Hooper, Emma – Etta und Otto und Russell und James

Hooper, Emma Etta und Otto und Russell und James 978-3-426-28108-6 Droemer

Hooper, Emma
Etta und Otto und Russell und James
978-3-426-28108-6
Droemer

Inhalt:

Die 83jährige Etta hat noch nie das Meer gesehen. Mit etwas Schokolade, Wanderschuhen und einem Gewehr macht sie sich daher auf den 3232 Kilometer langen Weg an die Ostküste Kanadas. Ihr Mann Otto lässt sie ziehen – trotz aller Sorge. Er ist vor vielen Jahren selbst zu einer großen Reise aufgebrochen, um in einem fernen Land zu kämpfen. Ihr gemeinsamer Freund Russell hingegen will Etta zurückholen und verlässt zum ersten Mal in seinem Leben

die heimische Farm. Auf ihrer Wanderung trifft Etta den Kojoten James, der sie durch das staubtrockene Land begleitet. Je näher Etta der Küste kommt, desto lebendiger werden die Erinnerungen der drei alten Freunde – Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, an Zeiten des Krieges, an Hoffnungen und versteckte Gefühle, aber auch an Erfahrungen, die sie nicht miteinander geteilt haben. (Quelle Droemer)

Meine Meinung:

Die Wahrscheinlichkeit dass ich irgendwann mal auf dieses Buch gestoßen wäre, ist tatsächlich gering gewesen. Und selbst wenn, das Cover ist nicht so anziehend, nur der merkwürdige lange Titel fällt auf. Wenn man das Buch gelesen hat, versteht man auch die versteckten Zeichen in den Namen, z.B. im Wort „Russel“ das Geweih. Das Buch wurde von Frau Heinrich von der Rottmann-Buchhandlung am Glühwein-Abend im November 2015 vorgestellt und nun, drei Monate später halte ich ein Exemplar in den Händen.

Vorneweg, ich hatte es nicht vor, aber ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Es war subtil spannend, und viele bedeutsame Leerstellen ließen mich schnell vorankommen, mit dem Lesen.

Eines der besonderen Bücher, die nachwirken. Ich habe noch lange nach dem Schluss wachgelegen und darüber nachgedacht. Eines der Bücher, wo man nach dem Schluss am liebsten eine Freundin anruft die es ebenfalls gelesen hat, um Fragen zu erläutern:

Was geschah wirklich?

Hatte Etta an Stelle xy im Buch eine Fehlgeburt?

War James echt? Oder war er nur der gute Geist?

Warum wirft James den Zettel/Brief weg?

Warum saß Etta damals bei Russel hinter dem Schuppen, nachts, im hohen Gras und wippte auf und ab?

Isst sie wirklich ein rohes Erdhörnchen?

Warum war da ein Sicherheitszaun, als Emma das Meer erreichte?

Kommt Russel zurück?

Was ist mit Winnie passiert?

 

Vordergründig erscheint es einfach, aber das Buch hat Poesie, ohne allzu poetischer Sprache. Diese findet man zwischen den Zeilen, wenn man ein sensibles Gespür dafür hat.

Einzig und allein das um Etta ein Kult gemacht wird, kam mir wie ein Plagiat vor. Ähnliches ist im Buch „ die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“, oder in den Filmen „Forest Gump“ und „The Straight story – eine wahre Geschichte“ zu lesen bzw. zu sehen. Das hat mir schon ein wenig die Lesefreude verdorben. Emma wird eine Berühmtheit und dadurch wird die Geschichte ein wenig beliebig.

Allerdings, die Geschichte um Etta und Otto und Russel und James ist so lesenswert in ihrer Einfachheit. Das Setting ist eine Farm in Saskatchewan/Kanada in der Zeit kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Es war ein einfaches und armes Leben, und dennoch hatte man seine Familie. Otto und Russel, Freunde von Kindesbeinen an, bis ins hohe Alter. Die Liebe nach einer Frau. Und trotzdem immer freundschaftlich verbunden. Ich liebe ja diese Erzählungen über alte Männerfreundschaften mit richtigen Ecken und Kanten, knorrig, knurrig und mit Charakter.

Die Arbeit auf der Farm, Kinder mussten damals überall mit anpacken. Die Schulzeit, damals eher unwichtig, man hat sich in der Erntezeit abgewechselt. Notzeiten, Ernteausfälle, persönliche Unglücke, 2. Weltkrieg. Die Geschichte nimmt ihren Lauf und wird in zwei Handlungssträngen erzählt, zum einen, damals auf der Farm und dann das Heute.

