Uebel, Tina – Uebel Unterwegs

Uebel, Tina Uebel Unterwegs 978-3-667-10472-4 Delius-Klasing Verlag

Uebel, Tina
Uebel Unterwegs
978-3-667-10472-4
Delius-Klasing Verlag

Inhalt:

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen. Wenn nun aber dieser Eine eine Eine ist, dazu noch reflektieren kann, verrückte Ideen hat und alles daransetzt, sie auch umzusetzen … und wenn diese Eine darüber hinaus auch noch schreiben kann, witzig gar, unterhaltsam, manchmal (wo es Not tut) auch nachdenklich (und das tut es ab und zu), dann kann man sich als Leser nur überaus glücklich schätzen. Im vorliegenden Fall heißt das: Wenn Tina Uebel, bekannte Wortakrobatin, Illustratorin, Grafikerin, und Schriftstellerin („Last Exit Volksdorf“„Nordwestpassage für dreizehn Arglose und einen Joghurt“) auf Reisen geht, um einen Stipendiumspreis in Shanghai anzunehmen und dabei nicht fliegt und auch nicht die Transsibirische Eisenbahn benutzt, sondern sich eine eigene Route zusammenstellt, dann gibt es wahrlich viel zu erzählen.

Deutschland – Serbien – Bulgarien – Türkei – Iran – Turkmenistan – Usbekistan – Kasachstan – China. 7 Wochen lang ist Tina Uebel unterwegs von Hamburg nach Shanghai – und das allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Uebel erzählt von ihren Begegnungen in den Zügen dieser Welt, von ihren ganz persönlichen Begegnungen mit den fremden Kulturen der verschiedenen Länder, die sie passiert. Sie reflektiert, sinniert, hinterfragt – immer wortgewandt, charmant und mit einer Prise Humor, sodass nicht wenige ihrer Erlebnisse auf eine gewisse Weise herrlich verrückt erscheinen.

„Uebel unterwegs“ ist damit eines dieser Bücher, das jeder einmal gelesen haben sollte. Oder zumindest jeder, der gerne reist. Also eigentlich doch: jeder.

Meine Meinung:

Im Moment habe ich wieder eine „Reise-Erfahrungs-Lese“-Phase. Liebend gerne lese ich in meinen vermeintlich sicheren vier Wänden von allein reisenden Frauen mit und ohne Kind, von Pärchen auf Weltreise und über Reisen und spezielle Reiseerfahrungen. Wenn man sich mit diesem Genre befasst, findet man ziemlich schnell Anschlussliteratur und auf diesem Wege landete ich bei diesem Buch.

Vor kurzem erst „Die beste Entscheidung unseres Lebens“, „Das Schneekind“ und  „Mut für zwei“  gelesen, um von dort aus dann bei „Uebel unterwegs“ zu landen.  Das interessante daran: diese Bücher könnten nicht verschiedener sein! Und so nach und nach fand ich mich dann am liebsten bei den alternativ Reisenden wieder, keine klassischen Backpacker-Touren, nein, individuell unterwegs auf neuen Spuren und nicht in ausgetretenen Wegen. Waren in „Die beste Entscheidung unseres Leben“ bekannte Backpacker-Routen und eine Art Massentourismus unter selbigen schon vorherrschend, ging Julia Malchow mit „Mut für Zwei“ einen Schritt weiter auf der Suche nach Individualität. Und nun bei „Uebel unterwegs“ die alternative Individualität, nicht das abklappern von Kulturdenkmälern steht im Vordergrund, sondern die Begegnungen mit anderen Menschen.

Meine erste Erinnerung an 1001-Nacht habe ich aus einer Begebenheit als Kind im Kindergarten: Es wurden kleine Geschenke verteilt, ich weiß nicht mehr zu welcher Gelegenheit es war. Jedenfalls bekam ein Mädchen aus meiner Gruppe (ich weiß noch genau, wie sie hieß), ein riesengroßes Pappbild, das eine Palastanlage wie aus 1001 Nacht darstellte. Und ich weiß, wie sehr ich mir dieses Pappbild glühend gewünscht hatte! Und nun das, ich bekam es nicht. Ich erinnere mich noch, ich habe bitterlich geweint, es hat aber alles nichts genutzt. Ich ging „leer“ aus.

