Kuttner, Sarah – 180 Grad Meer

Kuttner, Sarah 180 Grad Meer 978-3-10-002494-7 S.Fischer Verlage

Kuttner, Sarah
180 Grad Meer
978-3-10-002494-7
S.Fischer Verlage

Inhalt:

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität. Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat.
Eine tragikomische Road-Novel über das komplizierte Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Wunsch, Urlaub von sich selber machen zu können.

Meine Meinung:

„Schande über mein Haupt“ (?), denn ich kannte Sarah Kuttner einfach nicht. Weder aus dem Fernsehen, noch als Autorin. Ich glaube, ich wurde das erste Mal auf dieses Buch durch eine Werbeanzeige im „Börsenblatt des Buchhandels“ aufmerksam. Dennoch hatte ich so gar keine Ahnung, was mich hier erwarten würde.

Die Hauptprotagonistin Jule ist genau so, wie es in der Inhaltsangabe geschrieben steht, ihr Leben ist nur noch erträglich und sonst nichts. Sie laviert durch den Tag, ohne Sinn und Ziel. Sie ist frustriert, Gefühlskalt, von allem genervt und alles leid, egal, will alles nur hinter sich bringen, ist emotional fertig und depressiv.  Sie ist kein „netter“ Charakter, niemand, der sich mir als Leser schnell erschließen würde, und dennoch übte sie eine seltsame Faszination auf mich aus. Gleich auf der ersten Seite des Buches gibt es ein passendes Zitat dazu:

Zitat Seite 11: „Ich bin nicht greifbar. Wie ein winziger Schauer, der einem über das Rückgrat fährt, ein Wort, das einem nicht einfällt, das ungute Bauchgefühl, wenn doch eigentlich alles glattgelaufen ist. So bin ich.“

Es ist eine traurige Geschichte. Kinder, die für ihre Eltern sorgen müssen, die Rollen vertauscht. Daran hat Jule ihr ganzes Leben zu knapsen, das machte sie zu dem, was sie ist.

Zitat Seite 129: „Weißte, kann schon sein, dass es schwerer ist, jemanden zu lieben, der sich selbst nicht mag. Aber auf der anderen Seite muss so jemand vielleicht ganz besonders liebgehabt werden? Als Unterstützung quasi. Wie Stützräder. Solche Leute brauchen Stützräder. So!“

Sie braucht Zuwendung, und holt sich das bisschen von ihrem Freund Tim, ganz in ihrer speziellen Art mit dem  „Achselhöhlen schnüffeln“ (zum Beispiel auf Seite 27). Das hört sich jetzt schlimmer an, als es ist und wird ganz zärtlich erzählt. Hier eine ähnliche Situation, die man nur verstehen kann, wenn man das Buch gelesen hat. Und selbst dann lässt sich dieser Satz nur schwer in erklärende Worte fassen. Man muss einfach nur mitfühlen, oder selbst solche psychologischen „Höhle in der Höhle“ Orte kennen. Sara Kuttner schreibt geniale Sätze. Sie hat einen, ich nenne es jetzt mal, sezierenden Schreibstil.

Zitat Seite 136: „Von den Umständen abgesehen, ist dies hier eine wirkliche wundervolle Kombination: ein Zug und Tim. Erneut eine schöne „Höhle in der Höhle“ Situation. Die englische Variante meines Matroschka-Zuhauses.“

Zitat Seite 78: „In einer sich wohlig und sicher anfühlenden Situation wurde ich, erneut, von einem mir nahestehenden Menschen genötigt, mich falsch zu verhalten.“

Zitat Seite 80: „…jemanden, der keine Arbeit macht, zumindest nicht emotional.“

Eine subtile Spannung lies mich immer weiter lesen und besonders die Eigendynamik, die die Geschichte entwickelte, als Juli ehrenamtlich in einem Seniorenheim arbeitet.

Julie selber möchte ihre Eltern-Beziehung gerne als eine Art „Indiefilm über Familie und tief verwurzelte Liebe trotz aller Widrigkeiten“ sehen, und lies mich auf ein versöhnliches Ende mit ihrem Vater hoffen.

Auf Seite 73 erklärt Jule den Titel des Buches.

Fazit:

Die Geschichte hat einen außergewöhnlichen Sprach- und Erzählstil, der mir sehr zusagte und mich nun sogar noch nach weiteren Büchern der Autorin suchen lässt. Es gibt viele intelligente Sätze, die fast schon psychologisch-analytisch durchdacht sind, aus einer Sichtweise, die ich so noch nicht gesehen habe. Irgendwie auch spröde, aber dennoch sehr wirkungsvoll. Die Handlung ist einfach, aber das Innenleben der Protagonisten kompliziert und mit einen feinen subtilen Spannungsbogen detailliert beschrieben, der mich immer weiter lesen lassen wollte.

 

Sonstiges:

Ein ganz anderes Thema, ich bin leider sehr affin für sehr Nebensächliches, speziell was Kochrezepte angeht, die in einer Geschichte nebenbei erwähnt werden. Deswegen möchte auch unbedingt das Würstchen-Reis Rezept auf Seite 24 erwähnen.

Würstchen-Reis-Rezept

Zitat Seite 24: „Würstchenreis ist alles, was wir kochen können. Es ist außerdem unsere gemeinsame Kreation: Reis, gebratene Würstchen und Zwiebeln, Currypulver, Cayennepfeffer und Ketchup. Lauter Lieblingslebensmittel in einer Pfanne zusammengemischt.“

 

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