Lüders, Michael – Never say anything

Lüders, Michael Never say anything C.H. Beck 978-3-406-68892-8

Lüders, Michael
Never say anything
C.H. Beck
978-3-406-68892-8

Inhalt:

Die Journalistin Sophie Schelling hatte sich auf eine ganz normale Dienstreise eingestellt. Doch manchmal ist man zur falschen Zeit am falschen Ort: Sophie sieht etwas, das sie nie hätte sehen dürfen. In seinem packenden Polit-Thriller führt Michael Lüders auf die dunkle Seite des amerikanischen Drohnenkriegs und stellt seine Heldin vor eine Gewissensfrage: Wie weit bist du bereit zu gehen, um die Wahrheit herauszufinden? Würdest du dafür deine Zukunft aufs Spiel setzen? Oder vergisst du lieber, was du erlebt und erfahren hast? Immer tiefer verstrickt sich Sophie in das Netz eines übermächtigen Gegners, bis aus ihrer Suche ein blutiger Kampf ums Überleben wird.
Dieser Thriller ist eine höchst aktuelle Auseinandersetzung mit den Geheimdiensten und einer entfesselten Moral. Erzählt aus der Sicht einer mutigen Frau, die ihren Beruf als Journalistin ernster nimmt als ihr guttut. Der Inhalt ist fiktiv, doch Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit waren unvermeidbar! (Quelle C.H. Beck)

Meine Meinung:

Dieses Buch kommt nicht unbedingt wie ein Roman daher, es gibt viele echte (?) Informationen und Parallelen zu bekannten Vorkommnissen (Edward Snowden, Guantanamo, Abu Ghraib, Lauschangriffe, Überwachungen …). Diese Geschichte könnte sich genau so in der Realität abgespielt haben. In einer Realität, heute, in der der das FBI auf Apple einwirkt, einen Code zu programmieren, um Zugriff auf das Handy eines Attentäters zu erhalten. In einer Realität, in der Google und WhatsApp Zugriff auf jedes Mikrofon und jede Kamera eines Smartphones haben, auf der diese App‘s installiert sind. Nun denkt sich ein jeder: „Wer sollte schon Interesse an meinen Gesprächen oder Fotos haben?“. Nun vielleicht nicht jetzt, aber wenn irgendwann etwas im Leben unrund läuft, dann wird das Ganze für andere vielleicht Interessant werden. Aber was rede ich, im Prinzip weiß dass jeder und die meisten, ich nicht ausgeschlossen, verdrängen diese Überwachungsmethoden:

-Abhörbare Smartphones und die Abhörung der näheren Umgebung (!)

-nachvollziehbare Suchanfragen im Internet

-Zugriff auf Smartphone-Fotos

-„Cyber-Angriffe“ auf alle mögliche Technik (im Haus, im Auto …)

Der Autor hat einen sehr schönen Erzählton, wenn es um die Gefilde der tausendundeine Nacht geht. Die Beschreibungen von Fes, den Häusern und den marokkanischen Landschaften merkte man eine gewisse Liebe zu dieser Region an.

Die Journalistin Sophie, die in der Wüste Marokkos zufällig einen Drohnenangriff der Amerikaner auf ein unschuldiges Bauerndorf miterlebt, versucht nach langen Abwägungen das richtige zu tun und die Wahrheit zu veröffentlichen. Dies ist ein schwerer Weg und sie bekommt die Repressalien der amerikanischen und deutschen Geheimdienste zu spüren. Sophie wurde mir nicht wirklich sympathisch, vielleicht lag das an der Erzählperspektive. Sie kam mir auch nicht nahe, ich konnte sie mir nicht bildlich vorstellen. Einige ihrer Handlungen waren nicht wirklich nachvollziehbar, z.B. als sie nach dem Massaker in einem Palmenhain einschläft (!). Es hat mich zudem sehr gewundert, dass sie es überhaupt bis zu diesem Palmenhain geschafft hat. Warum sind die Einheimischen nicht dorthin geflüchtet? Oder diese plötzliche Freundschaft zur Nachbarin Helga, die ihr alles sofort glaubt. Auch die Episode im Techno-Club (Massenvergewaltigung?!) kurz vor Schluss war völlig überflüssig und wurde so wie mal nebenbei erzählt.

Zunächst einmal haben mich die ersten 100 Seiten nicht so ganz überzeugen können. Das lag an dem oftmals mir plump und abgehackt erscheinenden zwischenmenschlichen Miteinander. Sophie und Hassan waren nicht überzeugend in ihren Gesprächen und in ihrem handeln, z.B. als Hassan zu Sophie bereits auf Seite 30 plötzlich sagt, wie mir schien aus heiterem Himmel, dass er mit ihr schlafen will. Diese Entwicklung war mir zu schnell und unglaubwürdig, vor allem, da vorher nur eine, wenn überhaupt, leichte und minimale Anziehungskraft zwischen den beiden erkennbar war.