Vor ungefähr 15 Jahren las ich das Buch von Bruni Prasske „Mögen deine Hände niemals schmerzen“ und dieses Buch war für mich eine Art Einstiegsliteratur zum Thema Persien/Iran. Seit dem liebe ich Reiseberichte aus Zentralasien.

Der Einstieg in die Reise-Erzählung von Tina Uebel beginnt mit einem Gespräch und einer Zusammenfassung von Gesprächen zu der jeweiligen Landessituation im Zug. Auf ihrer Reise erfährt Tina Uebel von vielen Gesprächspartnern auch die negativen Seiten des jeweiligen Landes: Militärstellungen, Folter, Willkür, Internetüberwachung, Frauen sind weniger wert als Möbelstücke, Spitzel, Verräter, Korruption, Bestechung, Minderheiten … der Gegensatz zu Deutschland könnte nicht größer sein. Der Autorin und dem Leser wird bewusst, was Freiheit heißt, welche Freiheit wir haben, ohne es richtig zu schätzen. Die Freiheit zu reisen, wohin man will. Die Freiheit, den Beruf auszuüben, den man will. Die Freiheit, als Frau gleichberechtigt zu sein. Und noch viel mehr.

Witzig auf die Spitze getrieben sind die Erlebnisse zum Klimaanlagenausfalltod (Seite 10). Hier eine kleine Kostprobe ein paar Seiten weiter:

Zitat Seite 22: „Wer in den letzten Tagen nicht selbst mit der Bahn unterwegs war, dem sei gesagt: ja. Es ist genauso schlimm, wie’s in den Zeitungen beschrieben wurde. Insofern wär’s mit Kommunikation eh Essig, ein jeder ist mit dem eigenen Überleben bei 50 Grad beschäftigt … In Tschechien überholen uns bisweilen Züge osteuropäischer Provenienz, deren Erbauer noch über das uralte Geheimwissen um die ausgestorbene Kulturtechnik des FENSTER AUF verfügten.  … Wir schluchzen neidisch und winken mit dem Nothämmerchen.“ …

Einen schönen Namen erfindet die Autorin für die obligatorischen, meist aufdringlichen männlichen Dienstleistungen als Begleitperson und „Mädchen für alles“: der Lästling (Seite 25).

Das alternativ-touristische Erscheinungsbild, von weitem schon erkennbar, das eigene sowohl als auch das der mittlerweile massenhaft auftretenden Backpacker, steht unterhaltsam ehrlich auf Seite 28 auf dem Prüfstand: Khaki-farbende Cargohosen mit vielen Taschen, Lonely Planet Reiseführer, Wasserfalsche, Daypack (Frontbeutlers) + Trekking-Rucksack … Und immer auf der Suche nach dem Bahnhof, Hotel, Bus, Internet-Cafe, WC …

Menschenmassen sind ein Greuel, der Autorin und mir auch. Bei mir sogar ein expliziter Grund, genau dort nicht hinzugehen.

Zitat Seite 32: „… ist’s zu den Kulturdenkmälern nicht weit, und da Kulturdenkmäler unseligerweise zumeist mit Menschenmassen verbunden sind, kann eine gewisse Sedierung nicht schaden. Ich hasse Menschenmassen.“

Teheran ist ein Geheimtipp für „Touristenansammlungs-Verweigerer“ (Tipp von der Autorin).

Eine Taxifahrt mit einem „hässlichen Honk“ am Steuer wird zur Geduldsprobe. Die Frage lautet:

Zitat Seite 37: „Manchmal muss man nur kurz klären who‘s boss, ist wie bei den Caniden.“

Dieser Satz gefällt mir zunehmend gut.

