Tuckova, Katerina – Das Vermächtnis der Göttinnen

Tuckova, Katerina Das Vermächtnis der Göttinnen 978-3-421-04630-7 DVA-(Deutsche Verlags Anstalt)

Tuckova, Katerina
Das Vermächtnis der Göttinnen
978-3-421-04630-7
DVA-(Deutsche Verlags Anstalt)

Inhalt:

Uraltes Wissen, von Müttern an Töchter weitergegeben – eine abenteuerliche Spurensuche. Verstreut in den Weißen Karpaten liegen einzelne Hütten, weit entfernt von allem. Es ist die Heimat der weisen Frauen, die ihr Wissen seit Generationen weiterreichen. Sie gelten als Göttinnen mit magischen Heilkräften und der Fähigkeit, die Zukunft vorherzusehen. Warum nur haben sie ihre eigene nicht gesehen? Als Jugendliche muss Dora, die letzte der Göttinnen, miterleben, wie ihre Tante Surmena in die psychiatrische Klinik eingewiesen wird, und sie kehrt dem archaischen Leben den Rücken, verschreibt sich Fortschritt und Wissenschaft. Erst viel später, als die Archive der Staatssicherheit geöffnet werden, begreift sie, dass Surmena, wie auch die anderen Göttinnen, als regimefeindlich verfolgt worden war. Fassungslos deckt Dora bis dahin unbekannte Schicksale ihrer Familie auf. Eine Spur führt gar zu der von Himmler angelegten Hexenkartothek. Haben die Göttinnen etwa mit den Deutschen kollaboriert?
Ein mitreißender Roman über Macht, Korruption und Verrat in totalitären Regimen, über Rationalität und Magie.

Meine Meinung:

Eigentlich wurde ich auf das Buch nur durch den Titel und das Cover aufmerksam, wobei  der Zusatz „… aus den weißen Karpaten“ meine Neugierde weckte. Die Inhaltsangabe ist kurz umfasst und wird, wie ich jetzt nach dem Lesen feststellen muss,  dem Inhalt nicht gerecht. Womit ich in diesem Fall meine, die Geschichte ist viel viel besser, als es die Inhaltsangabe erwarten lässt.

Die Geschichte beginnt mit einem heftigen Auftakt: Die Mutter der Hauptprotagonistin Dora wird getötet. Der Name von Dora’s Tante Surmena war für mich anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. Sie ist eine Heilerin, und in der damaligen Zeit besaßen Heilerinnen Wissen, das für die Allgemeinheit unbekannt, und dadurch auch etwas mysteriöses und fremdes war. Aberglaube und Traditionen prägten diese Menschen.

Als Erwachsene recherchiert Dora für eine Diplomarbeit viel über „die Göttinnen von Zitkova“, und kann in alten und frei gegebenen Archiven nach Unterlagen ihrer Tante suchen, die im Sommer 1955 als regimefeindliche Person (Gefährdung der Gesellschaft) eingestuft wurde. Sie wurde damals  „unschädlich“ gemacht und in eine Anstalt eingewiesen; so wie man Regime-Gegner zu dieser Zeit halt „ausgeschaltet“ hat. Im Buch werden viele hinterhältige Ungerechtigkeiten und auch Unmenschlichkeiten geschildert, so dass es einem beim Lesen richtig eng ums Herz werden konnte. Tatsächlich gibt es solche Polizeiakten, Situationsberichte, Beobachtungsprotokolle und Gutachten heute in tschechischen und slowakischen Archiven zum nachforschen.

Diese Geschichte schildert stellvertretend, wie hilflos die Verfolgten waren. Wie hilflos auch die Familien zusehen mussten, an die Ohnmacht, wie man mit dem Gedanken an diese Ungerechtigkeiten leben kann. Ärzte, die zum Regime gehörten und „unerwünschte Personen“ die in Anstalten eingeliefert und den Ärzten ausgeliefert wurden, und niemals mehr zurück kehrten.

Schließlich werden die Nazis auf die „Göttinnen“ aufmerksam. Den SS Hexen-Sonderauftrag gab es wirklich. Das Interesse kam auf, weil die Göttinnen „germanische“ Traditionen pflegten.

Fazit:

Ich habe das Buch zu lesen begonnen und konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Der Schreibstil und Erzählton haben mir sehr gut gefallen und ich würde gerne mehr von dieser Autorin lesen. In der Geschichte war besonders der Teil aufwühlend, als die Göttinnen verfolgt wurden und der überraschende Teil, der historischen Bezug auf Himmlers Hexenkartothek nimmt. Frauenschicksale.  Außerdem zeigt die Geschichte die Ohnmacht der Bürger in einem paranoiden System. So wie ich es im Nachwort verstanden habe, existierten diese Frauen wirklich, und es gibt auch einen Zeitungsbericht „Bohyne na Zitkove“, der im Buch auf Seite 151 teilweise abgebildet ist.

