Held, Annegret – Armut ist ein brennend Hemd

Held, Annegret Armut ist ein brennend Hemd 978-3-8479-0593-6 Eichborn Verlag

Held, Annegret
Armut ist ein brennend Hemd
978-3-8479-0593-6
Eichborn Verlag

Inhalt:

Im 19. Jahrhundert herrschen im Westerwald Armut und harte Arbeit. Finchens Leben besteht aus Kuhstall und Kirmes. Sie betet inbrünstig zum Herrgott, muss aber auch den Herzog – und für kurze Zeit Napoleon – in ihre Gebete einschließen. Die Hoffnung von 1848 erfüllt sich im Westerwald nicht und als verheerende Hungersnöte das halbe Dorf hinwegraffen, ziehen fahrende Händler durchs Dorf, die hübschen Mädchen ein besseres Leben in London versprechen. Wie groß muss die Not sein, bis du dein Kind verkaufst?… (Quelle Eichborn Verlag)

Meine Meinung:

Dieses Buch wurde auf dem Bücher-Glühweinabend 2015 der Stadtbücherei Simmern vorgestellt. Vorher hatte ich das Buch gesehen – es lag mit den anderen Neuerscheinungen auf einem Auslagetisch und hat mich überhaupt nicht angesprochen. Weder vom Cover noch vom Inhalt.

Dies änderte sich, als Frau Heinrich von der Rottmann Buchhandlung dieses Buch den Gästen des Glühweinabends präsentierte. Eine geschickt ausgewählte Textstelle wurde vorgelesen und ich wurde neugierig, obwohl diese Epoche und Zeitgeschichte bisher nicht so ganz mein Thema waren.

Dieses Buch musste ich aber lesen.

Ein paar Wochen später hielt ich es in den Händen und war nun doch wieder etwas misstrauisch. Konnte mir das gefallen? Ich war nicht sicher und fing an zu lesen und meine Befürchtungen schienen sich zu Bewahrheiten: Altmodisch und Dialekt, ich dachte, das geht nicht. Aber – es ging doch! Ich möchte zukünftige Leser hier ganz eindrücklich bitten, sich erst in das Buch einzulesen, einzufühlen und es auf sich einwirken zu lassen. Das ist nicht ganz einfach, aber es wird sich auf alle Fälle lohnen.

Fazit:

Ein Heimatroman, das hörte sich für mich zunächst „na ja“ an; ich bin ganz und gar nicht der typische Leser für dieses Genre. Hier wurden ganze Passagen mit wörtlicher Rede in Dialekt geschrieben, das war für mich am Anfang schwierig, oder eher gewöhnungsbedürftig zu Lesen. Aber am Schluss, nach dem Lesen, da klang mir dieser O-Ton noch lange in den Ohren. Die „alten“ Namen, oft noch abgekürzt oder verniedlicht („Bettchen“ leitet sich von Elisabeth ab), auch hier tat ich mich stellenweise schwer. Es wäre auch schön gewesen, die Autorin hätte in einem Nachwort ein paar der Wörter aus dem Dialekt übersetzt.

Aber es mich dann gepackt, und was einen dann in diesem Buch erwartet, lässt sich mit den Worten auf dem Klappentext des Deutschlandfunkes zitieren „ Knorrig, Eigensinnig, Wunderbar“. Das trifft es ganz genau. Ich kann es nicht gut in Worte fassen, was der Autorin allzu gut mit ihrem wirklich außergewöhnlichen Schreib- und Erzählstil gelungen ist. Man muss es gelesen haben, der Geschichte entwickelt einen Sog, den ich nicht erklären lässt. Den Dialekt kann man nach dem Lesen fast schon ein wenig vermissen. Ein ganz und gar außergewöhnliches Buch, das ich vielen ans Herz legen möchte. Wer den Film „Heimat“ mag, muss auch dieses Buch lesen!

Empfehlenswert !