Weitere Einsichten gibt es spitzfindig präsentiert, hier ein paar Stichworte: Backpacker-Bespassung, herausfordernde Kommunikation, endemischer Handel versus Hochglanzfilialen, nerviger Gedönsverkauf, Backpacker-Kemenaten, der Stupid Tourist Award (S.47), diverse paranoiainduzierende Aspekte (S.48), Lungerlager in Teheran (S.52), …

Die Autorin schätzt Gespräche und die Erlebnisse unterwegs mit den Menschen höher ein, als die Besichtigung von massenhaft überlaufenen Kulturdenkmälern. Diese Erinnerungen an Menschen bezeichnet sie als kostbare Solitäre. Ich kann ihr da nur zustimmen, nachdem ich das Buch gelesen habe. Manchmal muss man erst sensibilisiert werden, und sich trauen, auch mal etwas nicht gesehen zu haben, wonach jeder fragt.

In Teheran kann es nicht schaden, einen Kontakt zu haben, den hat in diesem Fall ein Freund er Autorin, der sogenannte „Lieblingsperser aus Hamburg“, der sie mit verwandtschaftlichen Kontakten und Tipps unterstützt.

Es gibt so viel zu berichten:

Zitat Seite 56: „… bloß sind meine Einträge eh viel zu lang, man halte Romanschriftsteller dringend vom Bloggen ab.“

Beklemmend empfand ich die Szenerie in Maschhad, das einem wie das Gegenteil von Teheran vorkam: Tief religiös und alle Vorurteile scheinen wahr zu sein.

Die vielen Zitate hier aus dem Buch sind dem Sinn geschuldet, einen Eindruck von der wunderbaren pointierten Sprache zu erhalten:

Ashgabat – ein Traum aus Säulen und Marmor.

Zitat Seite 91: „Dem Freund der Säule kann ich zu einem Urlaub in Ashgabat nur zuraten.“

Und nicht zu vergessen, die Aktion auf der Post, Pakete nach Deutschland zu schicken. Wahnsinn.

In Turkmenistan wird dann der Ehrgeiz geweckt:

Zitat Seite 98: „Der Hauptgrund, warum ich nach Turkmenbashi wollte, ist, dass im Lonely Planet steht, da gebe es nichts. Ich bin ein Connaisseur der Abwesenheiten aller Art.“

Endlich passiert wieder mal etwas, an der Grenze zwischen Turkmenistan und Usbekistan:

Zitat Seite 116: „Einen Moment wie diesen will ich mir in Gießharz gießen. Als Briefbeschwerer, für die lausigen Tage.“

In Buchara, es ist große Hitze, touristische Nebensaison, daher sind fast keine Touristen unterwegs.

Zitat Seite 124: „Nun gut, irgendwo muss man dann wieder eine Strecke knietief durch Kunsthandwerk waten, das ist halt der Preis, den man fürs Erleben von Weltkulturerbe zahlt.“

In Samarkand sind ähnliche „Lästlinge“ wie Anfangs wieder on Tour, auf Seite 134 kann man die „Visit my shop“ Episode lesen. Und auf der Flucht von ebensolchen dann noch das beste rausholen:

Zitat Seite 134: „… schließlich ist die zweitschönste Art, eine Stadt kennenzulernen, das hoffnungslose Verirren.“

Interessant fand ich die Reiseart des „Platskartny“ (Seite 160), wenn ich das so las, bekam man große Lust, dies nachzuahmen. Allerdings ist es wie so oft, wenn man genaue Erwartungen hat, passiert meistens nichts, egal wie viel Proviant man zum teilen dabei hat.

Auf die Reiseerfahrungen in Kasachstan war ich besonders gespannt, da meine Nachbarin aus diesem Land kommt, und wir uns über Plov, riesige Melonen und große schmackhafte Pfirsiche unterhalten haben. Über Astana, mit seinem Beyterek (ähnelt einer Fußball-Worldcup-Trophäe). Kurz und knapp fand ich das auch im Buch wieder. Für ausführliche Informationen werde ich mir wohl aber noch einen Reiseführer über Kasachstan kaufen.

Der Schluss des Buches endet leider zu schnell mit dem Besuch der Terrakotta-Armee in Xiang, und der Ankunft in Peking und Shanghai.