Meine Lieblingsstelle im Buch:

Rührend fand ich den „Briefwechsel“ von Otto an Etta, die er ja irgendwo unterwegs schwer erreichen konnte. Das hörte sich stellenweise nach Herz-Schmerz an, aber gerade zu dem folgenden Zitat gibt es keine weitere Erklärung mehr. Der Leser selbst muss entscheiden, was geschehen sein könnte.

Zitat Seite 42: „Du bist gegangen, weil du das Meer sehen willst, und du sollst es sehen. Etta, wirklich, aber falls du aus irgendwelchen anderen Gründen gegangen sein solltest, falls du etwas entdeckt oder auch nicht entdeckt hast, was immer du mir nicht persönlich sagen wolltest, kannst du es mir gern auf diesem Wege sagen. Sag es mir auf diesem Wege, und danach brauchen wir außerhalb von Papier und Tinte (beziehungsweise Bleistift) nie mehr darüber zu sprechen.

Fazit:

Eine wunderschöne Geschichte die wie ein heißer Sommer flirrend und unsichtbar wabernd an einem vorbeizieht. Man möchte sie anhalten, mitgehen. Die Tage auf der Farm, arbeitsreich und trotzdem zufrieden sein. Abends alle am Tisch zusammen. Freundschaften fürs Leben. Familie fürs Leben. Wenige Worte werden gemacht, man versteht sich auch so. Älterwerden mit solchen Freunden ist ein Geschenk. Mir haben am Besten die langen Tage auf der Farm und die Freundschaft von Etta und Otto und Russel gut gefallen. Nicht zu vergessen James, der gerade aus einem Roman von Isabel Allende entsprungen sein könnte.

Einziger Negativpunkt war die Ähnlichkeit von Etta’s Pilgerreise mit bestimmten anderen literarischen und filmischen Figuren.

Für diese Geschichte muss man eine gewisse Sensibilität haben, Poesie ohne poetisch zu sein zwischen den Zeilen zu lesen, mit den Figuren mitzugehen, und noch viel weiter. Mich hat sie berührt. Für alle anderen wird es eine beliebige Geschichte bleiben.

Lieblingsbuch!

 

Ausführlicher Inhalt:

***Vorsicht Spoiler***

Etta:

83 Jahre, dement, macht sich auf den Weg, um das Meer zu sehen, zu Fuß über 3000km

 

Otto:

Lebt mit seinen 14 Geschwistern auf einer Farm, alle haben Segelohren,

 

Russel:

Vater früh gestorben, Mutter bringt ihn zu Tante und Onkel auf eine Farm, er wächst mehr oder weniger mit Otto uns seinen Geschwistern auf, nach einem schrecklichen Unfall sind seine Beine verkrüppelt,

 

James:

Ein Coyote, ist er echt oder ein guter Geist? Kann er wirklich reden?

 

Heute:

Etta geht los, will das Meer sehen. Otto ihr Ehemann, hält sie nicht auf. Er weiß, dass sie es tun muss.

Etta hinterlässt Otto verschiedene Karten, auf denen genau steht, was wie zu tun ist, z.B. wie wird der Ofen gereinigt, wie prüft man Hefe und natürlich ganz viele Kochrezepte.

Russel hält immer nach Hirschen Ausschau. Auch das hat einen guten Grund. Etta verabschiedet sich von ihm, unmerklich. Eine Woche später macht Russel Otto Vorwürfe, dass er Etta alleine gehen hat lassen. Russel macht sich die Suche, Otto nicht. Otto weiß warum.

Rührend fand ich den „Briefwechsel“ von Otto an Etta, die er ja irgendwo unterwegs schwer erreichen konnte. Das hörte sich stellenweise nach Herz-Schmerz an, aber gerade zu dem folgenden Zitat gibt es keine weitere Erklärung mehr. Man könnte sich etwas zusammen reimen.

Zitat Seite 42: „Du bist gegangen, weil du das Meer sehen willst, und du sollst es sehen. Etta, wirklich, aber falls du aus irgendwelchen anderen Gründen gegangen sein solltest, falls du etwas entdeckt oder auch nicht entdeckt hast, was immer du mir nicht persönlich sagen wolltest, kannst du es mir gern auf diesem Wege sagen. Sag es mir auf diesem Wege, und danach brauchen wir außerhalb von Papier und Tinte (beziehungsweise Bleistift) nie mehr darüber zu sprechen.