 

 

 

Ausführlicher Inhalt und Anmerkungen:

 

* * * Vorsicht Spoiler * * *

 

Die Geschichte beginnt 1806 in dem Westerwälder Dorf Scholmerbach. Dies ist über Nacht französisch geworden und alle mussten dies feiern, ob sie wollten oder nicht. Der Schultheiß (Bürgermeister) muss nun „Maire“ genannt werden, es heißt Canton Wennerode und Arrondissement Dillenburg. Der Code Civil wird angewandt, das französische Gesetzbuch.

Zitat Seite 13: Den Franzosen untertan! Wer von Scholmerbach wollte den Franzosen untertan sein? Keiner konnte hier vergessen, wie die Soldaten 1796 Reyhe so verwüstet hatten, das arme Reyhe, sie hatten dort Gäule in die Kirche gestellt und an die Wände gepisst, alles Vieh weggenommen und die Häuser ausgeplündert und die Ernte zerstört, alle sind fortgerannt mit weinenden Augen.

Die Hauptprotagonistin, der rote Faden der sich durch diese Geschichte zieht, ist/handelt von Finchen. Finchen ist 1806 elf Jahre alt und lebt in Scholmerbach. Der Leser darf sie bis zu ihrem Tod begleiten, erlebt mit ihr Verliebtsein, Krieg, Heirat, Kinder, Arbeit, die Sorgen und Nöte um die Kinder, das Leben im Alter und Armut. Bitterste Armut, bitterster Hunger. Ich kann das hier so einfach schreiben, aber man muss es gelesen haben, dieses Leben, diese Armut zieht einen mit Entsetzen in Bann.

Finchen Bruder Heinrich hat schlimmen Kopfgrind, dagegen half damals nur Krötenpulver. Weil es aber in Scholmerbach keines gab, hat Finchen selber welches hergestellt. Man kann nicht glauben, dass es wirklich geholfen hat, immerhin hat Heinrich überlebt.

Finchen, ihr richtiger Name ist Josefine, wacht eines Nachts neben ihrer toten Tante auf. Es war normal, mit mehreren Personen unter einer Decke zu liegen, wer ein Bett hatte, war reich.

Finchen wird älter, und wünscht sich mit 19 Jahren lediglich endlich mal ein paar Schuhe. Ihre beste Freundin ist Lina, die in noch ärmeren Verhältnissen als sie groß geworden ist. Finchen verliebt sich in Konrad, den Sohn des Zimmermanns. Ihre Mutter stirbt mit 45 Jahren völlig ausgezehrt von der jahrelangen Arbeit, Hunger, Kälte und den vielen Geburten an Nervenfieber und Finchen kümmert sich nun weiter um den Haushalt.

Zitat Seit 77: „Dabei hatte sie doch mit ihren 45 Jahren noch ein schönes Alter erreicht nach den insgesamt 12 Geburten. Kaspar musste nun alsbald über den Kummer hinwegkommen und sich eine neue Frau suchen, der Müller und der Paulinchens hatten schließlich jeder schon seine dritte.

Finchen verliebt sich in Konrad, der traumatisiert aus dem Krieg nach Hause kommt und auf wundersame Weise dann doch „geheilt“ wird. Sie heiraten, Finchen und ihr Mann Konrad, Finchen’s Geschwister und Finchen‘s Vater, der doch nicht mehr geheiratet hat, leben zusammen in einem Fachwerkhaus, das Konrad als Zimmermann selbst gebaut hat.

1833: Alle leben zusammen in dem neuen Fachwerkhaus. Finchen bekommt 11 Kinder, jedoch nur sieben überleben. Die Kindersterblichkeitsrate in Scholmerbach ist hoch. Für Kinder unter zwei Jahren wird noch nicht mal mehr der Arzt gerufen. Nur das stärkere überlebt.

Neue Zeiten brechen herein, die erste gusseiserne Herdplatte hält Einzug, endlich sind die Zeiten der verräucherten Häuser vorbei. Wie gut es sich nun im Haus atmen lässt. Ein neues Gesetzt regelt, dass alle Kinder Winters wie Sommers die Schule besuchen müssen. Hierfür müssen die Kinder ordentlich gekämmt und gewaschen sein, die Kleidung darf geflickt – muss aber ordentlich sein.