Zitate zum Erzählton:

Seite 14: „Georgen – Aserbaidschan wäre eine Route – man vergesse Armenien; na, man hat Armenien ja schon vergessen, wenn mal wer fragt, wozu Armenien eigentlich gut ist, dem sei gesagt: Es ist im Weg. Sehr. Vier Grenzen, zwei davon dicht. Deswegen wohl trifft man wenig Armenier. Wenn mal wer fragt, warum, dem sei gesagt: Türkei Völkermorddifferenzen, Aserbaidschan, Bergkarabach.  …“

 Seite 31: „…ausreichend handzahm charmiert …“

Seite 47: „Eine zweistündige Exerzitie in Minderspaß, bis wir unsere Stempel haben.“

 Seite 48: „Geschriebenes Farsi ist mir natürlich reines Ornament …“

 Seite 101: „Die Straße hindurch ist breit, leer und gesäumt von ornamentalsten Straßenlampen in irrsinniger Strom-kost-nix-Menge, …“

 

Fazit:

Ein faszinierender Erzählton. Die Reise, eine Steigerung des bis dahin bekannten alternativen Reisens oder Backpacker-Reisens. Eine Steigerung zum Individualismus, nicht das abklappern der Kulturgüter sind entscheidend, sondern die Begegnungen mit Menschen. Und auch, hier ein passendes Zitat dazu:

Seite 20: „… Das Unbequeme, das Lästige, das Ärgerliche“ gehöre zum richtigen Reisen, so las ich unlängst Stefan Zweig zitiert“.

Dies ist kein Buch zum einfachen „runter lesen“. Der Erzählton, gewöhnungsbedürftig, nicht einfach und fast schon ein wenig sperrig, aber umso treffender, fast durchgehend pointiert, manchmal auch mit einen „running gag“, siehe „Too much suspicion ist a sin“.

Ich bin begeistert von dieser Reiserfahrung, weil sie mal etwas ganz anderes offeriert, untermauert mit einem subtilem witzigen Unterton. Am liebsten würde man sofort aufbrechen. Unterstützt wird dieses Gefühl von einer Auswahl Fotos.

Link zum Verlag/Buch: http://www.delius-klasing.de/buecher/Uebel+unterwegs.218366.html

Lieblingsbuch!

Falls jemand noch interessante Reiseliteratur zum Thema Zentral-Asien kennt, würde ich mich über einen Hinweis freuen.

 

Sonstiges, was mir an Reise-Erfahrungs-Literatur auf die Schnelle einfällt:

-Iran: Pruni Prasske – Mögen deine Hände niemals schmerzen

-Einmal rund um die Welt: Achilles/Rusch- Die beste Entscheidung unseres Lebens (Link zu meiner Rezi: https://buecherfuellhorn.wordpress.com/2016/05/14/achilles-friederike-rusch-phillipp-die-beste-entscheidung-unseres-lebens/)

-Russland/China: Julia Malchow – Mut für Zwei (Link zu meiner Rezi: https://buecherfuellhorn.wordpress.com/2016/06/28/malchow-julia-mut-fuer-zwei-mit-der-transsibirischen-eisenbahn-in-unsere-neue-welt/)

-Kanadas: Nicholas Vanier – Das Schneekind (Rezi folgt demnächst)

-Norwegen: Silvia Furtwängler – Nordwärts (eher eine Auswander-Geschichte), hier der Link zur Rezi: https://buecherfuellhorn.wordpress.com/2015/11/18/furtwaengler-silvia-nordwaerts/)


Wörter, echte und erfundene und zusammengesetzte:

  1. 10: Klimaanlagenausfalltod
  2. 13: „Die Stans“
  3. 23: „…urbanes Environments…“
  4. 29: Frontbeutler
  5. 31: hochkommod (?), Geront,
  6. 37: Phantastillion
  7. 47: Manteaus
  8. 76: selbstrefernziell, Obsthöker,
  9. 87: atrophiert
  10. 123: ubiquitär, Medressen
  11. 188: Nachbarnationendisstasche
  12. 218: Persimone
  13. 232: Bauchlüfter

 

 

 

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3 Kommentare zu “Uebel, Tina – Uebel Unterwegs

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