Dieses Buch ist genau der Grund, warum ich gerne lese. Und auch gerne mal etwas anderes lese. Die Überraschung, das Thema und die Frauenschicksale in diesem Buch, die im großen und ganzen von wahren Begebenheiten erzählen, faszinieren mich. Der Blick hinter den Horizont lohnt sich, gerade in der Literatur.

 

Ausführlicher Inhalt:

*** Vorsicht Spoiler ***

Hauptprotagonisten Dora wird von ihrer Tante aufgezogen, eine der Heilerinnen aus Zitkova, nachdem ihr Vater vermutlich im Alkohol-Exzess die Mutter getötet hat. Dora wird von nun an von Tante Surmena groß gezogen, die sie einen „Engel“ nennt, eine geheimnisvolle Tradition, die zunächst sehr verwirrend für mich war. Doras jüngere Bruder hat das Apert-Syndrom, sie wird sich ihr ganzes Leben um ihn kümmern.

Nach einem Zeitsprung in die Zukunft befinden wir uns in den 80iger Jahren (?). Dora arbeitet an ihrer Diplomarbeit „Die Göttinnen von Zitkova“. Diese Göttinnen wurden von der damaligen tschechischen Regierung verfolgt und ausgerottet, man kann es gut mit der Hexenverfolgung vergleichen.

Surmena wird vieles vorgeworfen, sie sei eine Betrügerin, hätte schlechte Charaktereigenschaften, wäre ein Schandfleck fürs Dorf, führte ein verbotenes Unternehmertun, würde andere verleumden, würde unerlaubt und unqualifiziert ärztlich praktizieren … Es wurden ungeheure Anschuldigungen erhoben und im Sommer 1955 wird sie von der Regierung als „regimefeindliche Person“ eingestuft. Es wird verdeckt ermittelt und Surmena wird von der Regierung beschattet, sie ist nun eine „Gefährdung für die Gesellschaft und untergräbt im gefährlichen Ausmaß die Fundamente der sozialistischen Republik.“. Es ist unglaublich.

Surmena war zusammen mit andern Frauen eine sogenannte Heilerin.

Zitat Seite 42: „Wie ich die Ärzte kenne, bleibt jedem von ihnen, egal wie gut oder schlecht er ist, das Wichtigste verborgen – jede Krankheit des Körpers ist auch eine Krankheit der Seele. Das war das erste, was mir meine Mutter beigebracht hat, aber das haben die bis heute nicht begriffen.“

 

Die damaligen Heilerinnen besaßen ähnlich wie die Hexen Wissen über Heilpflanzen und Anatomie, dass der Allgemeinheit unbekannt war. Somit waren sie verdächtig, schuldig.

In den 70iger Jahren muss Dora als Jugendliche miterleben, wie ihre Tante in eine Anstalt eingeliefert wird. Eine Einweisung in die Psychiatrie, mit der Anweisung, den Verkehr zur Außenwelt zu unterbinden, der Kontakt zur Familie wird verboten, und dass alles, weil sie eine Heilerin war. Das war wirklich selber beim Lesen kaum auszuhalten, diese Ungerechtigkeit. Hinterhältig wird Surmena weiter verraten, mit Elektroschocks behandelt. Das alles, um Regime-Gegner auszuschalten. Dabei war Surmena nur Heilerin.

Nachdem sie eine Zielperson war, wurden Akten angelegt, und auch über Dora wurden Informationen gesammelt. Als Dora diese nach Jahren zu Gesicht bekommt, in den nun geöffneten Archiven, ist sie entsetzt. Sie fragt sich natürlich, wer aus dem Dorf diese Informationen gegeben hat, leider ist der Name in den Akten geschwärzt und somit unleserlich. Als später herauskommt, dass selbst der Arzt, der Surmena behandelte, auf Seiten des Regimes stand, kann man sich den Hass vorstellen, den Dora spürte.

Der Schluss war rätselhaft, und ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht, aber vielleicht hat der Fluch am Ende alle eingeholt …

Ich habe nachgeschaut, und die weißen Karpaten bzw. Zitkowa befindet sich –grob gesagt- mittig im Zentrum folgender Städte: Bratislava, Brünn, Ostrava, Krakau, Kosice, Budapest.

 

 

 

 

 

 

Advertisements

3 Kommentare zu “Tuckova, Katerina – Das Vermächtnis der Göttinnen

  1. Pingback: Glühwein-Abend 2016 in der Stadtbücherei Simmern/Hunsrück | buecherfuellhorn

  2. Pingback: Estes, Kelli – Die Seideninsel | buecherfuellhorn

  3. Pingback: Meine „Besten Bücher aus 2016“ | buecherfuellhorn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s