):

Ist die Tochter der inhaftierten Terroristin Martina Müller. Verheiratet mit einem Zahnarzt, hat zwei Jungs, Zwillinge. Ihr Mann Justus hat eine klare Vorstellung, wie Martina mit der Freilassung ihrer Mutter umgehen soll, nämlich – ignorieren, Kontakt verweigern. Angelika sieht dies nicht so und es gibt ernste Streitigkeiten zwischen den Eheleuten. Angelika holt ihre Mutter am Gefängnis ab, und fährt mit ihr eine Woche an die Nordsee, Sylt, um herauszufinden, ob ihre Mutter die Taten bereut und überhaupt, wie sie weitermachen, da es bis auf die ersten vier Jahre nach ihrer Geburt keine Mutter-Kind-Beziehung gab. Die Politikerin Renate Huber ist ihre Tante, die in Studentenzeiten die beste Freundin ihrer Mutter war.

 

Alex Gschwindner (Sohn des getöteten Fahrers):

Ist der Sohn des Chauffeurs Sascha Geschwindter, der beim Attentat des Staatssekretärs ums Leben kam, getroffen von 24 Kugeln. Seit dem ist das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter gespalten, seine Mutter hat den Verlust nicht verkraftet, wurde verbittert und Alkoholikerin. Alex ist Reporter und macht sich dies nun zu Nutze, da er von der Freilassung von Martina Müller gehört hat, der Mörderin seines Vaters. Er will wissen WARUM? Er geht verschiedenen Hinweisen nach, und ihn stört die Verbindung von Sybille Helmstedt zur damaligen DDR, da diese dort ihr Leben weiterleben konnte. Er fragt sich, ob es diese Verbindung vielleicht schon früher gegeben hat und ob es vielleicht ein Auftrags-Mord aus der DDR gewesen sein könnte. Aber das sind alles Spekulationen. Es wundert ihn nur, warum sie ausgerechnet dort hin ging, wo jeder andere weg wollte. Er kann es sich aufgrund seiner Reporter-Tätigkeit leisten, an verschiedene Personen Fragen zu stellen.

 

Renate Huber (beste Freundin der Terroristin, Tante von Angelika):

Grünen-Politikerin im Wahlkampf. Früher beste Freundin von Terroristin Martina, ob sie selber auch an Taten beteiligt war oder Ahnung hatte, wird erst ganz am Schluss erzählt. Auf alle Fälle war sie Sympathisantin der linken Bewegung, wurde damals auch polizeilich überwacht. Man fand aber keine Beweise für eine aktive Mitarbeit. Sie arbeitete in Hamburg als Anwältin. Zur Zeit hat sie eine „reine Weste“, muss aber wegen des Wahlkampfs auf unpassende Berichterstattung aufpassen. Zudem ist sie Tante von Angelika, beide haben aber kein gutes Verhältnis zueinander.

 

Steffen Seidel:

Personenschützer beim BKA, hat als einziger den Anschlag auf Staatssekretär Werder überlebt, sehr starke gesundheitliche Folgen, lag sechs Monate im Koma und hat sein ganzes Leben mit schweren motorischen Beeinträchtigungen zu kämpfen. Ist homosexuell, hat dies auf seiner Arbeit verheimlicht. Nach dem Attentat hätte er nicht mehr zum BKA zurückkommen können, das Vertrauen seiner Abteilung in ihn war gestört, da er als einziger überlebt hat und die Frage „Warum nur er?“ durch die Köpfe geisterte – könnte er nicht auch etwas damit zu tun gehabt haben?

Er arbeitet Halbtags in einer Gärtnerei, weil es ihm Freude macht. Finanziell ist er abgesichert, dennoch ist er sich unsicher, was damals tatsächlich passiert ist und warum er es nicht verhindern konnte. Sein Gedächtnis lässt ihn seit dem Attentat im Stich, er kann sich nicht mehr an alles erinnern. Mittlerweile hat er einen Lebensgefährten, Klaus, der Anwalt ist.

 

Martina Müller (Terroristin)

RAF-Terroristin, Beteiligung am Anschlag von Staatssekretär Werder, vier Tote und ein Schwerverletzter. Beginn ihres „Bruch mit dem kleinbürgerlichen System“ während eines Schulausfluges in Berlin 1967.

