Bolt, Britta – Das Büro der einsamen Toten (Band 1)

Bolt, Britta Das Büro der einsamen Toten Band 1 Der erste Fall für Dieter Posthumus 978-3-455-40528-6 Hoffmann und Campe

Bolt, Britta
Das Büro der einsamen Toten
Band 1
Der erste Fall für Dieter Posthumus
978-3-455-40528-6
Hoffmann und Campe

Inhalt:

Er ist kein Polizist, kein Privatdetektiv – und trotzdem dreht sich in seinem Leben alles um den Tod. Im „Büro der einsamen Toten“ bei der Stadt Amsterdam kümmert sich Pieter Posthumus um die einsamen Toten – Menschen ohne Angehörige, Menschen, die keiner vermisst – und richtet ihnen ein würdiges Begräbnis aus, mit Musik und Gedichten. Bei seinen Recherchen stößt er auf so manche Ungereimtheit. In der Prinsengracht ist die Leiche eines jungen Mannes gefunden worden. Die Umstände seines Todes sind mysteriös. Posthumus nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen auf und gerät in ein Netz von Intrigen …

Meine Meinung:

Gerne lese ich auch Krimis und bin so auf dieses Buch gestoßen. Das besondere Cover mit einer Pistole in blauer Porzellanbemalung (Delfter Fliesen?) ist sehr einprägsam und als ich es schließlich in meiner Stadtbücherei entdeckte, lies ich mich gleich auf die Warteliste setzen.

Das Setting in einer fiktiven Amsterdamer Behörde, genauer das Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen, hörte sich originell an.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, natürlich aus der des Hauptprotagonisten, Dieter Posthumus, der in eben diesem oben genannten Amt arbeitet. Ein zweiter Erzählstrang sind die Ermittlungen des fiktiven niederländischen NASD, dem Geheimschutz. Hier kommen zwei Protagonisten erzählend zum Zug: Die Ermittlerin Lisette und ihr Vorgesetzter Veldhuizen. Außerdem gibt es Einsichten in das marokkanische Emigranten-Milieu Amsterdams, das aber ebenso gut in jeder anderen Großstadt sein könnte.

Dieter Posthumus arbeitet im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen, 47 Jahre jung; sein Bereich sind die einsamen Toten. Er gibt aber den Toten ihre Würde zurück. Dies kann ein enormer Verwaltungsaufwand sein, wenn man wie Posthumus sehr genau und neugierig recherchiert, sich vielleicht auch öfters mal verzettelt. Die Wohnungen der Toten müssen ausfindig gemacht werden, zu zweit wird dort nach evtl. Papieren wie Testamente oder Adressen von näheren Angehörigen gesucht. In Posthumus Kollegium arbeiten noch zwei weitere Angestellte, zum einen sein etwas mysteriöser Kollege Sulung (wohltemperiert, unauffällig, freundlich, merkwürdig, 42 Jahre) und die sehr effiziente Maya, die für Posthumus in ihren Augen unnötigen Nachforschungen keinen Sinn sieht. Posthumus Verbündete mit sizilianischen Wurzeln und schwarzer Lockenmähne ist die 22-jährige Alex, sie arbeitet am Empfang, verteilt die Fälle und Termine.

Posthumus Familie besteht aus seiner Ex-Freundin Anna, der Wirtin des „Dolle Hond“, der ältesten Kneipe Amsterdams. Freundschaftlich verbunden treffen sich die beiden regelmäßig, auch zum kulinarischen Schlemmen, eines von Posthumus Hobbies. Überhaupt, er erscheint mir sehr gentleman-like: immer adrett angezogen, auf kulinarische Genüsse spezialisiert und kulturell interessiert. Ein ruhiger und besonnener Zeitgenosse. Stille Wasser sind tief, im Laufe der Geschichte taucht seine Nichte Merle auf und weckt damit alte Schuldgefühle, die seit einem bestimmten Vorfall vor Jahrzahnten auf Posthumus lasten.