Bei Nichterscheinen in der Schule müssen die Eltern Strafe zahlen. Immerhin lernen die ersten Kinder so lesen und schreiben.

1847 + 1849: Eine andere Protagonistin übernimmt den roten Faden der Geschichte: Bettchen (Elisabeth), die Tochter von Finchen ist 14 Jahre. Die folgenden Jahre werden immer schlimmer, Hunger, Armut, Schulden … Ein Esser mehr, ein Esser weniger. So wird gerechnet. Die ersten Familien schicken ihre Töchter mit Händlern „in die weite Welt“. Auch Bettchen muss gehen. Sie wird mit nach London genommen und muss dort in Hafenkneipen tanzen, deutsche Lieder singen und schlimmeres. In Scholmerbach sterben die Kinder, sterben die Menschen wie die Fliegen. Der Hunger, die Kälte, auf dem Friedhof ist nicht mehr viel Platz. Der arme Westerwald. Auch anderen Ortes ist es nicht besser. Wie in Scholmerbach geht auch in Irland die Kartoffelfäule um.

Dennoch, es gibt erste Anzeichen einer Art Revolution. Der „Freiheits“-Gedanke verbreitet sich, die Scholmerbacher nehmen ihr Schicksal selber in die Hand, bis das strenge Regiment der Preußen wieder alles in geregelte Bahnen lenkt.

In dieser Geschichte ist der Hunger sehr eindrücklich beschrieben. Die Lebensmittel waren knapp, zu kaufen gab es kaum etwas und wenn, hatte keiner Geld. Die Kartoffelernte wurde Jahr um Jahr ein Glückspiel, der Boden war ausgelaugt, leerer als leer, Kaffee wurde aus gerösteter Gerste hergestellt, es gab nur Haferbrei, Zuckerschnaps, Brennesselsuppe oder Muus und im schlimmsten Winter Brot aus Sägespänen. Kartoffelfäule, Hunger, Kälte, schwere Arbeit und Schulden drücken die Menschen nieder.

Die Zeit ist noch stark geprägt von Aberglauben und auch an einen festen Glauben an Gott und den Teufel. Es wird viel gebetet.

Ein paar Wörter aus dem Dialekt: Hinkel, Mäckesser, Hollefännes, Zores (S. 214), Bollesjen (S. 245), gebenedeit (S. 222),

Etliche Passagen in wörtlicher Rede sind im Dialekt geschrieben. Gerade am Anfang fiel es mir sehr schwer, diesen zu lesen. Das Verstehen fiel mir einfach, wahrscheinlich, weil ich einen ähnlichen Dialekt spreche. Hier einfach mal so lose einige Zitate:

  1. 65: „Tut dat Vieh in die Kiste! … Dou Verreckebalg, dou kleiner Drecksack, eysch reißen dir mal die Haare aus, dou Missgeburt, gib mir dat Hinkel!“
  2. 32: „Dou Ellinger Mäckes!, schrie Margarete. –Dou seyst ein Mäckes und bleibst ein Mäckes. Mir wissen all noch, wie dou mit der Kiez durch den Wald gerannt bist!“
  3. 46: „Hör off, Heinrich! Eysch haue dir den Bobbes!“

S.61: „Ihr seid alles Säu! Hanne! Hanne! Mach mal dem Johann dey Schisslumpe sauber! … – Dou Buxenschisser! Als und als machst dou in die Bux!“

Fazit:

Ein außergewöhnliches Buch, das einen vielleicht nicht auf den ersten zwanzig Seiten in den Bann zieht, aber dann! Man will es nicht mehr aus der Hand legen und gerade die wörtliche Rede im Dialekt macht das Buch so prägend und authentisch. Ich hatte das Finchen gerade regelrecht realistisch vor Augen und Ohren.

 

 

Advertisements

2 Kommentare zu “Held, Annegret – Armut ist ein brennend Hemd

  1. Pingback: Meine „Besten Bücher aus 2016“ | buecherfuellhorn

  2. Pingback: Neuzugänge 2017-1 / im Januar | buecherfuellhorn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s