 

Holger Meins:

Martina und Holger lernen sich in München zufällig kennen, später bietet Martina ihm und Beert Unterschlupf. Martina mag Holger.

 

Beert = Herbert Melzer

Freund und Gesinnungsgenosse von Holger Meins

 

Die Terroristin Martina wird begnadigt. Ein Gefängnisgeistlicher meldet sich bei der Tochter Angelika, mit der Bitte, ihrer Mutter eine Chance einzuräumen und sie soll sich ihr annähern und nicht verstoßen. Angelika hatte das eigentlich mehr oder weniger vor, aber die Worte des Geistlichen bringen etwas in ihr zum Klingen und so beschließt sie, ihrer Mutter eine Woche zu geben, damit sich beide wieder kennen lernen und um zu sehen, wie sie weitermachen können. Ihr Mann Justus will definitiv nicht, dass ihre Mutter, die Mörderin, Umgang mit seinen Kindern hat.

Alex Gschwindner, der Sohn des ermordeten Chauffeurs überlegt sich, wie er am besten mit allen Beteiligten in Kontakt kommt. Zunächst verabredet er ein Interview mit der Politikerin Renate Huber, der ehemaligen Freundin von Martina Müller. Er legt ihr Worte für ein Programm in den Mund, ein Versöhnungsprojet für alle Beteiligte. Überrumpelt und nichtsahnend denkt Renate Huber darüber nach und das Versöhnungsprojekt wird nun bei allen Protagonisten einmal auftauchen. Renate Huber will auch erst mal ausloten, ob ihr dieses Projekt im Wahlkampf nützen oder schaden wird. Dennoch verselbstständigt sich dieses. Alex will jedenfalls an Angelika herankommen, die Tochter von Martina, um Fragen zu stellen.

Kurz vor der Begnadigung besucht Angelika nach langer Zeit das erste Mal ihre Mutter im Gefängnis, nachdem diese über Jahre jeden Kontakt verweigert hatte. Angelika stellt fest, dass ihre Mutter keine Reue zeigt und sich ihre Gesinnung nicht geändert hat.

Alex Gschwindner ruft Steffen Seidel an, um mit ihm über das Attentat zu sprechen. Sie machen einen Termin und Alex fährt nach Mark Brandenburg, in einen kleinen Ort, wo Steffen und Klaus leben. Steffen erinnert sich, dass Martina im Visier der Fahnder war, dass sie Kurierdienste übernommen und Wohnungen für die RAF angemietet hatte. Steffen erinnert sich, dass es an besagten Tag eine Abweichung von der Fahrroute gegeben hat, weil Staatssekretär Werder einem Freund zum Geburtstag gratulieren wollte. Davon wussten aber nur drei Personen: der Staatssekretär, seine Frau und der Personenschutz. Steffen erinnert sich auch noch, dass er eine ältere Frau an einem Kofferraum gesehen hat, und er dachte, dass sie womöglich auf „alt“ geschminkt war. Dann aber überfällt ihn wieder Panik bei den Erinnerungen, an die Geräusche etc.

Alex kommt auf Sybille Helmstedt zu sprechen, an dieser Person reibt er sich. Er will von Steffen wissen, ob er denkt, dass sie schon vorher Kontakte zur DDR gehabt haben könnte. Aber er bekommt nichts mehr aus Steffen heraus, der völlig fix und fertig ist. Bei Steffen setzt wieder das Gedankenkarussell ein, ob er das Attentat hätte verhindern können oder ob er etwas mit den Attentätern zu tun hatte. Aus diesem Grund beschließt er, mit Martina Müller zu reden, er hofft, sie zum Reden zu bringen, was damals tatsächlich passiert war und ob ihn eine Schuld trifft oder nicht.

Angelika erzählt währenddessen ihren Söhnen von ihrer Oma im Gefängnis. Diese nehmen dies erstaunlich gelassen auf, nur ihr Mann stellt sich quer, es gibt Streit.

Alex, der nicht richtig weiterkommt in seinen persönlichen Recherchen, lässt die Handy-Nummer von Angelika hacken und ruft sie an. Er bezieht sich auf das „Versöhnungsprojekt“ ihrer Tante, der Politikerin Renate Huber. Das Telefonat führt zu nichts.