Etta ist unterwegs, manchmal verwirrt, manchmal klar im Kopf. Zur Sicherheit hat sie einen Zettel mit ihrem Namen und den Namen ihrer Angehörigen. Sie läuft sich die Füße blutig und wacht morgens davon auf, dass ihr ein Cojote die Füße leckt. So beginnt eine außergewöhnliche Freundschaft, in der für mich nicht klar war, ist der Cojote James echt oder nicht? Und ist es überhaupt wichtig? Er ist einfach der gute Geist der Etta auf dem Weg hält. Warum ihn Etta „James“ nennt, hat einen guten Grund.

„Das Geheimnis der Queenie Hennessy“, die Forstsetzung von „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“, auch hier gab es einen ich nenne es jetzt mal „magischen Helfer“ ähnlich wie James. Die Pflegerin, die Queenies Geschichte aufschrieb und die am Schluss verschwunden blieb, die es nie (?) gegeben hat.

Russel ist ein guter Spurenleser, da Etta aber ihr erstes paar Schuhe/Stiefel kaputt gelaufen hat, musste sie sich neue kaufen. Und Russel kannte nur Ettas alte Spuren. Deswegen fragt er in Geschäften herum. Ich fand das so süß – er hatte ein 60 Jahre altes Hochzeitsfoto von Etta und Otto in seinem Portemonnaie.

Etta wird zufällig von einem Fotografen fotografiert. Das Bild von ihr und von James ist sehr ausdrucksstark und gefällt der Öffentlichkeit, die nun beginnt, ihr auf der Spur zu bleiben. Derweil weiß Russel von dem Schuh-Wechsel und findet Etta kurze Zeit später in der Wildniss. Sie erkennt ihn aber nicht, sondern erst am nächsten Morgen. Sie empfiehlt ihm, endlich dass zu tun, was er schon immer tun wollte konnte. Und sie will alleine weitergehen. Ich war mir nicht sicher, liebte sie Russel? Ich glaube freundschaftlich, ja. Aber ich bin überzeugt, dass Russel sie stillschweigend immer lieben würde.

Otto wird von seinem Neffen über Ettas Foto in der Zeitung informiert. Er käuft alle verfügbaren Zeitungen mit dem Foto, sage und schreibe 326 Stück, und schneidet das Foto heraus. Was aber tun mit den Zeitungen? Zufälligerweise ergibt sich eine kreative Handlung, für die er viele Zeitungen braucht, weil aus einer Anfangsidee nach und nach so viel mehr wird.

Cojote James tappt in eine Falle und Etta trägt in ein Stück des Weges. Sie versorgt ihn, so wie er sie auch schon versorgt hat.

Etta wird berühmt, überall an den Straßen, an denen sie vorbeikommt, wenn sie Vorräte einkaufen muss, stehen sie Spalier: Reporter, Mütter, normale Menschen. Etta mag das nicht. Und ich ehrlichgesagter Weise mochte das auch nicht. Es erinnerte mich an andere Bücher, ich dachte an Nachahmung und dass die Geschichte dadurch beliebig wirkt. Schade.

Zur gleichen beginnt Otto daheim eine Figur für sein Meerschweinchen aus den restlichen Zeitungen zu formen, ein Pappmache-Figur. Diesem Erstling sollen noch viele andere folgen, so dass auch Otto ein kleine Berühmtheit wird, aber ohne dass er es merkt.

Mittlerweile hat sich eine Reporterin, Bryony, aus privaten Gründen und mit einer eigenen Geschichte Etta angeschlossen. Etta ist einverstanden, dass sie mitgeht. Als Etta Ohrenschmerzen bekommt, bringt Bryony sie ins Krankenhaus. Etta wird immer verwirrter, wirft ihre und Ottos Erinnerungen durcheinander, denkt, sie wäre Otto!? Doch dort bleibt Etta nicht lange, sie macht sich auf die letzte Etappe ihrer Reise, erreicht das Meer und verabschiedet sich dort von Otto. Eine rührende Szene.

Dieser Schluss, alle haben ihre letzte Szene. Unglaublich dicht beschrieben.