Parallel zu Posthumus Nachforschungen ermittelt Lisette im Auftrag des niederländischen Geheimdienstes mit ihrem Team. Sie hat mit der Autorität von ihrem Vorgesetzten Veldhuizen zu kämpfen und der Leser erfährt sehr schnell, dass dieser ein doppeltes Spiel im aktuellen Fall treibt. Es geht wie immer um Karriere und Macht. Lisette und ihr Team beobachten im marokkanischen Milieu eine Gruppe junger Marokkaner, die sich verdächtig benehmen und Worte wie Terrorzelle, Hassprediger und Bombenanleitung treiben das Team auf ein bestimmtes Finale zu.

Ins Visier der Geheimdienstler und von Posthumus gerät eine marokkanische Familie, die eigentlich sehr offen mit der westlichen Mentalität umgeht. Dennoch schlittern die Halb-Erwachsenen Kinder von Familie Tahiri, Najib und Aissa, in eine Identitäts-und Sinneskriese. Aissa trägt z.B. freiwillig Kopftuch, obwohl ihre Mutter keines trägt und sie auch von niemanden dazu gezwungen wird. Najib erwischt es richtig heftig, er findet keine Arbeit, und sucht Hilfe in seiner Religion und unter seines Gleichen. Nichts ahnend, dass damit eine Lawine in Gang gesetzt wird, die nicht mehr zu stoppen sein wird.

Das Setting in Amsterdam ist wunderbar: Straßen, Grachten, Giebelhäuser, Fahrradfahrer usw., es gibt viele beschauliche (oder auch weniger) Szenen. Posthumus wohnt in einer noch angenehmen Wohngegend, und ich als Leser erhielt kleine Einblicke in das Amsterdamer Alltagsleben, z.B. die schmalen Häuser mit den engen Treppen, die Grachten, die Fahrradfahrer, einkaufen, die Touristen etc.

Mit dem ja doch schon irgendwie offenen Ende bin ich nicht so ganz zufrieden. Ich frage mich, ob Lisette und ihr Team auch im zweiten Band erscheinen. Überhaupt, wie geht es im Kollegium von Posthumus weiter? Der merkwürdige Sulung, zu dem ich auch einige Überlegungen angestellt hatte, ja, ich hatte ihn sogar auch verdächtig in den Fall verwickelt zu sein. Die Auflösung für sein Verhalten kam am Schluss des Buches und wirkte auf mich sehr aufgesetzt. Alex ist sicherlich auch noch „ausbaufähig“ und Maya könnte weiterhin den Widersacher-Part übernehmen. Lassen wir uns überraschen.

Fazit:

Das Amsterdamer Flair kam gut zur Geltung, auch wenn es vielleicht an manchen Stellen zu romantisiert war. Aber dennoch ist die Beschreibung gut gelungen, wie sich ein Angestellter in Amsterdam fortbewegt und gerade diese alltäglichen nebensächlichen Dinge habe ich gerne gelesen.

Dennoch hatte die Geschichte für mich am Anfang eine etwas sperrige Sprache, im weiteren Verlauf fiel dies aber nicht mehr auf. Alles passiert relativ unaufgeregt, selbst wenn es aufregend ist. Dies liegt am ruhigen Erzählstil, an dem Dieter Posthumus den größten Anteil hat. Er ist ein ruhiger und gemütlicher Zeitgenosse.

Auf der anderen Seite gibt es Einblicke in das Leben einer „angekommener und angepassten“, modernen liberalen marokkanischen Familie. Es zeigt, dass es zur Radikalisierung des jungen und unbescholtenen Najib bis hin zum zukünftigen Terroristen nicht viel braucht.

Dieser erste Band um den eher unfreiwilligen Ermittler Dieter Posthumus ist in meinen Augen nicht ganz „rund“. Das liegt zum einem an Posthumus selber, der einen sehr behäbigen Eindruck macht und überhaupt auch an einigen flachen Charakterisierungen der Hauptpersonen. Hier hätte ich mir mehr Inneneinsichten gewünscht.

Dennoch, im März 2016 erscheint der zweite Band und ich werde diesen auf allen auch lesen.

 

Dieter Posthumus Serie

Band 1 – Das Büro der einsamen Toten

Band 2 – Das Haus der Verlassenen Seelen (März 2016)

 

 

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