Alex setzt weiter auf die Spur von Sybille Helmstedt, die in der DDR untergetaucht ist, natürlich mit Hilfe vom von der Stasi. Sie hat dort Oskar Wenreit geheiratet und als Lehrerin gearbeitet. Alex hätte gerne die Stasi-Akten von den beiden.

Angelika holt ihre Mutter am Entlassungstag am Gefängnis ab und sie fahren an die Nordsee, weil ihre Mutter das Meer sehen will. Ein lange Fahrt, es wird nicht viel geredet, sie fühlen sich wie zwei Fremde. Bei Angelika herrscht Gefühlswirrwarr, auf verschiedene Äußerungen ihrer Mutter reagiert sie mit Sehnsucht oder Furcht. Sie geht mit ihrer Mutter das nötigste einkaufen und in ein paar Szenen wird darauf hingewiesen, wie viel Zeit vergangen ist und wie sich die Welt geändert hat: Anschnallpflicht, Handys …

Steffen will endlich Klarheit, was damals passiert ist. So kann er nicht weiterleben. Sein Lebensgefährt Klaus macht ihm den Vorschlag, die Ermittlungsakte anzufordern und eine Fallanalytikerin einzustellen. Mittlerweile war auch Michael Werder bei ihnen gewesen, der Sohn des beim Attentat verstorbenen Staatssekretärs. Durch bestimmte Äußerungen hat Klaus den Verdacht, dass ihr Telefon abgehört wird und dass Steffen im Visier der Fahnder ist, im Verdacht steht. Aber warum?

Alex verabredet sich mit Oskar Wenreit, der mit Sybille Helmstedt verheiratet ist/war. Sybille Helmstedt hieß in der DDR Anni Schäfer und Oskar musste sie für die Stasi bespitzeln. Ihre Wohnung war verwanzt, die Post wurde gelesen, Telefongespräche mitgehört. Anscheinend gab es ein Betreuungsprogramm, genannt „Stern 2“ für 10 übergelaufene Terroristen.

Michael Werder, der Sohn des getöteten Staatssekretärs besucht Alex Mutter und möchte nicht, dass sie mit Martina Müller spricht. Auf die Idee wäre Alex Mutter bis jetzt auch nicht gekommen. Die Frage ist aber, warum will Michael Werder dies nicht? Was hat er zu verbergen?

Steffen und Klaus stellen eine Fallanalytikerin ein. Sie stellt Steffen unangenehme Fragen, muss aber Reaktionen provozieren, damit sich Steffen erinnern kann, wachgerüttelt wird.

Auf Sylt im Hotel angekommen, versucht Angelika, ihre Mutter zu verstehen. Bei einem Spaziergang kommt ihnen plötzlich Renate Huber entgegen, die ihre alte Freundin wiedersehen will, heimlich, ohne von der Presse beobachtet zu werden. Angelika hat ihrer Tante Renate Huber nie verziehen, dass diese sie als 4-jährige zu ihren Großeltern nach Nürnberg brachte. Das konnte ich nicht so ganz verstehen, denn zunächst, welche Erinnerung hat man als 4-jähriges Kind? Und wer hätte sie denn sonst zu ihren Großeltern bringen können, nachdem ihre Mutter sich dem Widerstand angeschlossen hatte. Und überhaupt, wohin hätte sie sonst gebracht werden können? Und überhaupt, wieso ist Renate daran Schuld gewesen, ihre Mutter hatte sie doch verlassen.

Martina Müller will sich im Hotel auf Sylt das Leben nehmen, schafft es aber nicht, sich selber Verletzungen zuzufügen. Ihre Tochter Angelika findet sie mit einem Messer unter der Dusche sitzend. Später erklärt sie Angelika, wie es dazu kam.

Als Leser hätte ich gedacht, dass so nach und nach noch mehr bekannte Personen auf Sylt eintreffen und dass es dort zum „Finale“ kommt, dass vielleicht mit dem Tod von Martina enden könnte. Dies geschah aber nicht.

Über einen Zeitungsbericht wird Martina eine Arbeit als Bühnenbildnerin eines bekannten Theaters angeboten, als Resozialisierungs-Projekt und natürlich wegen der Publicity, die dieses Theater dann hätte. Martina lehnt zur Erleichterung aller ab.