 

Früher / Wie alles begann:

Das Leben auf der Farm: hart, arbeitsreich, entbehrsam. Es sind pragmatische Zeiten: Bankenkrise, Dürre-Perioden, vertrocknete Flüsse, abgemagertes Vieh, hohe Kindersterblichkeit, die Kinder haben ständig Hunger.

In dieser Zeit taucht eines Tages Russel auf der Farm auf und wird wie selbstverständlich aufgenommen und mit den andern 14 Geschwistern von Otto groß gezogen. Er arbeitet auch auf der Farm mit, geht aber jeden Abend nach Hause zu seiner Tante und seinem Onkel, bei dem er lebt, seit sein Vater gestorben und seine Mutter weitergezogen ist.

Er hilft Otto beim „Steine vom Acker sammeln“, den Draht des Hühnergeheges überprüfen und die anderen Kinder kümmern sich um die Erdmännchen (werden ersäuft!) und gehen Apfelbeeren pflücken. Die Farm ist wie ein Abenteuerspielplatz und natürlich wird auch der Traktor ausprobiert, an jenem Tag erleidet Russel einen Unfall, die Beine bleiben verkrüppelt, er kann gehen, aber er hinkt.

Etta und ihre Schwester Alma werden in der Stadt groß. Etta liebt ihre Schwester. Als diese schwanger wird, tritt sie den Nonnen bei, um die Schande zu vertuschen. Augenscheinlich weiß nur Etta davon. Die Angelegenheit endet tragisch, Alma und das Kind sterben bei der Geburt. Die Familie ist geschockt und vier Wochen später meldet sich Etta am Lehrerseminar an. So kommt sie eines Tages in das Schulhaus, das Otto besucht. Obwohl Etta und Otto und Russel gleichaltrig sind, ist Etta ihre Lehrerin. Russel ist sogleich in sie verliebt, bei Otto dauert es noch ein paar Jahre. Bedingt durch die viele Arbeit auf der Farm, wechseln sich viele Kinder mit der Schule ab, an einem Tag geht z.B. Russel und Otto bleibt daheim zum arbeiten, den nächsten geht Otto in die Schule und Russel bleibt daheim auf der Farm. Dann gibt es noch Owen, der seine Freundschaft zu den beiden durch eine dumme Bemerkung verspielt, niemals werden sie sich aussprechen können. Dabei hätte er der vierte im Bunde sein können, mit Etta.

Dann bricht der 2. Weltkrieg aus. Freiwillige werden gesucht. Die jungen Männer sind wie überall Feuer und Flamme und Otto ist ganz wild darauf. Russel nicht so sehr, meldet sich aber mit seinem Freund zusammen an. Otto wird genommen, Russel aufgrund seiner Behinderung abgelehnt.

Otto will das Schreiben nicht verlernen und bittet seine „Lehrerin“ ihm als Brieffreundin zu dienen. Etta willigt ein und durch einen langen Briefwechsel entwickelt sich eine Freundschaft und mehr.

Bedingt durch die vielen Freiwilligen, die auf den Farmen fehlen, bleiben immer mehr Kinder der Schule fern bzw. ältere Jungs schreiben sich für den Kriegsdienst ein. Es bleibt eine Schülerin, und so muss die Schule geschlossen werden. Etta kann aber in dem Lehrerhaus wohnen bleiben. Lange bleibt sie nicht untätig, und meldet sich bei der Rekrutierungsstelle und wird als Arbeiterin in der Munitionsfabrik eingeteilt. Noch immer besteht der Briefwechsel zwischen Otto und ihr, und als er endlich auf Heimaturlaub darf, wird aus den beiden ein Paar. Otto ging zuerst zu ihr, und einen Tag später zu seiner Familie, dort gab es „Mehlklößchen-Suppe“, ein Gericht, dass ich tatsächlich auch noch kenne.

Nachdem Otto wieder auf den Schlachtfeldern in Frankreich ist, erleidet Etta eine Fehlgeburt. So würde ich diese Stelle interpretieren, im Buch, nach der Tanzveranstaltung, die sie mit Russel besuchte. Einige Zeit später fängt Etta vor Traurigkeit und Halt suchend ein Verhältnis mit Russel an, bis Otto aus dem Krieg zurück kommt, dank seiner Schwester Winnie.

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Ein Kommentar zu “Hooper, Emma – Etta und Otto und Russell und James

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