Ein weiterer Erzählstrang beginnt in North Carolina, USA. Marc Lindsey hat sich gegen die Armeeführung gestellt, nachdem er in Abu Ghraib als Übersetzer bei Verhören die dortigen Zustände miterlebte.

Zitat Seite 61: „… Klare, widerspruchsfreie Aussagen habe ich von niemanden gehört und gelesen. Die Verantwortlichen wissen genau, dass sie in einer Grauzone operieren, und sie haben keinerlei Interesse, daran etwas zu ändern. Übergriffe und Misshandlungen werden toleriert, solange die Medien nichts davon erfahren, wie später im Falle Abu Ghraibs; da wurden dann ein paar einfache Soldaten als „bedauerliche Einzelfälle“ vor Gericht gestellt und verurteilt.  … Im Augenblick befasse ich mich mit dem Thema Drohnenangriffe und gezielte Tötungen. Beide sind ein fester Bestandteil unserer Sicherheitspolitik geworden …“

Marc Lindsey‘s Schicksal hat mich überrascht und ich habe bis zum Schluss auf eine plötzliche Wendung gehofft, auch wenn diese dann dem Überraschungs-Effekt gezollt gewesen wäre.

Mittendrin aber dann, als sich alle Welt gegen Sophie wendet, als die Geheimdienste ihre Mächte spüren lassen, ab da war die Geschichte schrecklich überzeugend. Ihr Konto wird gesperrt, sie wird beobachtet, überwacht, sie traut sich nicht mehr auf ihre Arbeit. Auch wenn manches aufgesetzt wirkte, manches der Handlung gezollt und auch manches nicht realistisch wirkte. Der Mittelteil war für mich der starke Teil dieses Buches. Erschreckend, wie schnell eine Person heute über Social Media demontiert werden kann, vor allem, wenn sie im Visier der Geheimdienste steht:

Zitat Seite 192: „… die Zersetzung, die Sabotage der öffentlichen Meinung, Rufmord, die Zerstörung der Reputation der Zielperson.“

Der Schluss war zu abrupt, ein sogenannter Showdown in Oslo am Holmenkollen war nicht überzeugend. Auch unlogisch: Warum fährt Sophie im sechs Uhr in der Früh und noch im dunklen  alleine auf einer Ski-Piste? Bei Vollmond!

Das Ende der Geschichte: Eine mögliche Lösung für Sophie, die offen blieb, lies mich unzufrieden zurück.

Mir fielen zwischendurch spontan die Bücher von Marc Elsberg ein, die zwar eine leicht andere Thematik haben, mich aber mehr überzeugen konnten.

Fazit:

Der Anfang ist abseits der wunderschönen landschaftlichen Beschreibungen Marokkos eher holprig. Vor allem das Zwischenmenschliche, die Dialoge zwischen den Protagonisten waren oft eher kalt und seltsam abgehackt. Ich hätte mir gewünscht, dass die wundervollen Beschreibungen der marokkanischen Landschaft auch einen Eingang in die zwischenmenschlichen Beschreibungen gefunden hätten. Im Nachhinein stelle ich es mir aber so vor, dass dieses nur der Hintergrund für die großen Themen in dieser Geschichte waren:  Drohnenangriffe, CIA Operationen im Namen nationaler Sicherheit, Folter in Abu Ghraib, investigativer Journalismus, Kritik am System …

Die Kombination aus beiden entwickelte dennoch einen leichten Sog, der affine Leser zu diesen Themen packen kann. Auch wenn es im Prinzip jeder weiß, war der beiläufige Blick auf unser doch überwiegend sorgloses Medien-Verhalten (Facebook, Google, Smartphone, Internet…) beklemmend.

Dieses Buch lässt mich zwiespältig zurück. Auf der einen Seite also die zu wünschen übrig lassende Tiefe der Charaktere und die manchmal holprigen Dialoge, durchgehend alle Protagonisten sind oberflächlich dargestellt. Auf der anderen Seite ein starkes politisches Weltthema, über das wirklich jeder Bescheid wissen sollte. Selbst wenn es hier natürlich nur fiktiv ist, die Parallelen zu der Wirklichkeit sind groß.

Die Stärke dieses Buches liegt in der Brisanz des Themas, das so jedem verständlich gemacht werden kann.

Zur Verlagsseite: http://www.chbeck.de/Lueders-Never-Say-Anything/productview.aspx?product=16011169

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s