Alex hat einen Termin mit Michael Werders Mutter. Er fragt sie, warum ihr Sohn alle Angehörigen der Opfer aufsucht und bittet, nicht mit Martina Müller zu reden. Was verbirgt er? Direkt im Anschluss sucht er Michael Werder auf, der sauer ist, dass er mit seiner Mutter gesprochen hat. Michael Werder erklärt, dass er mit den anderen Opfer-Angehörigen eine Front gegen die Presse bilden will und deshalb mit ihnen allen spricht. Alex glaubt ihm nicht, merkt dass er lügt.

Die Fallanalytikerin findet heraus, dass Steffens getöteter Kollege Hans aus Polen kam und legal seinen Namen gewechselt hat. Dies wäre für Terroristen ein Druckmittel gewesen. Später stellt sich heraus, dass diese Information eigentlich nichts zu sagen hat. Steffen erinnert sich an Peter, den Leiter des Teams. Er kam immer gut mit ihm aus, Steffen hat aber jegliche Freundschaften aufgrund seiner Homosexualität gemieden. Auch im Bezug auf Peter macht die Fallanalytikerin Andeutungen, die später aber nicht zum tragen kommen.

Auf Sylt gibt es zwischen Martina, Renate und Angelika Streit. Renate empfindet Martina und Angelika undankbar, sie hat alles getan, was sie aus Freundschaft zu Martina tun konnte.

Martina erzählt ihrer Tochter das erste Mal von aus ihrer RAF Zeit. Angelikas Gefühle befinden sich im Zwiespalt ob der Vergangenheit ihrer Mutter. Sie fragt sich nicht zum ersten Mal, wie es weitergehen soll. Sie bietet ihrer Mutter Geld als Unterstützung an, Martina will aber auf eigenen Beinen stehen. Sie hat schon immer gerne gemalt, und hat durch Zufall während eines Spaziergangs auf Sylt ein Bild verkauft. Für sie wäre das eine Möglichkeit, ihr Leben zu bestreiten.

Alex spricht mit dem ehemaligen undurchsichtigen Stasi-Beamten Arno Liebert. Dieser erzählt ihm ziemlich freiwillig und schnell, dass Martina seinen Vater getötet hätte. Alex ist sprachlos und in ihm wallen Rachegedanken auf. Kaum wieder unterwegs denkt er jedoch darüber nach, dass ihm diese Information zu leicht gegeben wurde und er weiß, dass in seiner Branche „nichts umsonst“ ist und er hat Arno Liebert nichts angeboten. Will Arno Liebert vielleicht genau das provozieren, was Alex gerade zu tun gedachte? Rache an seinem Vater zu nehmen. Alex denkt nach. Irgendetwas stimmt an der ganzen Sache nicht.

Monika Werder, die Frau vom getöteten Staatssekretär besucht Steffen. Dieser hatte ihr gegenüber immer ein schlechtes Gewissen, da er ihr damals versprochen hatte, dass ihrem Mann nichts passieren würde. Monika Werder überrascht Steffen und Klaus damit, dass sie Steffen „verzeiht“ und mit der Aussage, dass sie denkt, dass ihr Sohn erpresst werde. Womit, weiß sie nicht.

Nach dem Treffen erinnert sich Steffen, dass er Michael Werder einmal in einer Diskothek mit einer Frau gesehen hat. Er hat diesem Treffen keine Bedeutung beigemessen. Als er sich mit Michael Werder trifft, werden diese Erinnerungen wach und Michael Werder erzählt ihm schließlich, wie er seit Jahren mit dieser Schuld lebt. Das Treffen, dass Steffen beobachtete, brachte das Ganze ins Rollen: An diesem Abend war besagte Frau Martina, die sich an Michael heranmachte, um die Fahrtroute seines Vaters herauszufinden. Michael, der sich als Jugendlicher gerade in einer „Aufbegehrungsphase“ gegen seinem Vater fand, sagte es ihr. Allerdings ging er davon aus, dass der Wagen seines Vaters nur mit Farbe bespritzt werden sollte. Als dann das Attentat geschah, war er geschockt, wollte sich zwei Wochen später umbringen. Er hat nie jemanden davon erzählt, die einzige, die es weiß, ist Martina. Michael hat jahrelang mit dieser Schuld gelebt.

Martina erzählt Angelika auf Sylt, dass Renate keine Schuld trifft und dass sie beide Renate dankbar sein müssten. Dass Renate nur aufgrund ihrer Hinterhältigkeit in dieses Attentat hineingezogen wurde. Martina tat es leid.

Renate, der ich am Anfang alles zu getraut hätte, stellt sich in diesem Fall also wirklich als „Gute“ heraus, die, ohne wirklich zu wollen in etwas hineingezogen wurde.

Im Hotel erkennen andere Gäste die Terroristin Martina und der Hoteldirektor verlangt diskret die Abreise von Martina und Angelika. Sie fahren nach Hamburg, dort will Angelika mit Martina auf Alex treffen. Dieses Treffen ist sehr emotionsgeladen. Alex zeichnet das Gespräch heimlich auf, wird es aber später nicht verwenden. Er spricht auch mit Martina, die seinen Vater getötet hat.

Es wird nicht alles gut am Schluss dieses Buches, aber es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer für Martina. Allerdings konnte ich die Idee, dass Martina in einem Kinderhospiz arbeiten will, überhaupt nicht nachvollziehen und sehe die „realen“ Chancen dafür auch denkbar schlecht. Es gibt noch einen weiteren offen Erzählstrang, mit Steffen. Dieser findet heraus, dass seine Fallanalytikerin Liebert die Tochter von Arno Liebert ist, der wie der Leser am Schluss weiß, Drahtzieher der Erpressung von Michael Werder war.

 

Die Geschichte findet auf zwei Zeitebenen statt, und ab hier ist nun die Geschichte der Martina Müller zu lesen, ab 1967.

Die 17-jährige Martina ist auf einem Schulausflug in Berlin. Sie will später Film und Fernsehen studieren. Mit einer Freundin setzt sie sich ab, um die Ankunft eines Prominenten, dem Schah von Persien und seiner Frau, anzuschauen. Bisher kennten die beiden diesen nur aus Illustrierten und nun die Gelegenheit, ihn aus nächster Nähe zu sehen. Dort vor Ort befinden sich friedliche Demonstranten, die auf die Folterpolitik im Land des Schahs aufmerksam machen wollen. Ebenso anwesend sind sogenannte Auftrags-Jubler (?), die dem Schah zujubeln. Zwischen beiden Gruppen kommt es zu Unstimmigkeiten, und Martina und ihre Freundin Susanne sind mitten drin. Die Jubel-Perser verprügeln die Schah-Gegner, und die Polizei steht daneben und tut nichts. Martina ist geschockt, hatte sie bisher doch an die Rechtsstaatlichkeit und die Polizei geglaubt. Martina will daraufhin etwas tun, sie will sich ändern, ihr Vertrauen in die Polizei und in die Berichterstattung in den Medien ist tief erschüttert. Sie will sich ändern, etwas bewirken. Sie denkt an die Anne Frank und die Geschwister Scholl.

2 Jahre später studiert sie in München Film und Fernsehen. Sie lernt Renate Huber (damals natürlich noch keine Politikerin, sie studierte Jura) und Jürgen kennen. Sie lernen sich über ihre bestimmte politische Gesinnung kennen und fahren zusammen nach Frankfurt, wo ein Prozess wegen eines Brandanschlages auf ein Kaufhaus stattfand. Sie alle sind der Meinung, dass dieser Brandanschlag richtig war, um die Aufmerksamkeit auf die Zustände in Vietnam zu lenken. Sie nehmen Hasch, übernachten bei Bekannten. Jürgen und Martina kommen sich näher. Marina wird schwanger, da sie aber keine Liebe zu Jürgen empfindet, heiraten sie gar nicht erst, lehnt einen Heiratsantrag von Jürgen ab. Später haben sie auch keinen Kontakt mehr, vor allem, da Jürgen auf „Heroin ist“. Martina ist jetzt alleinerziehend und studiert weiterhin, dies gelingt nur durch die Unterhaltszahlungen von Jürgen. Zufälligerweise lernt sie an der Hochschule Holger Meins kennen, der eine Anleitung zum Bau eines Molotow-Cocktails gedreht hat. Sie stellen fest, dass sie eine ähnliche politische Gesinnung haben, werden sich aber erst ein Jahr später wieder sehen, als Holger Meins zu der Baader-Meinhof Gruppe gehört. Er und Beert suchen  bei Martina Unterschlupf, sie werden gesucht. Martina lässt sich darauf ein, auch wenn sie wegen ihrer Tochter, die noch ein Baby ist, ein schlechtes Gewissen hat. Beert ist Herbert Melzer.

1972: Während Renate Huber fast keine Sympathie mehr für die Bader-Meinhof-Gruppe aufbringt, ist es bei Martina das genaue Gegenteil. Sie hält die Attentate auf das amerikanische Kasino in Frankfurt, die Kaserne in Heidelberg und das Springer-Verlagshaus für gerechtfertigt, wegen der Waffentransporte nach Vietnam.

Martina und Renate gehen zum studieren nach Hamburg, wobei nur Renate wirklich mit dem Studium anfängt. Martina denkt, die Polizei missbraucht ihre Macht und Gefangene werden misshandelt. Sie wird in Gedanken radikaler, sie will etwas tun, nicht tatenlos herumsitzen, sie will nicht weiter zur schweigenden Mehrheit zählen. Sie akzeptiert, dass gute Menschen Gewalt einsetzen müssen. So jedenfalls redet sie sich selber das Verbrechen schön.

Sicherheitsbeamte Steffen bereitet die Fahrt ins Gefängnis nach Köln-Ossendorf vor. Staatssekretär Werder will sich persönlich von den Haftbedingungen der RAF Terroristen überzeugen. Im Auto entbrennt ein Gespräch über den Umgang mit RAF-Häftlingen. Der Staat will den Terroristen kein Märtyrertum zubilligen. Die physische und psychische Unversehrtheit muss gewährleistet sein. Die Zelle von Ulrike Meinhof ist nicht schallisoliert, sie hat Zeitschriften und Bücher nach persönlichem Geschmack und ein Radio.

Die Zeit rennt, und 1974 ist Martina über den Status Paket aufzubewahren oder Wohnungen anzumieten hinaus. Sie soll mögliche Zielobjekte in Hamburg auskundschaften: Bewegungsabläufe, Adressen, Sicherheitsvorkehrungen. Um dabei nicht aufzufallen, holt sie als Tarnung für ihre Tochter Angelika einen Hund aus dem Tierheim, mit dem sie dann an den Zielobjekten vorbei spazieren geht.

Jürgen, Angelikas Vater, mit dem sie und ihre Mutter aber schon lange nichts mehr zu tun haben, stirbt an einer Überdosis Heroin. Angelika erbt ein Vermögen.

Renate schwankt in ihren Sympathien für die RAF, sie ist sich unsicher, und ist auch nicht mehr richtig dabei. Martina „verachtet“ sie ein wenig dafür.

Holger Meins stirbt im Gefängnis durch Hungertod. Für alle RAF Sympathisanten ist dies nun ein Grund, Rache zu fordern. Martina reist mit Sybille Helmstedt über Berlin-Schönefeld in den Jemen, um sich dort „ausbilden“ zu lassen. Sie tötet dort einen Menschen. Auf dem Flughafen lernt sie Arno Liebert kennen, einen Stasi-Beamten, der sie unter Druck setzt und einen Bericht aus dem Jemen verlangt. Sie wundert sich, das die RAF mit der Stasi zusammenarbeitet, es kommen erste Zweifel an der Mission.

Martina hat ihre kleine Tochter Angelika bei Renate gelassen, die sie zu ihren Großeltern nach Nürnberg bringt. Diese „Tat“ wird Renate lange angelastet, aber was hätte sie sonst tun können? Sie musste ja auch arbeiten gehen und konnte sich nicht um ein Kind kümmern. Überhaupt, wenn das Jugendamt davon erfahren hätte, wäre Angelika sowieso zu ihren Großeltern gekommen. Martina und Angelika ändern ihre anfängliche Meinung über Renate am Schluss des Buches.

So spitzt sich die Lage zu, und nach der Rückkehr aus dem Jemen war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die RAF-Sympathisanten zu einem Attentat zusammen taten. Martina, Renate, Sybille und Beert lauern Staatssekretär Werder auf und erschießen alle, selbst den mit den Händen erhobenen Chauffeur. Staatssekretär Werder überlebt zunächst, da Steffen ihn geschützt hat, wird dann aber aus dem Auto raus gezerrt und draußen erschossen. Diese Kaltblütigkeit ist schon sehr erschreckend geschildert.

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